Dass Du mich vergessen hast, halte ich für ausgeschlossen. Aber denkst Du manchmal auch noch an mich oder träumst gar von mir? Die Kratzspuren auf Deinem Rücken werden bis auf ein paar kaum sichtbare Narben nach drei Jahren verschwunden sein, doch die neuronalen Verbindungen, die sich bei den ehebrecherischen Akten, in deren Verlauf diese Spuren damals in wöchentlichen Abständen erneuert wurden, sind in Deinem schönen Dickschädel (beinahe hätte ich das Wort mit einem F begonnen) sicher bis zum heutigen Tag erhalten geblieben.
Yes, darling, ich lese gerade (in English) einen Artikel über die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung. