Das Possenspiel muss fortgespielt werden

„Ich kenne das Possenspiel des deutschen Autorwesens schon zwanzig Jahre in- und auswendig; es muß nur fortgespielt werden, weiter ist dabei nichts zu sagen.“


Goethe an Schiller, Weimar den 16. Mai 1795

Nach Kopernikus

„Die Denkenden überließen den Rechnenden das Feld.“

Jochen Kirchhoff: Räume, Dimensionen, Weltmodelle (1999, 2007); S. 11

Ihre

(im doppelten Sinn) unfassbare Präsenz.

A Slumber meinen Geist umfing

A slumber did my spirit seal;
    I had no human fears:
She seemed a thing that could not feel
    The touch of earthly years.

No motion has she now, no force;
    She neither hears nor sees;
Rolled round in earth's diurnal course,
    With rocks, and stones, and trees.

(William Wordsworth, Goslar im Winter 1798/99)
Ein Schlummer meinen Geist umfing;
    Ein Ende fand mein Bangen:
Sie schien als Zeug und eitel Ding
    Der Jahre Harm entgangen.

Bewegungslos und ohne Macht
    Ist sie jetzt, blind und taub;
Fällt mit der Erde durch die Nacht
    Samt Stock und Stein und Staub.

(L. Rumold nach W. Wordsworth, Karlsruhe im Herbst 2022)

Übersetzungen, die, weil sie das Original penibel genau rekonstruieren wollen, in einem völlig verquasten Deutsch daherkommen, sind mir ein Greul. Im Falle des Gedichts von William Wordsworth findet man in den diversen Translationen dieses Klassikers Zeilen wie: „Im Schlaf mein Geist versiegelt hing“ oder: „Sie war ohn Regung und ohn Kraft“ oder: „Kreist in der Erde Wanderschaft“ und last not least: „Nicht fühlt er wie vorüberkreist / Der Erdenjahre Zeit.“

Wie Horst Meller in seiner schon mehrfach (hier, hier und hier) erwähnten Anleitung zur Explikation des implizit Vorhandenen mit seinen gnadenlos sezierenden Analysen zeigt, verfehlen diese sprachlichen Verrenkungen beinahe immer den Zweck des möglichst unverfälschten Transfers, zu dem sie doch veranstaltet wurden. Man meint, eine vierspännige Kutsche übergesetzt zu haben, muss bei genauerem Hinsehen aber feststellen, dass in Wahrheit „A Bear without a Head“ (um ein bekanntes Gedicht von Lewis Caroll zu zitieren) am anderen Ufer angekommen ist.

Bei meiner Übersetzungsvariante habe ich mich deshalb (einmal mehr) dafür entschieden, lieber auf die Hälfte der inhaltlichen Details als auf halbwegs gutes Deutsch zu verzichten. Natürlich auf die Gefahr hin, dass meine Übertragung dann nicht als Übersetzung durchgeht, sondern (falls sich jemand dieser Mühe unterziehen möchte) in die Rubrik „Imitation“, „Variation über ein Thema“ oder „Nachdichtung“ eingetragen wird.

Dialektik des Anfängertums

„Aber ein Mensch, wenn er gleich sein Bestes getan hat, so ist’s noch kaum angefangen; und wenn er meint, er habe es vollendet, so fehlt es noch weit.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 18,6

Man sollte also den sogenannten Anfänger nicht gering schätzen, denn grundsätzlich kommt jeder von uns über den Anfang kaum hinaus. Was aber nicht heißt, dass es keine Niveauunterschiede gibt, die es zu respektieren gilt. Dialektik des Anfängertums.

