„Die astronomische Entdeckung dieses zweiten erst in der Neuzeit gesichteten Planeten verblüffte nicht mehr so sehr wie die des Uranus davor – man hatte sie im Grunde erwartet. Auch die Astrologie wurde durch Neptuns Entdeckung am Himmel keineswegs überrumpelt. Am 23. September 1846 entdeckten J. G. Galle und H. L. d’Arrest in Berlin ihn an einem Ort, der von seiner durch Le Verrier im voraus errechneten hypothetischen Position nur um nicht ganz einen Winkelgrad abwich. Er trägt den Namen des römischen Meeresgottes Neptunus, dem im Griechischen Poseidon entspricht. Sein konventionelles Zeichen ist der berühmte Dreizack.“
Zyklus
„Neptun umrundet den ganzen Tierkreis in etwa 164 Jahren. Seine heliozentrische Umlaufzeit beträgt 163,74 Jahre. Während des menschlichen Lebens kehrt er daher nie an die gleiche Stelle im Horoskop zurück. Jedes Tierkreiszeichen passiert er in durchschnittlich 13 bis 14 Jahren.“
Astrologische Bedeutung
„In der Astrologie ist Neptun ein geheimnisvoller Planet, der immer mit Transitionen verbunden ist. Er hängt mit Mystik, Imagination und Intuition zusammen, mit dem Eintauchen ins Unterbewußtsein, mit allem Latenten, Geheimnisvollen, Schemenhaften und Flüchtigen, mit Träumen und Täuschungen, mit Trance und Kontemplation. Er regiert jene Sphären, die der breiten Masse verschlossen sind. Typische Neptunmenschen sind die Okkultisten und Mystiker und auf praktischem Gebiet vor allem Leute, die mit Chemikalien und Drogen umgehen, aber auch solche, die sich mit der psychischen Seite des Menschen beschäftigen, wie z. B. Psychoanalytiker. Zu seiner Herrschaft gehört auch die Sphäre der Emotionen, der Idealisierung und des Illusionismus.“
Domizil, astrologische Wirkung und Eigenschaften
„Gemeinsam mit Jupiter regiert Neptun die Zeichen Fische und Schütze. Im Unterschied zur sichtbaren astrologischen Wirkung Jupiters ist das Wirken Neptuns weniger Auffällig, ist verborgen, geheim – er fesselt den Menschen durch unsichtbare Fäden und Ströme, und wenn wir das astrologische Wirken des Uranus als hart bezeichnen, ist der Einfluß Neptuns dagegen sehr weich, zerfließend. Statt Revolution erfolgt eher eine Evolution, statt eine revolutionären Sprungs eine Durchdringung, statt eines elektrischen Schocks eine langsame Verwischung der Konturen. Beide Effekte weisen die Spuren jener Unterschiede auf, die da Auffinden dieser Planeten begleiteten. Denn während die Entdeckung des Uranus wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlug, führte zur nachfolgenden Entdeckung Neptuns ein Entwicklungsweg, der von Vermutungen begleitet und durch viele Berechnungen gekennzeichnet war. Die zweite Entdeckung als Konsequenz der ersten bedeutete keinen revolutionären Sprung mehr, weder in der Astronomie noch in der Astrologie.“
„Aus der Position Neptuns im Horoskop läßt sich schließen, in welcher Richtung sein Eigner die Welt idealisiert, worüber er sich die größten Illusionen macht, aber auch, mit wem er die engste geistige Verwandtschaft fühlt und woher er eine große geistige Stärkung erwarten kann – oder in welcher Richtung er einerseits Täuschung, Schein, Illusion, Blendwerk und Betrug befürchten muß, andererseits was ihn am meisten fesselt, worin er geheimnisvoll, undurchdringlich ist. Kurz: Im Horoskop deutet Neptun die geistige Neigung oder die Fluchtabsichten an, Träume, mystische Tendenzen, Idealismus, Illusionen und Selbstbetrug.“
„In der mundanen Astrologie bedeutet Neptun die geistigen Strömungen und Massenemotionen, aber auch trügerische Ideologien, fruchtlose Illusionen, Irrlehren und Drogen. Hinter allem Irrationalen lassen sich die Einflüsse Neptuns aufspüren, der gleichsam die Redensart „Der Schein trügt“ verkörpert. Auf dem Hintergrund des Zodiakus ist Neptun der Gegenspieler Merkurs, des Planeten des Verstandes.“
Milan Spurek: Das große Handbuch der Astrologie (1996), S. 143 f.
