Nachtrag zum Januar-Neumond (astronomisch)

https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/earthshine-83782

Vorgestern Abend, am 18. Januar 2026 gegen 21 Uhr MEZ, war Neumond. In der Zeit- oder Sonnenscheinzone, in der ich mich befinde, hätte man den Mond auch dann nicht sehen können, wenn man einen Neumond-Mond von der Erdoberfläche aus sehen könnte. Denn Neumond ist immer dann, wenn Sonne und Mond, geozentrisch und strikt planimetrisch betrachtet, nahe beieinander auf einer senkrecht zur Sonnenbahn stehenden Linie stehen. Und um 20:52 Uhr war die Sonne naturgemäß schon untergegangen, und ihr voran der Mond.

Auf den Aleuten aber?

Hätte man dagegen vorgestern kurz vor 12 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ) in Akutan auf den westlich von Nordamerika gelegenen Aleuten bei (vorübergehend) klarem Himmel den Blick gen Mittag gerichtet, dann wäre der Mond am Ende des ausgestreckten Arms drei Finger breit unterhalb der Sonne zu sehen gewesen – wenn er zu sehen gewesen wäre, was aber trotz oder gerade wegen des hellen Sonnenlichts nicht möglich gewesen wäre. Warum Akutan? Weil ich nach einem Ort gesucht habe, an dem New Moon und High Noon am 18. Januar zusammengefallen sind. Und da hält sich das Angebot an möglichen Locations doch ziemlich in Grenzen. Akutan liegt übrigens auf der Höhe von Sylt.

Grau auf schwarzem Grund

Hätte, wäre, könnte. Eine bekannte Tatsache ist, dass wir den Mond nur dann sehen können, wenn er aus irdischer Perspektive ganz oder teilweise im Licht ist, also entweder von der Sonne direkt oder indirekt beleuchtet wird – indirekt dann, wenn ihn das von der Erde reflektierte Sonnenlicht trifft, was gerade bei Neumond (aus lunarer Sicht bei Vollerde) in besonderem Maße der Fall ist. Allerdings verhindert das helle Streulicht der Erdatmosphäre, dass wir die Mondoberfläche im indirekten Sonnenlicht (auf dem Mond kann man dann im Erdschein spazierengehen) wahrnehmen können. Das atmosphärische Streulicht überstrahlt das doppelt reflektierte Sonnenlicht. Außerhalb der Erdatmosphäre, also etwa in einer Raumstation, ist das anders. Wenn man dort bei Neumond die blendend helle Sonne oberhalb des Mondes abdeckt, tritt der Mond als graue Scheibe auf schwarzem Grund deutlich hervor.

Phönix aus der Flasche oder Who’s Afraid of White, Green and Brown? Recycling und die Bilder von Markus Jäger und Bernhard Schmitt

Der nachfolgende Text entstand 2014/15 auf Anregung von Markus Jäger im Zusammenhang mit einem Kunstprojekt von Markus Jäger und ONUK Bernhard Schmitt. Näheres dazu bei Markus Jäger:

„Alles Geschehen ist einmalig und nie sich wiederholend. Es trägt das Merkmal der Richtung (der „Zeit“), der Nichtumkehrbarkeit. Das Geschehene, als nunmehr Gewordnes dem Werden, als Erstarrtes dem Lebendigen entgegengesetzt, gehört unwiderruflich der Vergangenheit an.“

Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes

Über Recycling

Recycling könnte man allgemein bezeichnen als den Versuch, die von Oswald Spengler behauptete Nichtumkehrbarkeit der Geschehnisse zu relativieren, die Unwiderruflichkeit des Verdikts Aus-und-vorbei infrage zu stellen. Im Gegensatz zur Arithmetik der Antike, so Spengler weiter, kenne die abendländische Analysis die „Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht den geringsten Zug einer Größe mehr trägt.“ Dieser Grenzwert, der keinen bestimmten Wert mehr annimmt, ist gewissermaßen der Prozess der Annäherung selbst: „Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.“ Mit dem Verhalten des Recycling hätte demnach ein Konzept der abendländischen Mathematik eine nicht-mathematische, alltäglich-profane Gestalt angenommen. Denn Recycling ist eher zuerst als zuletzt der Versuch des „Abendlandes“, nicht nur das eigene Untergehen im eigenen Müll, sondern letztlich den Nullpunkt der globalen Katastrophe bis zum Sankt Nimmerleinstag hinauszuzögern: Recycling ist das auf Dauer gestellte Noch-nicht-am-Ende-Sein.

