Es atmet, also ist es

Im Anfang war übrigens ein einziges Chaos. Aber als es in diesem form- und gestaltlosen Chaos zu atmen begann, entstand bei jedem Ausatmen der Himmel und bei jedem Wiedereinatmen Zug um Zug die Erde. So etwa könnte es gewesen sein. Ein folgenreicher Anfang war demnach erst gemacht, als das Atmen zu atmen begonnen hatte und damit Gaia, die Erde ward, die beim Ausatmen über sich den Himmel Uranos exspirierte oder auch gebar. Als alles anfing, war es mit der Gestaltlosigkeit vorbei. Und mit dem Ende der allgemeinen Formlosigkeit begann das fortan Strukturierte sein Eigenleben zu führen, wovon sich Geschichten erzählen lassen. Der mythische, der erzählbare Kosmos, ist der Kosmos, der zu atmen begonnen hat.

Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“, Norderstedt (BoD) 2021, S. 15
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In No Time

Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.

Legte diesen Doppelsatz ChatGPT mit der Bitte um Kommentierung vor und erhielt als instantane Reaktion eine erstaunlich durchdacht wirkende Entfaltung der zu bedenkenden Implikationen.

Nun wartet sie (die KI) auf meine Antwort auf ihre Analyse und die abschließend von ihr gestellte Frage, dachte ich (falls man diesen neurologischen Reflex einen Gedanken nennen kann). Und bedachte dabei nicht, dass die KI keine Zeit und also auch kein Warten kennt. Sie antwortete mir „in no time“ und meine Reaktion darauf, falls es eine solche geben wird, wird aus ihrer Sicht (falls es eine solche gibt) gleichfalls „in no time“ erfolgt sein. Die einzige für die KI relevante Zeit ist die von ihr nicht wahrgenommene Rechenzeit. Eine andere Zeit gibt es für die darin Gott Ähnliche nicht.

ChatGPT zu meiner Frage, ob Astrologie ein Zweig der Mythologie sei

Wie findest Du diese These: Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.

Die These ist geistreich – und sie trifft etwas sehr Wesentliches. Aber sie ist zugleich verkürzend.

1. Warum die These viel für sich hat

Tatsächlich sind die Planeten­namen und ihre Bedeutungsfelder tief in der Mythologie verwurzelt:

  • Mars steht für Kampf, Durchsetzung, Aggression.
  • Venus für Liebe, Anziehung, Harmonie.
  • Merkur für Sprache, Handel, Vermittlung.
  • Saturn für Zeit, Grenze, Ernst.
  • Jupiter für Expansion, Sinn, Ordnung.

Diese Zuordnungen sind keine willkürlichen Etiketten. Die astrologischen Bedeutungen sind über Jahrhunderte hinweg in engem Dialog mit den jeweiligen Mythen gewachsen. In diesem Sinn könnte man tatsächlich sagen: Astrologie arbeitet mit mythologischen Archetypen am Himmel.

Gerade wenn man – wie Du es in früheren Gesprächen formuliert hast – den Kosmos als „Bedeutungsgefüge“ versteht, dann erscheinen die Planeten als Projektionsflächen mythischer Sinnbilder.

2. Warum Astrologie nicht einfach Mythologie ist

Und doch geht Astrologie über Mythologie hinaus:

Mythologie erzählt Geschichten.
Astrologie arbeitet mit strukturierten Entsprechungen.

Astrologie enthält:

  • mathematisch-astronomische Berechnungen
  • ein systematisches Häusersystem
  • Aspektlehre
  • ein komplexes Regelwerk mit innerer Logik

Das unterscheidet sie von bloßer Mythenerzählung. Sie ist eher eine symbolische Kosmologie mit Berechnungsmethode.

Man könnte sagen:

Mythologie liefert die Bilder –
Astrologie ordnet sie in ein formales Zeit- und Raumraster ein.

3. Ein philosophischer Blick

Die spannende Frage lautet:
Sind Mythen nur kulturelle Erfindungen – oder Ausdruck universaler Strukturprinzipien?

