Auf dem Weg zum Bahnhof

Bild: KI (Grok)

Auf dem Weg zum Bahnhof wackelte unlängst vor mir so ein göttliches kleines Menschlein einher. Es bewegte sich tendenziell in dieselbe Richtung wie ich. Denn so etwas wie Richtung scheint es zunächst bei allem Eifer des anfänglichen Strebens nur als vage Orientierung zu geben. Hinter ihm schritt achtsam lenkend eine andere Mama Maia. Noch so ein Hermes, dachte ich, als ich das Blut von seinen, des Menschleins Händen tropfen sah. Wo mag er seine Lyra gelassen haben? Hat er sie schon an seinen großen, wenn auch nur halben Bruder Apollon als musisches Entgelt für die getöteten Rinder überwiesen? Von denen weit und breit nichts zu sehen war. Nur zwei Bullen in einem Streifenwagen fuhren vorbei. Uns entgegen eilte Papa Zeus, den Blick stur geradeaus gerichtet. Für dieses Mal hatte er sich in einen Hochgeschwindigkeits-Biker in voller Straßenkampf-Montur verwandelt. Gehweg hieß für ihn nur: geh weg! Und er kannte weder Hermes noch Maia. Erkennen wollte er heute einzig Persephone, seine und seiner Schwester Demeter Tochter.

Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“
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Coming soon: Full Moon

Bild: KI (Grok)

Vollmond ist, wenn sich – selenozentrisch gesehen – die Erde zwischen Sonne und Mond schiebt und geometrisch gesprochen ein Zustand erreicht ist, bei dem das vom Erdmittelpunkt auf die Verbindungslinie zwischen Mond- und Sonnenmittelpunkt gefällte Lot seine minimale Länge annimmt (bei einer Mondfinsternis gleich Null). Ich gebe zu, dass mir bei der Formulierung dieses seltsamen Satzes ChatGPT ein wenig beim Glätten geholfen hat – meine ursprüngliche Fassung war zwar inhaltlich korrekt, aber even more strange and incomprehensible. Der nächste Vollmond (im Sinne von „minimale Lot-Länge“) ist übrigens in zwei Tagen, nämlich am 1. Februar 2026 um 23:10 Uhr.

Sonne und Mond stehen bei Vollmond in Opposition

Die seit jeher astronomisch informierten Astrologen sprechen als genuine Ptolemäer und Geozentriker in formaler Hinsicht davon, dass bei Vollmond Mond und Sonne in Opposition, das heißt in einem 180-Grad-Winkel zueinander stehen, während ansonsten der messbare Winkel zwischen den Geraden durch Mond- und Sonnenmittelpunkt (mit dem Erdzentrum als Scheitelpunkt) irgendwo zwischen 0 und 360 Grad liegt.

Der Vollmond als Höhe-, End- und Wendepunkt

Inhaltlich sieht die Astrologie den Vollmond als Höhe- und Endpunkt einer Entwicklungs- und Reifephase, wobei eine Sache auch reif im Sinne von reif für die Tonne oder den Abbruch (wovon auch immer) sein kann. Man erntet das, was man (bewusst oder unbewusst) gesät hat. Schon für die Annäherungsphase, in der wir uns jetzt (zwei Tage vor der Vollmond-Wende) befinden, gilt nach Dane Rudhyar: „As we come closer to the full moon the indications of personal maturity and enlightenment become stronger. With such a lunation birthday an individual should reach some kind of fulfillment, objective understanding or illumination“, was, wie schon gesagt, anlässlich eines konkreten Vollmond-Ereignisses auch heißen kann: mir ist jetzt klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann. So gesehen kulminiert Rainer Maria Rilkes Gedicht über den steinernen Torso Apollos in einem existenziellen Vollmond-Moment, wenn es zuletzt heißt: „denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Dane Rudhyar über den Vollmond

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, hat sich Dane Rudhyar in seinem Buch über den Mondzyklus ausführlich und tiefgreifend über die Mondphasen geäußert. Zum Vollmond schreibt er unter anderem:

Die Periode nach dem Vollmond „offenbart entweder den Höhepunkt einer Beziehung oder deren Unmöglichkeit, sie fortzuführen. Im ersten Fall setzt dies den Prozess der Entfaltung der Früchte der Beziehung in Gang. Die dynamische ‚Stimmung‘ des Neumonds wird bei Vollmond zu einem konkreten ‚Bild‘, einer symbolischen Vision im Licht. Der Kontrast zwischen lunaren und solaren Faktoren wird als ‚Chiaroscuro‚ wahrgenommen, welches die Form verstärkt – denn die Wahrnehmung von Form impliziert einen Gegensatz von Licht und Schatten, von Schwarz und Weiß. Die Form, die sich in einem Moment klarer Wahrnehmung in der Vollmondphase eines jeden Beziehungszyklus offenbart, gibt ihre Bedeutung (oder Symbolik) allmählich preis, während das Mondlicht abnimmt.“