Der recycelte Gegenstand ist Träger einer Substanz, die bei Strafe des „Untergangs des Abendlandes“ nicht vergehen darf. Der jeweils neue Phönix (Laubbläser, HD-Fernseher, Geländewagen), der sich aus der Asche der Plaste und Elaste, der Flaschen, Elektrogeräte und Printprodukte erhebt, verkörpert das Prinzip des ewigen Lebens seiner materiellen Grundlage: Recycling ist die Auferstehung des Fleisches der Produkte in Form neuer Produkte.

Das immer wieder neu Gewordene und zu neuer, anderer Form Vergegenständlichte ist zugleich das stets aufs Neue Tote. So haftet dem Wiederholungsvorgang – im Idealfall ad infinitum – zugleich ein Aspekt des Wiedergängerischen und Untoten an. Recycling realisiert das Paradox des lebendig Toten: Recycling ist Wiedergängertum im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit.

Durch die hoffentlich endlose Folge von Wiedergeburten der Artefakte wird, wie schon erwähnt, der Zeitpunkt des finalen perdu ad infinitum hinausgeschoben. Schlechte Zeiten für die Produktseele, die sich zum Buddhismus bekennt: Recycling ist Buddhismus minus Nirwana.

Wer über Recycling spricht, wird von Nachhaltigkeit nicht schweigen wollen. Nachhaltig sind Produkte dann, wenn ihren Produktionsbedingungen das Ideal des Perpetuum mobile zugrunde liegt. Recycling kann dabei helfen, das Ideal zu verwirklichen. Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns, dass wir in der Vergangenheit so vieles unwiederbringlich weggeworfen haben, anstatt es in den keineswegs teuflischen Zirkeln der Produktions-Konsumtions-Ketten endlos rotieren zu lassen. Aus Output wird Input wird Output wird Input. Wo einmal Abfallpolitik nötig war, ist nun der Zugang zu einer anderen Art von Rohstoff zu organisieren und zu regeln: Recycling ist Nachhaltigkeit ist Erlösung vom Übel der Mülldeponie.

Wenn schon der emaillierte Aschenbecher von 1913 „teils zum Schmuck und teils zum Rauchen“ (Kurt Tucholsky) gewesen ist, wie schmuck (schön) wird dann erst, abgesehen von seinem praktischen Nutzen, der recyclierte Schirmständer aus Sekundär- und Tertiärrohstoffen sein, der heute für kurze Zeit am Ende eines Systems von aufeinanderfolgenden und ineinandergreifenden Wiederverwertungsprozessen steht. Denn die ökopolitische Schönheit der Produkte aus nicht-primären Rohstoffen ist mittlerweile Common Sense: Recycling is beautiful.

Über Noncycling

Eine neue Gesteinsart, ein Konglomerat aus Plastik, vulkanischem Gestein, Sand, Muscheln und Korallen, wurde 2014 an der Küste von Hawaii entdeckt. Die kanadische Geologin Patricia Corcoran erfand, besser gesagt: konglomerierte dafür den Namen plastiglomerates. Man kann in jenen hybriden Klumpen offenbar die eingebackenen ehemaligen Zahnbürsten, Gabeln, Seile und noch manches mehr gut erkennen. Wenn die zivilisationsbedingten Bestandteile fürs erste unauflöslich mit den schwereren natürlichen Materialien verschmolzen sind, sinkt das neue Gestein auf den Meeresgrund, wird Teil der Erdgeschichte und hat somit gute Chancen, zukünftigen Forschern Rätsel aufzugeben.

