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Welcome to the Machine

(Dieser Beitrag wurde am 23. Oktober 2022 veröffentlicht, ist aber nicht der zuletzt in den virtuellen Zettelkasten einsortierte; gleichwohl sorgt die Maschine dafür, dass er beim Aufrufen der Website an prominenter Stelle präsentiert wird.)

Welche Maschine in dem möglicherweise oben zitierten, von der britischen Band Pink Floyd 1975 (in ihrem Album „Wish You Were Here“) veröffentlichten Song „Welcome to the Machine“ gemeint war beziehungsweise ist, kann man nur ahnen oder im Zuge einer Textinterpretation herauszufinden versuchen. Wenn ich ad hoc einen Verdacht äußern sollte, so würde ich sagen, es handelt sich um die damals noch relativ neue Rock-und-Pop-Business-Maschine, die am Laufen gehalten wurde nicht zuletzt von ehemaligen Schulschwänzern, die mit ihrer Gitarre die Mutter genervt und davon geträumt hatten, einmal ein big star zu werden, dessen mean guitar dem Gefeierten dazu verhelfen würde, sich in einer Steak Bar fortan nur noch von Steaks zu ernähren und natürlich einen Jaguar zu fahren. Um diese Maschine geht es in meinem Willkommensgruß nicht.

Bei der von mir gemeinten Maschine handelt es sich, kurz gesagt, um diese Website, deren Maschinencharakter offenbar wird, sobald man damit beginnt, jene Knöpfe zu drücken, mit denen ihr Zustand verändert werden kann. Damit sind vor allem die unter RUBRIKEN versammelten Wörter am rechten Seitenrand gemeint.

Sie sind, um nicht im Bild zu bleiben, so etwas wie die Stich- oder Schlagwörter, mit denen man die verschiedenen Bereiche eines Zettelkastens voneinander abgrenzt. Der maschinelle Charakter meines virtuellen Kastens führt aber dazu, dass derselbe Zettel oder Einzelbeitrag in verschiedenen (im Extremfall in allen) Abteilungen anzutreffen ist, was bei einem physisch realen Zettelkasten (unter erheblichem Aufwand) nur dadurch erreicht werden könnte, dass man mit Kopien arbeitet.

Der langen Rede kurzer Sinn: Leserinnen und Leser dieser, wenn nicht von Tag zu Tag, so doch (hoffentlich) von Woche zu Woche sich mehrenden Beiträge sollten sich darüber im klaren sein, dass sie es hier nicht mit einem Blog, Tagebuch oder Journal im üblichen Sinn, sondern mit einer Art Zettelkasten zu tun haben, dessen inhaltliche Ordnung sich quasi maschinell durch das Drücken der RUBRIK-Knöpfe erschließt, was aber niemanden davon abhalten soll, die Beiträge in der Reihenfolge ihres Zustandekommens beziehungsweise ihrer Veröffentlichung (was nicht notwendig dasselbe ist) zur Kenntnis zu nehmen.

Zur Bedeutung der Schrift

„Meister der Schrift sein heißt ein wahrer Mensch sein.“

Japanischer Sinnspruch, zitiert nach Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift (1990), S. 13

„Unter allen, die da werken, gibt es keinen, dessen Arbeit gleicht der hohen Kunst des Schreibens, die Gott Enki einst erschuf.“

Aus einem spätsumerischen Lehrgedicht, zitiert nach Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift (1990), S. 13

Enki („Herr Erde“) war oder ist der sumerische Gott der Weisheit, der Handwerker, Künstler und Magier. Und er ist der Schöpfer des Menschen. Seine Symboltiere sind der Ziegenfisch (manchmal auch nur eine Ziege oder nur ein Fisch) und die Schildkröte. Selten trifft man ihn ohne sein Boot und seinen Stab mit Widderkopf an.

Hindernisse auf dem Weg zu einem „Matador der Schrift“

Im Zuge meiner jüngsten Überlegungen, ob ich nicht doch, in Anbetracht meiner handwerklich-künstlerischen Vergangenheit, konsequenterweise ein (um mit Jochen Kirchhoff zu reden) „Matador der Schrift“ werden soll, habe ich damit begonnen, Harald Haarmanns 1990 zuerst erschienene „Universalgeschichte der Schrift“ zu lesen. Schon auf der dritten Seite der Einleitung stieß ich heute dummerweise auf eine Äußerung, die in mir nicht nur Zweifel am Autor dieser Schrift über die Schrift, sondern auch an der Sinnhaftigkeit meines möglichen Vorhabens, ein Matador derselben zu werden, weckten.

