Schreibtischrücken mit Thomas Mann

Thomas Manns Schreibtisch stand zwar am Fenster, und wenn man an ihm, dem Schreibtisch, saß, konnte man, also auch Mann, durch einfaches Heben des Kopfes oder auch nur des Blicks nach draußen schauen, doch war zwischen beiden, Schreibtisch und Fenster, ein gehöriger Abstand gelassen, wodurch ein ungehindertes Durchschreiten des Korridors zwischen Tischkante und Fensterbrett ohne weiteres möglich war.

Dem 27 Tage vor meiner Geburt Verstorbenen auch oder wenigstens darin folgend, habe ich heute meinen Schreib-Tisch ein wenig vom Fenster weg nach hinten in Richtung Zimmer-Mitte gerückt und vier Bücher-Kisten in den flachen, nischenartigen Raum unter dem Fensterbrett gestellt.

Wenn man Bäume „rückt“, dann werden sie über den Waldboden geschleift oder gezogen, wobei, wie ich gestern gelesen habe, Deutschlands Ober-Förster Peter Wohlleben das Rücken mit Hilfe eines Pferdes, soweit es sich machen lässt, dem Rücken unter Einsatz von schweren, geländegängigen Fahrzeugen vorzieht. Meinen Schreib-Tisch habe ich zwar auch gezogen oder geschleift, also wie einen Baumstamm gerückt, mich dafür aber weder eines Pferdes noch einer Zugmaschine bedient. Trotzdem hat dies Rücken von Hand unter Einsatz des restlichen Körpers meinem Rücken, wie ich hoffe, nicht geschadet. Und so weiter.

Wozu der ganze Aufwand des Tisch-Rückens unter Berufung auf Thomas Mann, gar unter Herbeirufung, um nicht zu sagen Beschwörung seines Geistes? Es schien mir richtig und wichtig und an der Zeit zu sein. Nicht nur deshalb, weil ich im Winter so dicht am Fenster sitzend an kalten Tagen immer kalte Füße und Beine bekommen habe und fraglos in Bälde wieder bekommen hätte. Sondern auch, und vielleicht vor allem, weil der Schreib-Tisch jetzt nicht mehr so an den Rand gedrängt dasteht, so als habe er halt, zwar nicht irgendwo, aber doch irgendwie, möglichst platzsparend untergebracht werden müssen.

Beim Vorliegen einer Raumforderung schwant dem medizinisch Bewanderte nichts Gutes. Wenn es aber ein Schreib-Tisch ist, der Platzbedarf anmeldet, gibt es zunächst keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Im gegebenen Fall verspreche ich mir von der räumlichen Demarginalisierung des Lese-und-schreib-Möbels im System unseres Mobiliars eine dem entsprechende und im übrigen längst überfällige Aufwertung meiner Lese- und Schreibtätigkeit im System meines Tuns und Lassens fortan. Amen.

Der Autor als selbstbestimmter Hinzufüger

Wer oder was bin ich, wenn ich Autor bin? Boris Groys antwortet: Dann bist du vor allem anderen jemand, der sich selbst autorisiert, das zu tun, was er tut; auctoro heißt: ich beschäftige und binde mich, setze mich ein, verdinge und verpflichte mich. Autor sein hat, wenigstens nach Groys (und welcher Autor wollte ihm da widersprechen), essentiell und existenziell zu tun mit Selbstbeauftragung und Selbstverpflichtung. Das ernst gemeinte und ernst zu nehmende auctorale Postulat richtet sich in erster Linie an oder auch gegen den, der es formuliert.

Dabei heißt auctor zunächst oder im Grunde nur der Mehrer. Wer dem Vorhandenen etwas bis dato noch nicht Vorhandenes hinzufügt, ist Autor in diesem Sinn. Wobei offen bleiben muss, kann, darf und soll, ob es sich um Hinzufügungen im Bereich des Geschriebenen, des bildhaft Gezeigten, des Hörbaren oder um eine Vermehrung der Bestände in einem anderen Bereich handelt. Auch wenn Boris Groys in der von ihm gegebenen Definition fortfährt, jeder Autor sei Kritiker, Kurator, Museum und Bibliothek seiner selbst, ist klar: als Autoren werden von ihm nicht nur die Verfasser von sprachlichen Texten angesprochen.

Relativ bekannt ist das Diktum des Philosophen Alfred North Whitehead, die ganze Philosophie bestehe eigentlich nur aus Fußnoten zu Platon. Mit anderen Worten: das Wesentlich ist immer schon gesagt (visualisiert, komponiert) worden. Der Rest ist Fußnote, Anmerkung, Postskriptum und Postpictum. Wenn in diese Rest-Kategorie aber auch die gesamte Philosophie nach Platon fällt, sind weitere Adjunktionen (wozu auch immer) vielleicht doch der Mühe wert.