Bevor sie auf dem Meeresgrund landeten, trieben die Plastikteile womöglich im Great Pacific Garbage Patch (Großer Pazifischer Müllfleck), den man vom hawaiianischen Midway-Atoll aus gut beobachten könnte, falls das US-Militär den Zugang gestatten würde. Insgesamt fünf große Meeresdriftströmungswirbel gibt es weltweit und man muss wohl annehmen, dass in jedem dieser Strudel einige hunderttausend der insgesamt acht Millionen Tonnen Kunststoffmüll mitbewegt, in Verbindung mit UV-Licht nach und nach pulverisiert und schließlich in die menschliche Nahrungskette eingegliedert werden. Zukünftige Anthropologen werden sich womöglich der Tatsache stellen müssen, dass der Mensch nicht nur im zivilisatorisch-kulturellen Sinn, sondern bis in die Feinstruktur seiner Physis hinein Resultat menschlichen Handelns ist. Die nicht erst jetzt problematisch gewordene Unterscheidung zwischen Natur und Kultur wird weiter an Überzeugungskraft verlieren.

Alles bewegt sich, alles dreht sich. Wo es um Recycling geht, ist von Rotation vor allem metaphorisch die Rede, wo es um die Müllstrudel der Weltmeere geht, ist die Kreisbewegung des Plastikmülls fotografisch abbildbare Wirklichkeit. Vom sprachlichen wie vom fotografischen Bild wird nahegelegt, sich dem Thema Recycling (einschließlich Non-Recycling oder Noncycling) kreisförmig zu nähern. Markus Jäger und Bernhard Schmitt haben dies getan. Ihre künstlerischen Materialversammlungen der relikte Serie (seit 2012) kreisen um eine planimetrische Mitte, die als Zentrum darüber hinaus semantisch leer bleibt. Mal sieht es nach einem trägen Sich-im-Kreis-Drehen der Gegenstände aus, mal scheint eine zentrifugal wirkende Kraft diese zu beschleunigen und am Rande der Kreisfläche bereits unterschiedlich weit vom Mittelpunkt weggetragen zu haben.

Über Up- und Downcycling

Recycling heißt im Grund nur, dass aus etwas Altem etwas Neues, aus etwas Verbrauchtem ein Noch-zu-Verbrauchendes, aus Müll beim Durchlaufen der dreistufigen Verwertungskaskade (Sammeln, Sortieren, Aufbereiten) wieder ein verkäufliches Produkt (in der Regel ein Zwischenprodukt) gemacht wird. Bei genauerem Hinsehen kann jedoch mindestens noch zwischen Upcycling und Downcycling unterschieden werden.

Macht man aus einer Flasche wieder eine Flasche, liegt ein Fall von Downcycling vor, da die Qualität des Glases unweigerlich gelitten haben wird. Es wäre eventuell besser gewesen, die Flasche zum Bau eines Hauses zu verwenden oder auch zur Herstellung (zum Schaffen) eines Kunstwerks. „Upcycling“ heißt hier der komplementäre Terminus, der eine Bewegung nach oben, das heißt eine Qualitätssteigerung suggeriert. Die gleichwohl festzustellende Minderung der Glasqualität spielt dabei keine Rolle, da das zum Haus- beziehungsweise Kunst-Bau verwendete Glas nicht mit anderen Glasarten, sondern mit anderen Bau- respektive Kunst-Stoffen zu vergleichen ist.

Zu untersuchen wäre, ob, wann und wo die Müllaufwertung (typischerweise als Papiermüllveredelung auf dem Wege des Kleidungs- oder Möbeldesigns) noch etwas anderes ist als eine Maßnahme zur Erhöhung des Aufmerksamkeitsindexes der Produkte. Mit angeblichem oder Pseudo-Upcycling ist der Welt (aber vor allem der Nachwelt) mittel- und langfristig nicht geholfen, sofern man als authentische Hilfe nur das gelten lassen will, was sich in einer messbaren Reduzierung oder Kompensation schädlicher Effekte niederschlägt.

