Zu beneiden

“Wie ein Einsiedler lebte er in seiner Werkstatt und in seinen Gärten. Neue Bilder bedrängten ihn.” Otto Riedel: Der Bildschnitzer von Zwickau. Roman über den spätgotischen Künstler Peter Breuer. (Zuerst erschienen 1944)

Es sollen jauchzen alle Bäume im Walde

“Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist; / das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde / vor dem HERRN; denn er kommt, denn er kommt, zu richten das Erdreich. / Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit seiner Wahrheit.”

(Psalm 96, 11-13)

Innere Flächen und Spielfelder

Auf meiner Startseite behaupte ich, unter anderem auf dem oder einem Holz-Weg zu sein. Was ein Weg ist, setze ich, obwohl auch dazu manches zu sagen wäre (doch wozu wäre nicht manches zu sagen), als bekannt voraus. Aber was versteht man eigentlich unter “Holz”?

Der schweizerische Chemiker und Holzforscher Hans Heinrich Bosshard (1925-1996) bekennt sich im dritten Band seiner dreibändigen Holzkunde (1975, 1984) recht abstrakt zu der “grundlegenden Vorstellung, dass natives Holz ein morphologischer Ausdruck von Energie ist, der in der Konvertierung zum Holzmaterial in seinen hauptsächlichen Teilen erhalten bleibt.” (S. 115)

Als ein “bis ins Feinste durchstrukturierter Stoff” ist das Holzmaterial als “morphologischer Ausdruck von Energie” zugleich eine Welt für oder in sich. In Band 2 der Holzkunde erfährt man dazu Genaueres: “Das Holz ist ein poröser Mischkörper mit Mikroporen von der Grössenordnung von 1 µm [0,001 mm] bis 500 µm; es ist vorwiegend aufgebaut aus Zellulose, Hemizellulose und Lignin, mit Pektin in den Mittellamellen und pigmentierten oder farblosen Kernstoffen als Inkrusten in den Zellwänden der Kernholzpartien. Die Zellwände selbst sind durchsetzt von einem weitverzweigten Porensystem, das Kapillaren von der Grössenordnung von 1 nm [0,001 µm] bis 10 nm einschliesst.” (S. 206f.)

Und weiter: “Diese strukturellen Feinheiten bedingen eine enorm grosse innere Oberfläche, die nach F. F. P. KOLLMANN und W. A. CÔTÉ jr. (1968) für Zellulose mit 6 x 106 cm²/cm³ angegeben wird.” Anders gesagt: in einem Würfel Holz mit einer Kantenlänge von knapp 2,3 cm verbirgt sich nach Kollmann und Côté jr. ein ganzes Fußballfeld (105 x 68 m).

Koinzidenz bei steigenden Werten

Bei steigenden Inzidenzwerten kam es heute bei mir zu einer Rezeptions-Koinzidenz von Anstiegsmeldungen und Psalm 55 (“eine Unterweisung Davids, vorzusingen, beim Saitenspiel”), worin es heißt:

“Ich sprach: O hätte ich Flügel wie Tauben, daß ich wegflöge und Ruhe fände! / Siehe, so wollte ich in die Ferne fliehen und in der Wüste bleiben. SELA.”

Fiktionalität als formaler Disclaimer

Wenn ich mich als sogenannter Schriftsteller oder schreibender Mensch zu einem bestimmten Sachverhalt äußere, wirft man mir möglicherweise (und dann wahrscheinlich zu Recht) mangelnde Kompetenz vor. Wenn ich dagegen in jedem Satz meine persönliche Perspektive (im Hinblick auf Gott, mich selbst und die Welt) veröffentliche, also quasi zur Schau stelle, wird man mich unter Umständen der Egomanie oder des subjektivistischen Narzissmus’ zeihen (es sei denn, ich kleide meine eigenste Sicht der Dinge nach der neuesten Mode der “Kunst und Kultur schaffenden” Kreise). Der klassische Ausweg aus diesem Dilemma ist die erzählerische Erfindung von Figuren als Blitzableiter für Vorwürfe aller Art.

Dieser literaturtypische Haftungsausschluss, die Umleitung der inhaltlichen Verantwortlichkeit oder moralisch-ideologischen Zuständigkeit als Weiterleitung der Kritik an die Adresse einer fiktiven Person verschafft dem Autor die Freiheit der Kompetenzanmaßung und der äußersten Subjektivität als Mittel seiner literarischen Kunstfertigkeit. Wodurch ich allerdings keine auktoriale Generalimmunität erlange. Wenn ich jetzt in der Kritik stehe, dann aber als Literat und nicht als Verfasser von Sachtexten oder egozentrischen Bekenntnissen.

Als potentiell scheiternder Schreiber hat man demnach (mindestens) die Wahl, ob man als schwacher Literat, als inkompetenter Sachbuch-Autor oder als ideologisch oder idiosynkratisch verirrter Subjektivist gelten möchte.