Ein Wort zu meiner neuesten Smartphone-Zeichnung

Es gibt bei dieser Zeichnung eine formästhetische Ebene und eine intellektuelle, die man zur Not auch eine philosophische nennen könnte. Erstere erschließt sich durch die reflektierte unmittelbare Anschauung, letztere erst dann, wenn man den handwerklichen Entstehungsprozess mit in Betracht zieht.
     Denn die Linienführung ist nicht frei erfunden oder rein intuitiv erspürt, sondern folgt den von mir aufgrund meines Erkennen-Wollens erkannten Linien innerhalb einer zugrunde gelegten Fotografie, wobei der aufsteigende Linienverlauf mit der abgebildeten Realität immer nur ein Stück weit kongruent ist. Die Linie springt also vom Wegrand über auf den scheinbaren (da nur optisch vorhandenen) Rand des Baumstamms, um zuletzt Ästen und Blatträndern zu folgen (in diesem YouTube-Short sieht man, was gemeint ist).
     Nähert man sich der pseudo-philosophischen Interpretations-Satire, wenn man sagt: Diese Linien stehen symbolisch für die Einheit der Natur, die durch unseren mit Hilfe der Sprache (des Worts) analytisch gewordenen Blick („ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“) verloren gegangen ist?
     Aber warum zwei Linien, wenn eine als Trägerin der Symbolik ohne weiteres genügt hätte? Aus formästhetischen Gründen, denn schließlich reden wir hier über eine Zeichnung, also möglicherweise über ein Gebilde der bildenden Kunst. Kurz und analogisch gesagt: Erst wo eine zweite Tonfolge ins Spiel kommt, wird das Stück ästhetisch interessant, kommt es, um nur das Naheliegendste zu sagen, zur Möglichkeit von Harmonie und Disharmonie, Konsonanz und Dissonanz.
     Eine Linie ist Gymnastik, zwei Linien sind Tanz im Sinne von Tango und Pas de deux.

2026-05-24, UT 18:19, Tango

Sinn des Lebens

Die Frage nach dem Lebenssinn war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wie es scheint, noch nicht so virulent und das Suchen danach noch nicht so epidemisch verbreitet wie heute. In Adalbert Stifters „Nachkommenschaften“ (1864) verbindet der von der Landschaftsmalerei besessene Maler Friedrich Roderer mit seinem Tun, von dem er (wie er irrtümlich meint) niemals lassen werde: Wert und Reiz des Lebens „und was man Vergnügen, Freude, Wonne, Seelenfülle, Geistesbefriedigung, Daseinsabschluss und dergleichen nennt“. Kein „Sinn“ nirgends – oder eben (unausgesprochen) Sinn als der vielsagend nichtssagende Begriff, auf den sich „dergleichen“ bringen lässt. Statt im abstrakten Gedankennebel nach einem ominösen (ominosus: „voll von Vorbedeutungen“) Sinn zu tappen, sollten wir konkret werden, je konkreter, desto besser. Dann hört man auf zu suchen und fängt an zu finden.

Beiseite gesprochen: Philosophistisch gesehen ginge es am Ende um eine tätige (womöglich berufstätige) Begriffsexplikation, um die alltägliche Entfaltung des Sinn-Begriffs, die praktische Auseinander- und Offenlegung der in ihm enthaltenen „Vorbedeutungen“.

Zwei neue Shorts und etwas aus dem Video-Nähkästchen

Tatsächlich bin ich überrascht, wie gut nach meinem Empfinden in diesen Videos die „Musik“ zum filmischen Geschehen passt, ohne dass ich diese Kompatibilität willentlich herbeigeführt hätte (zugegeben: ein Minimum an Nachhilfe beim Timing konnte ich mir beim rechten Video nicht verkneifen). Für mich ist dieses ungeplante und unbeabsichtigte Zusammenfallen des mal mehr mal weniger Passenden die in solchen Fällen angemessene Form der „musikalischen Komposition“ – angemessener jedenfalls als jede komponierte Stimmigkeit im filmmusikalischen Sinn. Warum? Ich wage mal zu sagen: weil dabei die höheren Mächte ins Spiel kommen können, ohne den Umweg über meine Intuition machen zu müssen. Ich liebe die Offenheit des Nicht-willentlich-Herbeigeführten, des Unbeabsichtigt-Schönen (welches das Unbeabsichtigt-Unschöne mit einschließt). Darüber wäre noch viel zu sagen, aber noch nicht hier und noch nicht jetzt.