Wesentliche Entscheidungsprozesse in allen möglichen Bereichen „werden bereits weitgehend von der elektronischen Datenverarbeitung gelenkt, oder sind doch wesentlich davon abhängig. Die Schrift spielt hinter den Kulissen der Alltagswelt die Rolle eines Aschenputtels, dessen Wichtigkeit sich auf die Übersetzung von Computerdaten in menschliche Sprache beschränkt. Der Mensch nämlich [siehe da!, LR] ist auch weiterhin auf traditionelle Kommunikationsmittel angewiesen.“

Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 15

Mein Haupteinwand gegen diesen, mit Verlaub gesagt, veritablen Unsinn lautet (ich „übersetze“ im Folgenden meinen Einspruch mit Hilfe der Schrift in Sprache): Um „Computerdaten“ (was immer Haarmann damit meint) „in Sprache“ zu übersetzen, bräuchte man, wenn das überhaupt möglich wäre, nicht allein die Schrift, sondern die Sprache als solche in Laut- oder Schriftform. Aber eigentlich kann man gar nichts (auch keine „Computerdaten“) „in Sprache übersetzen“, sonst wäre jedes schriftliche oder mündliche Sprechen, wovon und worüber auch immer, zugleich ein „Übersetzen in Sprache“. Übersetzen heißt immer schon (mündlich oder schriftlich) sprechen. Die Schrift als Mittel des sprachlichen Ausdrucks „übersetzt“ nicht in Sprache, sondern sie ist Sprache in Schriftform. Was nach Haarmann für die Schrift gilt, müsste in gleicher Weise auch für artikulierte Lautfolgen (denn auch mit ihnen kann man ja etwas, um mit Haarmann zu sprechen, „in Sprache übersetzen“) gelten, nämlich dass sie hinter den Kulissen der Alltagswelt nur eine untergeordnete Rolle spielen, deren „Wichtigkeit sich auf die Übersetzung von Computerdaten in menschliche Sprache beschränkt.“ Falls man die Rede von der Schrift als Mittel der Übersetzung von etwas (hier: von „Computerdaten“) in Sprache für sinnvoll hält, dann muss man es auch für sinnvoll halten zu sagen, dass jeder geschriebene (oder gesprochene) Text das in ihm Gesagte in Sprache erst übersetzt und nicht selbst schon Sprache ist, was einigermaßen seltsam wäre.

Gerne würde ich einmal sehen, was wir mit den „Computerdaten“ machen würden, wenn wir das Aschenputtel Schrift (also eigentlich: die Sprache, siehe oben) nicht hätten. Solange der Mensch kein Computer ist (an seiner Computerisierung wird allerdings mit Hochdruck gearbeitet), spielt die Schrift (Sprache in Schriftform) keineswegs die Rolle eines Aschenputtels „hinter den Kulissen der Alltagswelt“, sondern sie war und ist immer schon die Zauberfee, die die Rätsel der Technik enträtselt, die bei der Enkodierung und Dekodierung der Maschinen-Geheimnisse die entscheidende Rolle spielt. By the way weist Haarmann selbst mit der Aschenputtel-Metapher (wahrscheinlich aus Versehen) darauf hin, dass „hinter den Kulissen“ der Maschinenwelt in Wahrheit keine x-beliebige Dienerin, sondern deren königliche Beherrscherin immer schon am Werk war, ist und, solange es Menschen gibt, die den Namen verdienen, auch sein wird.

