Sich abarbeiten

Goethe in Rom am 22. September 1787: „Nur muß ich [nach der Rückkehr aus Rom, LR] nichts wieder unternehmen, was außer dem Kreise meiner Fähigkeit liegt, wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.“ D’accord! Es sei denn, das Abarbeiten „außer dem Kreise meiner Fähigkeiten“ wird ausreichend gut bezahlt, aber dann fruchte ich ja auch etwas, nur etwas anders als von Goethe gemeint.

Und immer wieder Goethe

„Auf den Gräbern der Jungfrauen werden Blumen mit großer Sorgfalt erzogen.“

Goethe in einem Bericht im Rahmen der Italienreise über den September 1787 (beschrieben werden die kolorierten Zeichnungen, die ein „französischer Architekt mit Namen Cassas“ von einer Reise in den Orient mit nach Rom zurück gebracht hat)

Und was ist das nicht enden wollende, vermeintlich ach so viel, in Wahrheit jedoch absolut nichts sagende Geschwätz von der Veränderung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten durch dieses oder jenes rezente Kunstwerk verglichen mit dem, was Goethe im selben Bericht, in dem der oben zitierte Satz steht, über die Wirkung (damaliger) künstlerischer Arbeiten auf die Gestimmtheit des Auges sagt: „Und so wird uns durch künstlerische Arbeiten nach und nach das Auge so gestimmt, daß wir für die Gegenwart der Natur immer empfänglicher und für die Schönheiten, die sie darbietet, immer offener werden.“

Cose grosse – piccoli borghi

„Mir ist aufgefallen,“ schreibt Goethe im September 1787 in Rom, „daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis auch der Ärmste, der Geringste sich empfinden, und an einem kleinen Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen kann.“ Liegt es daran, dass Karlsruhe nicht Rom, 2022 nicht 1787 und ich nicht Goethe ist beziehungsweise bin? Mir nämlich ist aufgefallen, dass ich, als einer, der irgendwo zwischen den von JWG benannten Extremen auf mittlerem, um nicht zu sagen: mediokrem Niveau sein befristetes Dasein fristet, an einem kleinen Ort, also etwa in einem wendländischen Dorf, freier atmen, schlichter denken, ergriffener lieben und mich selbst deutlicher fühlen und empfinden kann als jetzt noch in dieser Dreihunderttausend-Einwohner-Stadt, die um hundert Prozent „größer“ ist als die zukünftige italienische Capitale gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts es war. Aber natürlich käme auch kein Karlsruher und kaum eine Karlsruherin auf die Idee, sich dessen schuldig zu machen, was man nach Goethe den Römern nachgesagt hat, nämlich „daß sie nur von cose grosse wissen und reden mögen.“

Obwohl Goethe überspannt ist, halten seine Prinzipia Stich und er hofft, dass sich die Krankheit des Etwas-hervorbringen-Wollens einmal auflösen wird

Am 15. September 1787 (heute vor 235 Jahren) schreibt Goethe in Rom an die Freunde in Weimar: „Rom ist mir nun ganz familiär, und ich habe fast nichts mehr darin, was mich überspannte. Die Gegenstände haben mich nach und nach zu sich hinaufgezogen. Ich genieße immer reiner, immer mit mehr Kenntnis, das gute Glück wird immer weiter helfen.“ Man meint, dieses Gefühl zu kennen, wenn man von etwas, das noch zu hoch für einen ist, „überspannt“ wird: eine prekäre Mischung aus Heraus- und Überforderung, beunruhigend im vollen, kon- und dissonant resonierenden Wortsinn.

Und unter demselben Datum: „Nun hab‘ ich ein Köpfchen nach Gips gezeichnet, um zu sehen, ob mein Prinzipium Stich hält.“ Dass etwas, etwa ein Beweis, stichhaltig sei, sagt man auch heute noch. Nicht aber dass dieser Beweis Stich halte, also wohl einem Stich stand- oder diesen aushalte.

Und endlich: „Es wird recht fleißig nach der Natur gezeichnet werden. Ich mag nun von gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und meinen Sinn recht zu üben. Ich liege an dieser Krankheit von Jugend auf krank, und gebe Gott, daß sie sich einmal auflöse.“

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