Zu meinem Telegram-Kanal

Mein Selbstgespräch auf Telegram mit eine paar diskret Zu- und einer Reihe von Weghörenden hat etwas im nicht-schläfrigen Sinn Beschauliches zwischen kritischer Reflexion und Nabelschau. Würde ich Ähnliches auf X machen, käme ich mir bescheuert vor. Denn das wäre so, als würde man an einer Autobahn stehend moderne Gedichte rezitieren. Bei Instagram ist es quasi umgekehrt: da wäre ich jemand, der seine Hosentaschen umstülpt vor einem Publikum, das goldene Uhren und schön geformte Muscheln erwartet, aber nicht zerknüllte Papiertaschentücher und verklebte Kopfhörerstöpsel. Warum für das meiste in der hier, also auf Telegram, vorliegenden Form YouTube nicht infrage kommt, ist eh klar. Die Gefahr dabei ist (ich bin jetzt gedanklich wieder am Anfang des Beitrags), dass ich wie früher nach dem dritten Bier allzu sehr ins Plaudern komme und aus dem Selbstgespräch ein Selbstgespräch im Selbstgespräch wird. Na und wenn schon? Prosit.

Drei YouTube-Shorts

„Never complain, never explain“, Ausnahmen bestätigen die Regel. Daher erlaube ich mir ausnahmsweise (ich tendiere immer mehr dazu, über meine „Kunst“ immer weniger zu sagen) ein paar erklärende Sätze zu meinen neuen YouTube-Shorts.
     Offensichtlich handelt es sich bei ihnen nicht um Meisterwerke, ja nicht einmal um Gesellenstücke, sondern allenfalls um Probearbeiten, um Versuche beziehungsweise um die zweifelhaften (sprich: mit Zweifeln behafteten) vorläufigen Ergebnisse meiner Suche nach neuen Wegen und Möglichkeiten. Der Versuchung, sie den Augen und Ohren der Öffentlichkeit preiszugeben, konnte und wollte ich nicht widerstehen, vielleicht eine Déformation professionelle, die ich mit vielen Künstlern teile, und die mit Professionalität wenig, mit meiner (wenn man es nicht so genau nimmt) Sonne-Venus-Mars-Konjunktion im zehnten Haus dafür um so mehr zu tun hat, wobei ich wenigstens nicht auch noch Löwe, sondern Gott sei Dank Jungfrau (also eigentlich Perfektionist) bin. Die leicht erkennbaren Mängel meiner Erzeugnisse will ich nicht leugnen, sondern studieren, um es beim nächsten Mal (denn der eingeschlagene Weg scheint mir kein Holzweg zu sein) vielleicht etwas besser zu machen.
     Zur visuellen Komponente der Videos vorläufig nur dies: Wenn man, wie ich derzeit, ausschließlich digital arbeitet, dann bietet es sich nach dem Vom-Hölzchen-aufs-Stöckchen-Prinzip an, mit den sich aus dem Arbeitsprozess ergebenden Möglichkeiten in einem benachbarten Genre spielerisch weiter zu jonglieren. Und der akustischen Komponente wäre vor allem dieser Disclaimer hinzuzufügen: BEI DEM, WAS SIE HIER HÖREN, HANDELT ES SICH NICHT UM MUSIK, SONDERN UM EINE ART GERÄUSCHKULISSE – THANK YOU FOR YOUR ATTENTION TO THIS MATTER.

Der Musikologe, Dirigent, Rundfunker (BR) und ich weiß nicht, was noch alles, Christoph Schlüren hat in einem seiner letzten Videos durchaus jungfräulich fein zwischen freier Tonalität, erweiterter Tonalität, Mikrotonalität, Atonalität, modaler Tonalität und Dur-Moll-Tonalität (habe ich was vergessen?) unterschieden. Die Begleit-„Musik“ zu meinen Shorts wäre, wenn man hier versuchsweise oder besser: spaßeshalber doch von Musik sprechen wollte, als schlecht ausgerüsteter Stoßtrupp (ich verkneife mir die Verwendung des Avantgarde-Begriffs) bei der Eroberung des freitonalen Raums zu bezeichnen.

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