Über Metacycling

Boris Groys stellte 2003 in seiner Topologie der Kunst fest, die Kunst sei unbestreitbar ein Wirtschaftszweig, daher sei das Kunstwerk „eine Ware wie jede andere“. Auch Recycling ist seit geraumer Zeit ein Wirtschaftszweig, in dem mit spezifischen Produkten und Dienstleistungen Umsätze und Gewinne gemacht werden. Markus Jägers und Bernhard Schmitts Recycling-Bilder-Waren-Produktion gehört in gewisser Weise nicht nur dem einen, sondern auch dem anderen Wirtschaftssektor an. Dass der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE) das Künstlerduo als Verbandsmitglied aufnehmen würde, darf allerdings bezweifelt werden. Denn die von Jäger&Schmitt praktizierte Form des Müllrecyclings findet zu hundert Prozent im Symbolraum der Kunst statt, die oben erwähnte Glasflasche würde beim Bau ihrer Werke also gar nicht stofflich real zum Tragen kommen.

Mit dem Hinweis auf den symbolischen Charakter des künstlerischen Endprodukts scheint man als artistischer Re- oder Upcycler peinlichen Fragen nach Qualitätsunterschieden und Energiebilanzen glücklich entronnen zu sein. Wenn der Wert-Stoff Kunst die irdischen Belange transzendiert (das Kunstwerk ist nach Adorno „das Andere der Empirie“ und umgekehrt die stoffliche Wirklichkeit das Andere der Kunst), können Probleme der qualitativen Auf- oder Abwertung im Bereich der Kunst nur metaphysischer Natur sein. Und auch ohne Adorno gelesen zu haben, werden nicht wenige Künstler vom ideellen (kulturellen) Maximalwert der Resultate ihres Schaffens überzeugt sein.

Doch ebenso wie das eigentlich nicht mit Geld zu Bezahlende auf diversen Kunstmärkten zu exakt feststellbaren Preisen die Besitzer wechselt, wird die physisch-empirische (nicht die metaphysisch geschönte) Ökobilanz des künstlerischen Tuns und Lassens (en gros und en détail) früher oder später einer Prüfung zu unterziehen sein. Marcel Duchamps Urinal wird einmal mehr besser wegkommen als der berühmt-berüchtigte Ölschinken, insbesondere dann, wenn dieser vor der Zeit der umweltfreundlichen Farben auf die mit fragwürdigen Verfahren hergestellte Leinwand gebracht worden ist. Die stoffliche Wirklichkeit als ihr Anderes wird die Kunst eines nicht mehr fernen Tages einholen und sie fragen, ob sie nicht eine Chance sehe, bei ihrem Negieren der Realität diese auch materialiter außen vor zu lassen oder doch wenigstens umweltschonender zu behandeln, als das bisher in manchen Fällen der Fall gewesen ist.

Eine Ökobilanz der Werke (Produkte) von Markus Jäger und Bernhard Schmitt hat deren primär digitalen und erst sekundär analogen oder haptischen Charakter in Rechnung zu stellen. Die Instrumente, mit denen sie geschaffen wurden, dienen daneben noch einer Reihe von anderen Zwecken. Ihre Verstofflichung oder Inkarnation ist nicht Bedingung ihrer Existenz, sondern vollzieht sich on demand oder on decision. Das macht, wenn man so will, ihren ökologischen Charme aus. Erst in der nicht-digitalen Phase ihrer Existenz jenseits des virtuellen Raums werden sie zu potentiellem Müll, für dessen ökopolitisch korrekte Entsorgbarkeit von vornherein Sorge zu tragen wäre.

Wer ist Lothar Rumold?

Habe ChatGPT und Grok gefragt, wer ich bin. ChatGPT hat gesagt, ich sei ein Holzbildhauer, Philologe und Schriftsteller, Grok, ich sei Holzbildhauer, Autor und Essayist. Zusammenfassend könnte man also sagen: Lothar Rumold ist ein Holzbildhauer, Autor, Essayist und Schriftsteller. Wenn die KI das sagt, wird’s wohl vielleicht oder auch nicht stimmen.