Anders gesagt: Wer sich unmittelbar sprachlich äußern will, muss (von den Zeichen der Gebärden- und Fingersprache einmal abgesehen) entweder sprechen oder schreiben. Beim Schreiben bedient man sich der Schrift. Die Schrift ist daher neben der lautlichen Artikulation für die primäre sprachliche Kommunikation unverzichtbar, ihre Bedeutung kann gar nicht überschätzt werden. Wer ihr den Platz eines Aschenputtels hinter den Kulissen des Alltags zuweist, nur weil Computer in diesem eine immer wichtiger werdende Rolle spielen, verkennt, dass Schriftzeichen als gewissermaßen langlebige Mittel der primären Kommunikation zwischen Menschen immer nur durch Schriftzeichen ähnlicher Art, aber nicht durch Computerdaten welcher Art auch immer ersetzt werden können. Von einer Relativierung der Bedeutung der Schrift, wie sie von Haarmann postuliert wird, kann also erst die Rede sein, wenn, meinetwegen als ein Deus ex machina, eine gleichwertige Alternative das Licht der Welt erblickt. Zwar werden die machinae immer mehr und immer komplexer, doch ist fürs erste, zweite und dritte nicht zu erwarten, dass aus ihnen ein Deus emergiert, der die Schrift und das Schreiben obsolet machen könnte.

Das Schöne zwischen den Gleisen

Vorhin beim Überqueren der Straße die vielen satten Grün- und dazwischen die wenigen Brauntöne des dichten Pflanzenteppichs zwischen den Straßenbahnschienen. Ist das schon Malerei? Karl Philipp Moritz, eine Art „jüngerer Bruder“ Goethes, „vom Schicksal verwahrlost und beschädigt“, wie dieser ihn sah, hat in seiner ästhetischen Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ gefordert, man solle der Natur nachahmen, also wie diese von innen her schaffen, anstatt sie ohne inneren Bezug zum Objekt von Kopierübungen zu machen. Auch wo sich das Schöne zwischen den Gleisen zeigt, dürfte es also von einem Bildner auf den Spuren von Goethes jüngerem Bruder nicht einfach nur mechanisch abgemalt oder gar abfotografiert werden.

So ist es! Ist es so?

„Wer die Schrift lernen soll, der kann keiner andern Arbeit warten; und wen man lehren soll, der muß sonst nichts zu tun haben. Wie kann der der Lehre warten, der pflügen muß und gern die Ochsen mit der Geisel treibt und mit dergleichen Werken umgeht und weiß nichts, denn von Ochsen zu reden? Er muß denken, wie er ackern soll, und muß spät und früh den Kühen Futter geben. Also auch die Tischler und Zimmerleute, die Tag und Nacht arbeiten und Bildwerke schnitzen und Fleiß haben, mancherlei Arbeit zu machen, die müssen denken, daß es recht werde, und früh und spät daran sein, daß sie es vollenden.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 38,25-28

Beinahe homerisch

„Wie ein Rubin in feinem Golde leuchtet, also ziert ein Gesang das Mahl. Wie ein Smaragd in schönem Golde steht, also zieren die Lieder beim guten Wein.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 32,7-8

Die Werke der Heroen freudig studieren

In seinem programmatischen Vorwort zu „The Spirit of Romance“ (1910) hat der fünfundzwanzigjährig Ezra Pound unter anderem postuliert: „The study of literature is heroworship“, aber auch: „Art is a joyous thing“. Ich ermahne mich, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf, regelmäßig dazu, Letzteres zu beherzigen und aus Pounds Selbstermunterungsformel auch für mich einen freudig unbefangenen Umgang mit sprachlichen Werken folgen zu lassen. Während ich gleichzeitig meinen Hang zur Heldenverehrung heroisch in die Schranken zu weisen bestrebt bin.

Die Lösung

Wenn du keine Lösung findest, lass die Lösung dich finden.

Another Type of Ambiguity? Anmerkung zum Wort „Freiinnen“ in ANOTHER DAY

Anstelle des Worts „Freiinnen“ in meinem gestern hier publizierten Poem stand zunächst „Freierinnen“, was ich dann aber zu unschön und allzu eindeutig abwertend fand. So hatte ich es nicht gemeint. Also nahm ich das „er“ heraus und übrig blieb „Freiinnen“, was einen mehr als deutlichen Beigeschmack von Adel hat, obwohl einige (aber längst nicht alle) Quellen im Netz in Übereinstimmung mit meiner automatischen Rechtschreibprüfung behaupten, die Freiin komme nur in der Einzahl vor (was durch die Vielzahl der noch lebenden oder schon verstorbenen Freiinnen, die Google einem anbietet, sofort dementiert wird). Der sprachlich eröffnete Kontext der „käuflichen Liebe“ bleib dessen ungeachtet bestehen.

