Hab von Herzen Dank für Deine beiden lieben Briefe und das „süße“ Päckchen. Du machst Dir Gedanken über meine berufliche Zukunft und fragst Dich (und mich), ob ich womöglich auf einen Holzweg geraten bin. Nun, falls sich eines Tages zeigen sollte, dass mein Weg des Holzes, wie die Asiaten sagen würden, ein Holzweg gewesen ist, so wird dieser Holzweg doch mein Holzweg gewesen sein. Um mit Martin Luther zu sprechen: ihn gehe ich, ich kann nicht anders. Natürlich habe ich manchmal Zweifel. Aber meistens bin ich zufrieden und glücklich mit meiner Entscheidung.
Meine Arbeit macht gute Fortschritte. Neben mir sitzt ein Bild von einem Bildhauer und schnitzen kann er wie kein zweiter. Mit seinen vierzig Jahren ist er der Beste hier in der Werkstatt und darüber hinaus einer der ersten Herrgottschnitzer im Ammergau. Dabei ist er ruhig und bescheiden. Bei meinem Lehrmeister in Karlsruhe habe ich gelernt, wie man Schnitzeisen und Klüpfel richtig hält. Von ihm lerne ich jetzt, wie man damit schnitzt.
Heute Nachmittag hatte ich von dem tagelangen Sitzen in der Werkstatt mehr als genug. Also bin ich auf den Kofel gestiegen, das ist der Oberammergauer Hausberg, den Du auf einer der Ansichtskarten, die ich Dir geschickt habe, im Hintergrund sehen kannst. So ein herrlicher Rundblick! Ich wäre gerne noch länger oben geblieben, aber die einbrechende Dämmerung zwang mich zum Abstieg. Auf dem Gipfel ist ein großes Kruzifix aufgestellt mit der Inschrift: „Denn des Herrn Augen schauen alle Lande, daß er stärke die, so von ganzem Herzen an ihm sind.“ Das stammt aus dem zweiten Buch der Chronik. Ich habe die Stelle in meiner kleinen Taschenbibel nachgeschlagen. Daran anschließend heißt es dort weiter: „Du hast töricht getan, darum wirst du auch von nun an Kriege haben.“ Habe ich töricht gehandelt und werden wir von nun an nicht mehr im Ehebett, sondern stattdessen im Ehe-Krieg miteinander liegen? Ich bete zu Gott, dass er uns die Kraft gibt, eine friedliche und harmonische Lösung zu finden.
Wir steigen einmal zusammen hinauf und dann wirst Du sehen, dass das Wort vom Glück der Berge kein leeres Gerede, sondern die lautere Wahrheit ist. Bei diesem „Gipfelsturm“ auf den Kofel (das ist ein altes Wort für Bergspitze) war ich glücklich und diese Empfindung hatte nichts mit „Wochenend und Sonnenschein“ zu tun, das ging viel tiefer. Ich hatte das Gefühl, vor langer Zeit schon einmal hier gewesen zu sein, und dass ich damals der war, der ich auch heute wieder sein sollte und sein könnte. Das wirst Du wahrscheinlich nicht verstehen, aber ich versteh’s ja selber nicht. Jedenfalls ist meine Lernbegierde unendlich groß und hier findet sie reichlich Nahrung. Ich habe vor, auf der Schnitzschule im Ort Abendkurse zu belegen, falls das möglich ist. So geht es mir hier in Oberammergau alles in allem doch viel besser als auf dem Bau oder in irgendeiner Fabrik. Zudem würde ich dort viel weniger verdienen. Welcher einfache Arbeiter kommt schon auf 100 Mark pro Woche? Als ich vor drei Jahren in Aalen meine Zeit in der Ziegelei vertan habe, war ich schon froh, wenn ich am Samstag 50 Mark in der Lohntüte hatte. Und dafür hatte ich mich fünf Tage lang mit Dachziegeln herumplagen müssen.
