29. Januar 1802 – Seume in Udine

Von © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz., CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3879357

39. Geburtstag in Udine

„In Udine feyerte ich den neun und zwanzigsten Januar meinen Geburtstag, und höre wie. Ich hatte mir natürlich den Tag vorher schon vorgenommen, ihn recht stattlich zu begehen, und also vor allen Dingen hier Ruhetag zu halten. Der Name Udine klang mir so schön, war mir aus der Künstlergeschichte bekannt, und war überdieſs der Geburtsort unserer braven Grassi in Dresden und Wien. Die groſse feyerlich tönende Abendglocke verkündigte mir in der dunkeln Ferne, denn es war schon Nacht als ich ankam, eine ansehnliche Stadt. Vor Campo Formido war ich im Dunkeln vorbey gegangen. Am Thore zu Udine stand eine östreichische Wache, die mich examinierte. Ich bat um einen Grenadier, der mich in ein gutes Wirthshaus bringen sollte. Gewährt. Aber ein gutes Wirthshaus war nicht zu finden. Ueberall wo ich hinein trat, saſsen, standen und lagen eine Menge gemeiner Kerle bacchantisch vor ungeheuer groſsen Weinfässern, als ob sie mit Bürger bey Ja und Nein vor dem Zapfen sterben wollten. Es kam mir vor, als ob Bürger hier seine Uebersetzung gemacht haben müsse; denn der lateinische Text des alten englischen Bischofs hat dieses Bild nicht. In dem ersten und zweyten dieser Häuser hatte ich nicht Lust zu bleiben; im dritten wollte man mich nicht behalten.“

J. G. Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Wochen zuvor

„Du weiſst, daſs Schreibseligkeit eben nicht meine Erbsünde ist, und wirst mir auch Deiner selbst wegen sehr gern verzeihen, wenn ich Dir eher zu wenig als zu viel erzähle. Wenn ich recht viel hätte schreiben wollen, hätte ich eben so gut zu Hause in meinem Polstersessel bleiben können. Nimm also mit Fragmenten vorlieb, aus denen am Ende doch unser ganzes Leben besteht.“

J. G. Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Passionsspiele – Roman in Briefen (Folge 1: Vorwort)

Bild: KI (Gemini)

Vorwort des Verfassers

Dass die nachfolgenden „Briefe“ und „Postkarten“ und die ihnen vorangestellte „E-Mail“ echt sind, glaubt mir wahrscheinlich sowieso niemand. Also will ich gar nicht erst versuchen, sie dem Leser und der Leserin in einem dann genauso wenig glaubwürdigen Vorwort als Zeugnisse real gelebten Lebens zu verkaufen. Etwa so wie das Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos getan hat, als er in seinem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ den sogenannten Briefen ein „Vorwort des Sammlers dieser Briefe“ vorausgeschickt hat, aus dem hervorzugehen scheint, dass es sich um die Wiedergabe von Briefen im eigentlichen Sinn und nicht um das fingierte Machwerk eines (wenn man so will) Ghostwriters handelt, der das alles nur erfunden hat.

Natürlich ist dieses Sammler-Vorwort Teil der schriftstellerischen Fiktion und auch die dem Vorwort vorausgehende „Vorbemerkung des Herausgebers“, worin die Authentizität der sogenannten Briefe und demzufolge auch der Wahrheitsgehalt der eben erwähnten Vorbemerkung im voraus stark in Zweifel gezogen wird, steht noch im Roman und nicht außerhalb desselben, da durch sie der fiktionale Charakter des Vorworts nicht erkennbar gemacht, sondern bekräftigt wird – oder so ähnlich.

Liest das noch jemand oder bewegt sich mein sprachliches Gebilde schon hier in der gespenstischen Sphäre des ungelesenen Textes, über dessen Sein oder Nicht-Sein sich ein Philosophen-Leben lang streiten ließe? Was ich nur sagen wollte und vor diesem Ausflug in die psychologisch komplex und doppelbödig angelegte Literatur eines  französischen Briefromanschreibers des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts bereits gesagt hatte: auch das hier Veröffentlichte ist wahrscheinlich gar nicht wahr. Obwohl der Holzbildhauermeister, von dem ich die angebliche Abschrift der vorgeblich bei der Auflösung seiner Werkstatt verloren gegangenen Briefe und Karten erhalten habe, ebenso steif wie fest behauptet hat, dass er die Original-Dokumente selbst in Händen gehalten habe.

