Der Spiegel-Test

Der Stand der Dinge (gespiegelt) am 27. Juni 2020.

Beim Blick in den Spiegel stellt der „Nackte Mann“ erwartungsgemäß fest, dass er noch nicht fertig ist. Alle paar Tage eine Dreiviertelstunde – das wird wohl noch eine Weile dauern.

Nicht nur für ihn, sondern auch für mich ist der Spiegel-Blick informativ und hilfreich bei der Beantwortung der Frage nach dem wirklichen Stand der Dinge. Ich habe das erst vor kurzem zufällig bemerkt: Das Spieglein, Spieglein an der Wand (oder sonstwo) sagt mir, ob meine in Arbeit befindliche Arbeit wirklich die schönste im ganzen Land ist – wofür ich sie naturgemäß gerne halte. Oder ob diese Linie mit dem Schnitzeisen noch ein wenig nachgezogen, jene Kontur noch deutlicher herausgearbeitet werden muss und so weiter und so fort.

Woran liegt das? Der indirekte Blick auf ein flächiges Spiegel-Bild scheint mehr oder noch etwas anderes erkennen zu können als der direkte Blick auf das mit mir im selben Raum befindliche Objekt. Um es zu verallgemeinern: Der Spiegel entwirft eine Art reduziertes Modell meiner Figur; und an diesem Modell erfahre ich trotz oder wegen der Reduktion etwas über das Original, das ich an diesem selbst nicht ohne weiteres wahrnehmen kann.

Man zitiert mich

Hauptfriedhof Karlsruhe, Feld 11, „Kerzenhain“

Die von mir 2003 zum ersten Mal auf dem Karlsruher Hauptfriedhof („Mein letzter Garten“) realisierten Namensstämme (Eichenstämme oder Stammstücke mit den Namen der Verstorbenen, deren Asche in der Nähe beigesetzt wurde) gibt es nun schon seit 2019 in der, wenn man so will, dritten Auflage. Unter dem Namen „Kerzenhain“ wurde das Feld (Nummer 11), in dem sie liegen, vor kurzem offiziell in Betrieb genommen. Wie im Bild unten zu sehen ist, hat man sich bei der Gestaltung des Steins am Eingang der Anlage meines quadratischen Schrift-Rasters bedient. Ich verstehe das als Zitat und fühle mich geehrt. Mit jedem Zitiertwerden wird der Zitierte ein wenig realer, erhöht sich der Grad seiner Präsenz in der wahrnehmbaren Wirklichkeit. Ein Anfang ist gemacht.

Der Baum und die Linguistik und

Für den US-amerikanischen Linguisten Morris Swadesh (1909-1967) gehört der sprachliche Ausdruck zur Bezeichnung des oder eines Baumes zum Basisvokabular der natürlichen Sprachen. Zusammen mit 99 (in einer anderen Variante auch 199) anderen Wörtern setzte er das Baum-Wort auf eine für jede Sprache neu zu erstellende Liste, die er basic list, lexical test list oder anders nannte. Die anhand einer „Swadesh-Liste“ generierte Vokabel-Zusammenstellung enthält Bezeichnungen für den Körper und seine Funktionen, für Naturphänomene (darunter eben auch Baum bzw. tree, arbor etc.), Sinneswahrnehmungen, räumliche Dimensionen und anderes mehr. Mit Hilfe der Swadesh-Liste sollte der sprachforscherisch tätige field worker in die Lage versetzt werden, routinemäßig eine Art Basisvokabular der jeweils neu zu erfassenden Sprache zusammenzustellen und, last not least, interlinguale historisch orientierte Vergleiche anzustellen. Swadesh selbst sammelte Daten von nahezu zwei Dutzend „indigenen“ Idiomen, also solchen Sprachen, die in Nordamerika und Mexiko schon vor der Besiedelung durch Einwanderer aus Europa und anderen Gegenden gesprochen wurden. Die lexikalischen und strukturellen Ähnlichkeiten, die ihm dabei auffielen, führten Swadesh in den 1950er Jahren zur formellen Einführung der von ihm bis dato informell benutzten Schablonen, durch die sein Name über den Begriff der Swadesh list Eingang in die linguistische Terminologie gefunden hat.