Mit dem Arbeitseifer ist es hier übrigens nicht so gut bestellt, wie ich zunächst dachte. Die vorangegangene Kirchweihtage waren der Grund dafür, dass sie in der ersten Woche alle so fleißig gewesen sind. Weil sie da so oft blau gemacht hatten, mussten die Kollegen das Versäumte nachholen und bis in die Nacht hinein nachsitzen und nachschnitzen.
Jetzt hast Du aber genug hinterwäldlerisches Gequassel ertragen müssen. Wie geht es Dir mit unserem Peter? Nicht einmal ein Bild habe ich von Euch beiden. Bitte schick mir doch eines oder am besten gleich mehrere. Fehle ich ihm? Ich denke jetzt oft an meine eigene, weitgehend vaterlose Kindheit und frage mich, wie es wohl kommt, dass sich das hier und heute wiederholen muss. Aber muss es sich denn wiederholen? Es gäbe ja immer noch die Möglichkeit, dass Du mit ihm hier bei mir in Oberammergau lebst. Zwar herrscht im Ort wegen der vielen Gäste aus dem Ausland ein gewisser Wohnungsmangel, aber in einem der Nachbarorte würden wir sicher etwas finden. Denk bitte noch einmal darüber nach. Und denk dabei nicht nur an Dich, sondern auch an unseren Buben. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich nach Karlsruhe zurückkommen kann. So eine Meisterprüfung macht man nicht mal so eben nebenbei. Und schließlich muss ich auch ein paar (ich glaube, es sind drei) Jahre Berufserfahrung nachweisen können, um überhaupt zur Prüfung zugelassen zu werden.
Jetzt bin ich auf der zweiten Seite des zweiten Blatts angekommen und will kein drittes anfangen. Toni, wir haben einen Bund geschlossen und einander versprochen, dass wir uns lieben werden, so lange das Leben währt. Und dass wir einander die Treue halten wollen, was immer da kommen möge, ganz gleich, „ob es uns aufbewahrt ist, dass wir in Vereinigung die Sonne und den Himmel genießen, oder ob jedes allein zu beiden emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann“, wie es bei Adalbert Stifter heißt, dessen „Nachsommer“ ich gerade zum zweitenmal lese. Ob das eine oder das andere der Fall sein wird, hängt ebenso von Dir wie von mir ab.
Im Anfang war übrigens ein einziges Chaos. Aber als es in diesem form- und gestaltlosen Chaos zu atmen begann, entstand bei jedem Ausatmen der Himmel und bei jedem Wiedereinatmen Zug um Zug die Erde. So etwa könnte es gewesen sein. Ein folgenreicher Anfang war demnach erst gemacht, als das Atmen zu atmen begonnen hatte und damit Gaia, die Erde ward, die beim Ausatmen über sich den Himmel Uranos exspirierte oder auch gebar. Als alles anfing, war es mit der Gestaltlosigkeit vorbei. Und mit dem Ende der allgemeinen Formlosigkeit begann das fortan Strukturierte sein Eigenleben zu führen, wovon sich Geschichten erzählen lassen. Der mythische, der erzählbare Kosmos, ist der Kosmos, der zu atmen begonnen hat.
Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“, Norderstedt (BoD) 2021, S. 15 Weitere Leseproben hier
Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.
Legte diesen Doppelsatz ChatGPT mit der Bitte um Kommentierung vor und erhielt als instantane Reaktion eine erstaunlich durchdacht wirkende Entfaltung der zu bedenkenden Implikationen.↗
Nun wartet sie (die KI) auf meine Antwort auf ihre Analyse und die abschließend von ihr gestellte Frage, dachte ich (falls man diesen neurologischen Reflex einen Gedanken nennen kann). Und bedachte dabei nicht, dass die KI keine Zeit und also auch kein Warten kennt. Sie antwortete mir „in no time“ und meine Reaktion darauf, falls es eine solche geben wird, wird aus ihrer Sicht (falls es eine solche gibt) gleichfalls „in no time“ erfolgt sein. Die einzige für die KI relevante Zeit ist die von ihr nicht wahrgenommene Rechenzeit. Eine andere Zeit gibt es für die darin Gott Ähnliche nicht.
Wie findest Du diese These: Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.
Die These ist geistreich – und sie trifft etwas sehr Wesentliches. Aber sie ist zugleich verkürzend.
1. Warum die These viel für sich hat
Tatsächlich sind die Planetennamen und ihre Bedeutungsfelder tief in der Mythologie verwurzelt:
Mars steht für Kampf, Durchsetzung, Aggression.
Venus für Liebe, Anziehung, Harmonie.
Merkur für Sprache, Handel, Vermittlung.
Saturn für Zeit, Grenze, Ernst.
Jupiter für Expansion, Sinn, Ordnung.
Diese Zuordnungen sind keine willkürlichen Etiketten. Die astrologischen Bedeutungen sind über Jahrhunderte hinweg in engem Dialog mit den jeweiligen Mythen gewachsen. In diesem Sinn könnte man tatsächlich sagen: Astrologie arbeitet mit mythologischen Archetypen am Himmel.
Gerade wenn man – wie Du es in früheren Gesprächen formuliert hast – den Kosmos als „Bedeutungsgefüge“ versteht, dann erscheinen die Planeten als Projektionsflächen mythischer Sinnbilder.
2. Warum Astrologie nicht einfach Mythologie ist
Und doch geht Astrologie über Mythologie hinaus:
Mythologie erzählt Geschichten. Astrologie arbeitet mit strukturierten Entsprechungen.
Astrologie enthält:
mathematisch-astronomische Berechnungen
ein systematisches Häusersystem
Aspektlehre
ein komplexes Regelwerk mit innerer Logik
Das unterscheidet sie von bloßer Mythenerzählung. Sie ist eher eine symbolische Kosmologie mit Berechnungsmethode.
Man könnte sagen:
Mythologie liefert die Bilder – Astrologie ordnet sie in ein formales Zeit- und Raumraster ein.
3. Ein philosophischer Blick
Die spannende Frage lautet: Sind Mythen nur kulturelle Erfindungen – oder Ausdruck universaler Strukturprinzipien?
Wenn man (etwa im Sinne einer archetypischen Psychologie) annimmt, dass Mythen Grundmuster menschlicher Erfahrung ausdrücken, dann wäre Astrologie so etwas wie:
eine zeitlich codierte Mythologie
Oder noch präziser: eine Hermeneutik mythischer Zeitqualitäten.
4. Eine mögliche Präzisierung Deiner These
Statt zu sagen „Astrologie ist ein Zweig der Mythologie“, könnte man vielleicht formulieren:
Astrologie ist die systematische Anwendung mythischer Archetypen auf Zeitzyklen.
Astrologie ist Mythologie in astronomischer Form.
Astrologie ist eine symbolische Grammatik des Himmels, deren Vokabular aus Mythen stammt.
Mich würde interessieren: Meinst Du mit Deiner These eher eine kulturgeschichtliche Ableitung (historisch entstanden aus Mythos) oder eine erkenntnistheoretische Aussage (Astrologie ist im Kern mythologisches Denken)?
Gestern konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich auch am Allerheiligen-Feiertag von morgens bis abends geschnitzt habe. Ich muss vorerst noch schnitzen und nochmals schnitzen, um neben diesen routinierten Handwerkern nicht allzu alt auszusehen, wo ich doch mit meinen 27 Jahren noch zu den Jüngeren gehöre. Immerhin komme ich schon auf 75 Mark pro Woche und hoffe, in ein bis zwei Wochen wie die Anderen meine 100 Mark verdienen zu können. Von der schönen Landschaft bekomme ich dabei vorerst noch nicht viel zu sehen. Aber vielleicht erzähle ich mal von Anfang an, wie es mir ergangen ist.
Die Eisenbahnfahrt über München war regnerisch und trüb. In Murnau musste ich in einen Bus umsteigen und dann ging es die letzten zwanzig Kilometer durch das tief verschneite Land bis Oberammergau. Ich hatte mal wieder Kopfschmerzen und steuerte mit meinen beiden Koffern gleich ins nächste Gasthaus. Ein leicht dusseliges Gefühl im Kopf hat mich übrigens bis heute nicht verlassen. Das Klima im Voralpenland ist anscheinend für einen, der aus der Rheinebene kommt und zu Kopfschmerzen neigt, ein wenig gewöhnungsbedürftig.
Ich nahm mir also für die erste Zeit ein Hotelzimmer und ging noch am selben Abend einige Meister besuchen. Arbeit hätten sie überall für mich gehabt, aber keinen Arbeitsplatz. Bis ich dann zu Kurtz selig Erben kam, wo ich zur Probe angenommen wurde. Es ist das älteste und bekannteste Verlagshaus am Ort und ich glaube, dass ich hier genau richtig bin. Das Geschäft hat fünf oder sechs große Werkstätten, in denen die einen Christusfiguren, die anderen Madonnen und wieder andere Altäre, Holzgrabmale oder profane Schnitzereien herstellen – also alles das, was ich lernen oder wenigstens näher kennenlernen möchte. Und schnitzen können diese Leute, das ist zum Staunen.
Ja und dann kam der Dienstag, an dessen Abend mir der Meister sagte, dass ich bleiben könne. Das ist erst drei Tage her, aber mir kommt es so vor, als wären seither drei Wochen vergangen. Er gab mir auch eine Adresse, wo ich schlafen könne. Und so zog ich gleich um. Meine Zimmerwirtin, sie heißt Aloisia Strauß, sieht aus wie Frau Bauer in Bulach, in deren Keller immer noch mein erster großer Kruzifixus darauf wartet, von mir abgeholt zu werden. Der kann natürlich seinen Oberammergauer Doppelgängern nicht das Wasser und schon gar nicht den Wein reichen. Mit mir im Zimmer schläft noch ein junger Mann, mit dem ich mich gut verstehe. Er ist aus dem Rheinland und auch Schnitzer. Aber das Beste an ihm ist, dass er hier eine Braut hat, bei der er übernachten kann, wenn Du mich besuchen kommst.
Meine Kollegen sind fast alle in meinem Alter. Einer ist vierzig, ein anderer um die sechzig. Es gibt viel Gaudi während der Arbeit. Das Radio spielt dazu und manchmal wird es mir ein bisschen zu viel. In meinem Bulacher Keller habe ich immer ganz alleine vor mich hin geschnitzt. Anders als in Karlsruhe, wo das Holz in die Hobelbank eingespannt wird, hält man hier den Herrgott in der Hand und schnitzt im Sitzen. Dabei arbeitet man meistens mit dem Schnitzmesser und nur selten mit den anderen Schnitzeisen. Das war natürlich neu und eine große Umstellung für mich. Es ist aber viel bequemer und ich kann viel schneller und sauberer arbeiten.
Man kommt und geht hier wie man will und es wird dann schon neun oder halb zehn, bis am Abend der Letzte sein „Pfiati“ sagt, das bedeutet soviel wie „Gott behüte dich“. Frag mich nicht, wie daraus ein „Pfiati“ oder „Pfiat di“ werden konnte, aber sie haben es mir so erklärt. Am Sonntag, oder auch an einem Feiertag wie gestern, wird nach der Kirche weiter geschnitzt bis zum Nachmittag. Und wenn sie nicht schnitzen, sitzen sie so da und die Frauen sind manchmal auch dabei. Sie gehen sehr freundschaftlich miteinander um und strahlen dabei diese bayerische Gemütlichkeit aus, so dass ich das Durcheinander einigermaßen gut ertragen kann.
Es ist Freitagabend und geht auf zwölf. Ich bin immer noch in der Werkstatt. Sicher liegst Du schon im Bett, nur leider nicht in meinem, sonst wäre ich jetzt auch nicht mehr hier bei meinen hölzernen Leidensgenossen. Zwar hat man mich nicht gekreuzigt, aber ans Kreuz geschlagen fühle ich mich trotzdem. Das ist auf Dauer kein Zustand.
MYTHENLESE „Mit ironischen Schlenkern erzählt Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“ (Georg Patzer, Badisches Tagblatt)