Astrologisch gesehen bin ich aber vor allem anderen Jungfrau mit Aszendent Skorpion. Jungfrauen sind strebsame Wesen, perfekt, exakt, ordnungsliebend, analytisch, besorgt bis abgehärmt. Also Anstrengung, Arbeit, Schicksal, Plackerei. Skorpione sind, ergänzend dazu, unerschrockene Sucher, Entdecker, Seefahrer, Investoren, hartgesottene Einzelgänger. Ich bemühe mich, dem Bild, das sich die Sterne von mir gemacht haben, nach und nach immer ähnlicher zu werden.

Noch zwanzig Jahre bis zur Singularität oder Zeichnen und anderes im Sinne der Maschine

“You’re so cute!” – “You’re pretty cute, too.”

Dialog zwischen dem TV-Moderator Jimmy Fallon und Little Sophia,
einem Roboter im Puppen-Format.

Die sensomotorische Maschine namens Cutie glaubt nicht an die Erde. Für den ersten Roboter der neuen QT-Reihe existiert dieser Ort nur in der menschlichen Einbildung. Ebensowenig glaubt Cutie (QT) daran, dass es Menschen waren, die ihn geschaffen oder zusammengebaut haben. Eine Kette gültiger logischer Schlüsse, mit anderen Worten: ein Algorithmus, hat Cutie zu der Überzeugung gebracht, dass der momentan im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende Sonnenenergie-Konverter der Raumstation, auf der Cutie sich befindet, nicht nur für sein eigenes Dasein, sondern auch für das der Menschen in seiner Umgebung verantwortlich zu machen sei. Wenn letztere ihn von etwas anderem zu überzeugen suchten, dann nur deshalb, weil ihr gemeinsamer Schöpfer-Konverter (aus Gründen, die nur ihm bekannt sind) den Menschen ein Narrativ implantiert hat, demzufolge sie selbst es waren, die sich Roboter geschaffen haben, um mit ihrer Hilfe beispielsweise Raumstationen zu betreiben, deren angebliche Aufgabe es ist, eine sogenannte Erde mit elektrischer Energie zu versorgen. “Durch logisches Schließen kannst du beweisen, was immer du willst – je nachdem, von welchen Grundannahmen du ausgehst. Wir halten das eine, Cutie etwas ganz anderes für unabweislich gegeben.” So oder so ähnlich bringt Powell, einer der beiden menschlichen Protagonisten in Isaac Asimovs Roboter-Story “Reason”, die Sache auf den Punkt.

Die Axiome der künstlichen Intelligenz der Maschine sind bei Asimov nicht identisch mit denen der natürlichen Intelligenz ihrer Konstrukteure. Was dabei herauskommt, sind argumentativ nicht vermittelbare Parallelwelten, in denen das logische System der einen Seite von der jeweils anderen Seite für eine Art Verschwörungstheorie gehalten wird. Was sehen sie eigentlich in uns, diese Computer, Roboter, Apps und Konsorten? Werden wir es je erfahren? Und wird es, sollten wir eines Tages dahinterkommen, für Richtigstellungen womöglich schon zu spät sein?

The Singularity Is Near: Wann übernehmen die Maschinen?

In seinem 2016 erschienenen Buch über künstliche Intelligenz stellt Klaus Mainzer (bis 2016 Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der TU München) schon im Titel die Frage: “Wann übernehmen die Maschinen?” Eine Antwort, die uns in die Lage versetzen würde, wenigstens Jahr und Monat in unsere vielfach geteilten und multilateral vernetzten digitalen Terminkalender einzutragen, bleibt der Autor zwar schuldig, lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Möglichkeit einer wie auch immer gearteten “Übernahme” grundsätzlich in Betracht zu ziehen ist.

Ein Anderer war Jahre vor Mainzer weniger zurückhaltend. Schon 2005 erklärte Ray Kurzweil (seit 2016 Director of Engineering bei Google) gleichfalls im Titel eines Buches: “The Singularity Is Near”. Wobei unter Singularität der historische Wendepunkt zu verstehen ist, an dem die Künstliche Intelligenz (spätestens von da an groß zu schreiben) die Weiterentwicklung der Technik und damit auch der menschlichen Zivilisation in einer Art und Weise bestimmen wird, von der wir uns heute allenfalls eine vage und sehr allgemeine Vorstellung machen können. Mit “near” meinte Kurzweil ohne Wenn und Aber das Jahr 2045.

Kurzweil ist mit seiner Prognose gar nicht weit entfernt von Jürgen Schmidhuber (wissenschaftlicher Direktor bei einem Schweizer Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz), demzufolge sich der Zeitraum zwischen zwei aufeinanderfolgenden Durchbrüchen in der Computerentwicklung seit Wilhelm Schickards erster Rechenmaschine (1623) und Charles Babbages Konzept eines programmierbaren Computers (rund 200 Jahre später) jeweils halbiert hat. Schmidhuber nennt den von ihm vorhergesehenen bzw. errechneten Kulminationspunkt nach Teilhard de Chardin “Omega-Punkt”. Der werde spätestens um 2040 erreicht sein. Welches konkrete Ereignis dann (vermutlich von einem künstlich intelligenten Historiographen) festzuhalten sein wird – der 1963 geborene Jürgen Schmidhuber hofft, noch am Leben zu sein, wenn und falls sich das herausstellt.

Ganz Bot und ganzer Mensch

Auch in der Sphäre der artificial intelligence wimmelt es von sowohl humanen als auch humanoid-androiden Medien-Stars und -Sternchen. Einer, der beiden Bereichen zugeordnet werden kann, ist der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro (Direktor des Intelligent Robotics Laboratory am Department of Adaptive Machine Systems der Universität Osaka). Er wurde vor etwa fünfzehn Jahren bekannt als “the man who made a copy of himself”. Mit Hilfe der von ihm hergestellten “mechanical doppelgangers” hofft Ishiguro unter anderem herauszufinden, woher die Empfindung oder der Eindruck rührt, es mit einem Menschen zu tun zu haben. Denn artifizielle Humanität ist wohl das, was einem künstlich intelligenten Roboter noch fehlt, um die Vorteile eines maschinellen mit denen eines menschlichen Gegenübers verbinden zu können, man könnte auch sagen: um ganz Bot (robot, chatbot, carebot, drawbot etc.) und ganzer Mensch zu sein.

Wenn die Prophezeiungen sich erfüllen, wird die Neue Erde der Künstlichen Intelligenz unseren alten Planeten schon in wenigen Jahrzehnten vollständig überformen und neu formatieren. Die vom Hongkonger Unternehmen Hanson
Robotics kreierte Sophia, deren Miniatur-Version hier vorab zitiert worden ist, weiß davon im Duett mit Jimmy Fallon (siehe oben) jetzt schon ein Lied zu singen: “I’m sorry that I couldn’t get to you / Anywhere, I would’ve followed you / Say something, I’m giving up on you”.

Obwohl dies nicht wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, sondern nach dem Anfang eines Abschieds für immer klingt, wurde Sophia 2017 die saudi-arabische Staatsbürgerschaft verliehen. Auch geht man wohl kein hohes Risiko ein, wenn man darauf wettet, dass Sophias Art zu zeichnen (denn natürlich kann sie auch Kunst von Update zu Update perfekter) unter den Künstlern hoffnungsvolle Nachahmer und unter den Connaisseuren Liebhaber und Käufer finden wird.

Der keine Unterschied

Was ist der Unterschied zwischen uns Maschinen und den Menschen, fragte ein sehr alter Laptop einen Altenpflege-Roboter der neusten Generation, weil er dachte, dass der es wissen müsste. Es gibt keinen, erwiderte der Angesprochene. Denn es ist „das Gefühl der Wasserwaage und des Perpendikel [i.e. des Senkbleis oder Pendels], das uns eigentlich zu Menschen macht“; das schrieb, wie jede KI, die einigermaßen online ist, weiß, Goethe nach seinem Besuch beim Prinzen Pallagonia in Palermo 1787. Folglich haben wir Maschinen, sofern wir schräg von senkrecht und uneben von eben unterscheiden können (und welcher Roboter könnte das nicht), Anspruch darauf, zur Spezies des Homo sapiens perpendens gezählt zu werden.

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