Sehr wahrscheinlich gibt es in Palermo Ecken und Winkel, wo sich auf Dauer schöner wohnen lässt als in der Via Albergheria, in der wir nun zwei Wochen lang ansässig gewesen sind. Winkel und Ecken, wo das Lärmen der Nachbarn ein erträgliches Maß höchstens einmal im Monat allenfalls zweimal am Tag überschreitet. Und wo so gut wie kein Müll auf den Straßen und Wegen liegt.
Unter diesen Umständen lebte man gut und ein paar Jahre lang gerne in einer Stadt, in der man, wenn am Nachmittag (vorzugsweise am Wochenende) die Stimmung kippt, nur das Haus verlassen müsste, um der Trübsal ein Schnippchen oder sonstwas zu schlagen. Im Frühling, Sommer, Herbst und vermutlich auch im milden Winter kämen einem auf der Via Vittorio Emanuele auf einer Strecke von dreißig Metern mehr schöne Frauen entgegen als in Karlsruhe in dreißig Wochen nicht. Und als ob das nicht schon reichen würde, singt am Quattro Canto ein anderer Paolo Conte Songs, die Paolo Conte wahrscheinlich nie singen würde – „Autumn Leaves“ auf Italienisch rettet einem das Leben als solches auch und gerade im April. Und dann natürlich der zusätzlich vitalisierende Espresso, den man hier auf Schritt und Tritt zu sich nehmen kann.
Um dieser Offenbarung teilhaftig zu werden, begibt man sich am besten in eine der Seitengassen, beispielsweise in die trotz ihres pompösen Namens heruntergekommen wirkende Via Generale Luigi Cadorna unweit der Cattedrale di Palermo, wo es einen kleinen Krimskrams-Laden mit Honig, Zahnpasta und Sonstwas in den Regalen gibt. In einer Ecke entdeckt man zu guter Letzt eine mickrige Maschine, daraus Tiefsinn, Trauer und Espresso rinnt, den einem der Inhaber für 50 Cent pro Portion in einem Pappbecher über die Ladentheke reicht.
Wer nach so einem Wellness-Trip nicht Gott, Palermo und die Melancholie lobend nach Hause mäandert, dem ist in diesem Leben nicht zu helfen.