Sein später in Karlsruhe lebender Vater sei um 1960 herum sechs Jahre lang in Oberammergau gewesen, um dort als Schnitzer zu arbeiten und zu guter Letzt auch noch die Meisterprüfung abzulegen. In dieser Zeit habe er, der Vater, die Briefe und Postkarten geschrieben und seinerseits Karten und Briefe, und viele Jahre später auch noch eine einzelne E-Mail, von verschiedenen Personen zugesandt bekommen. Die ganze Sammlung habe er, der Sohn, in mehreren Schuhkartons im Nachlass seiner Mutter gefunden. Kann man das glauben? Bei vielen der sogenannten Abschriften frage ich mich nämlich, wie die Originale den Weg in die mütterlichen Schuhkartons gefunden haben sollen.

Was bei mir von Anfang an den Verdacht aufkommen ließ, dass er mich mit diesem Narrativ zum Narren halten wollte, war der Umstand, dass mir der Holzbildhauer, der übrigens danach spurlos verschwunden ist, erzählt hat, er habe eigentlich immer Schriftsteller werden wollen und sei nur versehentlich in die Fußstapfen seines Vaters getreten, nachdem er dreizehn Jahre lang in Berlin und Heidelberg dies und das studiert hatte, ohne dass dabei etwas beruflich Verwertbares herausgekommen war.

Auf meine Frage, warum er das Konvolut gerade mir zu treuen Händen und zur ebenso uneingeschränkten wie bedingungslosen weiteren Verwendung überlassen wolle, antwortete er, dass er auf mich im Internet („wo denn sonst“) gestoßen sei. Und da habe er intuitiv gespürt, dass ich schon wissen werde, wie nun „mit dem ganzen Zeug“ zu verfahren sei. Er selbst habe, nachdem er mit der Abschrift fertig gewesen sei, gedacht, dass man daraus „vielleicht ein Buch machen könnte“. Aber wenn mir etwas anderes oder gar nichts einfallen würde, dann solle ich eben etwas anderes oder gar nichts damit machen. Er wolle damit jedenfalls „nichts mehr zu tun haben.“ Doch habe ihn die Abschrift viel Zeit und Mühe gekostet und bei mir, dessen sei er sich sicher, bestehe immerhin die Chance, dass er „diese passionsartige Tortur“, die wegen der Konfrontation mit der Gedanken- und Gefühlswelt seines Vaters auch „eine geistig-seelische“ gewesen sei, nicht umsonst durchlitten habe. Wie schon gesagt, sei dieser Leidensweg für ihn jetzt aber zu Ende. Öffentlich ans Kreuz schlagen lassen werde er sich für die Briefe seines Vaters nicht. Stattdessen habe er jetzt vor, ganz allmählich zu verschwinden.

Ein in Berlin lebender Schweizer Schriftsteller habe ihn darauf gebracht und bei ihm habe er auch gelesen, wie man das macht. Man lässt nach und nach immer weniger von sich hören oder sehen, wechselt mehrmals den Wohnsitz, kündigt Verträge, zuletzt auch noch den mit dem Mobilfunk-Anbieter, gibt keine Adresse mehr an, vergrault die wenigen Freunde und Bekannten, die man noch hat, äußert sich nicht mehr, weder privat noch öffentlich, wird unerreichbar und unauffindbar, gerät dann nach und nach, unterm Strich aber erstaunlich schnell, in Vergessenheit und ist damit irgendwann so gut wie nicht mehr existent. Wie er darauf kam, dass man ihn wegen der Briefe seines Vaters ans Kreuz schlagen könnte, sagte er nicht. Insgesamt machte er auf mich schon jetzt einen leicht abwesenden Eindruck.

Ich habe den Stapel Papier (er hatte mir keine Datei, sondern beidseitig bedruckte Blätter mit handschriftlichen Randnotizen dagelassen) erst einmal ein paar Wochen lang ignoriert. Was soll ich mit den Briefen eines Oberammergauer Herrgottschnitzers (egal ob echt oder erfunden) anfangen, dachte ich. Lebe ich vielleicht im neunzehnten Jahrhundert? Heiße ich etwa Ludwig Ganghofer? Stattdessen beschäftigte ich mich mit Kleinkram: eine Rede anlässlich der Eröffnung einer Kunstausstellung hier, ein Text für einen Ausstellungskatalog dort. Auch ein Aufsatz über die Rolle der griechischen Mythen in der modernen Astrologie als Beitrag für ein esoterisches Online-Magazin war dabei. Gleichzeitig tüftelte ich in Zusammenarbeit mit einer KI an einer Romanfigur, deren Artifizielle Psyche (AP) im Hinblick auf Komplexität und Therapiebedürftigkeit jeder natürlichen in nichts nachstehen sollte.

Als sich nicht nur bei mir, sondern auch bei der KI die Anfänge einer Schreibblockade bemerkbar machten, beschlossen wir, eine kreative Pause einzulegen. Diese wollte ich als erstes nutzen, um meinen Arbeitsplatz und dessen Umgebung zu säubern und aufzuräumen, also Bücher zurück ins Regal und benutzte Tassen und leere Kuchenteller in die Spülmaschine zu stellen. Dabei fiel mir der Stapel mit den Oberammergauer Briefen in die Hände und ich begann zu lesen. Gar nicht so uninteressant, dachte ich nach etwa zwei Stunden, daraus lässt sich vielleicht doch etwas machen.