ChatGPT: Annäherung an Neptun
„Neptun ist der Planet der Auflösung, der Sehnsucht und des Grenzenlosen. Wo Saturn verdichtet und formt, dort verflüssigt Neptun. Eine Annäherung an Neptun bedeutet daher, den festen Boden zeitweise zu verlassen und sich auf Unsicherheit einzulassen – nicht aus Schwäche, sondern aus Offenheit.“
„Astrologisch steht Neptun für jene Bereiche des Horoskops, in denen das Ich porös wird. Hier verschwimmen klare Konturen, hier wirken Träume, Ahnungen und Stimmungen stärker als Fakten. Neptun entzieht sich der direkten Kontrolle; er lässt sich nicht planen oder erzwingen. Er zeigt, dass nicht alles Wesentliche greifbar oder benennbar ist. Wahrheit erscheint unter Neptun oft in Bildern, Symbolen und leisen inneren Bewegungen.“
„Mythologisch ist Neptun (Poseidon) der Gott des Meeres – jener Urmaterie, aus der alles Leben hervorgeht und in die alles zurückkehrt. Das Meer kann tragen und verschlingen, beruhigen und zerstören. Ebenso ambivalent ist Neptuns Wirken: Er öffnet Zugänge zu Mitgefühl, Spiritualität und künstlerischer Inspiration, kann aber auch in Täuschung, Selbstverlust oder Flucht führen, wenn das Ich keine innere Verankerung besitzt.“
„Psychologisch begegnet Neptun als Sehnsucht nach dem Ganz-Anderen: nach Erlösung, Verschmelzung, bedingungsloser Liebe. In seiner Schattenform zeigt er sich als Verdrängung, Illusion oder Opferhaltung. Grenzen werden nicht gesetzt, sondern aufgelöst – manchmal freiwillig, manchmal unbewusst. Erst im Zusammenspiel mit Klarheit und Erdung kann Neptun sein schöpferisches Potenzial entfalten.“
„In einer Welt, die auf Messbarkeit, Effizienz und Kontrolle ausgerichtet ist, erinnert Neptun an eine andere Dimension des Daseins. Er stellt die Frage, wofür wir uns öffnen, ohne Gewissheit zu haben. Wo wir lauschen, statt zu planen. Wo wir vertrauen, statt zu sichern. Neptun verweist auf jene Erfahrung von Sinn, die nicht gemacht, sondern empfangen wird.“
„Eine Annäherung an Neptun verlangt daher nicht Stärke im klassischen Sinn, sondern Durchlässigkeit – bei gleichzeitiger Selbstwahrnehmung. Wer lernt, in den neptunischen Strömungen zu schwimmen, ohne sich in ihnen zu verlieren, entdeckt eine tiefe Quelle von Mitgefühl und Inspiration. Vielleicht liegt darin seine größte Gabe: uns an das Verbindende hinter allen Formen zu erinnern.“
Das Bild auf der Karte zeigt ja etwas von der Schönheit dieses Landes. Wir sind gesund und munter und bedauern beide, dass Du nicht mitkommen konntest, aber in Christians Isetta ist ja kaum genug Platz für zwei. Heute geht es weiter nach Mittenwald und dann nach Oberammergau. Das Wetter soll ja schön bleiben.
Tausend Grüße und Küsse von Deinem Tobias.
Liebe Grüße auch von Christian.
Garmisch-Partenkirchen, 22.10.1956
Mein Herz!
Man kann sich drehen und wenden wie man will, es ist immer schön, schöner, am schönsten. Nochmals Gruß und Kuss von Deinem Tobias. Christian kauft uns gerade zwei Paar Weißwürste mit süßem Senf, wir können gar nicht genug davon kriegen.
Oberammergau, 28. Oktober 1956
Lieber Bruder!