Swadeshs forschungspraktisch-heuristisch motivierten Wörter-Sets waren (natürlich) von Anfang an umstritten. Die Feststellung, dass die Annahme von semantisch äquivalenten Ausdrücken in unterschiedlichen Sprachen problematisch sei, ist einerseits richtig. Andererseits kann sie als Einwand gegen die Swadesh-Liste nur vorgebracht werden, sofern unterstellt wird, dass das mit Hilfe des Schemas empirisch erhobene Daten-Material paarweise semantisch identisch sein soll. Ob eine solche (fragwürdige) Äquivalenz- oder Identitätsbehauptung oder -vermutung vorliegt oder nicht, wäre im Einzelfall zu prüfen.

Welche Naturphänomene können gemeint sein, wenn man im Deutschen von einem Baum spricht? Sind es dieselben möglichen Phänomene, die ein Sprecher einer der von Swadesh untersuchten nordamerikanischen Sprachen mit dem Baum-Wort der entsprechenden Swadesh-Liste meinen kann?

Bis vor kurzem hätte ich nicht gezögert, eine Palme einen Baum zu nennen. Seit ich den Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Baum gelesen habe, weiß ich aber, dass es Gründe gibt, dies nicht zu tun. Denn Palmen haben weder Dickenwachstum (sie wachsen nur nach oben) noch, wie es heißt, echtes Holz. Auch bilden die meisten Palmen keine Seitenäste aus. Es fehlen also gewisse Bedingungen, die gegeben sein müssten, damit, folgt man dem Wikipedia-Artikel (der seinerseits der botanischen Taxonomie folgt), eine Palme den Zusatznamen Baum für sich beanspruchen könnte.

Bäume sind, einigermaßen kurz gesagt, verholzende Samenpflanzen, die mehrere Jahre (bis zu zehntausend) alt werden, eine dominierende Sprossachse haben und durch Dickenwachstum an Umfang zunehmen. Am Stamm, an den Ästen und an den Zweigen werden ein- oder mehrmals jährlich neue End- und Seitenknospen ausgebildet, wobei die Endknospen dominieren, so dass sich, anders als bei den Sträuchern, ein Haupttrieb herausbildet.

Dies alles kann man irgendwie mitmeinen, wenn man, etwa in einem Gespräch über Bäume, von einem Baum spricht. Wo dabei die linguistische Semantik aufhört und die Botanik (aber auch die Mythologie, die Medizin, die Forstwirtschaftslehre und so weiter und so fort) anfängt, ist schwer zu sagen. Anders gesagt: Auch (und gerade) bei einem Gespräch über Bäume kann man vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen und muss stets auf nahezu alles gefasst sein.

Der neue alte nackte Mann

Vor mehr als zwei Jahren habe ich damit angefangen und zwischenzeitlich immer mal wieder daran gearbeitet. Jetzt will ich ihn entweder fertig machen oder endgültig verwerfen.

Und wie ein missing link zwischen der Lorbeer-Hand „Daphne“ und der neuen alten Arbeit begegnete mir dann „zufällig“ diese Abbildung aus einem Lehrbuch des Londoner Astrologen und Arztes John Case, über dessen Haustür geschrieben stand: „Within this place / lives Doctor Case“. Mit diesem Zweizeiler, so Joseph Addison in „The Tatler“, habe Case mehr Geld verdient als John Dryden mit seinem dichterischen Gesamtwerk.

John Case: Compendium anatomicum nova methodo institutum, Amstelodami 1696, p 52
(zwischen dem Kapitel über die inneren und dem über die äußeren Venen)

„Daphne“? Mit der bin ich fertig

9. Mai 2020

Falls mir jemand die Standardfrage Nummer eins, nämlich die Frage, wie lange ich daran gearbeitet habe, stellen sollte, würde beziehungsweise werde ich antworten: rund einen Monat lang. Natürlich nicht täglich acht Stunden. Berücksichtigt man dann aber noch den Aufwand, der zeitversetzt getrieben werden muss, damit wenigstens die Chance besteht, dass so etwas verkauft wird, kommt man den acht Stunden pro Tag doch recht nahe.

Die Standardfrage Nummer zwei lautet übrigens: Was soll denn das werden? Sie wird einem unweigerlich in viel zu kurzen Abständen gestellt, sobald man den Fehler begeht, coram publico, also etwa bei sogenannten Bildhauersymposien oder ähnlichen Veranstaltungen, den Knüpfel zu schwingen.