Wie man sieht, ist der Vollmond als solcher inhaltlich nicht zu fassen ohne Bezugnahme auf die Phasen davor und danach. Für die Astrologie ist der Mond kein qualitativ und quantitativ bestimmbares Objekt im Raum, sondern ein in Zyklen verlaufender Prozess ad infinitum, wobei die Phasen der einzelnen Zyklen weder deutlich gegeneinander abgegrenzt, noch ohne Berücksichtigung des Phasen-Kontexts beschrieben werden können (um vom möglichen Kontext der Planetenstellungen und Hauspositionen nicht zu reden). Folglich ist ein Abbruch des Gedankengangs an dieser Stelle aus zeitökonomischen und anderen Gründen ebenso unvermeidlich wie inhaltlich unbefriedigend.

Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967)

29. Januar 1802 – Seume in Udine

Von © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz., CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3879357

39. Geburtstag in Udine

„In Udine feyerte ich den neun und zwanzigsten Januar meinen Geburtstag, und höre wie. Ich hatte mir natürlich den Tag vorher schon vorgenommen, ihn recht stattlich zu begehen, und also vor allen Dingen hier Ruhetag zu halten. Der Name Udine klang mir so schön, war mir aus der Künstlergeschichte bekannt, und war überdieſs der Geburtsort unserer braven Grassi in Dresden und Wien. Die groſse feyerlich tönende Abendglocke verkündigte mir in der dunkeln Ferne, denn es war schon Nacht als ich ankam, eine ansehnliche Stadt. Vor Campo Formido war ich im Dunkeln vorbey gegangen. Am Thore zu Udine stand eine östreichische Wache, die mich examinierte. Ich bat um einen Grenadier, der mich in ein gutes Wirthshaus bringen sollte. Gewährt. Aber ein gutes Wirthshaus war nicht zu finden. Ueberall wo ich hinein trat, saſsen, standen und lagen eine Menge gemeiner Kerle bacchantisch vor ungeheuer groſsen Weinfässern, als ob sie mit Bürger bey Ja und Nein vor dem Zapfen sterben wollten. Es kam mir vor, als ob Bürger hier seine Uebersetzung gemacht haben müsse; denn der lateinische Text des alten englischen Bischofs hat dieses Bild nicht. In dem ersten und zweyten dieser Häuser hatte ich nicht Lust zu bleiben; im dritten wollte man mich nicht behalten.“

J. G. Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Wochen zuvor

„Du weiſst, daſs Schreibseligkeit eben nicht meine Erbsünde ist, und wirst mir auch Deiner selbst wegen sehr gern verzeihen, wenn ich Dir eher zu wenig als zu viel erzähle. Wenn ich recht viel hätte schreiben wollen, hätte ich eben so gut zu Hause in meinem Polstersessel bleiben können. Nimm also mit Fragmenten vorlieb, aus denen am Ende doch unser ganzes Leben besteht.“

J. G. Seume: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802

Passionsspiele – Roman in Briefen (Folge 1: Vorwort)

Bild: KI (Gemini)

Vorwort des Verfassers

Dass die nachfolgenden „Briefe“ und „Postkarten“ und die ihnen vorangestellte „E-Mail“ echt sind, glaubt mir wahrscheinlich sowieso niemand. Also will ich gar nicht erst versuchen, sie dem Leser und der Leserin in einem dann genauso wenig glaubwürdigen Vorwort als Zeugnisse real gelebten Lebens zu verkaufen. Etwa so wie das Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos getan hat, als er in seinem Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ den sogenannten Briefen ein „Vorwort des Sammlers dieser Briefe“ vorausgeschickt hat, aus dem hervorzugehen scheint, dass es sich um die Wiedergabe von Briefen im eigentlichen Sinn und nicht um das fingierte Machwerk eines (wenn man so will) Ghostwriters handelt, der das alles nur erfunden hat.

Natürlich ist dieses Sammler-Vorwort Teil der schriftstellerischen Fiktion und auch die dem Vorwort vorausgehende „Vorbemerkung des Herausgebers“, worin die Authentizität der sogenannten Briefe und demzufolge auch der Wahrheitsgehalt der eben erwähnten Vorbemerkung im voraus stark in Zweifel gezogen wird, steht noch im Roman und nicht außerhalb desselben, da durch sie der fiktionale Charakter des Vorworts nicht erkennbar gemacht, sondern bekräftigt wird – oder so ähnlich.

Liest das noch jemand oder bewegt sich mein sprachliches Gebilde schon hier in der gespenstischen Sphäre des ungelesenen Textes, über dessen Sein oder Nicht-Sein sich ein Philosophen-Leben lang streiten ließe? Was ich nur sagen wollte und vor diesem Ausflug in die psychologisch komplex und doppelbödig angelegte Literatur eines  französischen Briefromanschreibers des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts bereits gesagt hatte: auch das hier Veröffentlichte ist wahrscheinlich gar nicht wahr. Obwohl der Holzbildhauermeister, von dem ich die angebliche Abschrift der vorgeblich bei der Auflösung seiner Werkstatt verloren gegangenen Briefe und Karten erhalten habe, ebenso steif wie fest behauptet hat, dass er die Original-Dokumente selbst in Händen gehalten habe.

Sein später in Karlsruhe lebender Vater sei um 1960 herum sechs Jahre lang in Oberammergau gewesen, um dort als Schnitzer zu arbeiten und zu guter Letzt auch noch die Meisterprüfung abzulegen. In dieser Zeit habe er, der Vater, die Briefe und Postkarten geschrieben und seinerseits Karten und Briefe, und viele Jahre später auch noch eine einzelne E-Mail, von verschiedenen Personen zugesandt bekommen. Die ganze Sammlung habe er, der Sohn, in mehreren Schuhkartons im Nachlass seiner Mutter gefunden. Kann man das glauben? Bei vielen der sogenannten Abschriften frage ich mich nämlich, wie die Originale den Weg in die mütterlichen Schuhkartons gefunden haben sollen.

Was bei mir von Anfang an den Verdacht aufkommen ließ, dass er mich mit diesem Narrativ zum Narren halten wollte, war der Umstand, dass mir der Holzbildhauer, der übrigens danach spurlos verschwunden ist, erzählt hat, er habe eigentlich immer Schriftsteller werden wollen und sei nur versehentlich in die Fußstapfen seines Vaters getreten, nachdem er dreizehn Jahre lang in Berlin und Heidelberg dies und das studiert hatte, ohne dass dabei etwas beruflich Verwertbares herausgekommen war.

Auf meine Frage, warum er das Konvolut gerade mir zu treuen Händen und zur ebenso uneingeschränkten wie bedingungslosen weiteren Verwendung überlassen wolle, antwortete er, dass er auf mich im Internet („wo denn sonst“) gestoßen sei. Und da habe er intuitiv gespürt, dass ich schon wissen werde, wie nun „mit dem ganzen Zeug“ zu verfahren sei. Er selbst habe, nachdem er mit der Abschrift fertig gewesen sei, gedacht, dass man daraus „vielleicht ein Buch machen könnte“. Aber wenn mir etwas anderes oder gar nichts einfallen würde, dann solle ich eben etwas anderes oder gar nichts damit machen. Er wolle damit jedenfalls „nichts mehr zu tun haben.“ Doch habe ihn die Abschrift viel Zeit und Mühe gekostet und bei mir, dessen sei er sich sicher, bestehe immerhin die Chance, dass er „diese passionsartige Tortur“, die wegen der Konfrontation mit der Gedanken- und Gefühlswelt seines Vaters auch „eine geistig-seelische“ gewesen sei, nicht umsonst durchlitten habe. Wie schon gesagt, sei dieser Leidensweg für ihn jetzt aber zu Ende. Öffentlich ans Kreuz schlagen lassen werde er sich für die Briefe seines Vaters nicht. Stattdessen habe er jetzt vor, ganz allmählich zu verschwinden.

Ein in Berlin lebender Schweizer Schriftsteller habe ihn darauf gebracht und bei ihm habe er auch gelesen, wie man das macht. Man lässt nach und nach immer weniger von sich hören oder sehen, wechselt mehrmals den Wohnsitz, kündigt Verträge, zuletzt auch noch den mit dem Mobilfunk-Anbieter, gibt keine Adresse mehr an, vergrault die wenigen Freunde und Bekannten, die man noch hat, äußert sich nicht mehr, weder privat noch öffentlich, wird unerreichbar und unauffindbar, gerät dann nach und nach, unterm Strich aber erstaunlich schnell, in Vergessenheit und ist damit irgendwann so gut wie nicht mehr existent. Wie er darauf kam, dass man ihn wegen der Briefe seines Vaters ans Kreuz schlagen könnte, sagte er nicht. Insgesamt machte er auf mich schon jetzt einen leicht abwesenden Eindruck.