An den damit beginnenden Schreib- und Umschreibprozess denke ich mit durchaus gemischten Gefühlen zurück. Nach wie vor frage ich mich, ob es aus publikationsmoralischer Sicht erlaubt ist, einen fremden Text durch Hinzufügungen und Weglassungen so zu verändern, dass sein ursprünglicher Grundcharakter stark beeinträchtigt, wenn nicht sogar völlig zerstört wird. Und falls dieses Manuskript tatsächlich dokumentarischen Charakter hatte, war meine Vorgehensweise doppelt und dreifach fragwürdig. Die von mir vorgenommenen Eingriffe hielt ich für erforderlich, um aus dem, was mir der Holzbildhauer übergeben hatte, das Buch zu machen, das nach seinem Dafürhalten vielleicht daraus gemacht werden konnte. Denn seltsamerweise hatte ich nun das deutliche Gefühl, von ihm genau damit beauftragt worden zu sein.

Wenn man eine Mission zu erfüllen hat, darf man aufkommende Skrupel schon einmal beiseite wischen. Was meinen Gewissensbissen darüber hinaus den schmerzhaften Druck nahm, war der Umstand, dass ich, wie schon mehrfach erwähnt, begründbare Zweifel an der Authentizität des angeblichen Dokuments hegte. Außerdem habe ich nun in diesem Vorwort eine Art Geständnis abgelegt und meine Vorgehensweise im Prinzip, wenn auch nicht im Detail, offengelegt und begründet. Sollte eine Leserin oder ein Leser bei einzelnen Teilen des nachfolgenden „Romans in Briefen“ Fragen in Bezug auf deren Zustandekommen an mich haben, so bin ich gerne bereit, diese zu beantworten.

L. R. im Januar 2026

P. S.: Natürlich habe ich versucht, das mir überlassene Material auf seine Echtheit oder Falschheit hin zu überprüfen, bin dabei aber zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Ob es in Oberammergau um 1960 einen Holzbildhauer namens Trost gab, der für die Holzschnitzerei Kurtz selig Erben gearbeitet hat, konnte man mir dort nicht sagen. Die alten Geschäftsunterlagen seien zwar noch vorhanden, momentan aber nicht zugänglich. Das Ergebnis meiner Recherche in Bezug auf Karlsruhe legt immerhin den Schluss nahe, dass entweder der Name der Stadt, der des Holzbildhauers oder die ganze Geschichte nicht stimmt. Weder bei der Handwerkskammer noch sonst irgendwo fand sich ein Hinweis darauf, dass es in Karlsruhe nach der angeblichen Rückkehr des Briefschreibers und -empfängers einen Holzbildhauermeister namens Tobias Trost gegeben hat.

Zu allen bisher veröffentlichten Folgen

Kriegswerbung

Von © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3864433

„Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen, und daß es so schwer ist, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muß. Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe. Selten sind die Kräfte so groß, daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen, oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufällig öfter gehört hatte, oder ich bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen, von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung.“

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, darin: Die Mitteilung

Nachtrag zum Neumond (astrologisch)

Von Tomruen – English Wikipedia, original upload 5 November 2007 by Tomruen [1], Gemeinfrei, Link

Wer sich sechs Tage nach einem Neumond über den Neumond äußert, tut dies womöglich unter dem Einfluss des schon wieder zunehmenden Mondes im ersten Viertel. Ich sage „womöglich“, weil ich meine astrologischen Betrachtungen so weit wie möglich freihalten will von unreflektierten Annahmen, wie sie in vermeintlich harmlosen („metaphorisch gemeinten“) Formulierungen wie (typischerweise) der vom Einfluss der Planten auf unser Befinden und Verhalten zweifellos zum Ausdruck kommen. Man mag diese sprachliche Zurückhaltung als positivistische oder agnostizistische Beschränktheit verwerfen und stattdessen einem bedenkenlos kühnen Welterklärungsgestus, der auf ungeklärte Präsuppositionen keine Rücksicht nimmt, den Vorzug geben. Mir als Jungfrau mit Skorpion-Aszendent steht diese hemdsärmelige Variante der Realitätserschließung naturgemäß nicht zur Verfügung. Ich befinde mich damit im Einklang beispielsweise mit Thorwald Dethlefsen, der in „Schicksal als Chance“ im Kapitel über die Astrologie als Entsprechungslehre den „senkrechten“ (wie oben, so unten) Analogieschluss ins Zentrum der astrologischen Methodik rückt und apodiktisch erklärt: „Ein solches Denken […] hat mit Kausalität nicht das geringste zu tun.“