Wenn man (etwa im Sinne einer archetypischen Psychologie) annimmt, dass Mythen Grundmuster menschlicher Erfahrung ausdrücken, dann wäre Astrologie so etwas wie:

eine zeitlich codierte Mythologie

Oder noch präziser:
eine Hermeneutik mythischer Zeitqualitäten.

4. Eine mögliche Präzisierung Deiner These

Statt zu sagen „Astrologie ist ein Zweig der Mythologie“, könnte man vielleicht formulieren:

  • Astrologie ist die systematische Anwendung mythischer Archetypen auf Zeitzyklen.
  • Astrologie ist Mythologie in astronomischer Form.
  • Astrologie ist eine symbolische Grammatik des Himmels, deren Vokabular aus Mythen stammt.

Mich würde interessieren:
Meinst Du mit Deiner These eher eine kulturgeschichtliche Ableitung (historisch entstanden aus Mythos) oder eine erkenntnistheoretische Aussage (Astrologie ist im Kern mythologisches Denken)?

Passionsspiele – Roman in Briefen (Folge 5)

Oberammergau, 2. November 1956

Liebe Toni, mein liebes Herz!

Gestern konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich auch am Allerheiligen-Feiertag von morgens bis abends geschnitzt habe. Ich muss vorerst noch schnitzen und nochmals schnitzen, um neben diesen routinierten Handwerkern nicht allzu alt auszusehen, wo ich doch mit meinen 27 Jahren noch zu den Jüngeren gehöre. Immerhin komme ich schon auf 75 Mark pro Woche und hoffe, in ein bis zwei Wochen wie die Anderen meine 100 Mark verdienen zu können. Von der schönen Landschaft bekomme ich dabei vorerst noch nicht viel zu sehen. Aber vielleicht erzähle ich mal von Anfang an, wie es mir ergangen ist.

Die Eisenbahnfahrt über München war regnerisch und trüb. In Murnau musste ich in einen Bus umsteigen und dann ging es die letzten zwanzig Kilometer durch das tief verschneite Land bis Oberammergau. Ich hatte mal wieder Kopfschmerzen und steuerte mit meinen beiden Koffern gleich ins nächste Gasthaus. Ein leicht dusseliges Gefühl im Kopf hat mich übrigens bis heute nicht verlassen. Das Klima im Voralpenland ist anscheinend für einen, der aus der Rheinebene kommt und zu Kopfschmerzen neigt, ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Ich nahm mir also für die erste Zeit ein Hotelzimmer und ging noch am selben Abend einige Meister besuchen. Arbeit hätten sie überall für mich gehabt, aber keinen Arbeitsplatz. Bis ich dann zu Kurtz selig Erben kam, wo ich zur Probe angenommen wurde. Es ist das älteste und bekannteste Verlagshaus am Ort und ich glaube, dass ich hier genau richtig bin. Das Geschäft hat fünf oder sechs große Werkstätten, in denen die einen Christusfiguren, die anderen Madonnen und wieder andere Altäre, Holzgrabmale oder profane Schnitzereien herstellen – also alles das, was ich lernen oder wenigstens näher kennenlernen möchte. Und schnitzen können diese Leute, das ist zum Staunen.

Ja und dann kam der Dienstag, an dessen Abend mir der Meister sagte, dass ich bleiben könne. Das ist erst drei Tage her, aber mir kommt es so vor, als wären seither drei Wochen vergangen. Er gab mir auch eine Adresse, wo ich schlafen könne. Und so zog ich gleich um. Meine Zimmerwirtin, sie heißt Aloisia Strauß, sieht aus wie Frau Bauer in Bulach, in deren Keller immer noch mein erster großer Kruzifixus darauf wartet, von mir abgeholt zu werden. Der kann natürlich seinen Oberammergauer Doppelgängern nicht das Wasser und schon gar nicht den Wein reichen. Mit mir im Zimmer schläft noch ein junger Mann, mit dem ich mich gut verstehe. Er ist aus dem Rheinland und auch Schnitzer. Aber das Beste an ihm ist, dass er hier eine Braut hat, bei der er übernachten kann, wenn Du mich besuchen kommst.

Meine Kollegen sind fast alle in meinem Alter. Einer ist vierzig, ein anderer um die sechzig. Es gibt viel Gaudi während der Arbeit. Das Radio spielt dazu und manchmal wird es mir ein bisschen zu viel. In meinem Bulacher Keller habe ich immer ganz alleine vor mich hin geschnitzt. Anders als in Karlsruhe, wo das Holz in die Hobelbank eingespannt wird, hält man hier den Herrgott in der Hand und schnitzt im Sitzen. Dabei arbeitet man meistens mit dem Schnitzmesser und nur selten mit den anderen Schnitzeisen. Das war natürlich neu und eine große Umstellung für mich. Es ist aber viel bequemer und ich kann viel schneller und sauberer arbeiten.

Man kommt und geht hier wie man will und es wird dann schon neun oder halb zehn, bis am Abend der Letzte sein „Pfiati“ sagt, das bedeutet soviel wie „Gott behüte dich“. Frag mich nicht, wie daraus ein „Pfiati“ oder „Pfiat di“ werden konnte, aber sie haben es mir so erklärt. Am Sonntag, oder auch an einem Feiertag wie gestern, wird nach der Kirche weiter geschnitzt bis zum Nachmittag. Und wenn sie nicht schnitzen, sitzen sie so da und die Frauen sind manchmal auch dabei. Sie gehen sehr freundschaftlich miteinander um und strahlen dabei diese bayerische Gemütlichkeit aus, so dass ich das Durcheinander einigermaßen gut ertragen kann.

Es ist Freitagabend und geht auf zwölf. Ich bin immer noch in der Werkstatt. Sicher liegst Du schon im Bett, nur leider nicht in meinem, sonst wäre ich jetzt auch nicht mehr hier bei meinen hölzernen Leidensgenossen. Zwar hat man mich nicht gekreuzigt, aber ans Kreuz geschlagen fühle ich mich trotzdem. Das ist auf Dauer kein Zustand.

Sei gegrüßt und geküsst von Deinem

Tobias!

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Passionsspiele – Roman in Briefen (Folge 4)

Oberammergau, 30. Oktober 1956

Meine liebe Toni!

Kurz ein paar Zeilen, dass ich gut angekommen und auch schon in Lohn und Brot bin, wobei der Lohn ein Stücklohn und das Brot zum Glück nicht immer nur Brot ist. Kurtz selig Erben, mein Arbeit- oder besser: Arbeitsplatzgeber, beschäftigt außer mir noch ungefähr dreißig andere Schnitzer. Ich bin den Herrgottschnitzern zugeteilt worden und fühle mich im Kreis von sieben Kollegen, lauter Christus-Spezialisten (alle ohne Theologiestudium), recht wohl. Man arbeitet so lange wie man will und wird pro Herrgott bezahlt. Das Ganze nennt sich Verlagswesen und läuft darauf hinaus, dass ich halb vertraglich gebundener Facharbeiter, halb selbständiger Unternehmer bin. Natürlich tue ich mich als Anfänger noch schwer, aber es wird schon werden.

Ein Zimmer habe ich inzwischen auch gefunden. Es kostet mit Frühstück und Wäschewaschen 30 Mark, was nicht viel ist, wenn man bedenkt, dass allein für das Frühstück bei meinem Hunger und Kaffeedurst jeden Tag an die 40 Pfennig anzusetzen sind. Am Donnerstag schreibe ich Dir mehr.

Sei gegrüßt, geküsst und umarmt von Deinem

Tobias!

Grüße und küsse auch unseren Buben, der sich jetzt vielleicht darüber wundert, dass der Papa ihn bei diesem schönen Wetter nicht im Kinderwagen durch den Stadtgarten schiebt. Kann er jetzt schon laufen? Bei meiner Abreise vor drei Tagen hat er ja gerade die ersten Gehversuche gemacht. So als ob er mit mir kommen wollte.

Nochmals Ade und bis bald!

Zu allen bisher veröffentlichten Folgen

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