Ich habe den Stapel Papier (er hatte mir keine Datei, sondern beidseitig bedruckte Blätter mit handschriftlichen Randnotizen dagelassen) erst einmal ein paar Wochen lang ignoriert. Was soll ich mit den Briefen eines Oberammergauer Herrgottschnitzers (egal ob echt oder erfunden) anfangen, dachte ich. Lebe ich vielleicht im neunzehnten Jahrhundert? Heiße ich etwa Ludwig Ganghofer? Stattdessen beschäftigte ich mich mit Kleinkram: eine Rede anlässlich der Eröffnung einer Kunstausstellung hier, ein Text für einen Ausstellungskatalog dort. Auch ein Aufsatz über die Rolle der griechischen Mythen in der modernen Astrologie als Beitrag für ein esoterisches Online-Magazin war dabei. Gleichzeitig tüftelte ich in Zusammenarbeit mit einer KI an einer Romanfigur, deren Artifizielle Psyche (AP) im Hinblick auf Komplexität und Therapiebedürftigkeit jeder natürlichen in nichts nachstehen sollte.

Als sich nicht nur bei mir, sondern auch bei der KI die Anfänge einer Schreibblockade bemerkbar machten, beschlossen wir, eine kreative Pause einzulegen. Diese wollte ich als erstes nutzen, um meinen Arbeitsplatz und dessen Umgebung zu säubern und aufzuräumen, also Bücher zurück ins Regal und benutzte Tassen und leere Kuchenteller in die Spülmaschine zu stellen. Dabei fiel mir der Stapel mit den Oberammergauer Briefen in die Hände und ich begann zu lesen. Gar nicht so uninteressant, dachte ich nach etwa zwei Stunden, daraus lässt sich vielleicht doch etwas machen.

An den damit beginnenden Schreib- und Umschreibprozess denke ich mit durchaus gemischten Gefühlen zurück. Nach wie vor frage ich mich, ob es aus publikationsmoralischer Sicht erlaubt ist, einen fremden Text durch Hinzufügungen und Weglassungen so zu verändern, dass sein ursprünglicher Grundcharakter stark beeinträchtigt, wenn nicht sogar völlig zerstört wird. Und falls dieses Manuskript tatsächlich dokumentarischen Charakter hatte, war meine Vorgehensweise doppelt und dreifach fragwürdig. Die von mir vorgenommenen Eingriffe hielt ich für erforderlich, um aus dem, was mir der Holzbildhauer übergeben hatte, das Buch zu machen, das nach seinem Dafürhalten vielleicht daraus gemacht werden konnte. Denn seltsamerweise hatte ich nun das deutliche Gefühl, von ihm genau damit beauftragt worden zu sein.

Wenn man eine Mission zu erfüllen hat, darf man aufkommende Skrupel schon einmal beiseite wischen. Was meinen Gewissensbissen darüber hinaus den schmerzhaften Druck nahm, war der Umstand, dass ich, wie schon mehrfach erwähnt, begründbare Zweifel an der Authentizität des angeblichen Dokuments hegte. Außerdem habe ich nun in diesem Vorwort eine Art Geständnis abgelegt und meine Vorgehensweise im Prinzip, wenn auch nicht im Detail, offengelegt und begründet. Sollte eine Leserin oder ein Leser bei einzelnen Teilen des nachfolgenden „Romans in Briefen“ Fragen in Bezug auf deren Zustandekommen an mich haben, so bin ich gerne bereit, diese zu beantworten.

L. R. im Januar 2026

P. S.: Natürlich habe ich versucht, das mir überlassene Material auf seine Echtheit oder Falschheit hin zu überprüfen, bin dabei aber zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Ob es in Oberammergau um 1960 einen Holzbildhauer namens Trost gab, der für die Holzschnitzerei Kurtz selig Erben gearbeitet hat, konnte man mir dort nicht sagen. Die alten Geschäftsunterlagen seien zwar noch vorhanden, momentan aber nicht zugänglich. Das Ergebnis meiner Recherche in Bezug auf Karlsruhe legt immerhin den Schluss nahe, dass entweder der Name der Stadt, der des Holzbildhauers oder die ganze Geschichte nicht stimmt. Weder bei der Handwerkskammer noch sonst irgendwo fand sich ein Hinweis darauf, dass es in Karlsruhe nach der angeblichen Rückkehr des Briefschreibers und -empfängers einen Holzbildhauermeister namens Tobias Trost gegeben hat.

Folge 2 (demnächst in diesem Theater)

Kriegswerbung

Von © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3864433

„Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen, und daß es so schwer ist, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muß. Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe. Selten sind die Kräfte so groß, daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen, oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufällig öfter gehört hatte, oder ich bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen, von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung.“

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, darin: Die Mitteilung

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