Rückblick im zweiten Achtel

Folgt man der Acht-Phasen-Einteilung des überaus lesenswerten Dane Rudhyar, dann endet die Neumond-Phase im durchschnittlich 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten dauernden synodischen Mondzyklus („lunation cycle“) dreieinhalb Tage (plus viereinhalb Stunden und fünfeinhalb Minuten) nach Neumond. Da sich der letzte Neumond am 18. Januar um 20:52 Uhr MEZ ereignet hat, sind wir nach Rudhyar seit vorgestern (22. Januar 2026) 13:28 Uhr schon im zweiten Achtel (nach einer gröberen Einteilung noch im ersten Viertel) des Mondzyklus.

Nicht der Mond, sondern seine Beziehung zur Sonne verändert sich

Astrologisch wie astronomisch ist zu bemerken, dass die damit angesprochenen Mondphasen keine Wandlungsphasen des Mondes selbst reflektieren, sondern die kontinuierliche Veränderung der Beziehung zwischen Sonne und Mond durch eine künstlich erscheinende Gliederung begrifflich zu fassen suchen. Rudhyar: „The moon only reflects in her appearance to us the changes in the […] angular relationship of the moon to the sun with reference to the center of the earth.“ Die so oder so gekrümmten und mehr oder weniger breiten Sichel- und anderen Formen des Mondes korrespondieren mit messbaren Winkeln zwischen Sonne und Mond und dem Erdzentrum als deren Scheitelpunkt.

Der Neumond als Ausgangs-, End- und Null-Grad-Punkt

Über den Neumond, den eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags, schreibt Rudhyar: „The rapidly moving moon not only changes its place in the sky but it changes its shape – to the extent that during a part of the cycle“, nämlich bei Neumond, „it vanishes entirely from sight“, denn: „the moon is lost in the brilliancy of the sun.“ Das primitive (männliche) Denken („primitive mind“) habe in früheren Zeiten eine Korrelation gesehen zwischen diesem rätselhaft unbeständigen Verhalten des Mondes (den man nicht als dreidimensionalen Körper, sondern als Licht ansah) und den nicht weniger rätselhaften Befindlichkeitsschwankungen der Frauen im Zusammenhang mit ihren sogenannten Gefühlen („which were very incomprehensible to men“). Bei der letztlich doch zuverlässigen Wiederkehr der unterschiedlichen lunaren und selenisch-weiblichen Formzustände markiert der Neumond den angenommenen Anfangs- und Endpunkt des Mondzyklus, in welchem Sonne und Mond in Konjunktion zueinander stehen, so dass einen quantitativ nicht bestimmbaren Moment lang gilt: „the distance in longitude between the two celestial bodies equals 0°.“

Bei Neumond hält das Schicksal den Atem an

Bei Neumond (punktuell verstanden) tritt, astrologisch gesehen, ein neues Konzept, ein neuer Plan und Impuls, ein neues Screenplay möglicher Handlungen (erst) auf die Bühne (und dann ins Rampenlicht) des individuellen und kollektiven Lebens, ohne dass das Neue als das, was es ist, bereits objektiv erkennbar wäre. Die Zeit des Handelns ist bei Neumond noch nicht gekommen. Der Protagonist des nächsten Aktes hat, von der Sonne hinter der Szene informiert und inspiriert, tief Luft geholt, jetzt hält er einen Moment lang den Atem an, der Vorhang öffnet sich und man darf gespannt sein, welche Aktion nun in Gang oder häufig auch nicht in Gang kommt, denn „mental hesitancy and a basic confusion of values sap the power to act or to build“, wie Rudhyar sagt.

More to come

„Human beings can be divided into types according to the symbolical meaning of the most important periods of the lunation cycle as well as according to that of the signs of the zodiac.“ Welche „most important periods“ des Mondzyklus Rudhyar im weiteren Verlauf seiner Überlegungen unterscheidet, kann in diesem (ohnehin schon zu lang geratenen) Blog-Beitrag nicht nachgezeichnet werden. Hier ging es mir primär darum, mit Dane Rudhyar einen ersten Blick (beziehungsweise Rückblick) auf den Neumond als astronomisches Ereignis zu werfen, bei dem es sich im engeren Sinn nicht um eine zeitlich begrenzbare Periode oder Phase, sondern um ein momentanes Nichts handelt, wobei dieses Nichts aus astrologischer Sicht eines ist, das es in sich hat.

Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967)
Thorwald Dethlefsen: Schicksal als Chance – Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen (1979)

Im Hades zu Paris

Bild: KI (Gemini)

Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder auf einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbildes in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort seit einer musealen Ewigkeit in einer Reihe mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur.

Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“
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