Das Gedicht zwischen Straßenverkehrsordnung und Vampirismus

Eine der wohl dümmsten, oder sagen wir etwas zurückhaltender: der am wenigsten hilfreichen Aussagen darüber, was ein Gedicht sei, findet sich in René Welleks und R. P. Warrens „Theorie of Literature“ (1942 u. ö.), zitiert in und nach Horst Mellers hier und hier bereits erwähntem „Sendschreiben“ an den (fort)bildungswilligen Literaturliebhaber. Wellek und Warren definieren das Sprachkunstwerk (also eher zuerst als zuletzt auch das Gedicht), nachdem sie ihm neben dem real oder mental oder ideal Existierenden einen besonderen ontologischen Status zugebilligt haben, als „a system of norms of ideal concepts which are intersubjective.“ Das Gedicht als System von Normen und Konzepten ist also so etwas wie das BGB oder die Straßenverkehrsordnung, nur eben kürzer und in Versform.

Man darf wohl vermuten, dass es diese erkennbar von der Begriffssphäre des Systematisch-Normativen faszinierte Fehlleistung gewesen ist, die den (so Horst Meller) „Begründer der modernen angelsächsischen Dichtungskritik“ Ivor Armstrong Richards (1893-1979) in den 1950er Jahren zu einer „Entgegnung“ („Retort“) in Form eines grandiosen, durchaus unmetaphorisch für sich selbst sprechenden Poems selbigen Titels veranlasst hat. Darin wird schon in der ersten von vier Strophen klargestellt, dass das Gedicht zwar ein Gegenstand sui generis (Wellek und Warren) ist, aber eben einer, der sich nur selbst binden und finden (objektivieren und definieren) kann: „For I, a poem, I / Myself alone can find / Myself alone can bind.“

Zusammenfassend könnte man sagen: Nach Richards ist das Gedicht nach eigener Aussage ein zwischen Sein und Nicht-Sein schwebendes („I neither live nor die“) dynamisches Prinzip oder Potential, das dem Leser die Möglichkeit eröffnet, sich mit sich selbst, insbesondere mit den Leerstellen in seinem Leben, also mit dem, was bisher unerfüllt geblieben und (noch) nicht eingelöst worden ist, auseinanderzusetzen. Zugleich scheint etwas Vampirhaftes auf, wenn es heißt: „I take from you / All, all I have to sing,“ und: „Burning up what you bring“, und: „Your life I dissalow“, und (wie schon gesagt): „I neither live nor die.“

Auf die durchaus peinliche Frage, was denn ein Gedicht eigentlich, also seinem Wesen nach sei, werde ich in Anlehnung an I. A. Richards von nun an antworten: Ein Gedicht ist eine Art immateriell lebendige Maschine zur Ermöglichung der Selbsterkenntnis und Selbstfindung oder, metaphorisch kaum konkreter: ein schwer zu fassendes Schwebewesen – halb Vampir, halb Psychotherapeutin (falls man willens und in der Lage ist, zwischen dem einen und der anderen zu unterscheiden).

Transmission impossible

WHEN YOU'LL HAVE LEFT
my place so early
in the evening - I'll draw
the curtains apart; me saw,
I later will rhyme, a yellow wisp
in the birch tree's hair.

Tagtraum

ALS DU GEGANGEN WARST
am frühen Abend,
zog ich
den Vorhang zur Seite;
da sah mich
eine gelbe Strähne im Haar der Birke.

Poetik des Machens – Poetik des Sich-Ereignens

Las weiter in Horst Mellers Arbeitsbuch „Zum Verstehen englischer Gedichte“ (dazu mein Beitrag vom 21. September). Das Poetische ist das semantisch und auch sonst Komplexe, so Mellers nicht allzu gewagte These, und (da zitiert er die US-Amerikaner W. K. Wimsatt und Cleanth Brooks) Aufgabe der Literaturkritik sei es, das Implizite (also das eingefaltet Vorhandene) vor den Augen des Lesers für diesen zu explizieren (zu entfalten). Wobei einem die von dem 22jährigen Mathematikstudenten William Empson Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts ge- oder erfundenen „Seven Types of Ambiguity“ (zuerst 1930 in London erschienen) heuristisch von Nutzen sein könnten. So weit, so unspektakulär.