Dass Du mich dazu überredet hast, mit Dir ins Bayerische zu fahren, und zwar in jene Gegend, aus der unsere Großmutter Kreszentia stammt, um einmal zu sehen, ob ein Holzbildhauer-Geselle wie ich hier Arbeit finden könnte, werde ich Dir nicht vergessen. Du warst schon immer der Klügere und Weitsichtigere von uns beiden. Was Du auf der beigefügten Karte siehst, ist das Geschäft, für das ich jetzt schnitze. Vorläufig noch auf Probe, aber ich habe ein gutes Gefühl. Und wenn der Kurtz mich nicht nimmt, dann irgendein anderer. Nachdem Du mich nach Karlsruhe zurückgebracht hattest, habe ich noch am selben Tag einen Großteil meiner Habseligkeiten in zwei Koffer gepackt und Antonia klar zu machen versucht, dass ein Holzschnitzer, wie Du richtig gesagt hast, dorthin gehen muss, wo die Leute das kaufen wollen, was Holzschnitzer anzubieten haben. Natürlich war sie von meinem überstürzten Entschluss, wie sie es nannte, alles andere als begeistert. Sie wolle nicht nach Oberammergau ziehen, könne ihre Mutter nicht alleine zurücklassen, werde das Leben in der Stadt schmerzlich vermissen, könne kein Bayerisch und wolle es auch gar nicht lernen. Und außerdem würde sie es niemals dulden, dass ihr Sohn Lederhosen trägt – Du weißt ja, wie heikel sie als gelernte Schneiderin und Kennerin der Haute Couture in Kleidungs- und Modefragen ist. Wer seinem Kind oder gar sich selbst erlaube, in Lederhosen herumzulaufen, habe die Kontrolle über sein Leben verloren, hat sie einmal bemerkt.
Erst als ich sagte, dass Du der gleichen Meinung bist wie ich, und dass der Vorschlag, einen Ortswechsel in Erwägung zu ziehen, ursprünglich von Dir gekommen sei, lenkte sie ein und gab zu, dass ich als barock empfindender Holzschnitzer im hinterwäldlerischen Oberammergau wohl bessere Aussichten auf eine berufliche Karriere haben würde als im technisch nüchtern und modern denkenden, wie auf dem Reißbrett angelegten Karlsruhe. Also solle ich eben tun, was ich nicht lassen könne, und mit dem nächsten Zug wieder dorthin fahren, wo sich Fuchs und Has gute Nacht sagen. Vielleicht werde ja tatsächlich ein berühmter Herrgottschnitzer aus mir und alle zehn Jahre außerdem noch ein begnadeter Judas-Darsteller auf den katholisch geweihten Brettern des Oberammergauer Passionsspielhauses. Wie das mit ihr und mir und unserem Sohn dann weitergehen werde, sei ihr momentan ein Rätsel, aber man werde ja sehen.
In der darauffolgenden Nacht vor meiner Abreise haben wir dann wieder zueinander gefunden, aber was unsere familiäre Zukunft angeht, bleibt vorläufig alles in der Schwebe. Vielleicht kannst Du einmal mit ihr reden und ihr die Vorteile einer ländlich-provinziellen Lebensweise plausibel machen. In Eurem Niefern bei Pforzheim seid Ihr ja auch nie fern von Fuchs und Has, wenn die sich nach einem in arbeitsamer Ruhe verbrachten Tag eine gute Nacht wünschen. Hab nochmals Dank und sei gegrüßt von Deinem „kleinen Bruder“
Tobias.
Grüße bitte auch Erika und den kleinen Wolfram von mir!
„Saturn for example is associated with frustration, a sense of delay, fear, contraction, and feeling blocked by circumstances or authority figures. Eventually these feelings mellow into patience, maturity, responsibility, and a feeling of being ‘old before one’s time’. It has other associations, because of its archetypal meanings of structure and boundaries, with teeth, bones, fences and walls, lead, the father figure, ageing and time. Its meaning is to work hard and play by the rules and then we will reap our reward.“
Pam Gregory: You Don’t Really Believe in Astrology, Do You? How Astrology Can Reveal Profound Patterns in Your Life ↗
GPT Chat (Artificial Astrologer)
„Saturn ist der wohl missverstandenste Planet der Astrologie. Kaum ein anderes Prinzip wird so rasch mit Angst, Mangel oder Strafe verbunden. Doch eine Annäherung an Saturn lohnt sich gerade deshalb: Hinter seiner spröden Oberfläche verbirgt sich eine tiefe, lebenspraktische Weisheit.“
„Astrologisch steht Saturn für Grenze, Form und Zeit. Er markiert jene Stellen im Horoskop, an denen das Leben „Nein“ sagt – zumindest zunächst. Dieses Nein ist jedoch kein endgültiges Urteil, sondern eine Einladung zur Reifung. Wo Saturn wirkt, genügt Talent allein nicht. Es braucht Geduld, Disziplin und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Saturn schenkt nichts leichtfertig, aber was er gewährt, ist dauerhaft.“
„In der Mythologie ist Saturn (Kronos) der Hüter der Zeit. Zeit im saturnischen Sinn ist nicht bloß Abfolge von Momenten, sondern Verdichtung von Erfahrung. Alles, was unter Saturn entsteht, reift langsam. Dafür besitzt es Substanz. Saturn trennt das Wesentliche vom Unwesentlichen, das Tragfähige vom Illusionären. Er zwingt zur Konzentration: Was trägt wirklich? Worauf kann ich bauen?“
„Psychologisch begegnet uns Saturn oft als innere Stimme der Kritik oder als Gefühl von Schwere. In jungen Jahren wird er leicht als Hemmung erlebt, später als Stütze. Viele erkennen erst rückblickend, dass gerade saturnische Phasen – Krisen, Verluste, Verzögerungen – jene waren, in denen Charakter, Haltung und innere Autorität entstanden sind. Saturn konfrontiert uns mit unserer Endlichkeit und macht uns dadurch ernsthaft lebendig.“
„In einer Zeit, die Schnelligkeit, Leichtigkeit und permanente Selbstoptimierung feiert, wirkt Saturn beinahe anachronistisch. Und doch ist er notwendiger denn je. Er erinnert daran, dass Sinn nicht im grenzenlosen Wachstum liegt, sondern in Maß, Verantwortung und Verbindlichkeit. Saturn fragt nicht: „Was willst du?“ sondern: ‚Wofür stehst du ein – auch wenn es Mühe kostet?'“
„Eine wirkliche Annäherung an Saturn bedeutet daher, ihn nicht zu fürchten, sondern als Lehrer zu erkennen. Wer seine Lektionen annimmt, gewinnt etwas Seltenes: innere Festigkeit. Und vielleicht ist das am Ende die größte Freiheit.“
„Dass Du mich vergessen hast, halte ich für ausgeschlossen!“ – Das war der erste Satz eines Briefs, den ich Dir am 10. November 1956, also vor ziemlich genau 43 Jahren, aus Aalen geschrieben habe. Du bist vor zweieinhalb Monaten 70 geworden, ich wurde schon am 3. März noch ein paar Jahre älter. Du hast mich nie gefragt, wie alt ich bin. Der Tag, an dem ich in den Fischen in Eltern bei Haselünne geboren worden bin, war der 3. März 1918. Meinen Geburtsort und -tag, mein Sternzeichen und sogar die Uhrzeit meiner Geburt (es war 3:30 Uhr) habe ich in meinen Briefen an Dich einmal erwähnt, nicht aber mein Geburtsjahr. Wenn Du die Reihenfolge der beiden letzten Ziffern umkehrst, weißt Du, wie alt ich jetzt bin, ohne dass Du rechnen musst. Hinschreiben mag ich es nicht, mir graut vor der Zahl und der unheimlichen Realität, die sich dahinter ziemlich unverborgen verbirgt. Wie konnte mir das nur passieren, frage ich mich jeden Tag.
Deine E-Mail-Adresse fand ich auf Deiner Homepage. Und die in wenigen Stunden anstehende Jahrtausendwende (wobei man sich darüber streiten kann, ob sie wirklich schon 1999 oder womöglich erst ein Jahr später stattfindet) nehme ich zum Anlass, nach vier Jahrzehnten wieder von mir lesen zu lassen.
Den letzten Brief, der Dich in Oberammergau möglicherweise noch erreicht hat, schrieb ich am 31. Dezember 1962. Jetzt also eine E-Mail, obwohl wir „Senioren“ (ich hasse das Wort) bestätigten Gerüchten zufolge mit dem PC nicht besonders gut zurechtkommen können sollen. Noch so ein Pauschalurteil, mit dem uns die Jüngeren klein und in Abhängigkeit halten wollen.
Kennst Du den Film „Harold and Maud“? Er war Mitte der 70er Jahre in Deutschland einer der ersten „Kultfilme“. Harold, ein nekrophiler Zwanzigjähriger, pflegt eine amouröse Beziehung zu der gerade mal 79 Lenze zählenden Maude, wobei es in dem Film, anders als damals bei Dir und mir, so gut wie gar nicht um Sex geht. Der Kino-Renner hat angeblich Vorurteile über das, was im sogenannten Alter geht oder nicht geht, „aufgebrochen“. Ich habe das diesbezügliche Kulturseiten-Geschwätz ja schon vor fünfundzwanzig Jahren nicht geglaubt. Gott sei Dank ist mein Sohn Alexander, den Du als Sechzehnjährigen bei uns in Aalen kennengelernt hast, nicht auch so ein Pseudo-Fürsorglicher, der Vater und Mutter ehrt, indem er sie beizeiten aufräumt, sprich: so lange auf sie einredet, bis sie sich von ihm „freiwillig“ in ein „Seniorenheim“ oder (sofern genügend Geld vorhanden ist) eine „Seniorenresidenz“ einweisen lassen. Einigen meiner beiden Freundinnen ist es so ergangen. Aber lassen wir das, bevor ich noch anfange, Dir von meinen Knie-, Kreuz- und Zahnschmerzen zu berichten.
Ständig Probleme mit den Zähnen hattest Du ja schon mit siebenundzwanzig. Ich weiß noch, wie eines unserer intimen Rendezvous beinahe einer noch nicht abgeschlossenen Wurzelbehandlung zum Opfer gefallen wäre. „Mein Stecher hat stechende Zahnschmerzen“, habe ich zum Hotelportier gesagt. „Dann wünsche ich eine gute Besserung“, hat er geantwortet, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich dachte er schon an die zehn Mark Trinkgeld (damals nicht gerade wenig), die er bei meiner Abreise wieder bekommen würde. „Unanständige“ Formulierungen wie diese fand ich witzig und kann ihnen auch heute noch etwas abgewinnen. Mit einem Dutzend Spalttabletten ging die Sache mit dem Stechen und Gestochenwerden dann aber doch besser als erwartet.
Natürlich hatte mir auch schon vor meiner unbedachten Bemerkung gegenüber dem Portier niemand in diesem Hotel in Garmisch-Partenkirchen abgenommen, dass Du tatsächlich der in Oberammergau lebende Sohn meiner älteren Schwester bist, den ich alle paar Wochen besuche, um mir von ihm die kunsthistorisch interessanten Orte der Umgebung zeigen zu lassen. „Ich schreibe nämlich ein Buch über den Hochbarock im Ammergau“, habe ich behauptet, „und es ist besser, wenn man uns dort, wo er lebt und arbeitet, nicht regelmäßig zusammen sieht. Sie wissen ja, wie die Leute auf dem Land sind. Dass ich nur seine Tante und nicht seine heimliche Geliebte bin, glaubt uns in Oberammergau kein Mensch.“ Im zweiten Jahr unserer regelmäßigen Hotelaufenthalte hat mich der Empfangschef perfiderweise einmal gefragt, wann mein Buch denn nun erscheinen werde, er würde sich gerne ein Exemplar kaufen und von mir signieren lassen.
Unsere heimlichen Treffen waren damals für mich unheimlich wichtig. Ich habe mit Dir nie darüber gesprochen und will auch jetzt nicht ins Detail gehen. Ich sage nur: Wod- und Psychopharmaka. Die Affäre mit Dir, die für mich keine Affäre, sondern (heute kann ich es Dir ja gestehen) eine Liebesbeziehung gewesen ist, bewahrte mich fünf Jahre lang vor dem Absturz ins Bodenlose. Berthold wusste im Grunde Bescheid, aber offen darüber gesprochen haben wir nie. Er hatte seine Geheimnisse und ich hatte meine. Das Arrangement funktionierte gut, solange wir nicht darüber sprachen. Heute müssen immer „Vereinbarungen“ getroffen werden. Wir hatten auch eine Vereinbarung, aber eine unausgesprochene.
Ich erfand teilweise abenteuerliche Geschichten, die erklären sollten, warum ich am kommenden Wochenende mal wieder für zwei Nächte nicht da sein würde. Berthold hörte mir aufmerksam zu und tat so, als würde er mir glauben, dass ich mit einer Freundin nach Bad Tölz fahre, um deren Tochter aus erster Ehe nach einem Reitunfall im Krankenhaus zu besuchen. Nach und nach wurden die Plots meiner Drehbücher immer komplizierter und Bertholds Zwischenfragen immer spitzfindiger. Wir hatten wohl beide unseren Spaß an den Lügenmärchen, die ich ihm spätestens am Mittwochabend auftischte, wenn ich am Freitag zu Dir in den Ammergau fahren wollte. Er hatte dann noch ein oder zwei Tage Zeit, um eigene Wochenendtermine zu vereinbaren.
Auf Deiner Homepage habe ich gelesen, dass Du im Herbst 1962 die Meisterprüfung abgelegt und im darauffolgenden April in Karlsruhe ein eigenes Geschäft eröffnet hast. Unser letztes Tête-à-tête hatten wir im September davor. Beim Abschied hast Du mich dann mit der Mitteilung überrascht, dass wir unsere ehebrecherische Affäre, wie Du es nanntest, beenden müssten. Antonia habe nun doch noch Verdacht geschöpft und außerdem müsstest Du Dich auf die Arbeit an Deinem Meisterstück, einem Christopherus mit Christuskind, konzentrieren. Mit einem „Mach’s gut, Dorothea“ bist Du in Oberammergau aus dem Auto ausgestiegen und hast mich einfach so darin sitzen lassen. Ein paar Minuten lang war ich sprach- und fassungslos. Dann habe ich „mach’s besser, Tobias“ gemurmelt, habe den Motor gestartet und bin davongefahren. Dass ich heil nach Aalen zurückgekommen bin, grenzt an ein Wunder. Mit Berthold habe ich danach eine Woche lang kein Wort gesprochen. Er machte sich ernstlich Sorgen um mich.
Wie Du weißt, habe ich Dir, nachdem Du unsere Garmisch-Partenkirchener Passionsspiele für beendet erklärt hattest, nicht mehr geschrieben. Erst am 31. Dezember desselben Jahres habe ich noch einmal einen Brief an Dich abgeschickt. Da ich wie immer keinen Absender angab, weiß ich nicht, ob er Dich noch erreicht hat. Von Berthold erfuhr ich im Januar 1963, dass er von Deiner Mutter, seiner „alten Freundin Klara Trost“, erfahren habe, dass Du wieder in Karlsruhe bei Deiner Familie bist.
Wenn Du Lust hast, schreib mir mal. Schreiblust meine ich. Ob es Dich mit Deinen 70 Jahren noch nach Sex gelüstet, weiß ich nicht. Aber wenn, dann bestimmt nur mit einer, die mindestens elf Jahre jünger ist als Du und nicht, wie ich, elf Jahre und viereinhalb Monate älter.
Eingangs habe ich geschrieben, dass es die angeblich oder tatsächlich herannahende Jahrtausendwende gewesen sei, die mich veranlasst hat, Dir diese E-Mail zu schreiben. Der wahre Auslöser war aber, dass ich vorhin bei der Durchsicht meiner Plattensammlung auf einen alten Song von Leo Sayer gestoßen bin, vielleicht kennst Du ihn: „I Can’t Stop Loving You (Though I Try)“!
Dorothea!
P. S.: Der Titel auf der B-Seite der Single heißt „No Looking Back“.
Auf dem Weg zum Bahnhof wackelte unlängst vor mir so ein göttliches kleines Menschlein einher. Es bewegte sich tendenziell in dieselbe Richtung wie ich. Denn so etwas wie Richtung scheint es zunächst bei allem Eifer des anfänglichen Strebens nur als vage Orientierung zu geben. Hinter ihm schritt achtsam lenkend eine andere Mama Maia. Noch so ein Hermes, dachte ich, als ich das Blut von seinen, des Menschleins Händen tropfen sah. Wo mag er seine Lyra gelassen haben? Hat er sie schon an seinen großen, wenn auch nur halben Bruder Apollon als musisches Entgelt für die getöteten Rinder überwiesen? Von denen weit und breit nichts zu sehen war. Nur zwei Bullen in einem Streifenwagen fuhren vorbei. Uns entgegen eilte Papa Zeus, den Blick stur geradeaus gerichtet. Für dieses Mal hatte er sich in einen Hochgeschwindigkeits-Biker in voller Straßenkampf-Montur verwandelt. Gehweg hieß für ihn nur: geh weg! Und er kannte weder Hermes noch Maia. Erkennen wollte er heute einzig Persephone, seine und seiner Schwester Demeter Tochter.
Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“ weitere Leseproben hier
MYTHENLESE „Mit ironischen Schlenkern erzählt Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“ (Georg Patzer, Badisches Tagblatt)