Das heißt, entweder ist „Freiinnen“ der missglückte Versuch, die weibliche Form von „Freier“ zu bilden oder es sind in der Tat die in der nichtsprachlichen Wirklichkeit durchaus vielfach anzutreffenden Freifräuleins gemeint, die sich dann in eine nicht standesgemäße Umgebung verirrt hätten.

Statt sich eindeutig für das eine oder das andere zu entscheiden, wär es besser, man ginge davon aus, dass beides, die Sphäre der Freier und die der Freifräuleins, anklingt und daher semantisch mitschwingt. Man hätte es dann wohl mit einem weiteren Type of Ambiguity, von denen William Empson sieben beschrieben hat, zu tun, nämlich mit einer Ambiguität, die dadurch entsteht, dass ein in einem bestimmten sprachlichen Zusammenhang verwendetes Wort einem anderen ähnelt, welches in diesem Kotext eher zu erwarten gewesen wäre.

Was diese Zweideutigkeit dann für die Interpretation des Gedichts (falls man meine Zeilen überhaupt als Poem ernst nehmen und ihnen die Ehre einer Interpretation zuteil werden lassen will) zu bedeuten hat, lasse ich dahingestellt. Es ging mir hier nicht um eine Interpretations-, sondern um eine partielle Verstehensmöglichkeit, die bei einer weiter ausgreifenden Explikation des inhaltlich Gegebenen zu berücksichtigen wäre.

P. S.: Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm findet man unter FREIIN zunächst „freifrau, baronin“; dann aber heißt es: „man setzte es aber auch für libera“, und als Beispielsatz: „Die versehrte aber gerochene keuschheit (der Lucretia) hat Rom aus einer magd zu einer freiin gemacht.“ Dies bitte bei einem Interpretationsversuch unbedingt beachten!

Im formenden Alltag

ANOTHER DAY

For Ezra P. and ALG

Ein Hubschrauber oder was es war
         holte mich kurz vor acht
aus dem Schlaf. Noch vor der Nacht das bestimmte Gefühl
ihrer platonisch-englischen Nähe;
fällt mir gerade noch ein. Ehe
ich ein weiteres Mal wieder völlig bei Sinnen
         und Verstand bin.

Schon im Heranradeln
von C. gegrüßt, erkannte ich
ihn doch erst, als er ab-
         stieg.

Und dann, wie
beinahe jeden Tag, erwäge ich,
auf den Gedankenstrich
         zu gehen, gibt es doch Freiinnen
genug, die für dreißig Euro
eine Woche lang neuro-
         trivial befriedigt zu werden
begehren.
         Alas:
"I haven't that kind of intelligence"
(Ezra P. to a friend
         in 1908).

Während ich an diesem Poem herumformte, las ich zum zweiten Mal den Anfang von Rudolf Sühnels Aufsatz über „Ezra Pounds ‚Hugh Selwyn Mauberley‘ und die Krise der europäischen Kultur“ (1986) oder besser beziehungsweise auch: Während ich zum zweiten Mal Rudolf Sühnels Aufsatz über „Ezra Pounds ‚Hugh Selwyn Mauberley‘ und die Krise der europäischen Kultur“ (1986) las, formte ich an diesem Poem herum.

Im dritten Abschnitt schreibt Sühnel, nachdem er G. B. Shaw mit den Worten „To be in hell ist to drift; to be in heaven is to steer“ zitiert hat: „Statt sich im formlosen Alltag treiben zu lassen, steuert der schöpferische Mensch sein Leben durch Tat oder Werk.“

Shaw wird die infernalischen Aspekte der alltäglichen Drift mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus eigener Erfahrung gekannt haben. Nahm mir daher vor, mir vorzunehmen, einen „Versuch über das scheinbar ziellose Sich-Treiben-Lassen als Teil des kreativen Prozesses“ zu schreiben.

Nach Kopernikus

„Die Denkenden überließen den Rechnenden das Feld.“

Jochen Kirchhoff: Räume, Dimensionen, Weltmodelle (1999, 2007); S. 11

Ihre

(im doppelten Sinn) unfassbare Präsenz.

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