Als ein anderer Theseus in einem anderen Labyrinth

Mit der Absicht, etwas literarisch Verwertbares für einen längst schon fahrig skizzierten Roman zu finden, blickte ich heute suchend um mich und entdeckte einen Stapel mit Exzerpt-Notizen, darunter auch Zitatfragmente aus Bruno Latours „Jubilieren: Über religiöse Rede“. „Gott“, schreibt Latour, hätte von den sich an die alten Vokabeln klammernden Geistlichen übersetzt werden sollen mit „unbestreitbarer Rahmen des gewöhnlichen Lebens.“ Durch dessen Bewusstmachung, fügte ich jetzt in Gedanken hinzu, das Gewöhnliche als das Ungewöhnliche erkannt, im Profanen das Sakrale geortet werden kann. Also noch einmal Latour lesen? Solange ein unbestreitbar vorhandener Erzähl-Rahmen fehlt, führt das von Lektüre zu Lektüre, aber zu nichts, womit ich als Autor etwas anfangen oder etwas Angefangenes fortspinnen könnte. Wogegen ich dann einwandte, dass dieses scheinbar ziellose Suchen und Finden womöglich der Ariadne-Faden ist, der mich durch das von Daidalos erbaute Labyrinth des Minotauros (todbringende Frucht der gleichfalls durch Daidalos ebenso kunstfertig wie trickreich ermöglichten Vereinigung von Minos‘ Frau Pasiphaë mit einem sträflicherweise nicht dem Poseidon geopferten Stier) unweigerlich sicher hindurch und letztlich aus diesem (wieder) hin- oder heraus ins Freie und Offene führt. Welches dort beginnt, wo das belesene Schreiben und das aufs Schreiben zielende Lesen ein Ende hat. Aber erst muss ich da durch. Warum? Weil ich offenbar irgendein anderer Theseus bin, der anscheinend einen anderen Minotauros erschlagen hat. Noch erinnere ich mich an nichts, aber es fällt mir dann vielleicht nach und nach wieder ein.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner