Goethe und wir in Palermo

Eine Woche nach unserem Rückflug macht mich Palermo noch einmal von sich reden beziehungsweise schreiben, nachdem ich auf ein paar von mir am 27. August 2022 im wendländischen Nemitz notierte Sätze gestoßen bin: „Goethe in Palermo am 17. April 1787: ‚Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird!‘ Und: ‚Warum sind wir Neueren doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch erfüllen können!'“ Ja, warum eigentlich, aber das ist hier nicht die Frage. Rhetorisch zu fragen ist vielmehr: Warum bin ich nicht schon in Palermo darauf gekommen, einmal nachzusehen, wann Goethe sich in der Stadt aufgehalten hat!?
     Dann hätte ich nämlich festgestellt, dass er, genau wie wir, Anfang April (und gleichfalls kurz vor Ostern) angekommen und ein paar (in unserem Fall: ein Paar) Wochen später wieder abgereist ist – er, nach einer Sizilien-Rundreise, zurück nach Neapel und Rom, wir, hoch über Neapel und Rom hinweg, zurück nach Karlsruhe.
     Natürlich kam Goethe, 239 Jahre vor uns, am Nachmittag des 2. April 1787 mit dem Schiff und nicht mit dem Flugzeug in Palermo an. Während wir letzteres nur zu gerne wieder verließen, verweilten Goethe und sein Begleiter, der Maler Christoph Heinrich Kniep, auf ersterem so lange wie möglich, weil sich von seinem Deck aus so schön auf die Stadt und deren Umgebung blicken ließ. Den irgendwann doch nicht länger aufschiebbaren Um- und Einzug in die Stadt beschreibt Goethe so:
     „Durch die wunderbare, aus zwei ungeheuern Pfeilern bestehende Pforte, die oben nicht geschlossen sein darf, damit der turmhohe Wagen der heiligen Rosalia an dem berühmten Feste durchfahren könne, führte man uns in die Stadt und sogleich links in einen großen Gasthof. Der Wirt, ein alter behaglicher Mann, von jeher Fremde aller Nationen zu sehen gewohnt, führte uns in ein großes Zimmer, von dessen Balkon wir das Meer und die Reede, den Rosalienberg und das Ufer überschauten, auch unser Schiff erblickten und unsern ersten Standpunkt beurteilen konnten. Über die Lage unseres Zimmers höchst vergnügt, bemerkten wir kaum, dass im Grunde desselben ein erhöhter Alkoven hinter Vorhängen versteckt sei, wo sich das weitläufige Bett ausbreitete, das, mit einem seidenen Thronhimmel prangend, mit den übrigen veralteten stattlichen Mobilien völlig übereinstimmte. Ein solches Prunkgemach setzte uns gewissermaßen in Verlegenheit, wir verlangten, herkömmlicherweise Bedingungen abzuschließen. Der Alte sagte dagegen, es bedürfe keiner Bedingungen, er wünsche, dass es uns bei ihm wohl gefalle. Wir sollten uns auch des Vorsaals bedienen, welcher, kühl und luftig, durch mehrere Balkone lustig, gleich an unser Zimmer stieß.“
     Unsere Ankunft in der Via Albergheria 36 am Nachmittag des 31. März 2026 war nicht ganz so erhebend. Hier der entsprechende Auszug aus meinem Tagebuch:
     „In Palermo etwas Regen. Mit dem Taxi für 55 Euro vom außerhalb gelegenen Flugplatz in die Altstadt von Palermo. Mischung aus Theaterkulisse, Trümmerlandschaft und Elendsviertel. Müll und Gerümpel gleichmäßig verteilt. Enge Gassen. Unsere Wohnung im ersten OG (mit funktionierendem Lift) modern eingerichtet und relativ geräumig. Diele, Wohnküche, Schlafzimmer, Bad. Vermieter nicht anwesend, aber da wir genaue Instruktionen hatten, klappte alles gut. Während U. entspannte, ging ich durchs Gassenlabyrinth zum nächsten Supermarkt. Auf dem Weg dorthin eine Reihe von Marktständen, einige schon geschlossen, andere noch geöffnet. Gemüse, Fleisch, Käse und einiges mehr. Abfälle und Kram an jeder Ecke, eine tote Taube mitten auf dem Weg. Pittoresk, könnte man sagen. Der Supermarkt gleichfalls ein Labyrinth, nur indoors (in einem schäbigen Gebäude mittendrin). Das Publikum einheimisch, auf den Gassen aber immer wieder auch Touristen.“

Was uns nach Palermo geführt hat, bleibt Privatsache. Goethes Gründe für seine große Italienreise waren damals gleichfalls privater Natur, sind mittlerweile aber hundert- bis tausendfach öffentlich kolportiert, diskutiert und vermutlich auch promoviert (oder gar habilitiert) worden. Als er im September 1786, ein paar Tage nach seinem siebenunddreißigsten Geburtstag, erst eine Kur in Karlsbad und kurz darauf seine Zelte in Weimar abbrach, hatte er in mehrfacher Hinsicht die Nase voll. Seine Amtsgeschäfte als Minister für Kultus und Bergbau hinderten ihn schon seit Jahren am Dichten und Denken und Charlotte S. mit ihrem in Stein gemeißelten Nein trug auch nicht gerade dazu bei, dass Wolfgangs Ego und Johann(es) auf seine Kosten kamen. Jungfrau soll er vor der Italienreise ja nicht nur dem Tierkreiszeichen nach gewesen sein – danach dann nur noch.
     Als Goethe unter dem Pseudonym Johann Philipp Möller in Palermo ankam, hatte er ein halbes Reisejahr und ganz Kontinental-Italien hinter sich, wobei er die meiste Zeit in Rom geblieben war. Auf der Rückreise verweilte er abermals mehrere Monate in Rom, so dass es erneut Ostern wurde, bis der Weimaraner sich auf den Heimweg machte.
     Bereits auf der Hinreise hatte Goethe Charlotte von Stein gebeten, seine Briefe an sie abzuschreiben, alles allzu Persönliche wegzulassen und jedes „Du“ in ein „Sie“ umzuwandeln, um die Briefe alsbald veröffentlichen zu können, wozu er nach seiner Rückkehr aber keine Lust mehr hatte. Erst als er auf die 70 zuging, fand Goethe seine italienischen Notate wieder interessant genug, um sie im Zuge seiner autobiographischen Veröffentlichungen publik zu machen.

Erinnerung an ein nicht gelebtes Leben in Palermo

Sehr wahrscheinlich gibt es in Palermo Ecken und Winkel, wo sich auf Dauer schöner wohnen lässt als in der Via Albergheria, in der wir nun zwei Wochen lang ansässig gewesen sind. Winkel und Ecken, wo das Lärmen der Nachbarn ein erträgliches Maß höchstens einmal im Monat allenfalls zweimal am Tag überschreitet. Und wo so gut wie kein Müll auf den Straßen und Wegen liegt.
     Unter diesen Umständen lebte man gut und ein paar Jahre lang gerne in einer Stadt, in der man, wenn am Nachmittag (vorzugsweise am Wochenende) die Stimmung kippt, nur das Haus verlassen müsste, um der Trübsal ein Schnippchen oder sonstwas zu schlagen. Im Frühling, Sommer, Herbst und vermutlich auch im milden Winter kämen einem auf der Via Vittorio Emanuele auf einer Strecke von dreißig Metern mehr schöne Frauen entgegen als in Karlsruhe in dreißig Wochen nicht. Und als ob das nicht schon reichen würde, singt am Quattro Canto ein anderer Paolo Conte Songs, die Paolo Conte wahrscheinlich nie singen würde – „Autumn Leaves“ auf Italienisch rettet einem das Leben als solches auch und gerade im April. Und dann natürlich der zusätzlich vitalisierende Espresso, den man hier auf Schritt und Tritt zu sich nehmen kann.
     Um dieser Offenbarung teilhaftig zu werden, begibt man sich am besten in eine der Seitengassen, beispielsweise in die trotz ihres pompösen Namens heruntergekommen wirkende Via Generale Luigi Cadorna unweit der Cattedrale di Palermo, wo es einen kleinen Krimskrams-Laden mit Honig, Zahnpasta und Sonstwas in den Regalen gibt. In einer Ecke entdeckt man zu guter Letzt eine mickrige Maschine, daraus Tiefsinn, Trauer und Espresso rinnt, den einem der Inhaber für 50 Cent pro Portion in einem Pappbecher über die Ladentheke reicht.
     Wer nach so einem Wellness-Trip nicht Gott, Palermo und die Melancholie lobend nach Hause mäandert, dem ist in diesem Leben nicht zu helfen.

Dritter Akt, erste Szene

Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich werden soll. Bei der Abschlussprüfung hatte ich mir meine Zwei in Deutsch mit einem offenbar grandios verunglückten Aufsatz zum Thema Berufswahl (geht es dabei um die Selbstverwirklichung des Individuums oder um den Bedarf des Kollektivs?) versaut. Wie und warum ich schließlich Holzbildhauer (Meister im Holzbildhauerhandwerk) wurde, ist eine längere Geschichte, mit der ich an dieser Stelle niemanden schockieren will. Es werden dabei sowohl individuelle als auch kollektive Gründe eine Rolle gespielt haben.
     Nachdem ich dann eines Tages unversehens Rentner geworden war, holten mich im Verein mit den sich einstellenden Resümee-Gedanken die alten Zweifel an der Plausibilität meiner Berufswahl wieder ein. Dass mein Mond im Geburtshoroskop in den Fischen stehe, zeige an, dass ich mich schnell bei einer Sache langweile und das Gefühl von uneingeschränkter Freiheit brauche, um auf kreative Weise kreativ tätig zu sein, was zu einer permanenten Identitätskrise führen könne, las ich kürzlich bei Co-Star, der Astrologie-App meines Vertrauens.
     Mit dem Mond in den Fischen und der Jungfrau-Sonne ziemlich hoch oben im zehnten Haus gleich neben der Venus zu ihrer Linken und Mars (keine acht Grad entfernt) zur Rechten hatte ich mich neben der Holzschnitzerei im engeren (und für mich allzu engen) Sinn drei Jahrzehnte lang (also kurz) mit Bildhauerei im Allgemeinen und dem Schreiben von kunstkritischen und anderen Texten im Besonderen befasst. Mein beharrlich auf Struktur und Schwere bestehender Saturn im Skorpion (direkt am Aszendenten) hinderte mich nicht daran, schlecht honorierte Zeitungsartikel zu schreiben, eine Ressourcen fressende Kunstgalerie zu betreiben und ehrenamtlich als Vorsitzender des lokalen Kunstschaffenden-Vereins zu funktionieren. Dass ein kunstfokussierter Multitasker wie ich weder als Holzbildhauer und Künstler noch als selbständiger Unternehmer nennenswerte Resultate erzielen konnte, versteht sich beinahe von selbst. Mir wurde es erst so richtig klar, als ich mich in der Rolle des Rück- und Umschau haltenden Jungrentners fragte, wer ich eigentlich war und bin und zukünftig sein würde. Sähe ich mich heute durch das Aufgeben meiner beruflichen Tätigkeiten in der alten Form schon am Ende der Fahnenstange, würde ich womöglich wie Bertolt Brecht in „Der gute Mensch von Sezuan“ theatralisch konstatieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
     Offene Fragen gibt es tatsächlich einige, offene Rechnungen (sprich: alte und neue Verbindlichkeiten materieller und immaterieller Art) auch. Von „Vorhang zu“ kann also keine Rede sein. Und was ist der Neustart einer (dem Namen und der Adresse nach) alten Website anderes als der Beginn des nächsten Akts auf den Brettern des Internets, die mehr noch als die des alten Theaters die Welt bedeuten und für nicht Wenige beinahe schon sind.

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