Dass die konkrete Explikationsarbeit am Sprachkunstwerk unter der Leitung von Horst Meller (zumal in Verbindung mit eigenen, literarisch ambitionierten Übersetzungsversuchen) eine intellektuell und emotional bereichernde Tätigkeit sein kann, habe ich in seinen Seminaren nach 1984 am eigenen Leib erfahren. Was diese Erfahrung meinem Autorwesen gebracht hat, ist schwer zu sagen. Sie wird wohl kaum keine Spuren hinterlassen haben. Doch hat das (also mein) Schreiben für mich im wesentlichen eine durch Intuition und nicht durch Analyse bestimmte Dynamik, was nicht heißen soll, dass analytisch-konstruktive Momente keine Rolle spielen.

Aus der Perspektive des Schreibenden kann ich zu Mellers Hypothese (oder Axiom), die (das) „von einer grundsätzlichen und konstitutiven Mehrdeutigkeit poetischer Strukturen“ ausgeht (oder diese postuliert), nur sagen: Mag wohl so sein, doch eher im Zuge des Sich-Ereignens denn als Resultat eines Machens wie es von Horst Meller offenbar unterstellt wird, wenn er schreibt, dass Sprache „poetisiert“ werde, solle heißen, dass sie „artikuliert, kontrolliert und mit Bedeutung aufgeladen wird“. Einer Poetik des Machens, die hier anklingt, würde ich gerne eine Poetik des (nur in Maßen kontrollierbaren) Sich-Ereignens gegenüber- oder vielleicht auch zur Seite stellen.

Sich abarbeiten

Goethe in Rom am 22. September 1787: „Nur muß ich [nach der Rückkehr aus Rom, LR] nichts wieder unternehmen, was außer dem Kreise meiner Fähigkeit liegt, wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.“ D’accord! Es sei denn, das Abarbeiten „außer dem Kreise meiner Fähigkeiten“ wird ausreichend gut bezahlt, aber dann fruchte ich ja auch etwas, nur etwas anders als von Goethe gemeint.

Wieder auf der Universitätsbank

Las in Horst Mellers „Zum Verstehen englischer Gedichte“, erschienen 1985 in der UTB-Reihe. In seiner Vorbemerkung nennt Meller das als Studienbrief für Fernstudien konzipierte Arbeitsbuch ein „Sendschreiben von Person zu Person“. Der „Brief“ (Anführungszeichen von HM) wende sich „allgemein an Literaturliebhaber, die ihr Interesse an englischer Lyrik vertiefen und ausbauen möchten“. Was mich betrifft, so möchte ich mein Interesse an englischer Lyrik und Literatur im allgemeinen zunächst einmal wiederentdecken und alsdann (möglicherweise) reanimieren. Also zurück auf die „Universitätsbank“, sprich: ins Englische Seminar der Ruperto Carola, der Uni Heidelberg, wo ich bei Horst Meller (25.8.1936-2.3.2013) mehrere Semester studiert habe.

Auf der Suche nach den Lebensdaten von Horst Meller fand ich im Netz einen von ihm verfassten Nachruf auf den Anglisten Rudolf Sühnel, darin Sühnels bedenkenswerte Definition von Literatur:

„Sprachläuterung, Manövrieren des Wortes aus dem Klischee, seine Regenerierung im Fluidum eines poetischen Kontextes, in dem es das wird, worauf es angelegt ist: Logos, erhelltes Sein.“

Rudolf Sühnel (1907-2007)

Ohne Titel

„Besessen ist die Welt
Von Eigennutz und Geld,
Und alles zum –
Verzweifeln dumm!“

Friederike Kempner (1828-1904)

Überfällig

Bin ich nun Holzbild-Steller oder Schrift-(in-die-Tasten-)Hauer? Bisher dachte ich, beides zu sein. Aber solch ein Zwitterdasein verträgt sich nicht wirklich gut mit meinem Bildhauer- noch mit meinem Autorwesen. Eine Zeitlang mag das noch gutgehen, weil es gutgehen muss. Doch eher über kurz als über lang wird der Holzbildhauer nach dreiunddreißig Jahren (rechnet man die offizielle Lehrzeit mit ein) in den Ruhestand versetzt werden. Eigentlich ist das schon überfällig.

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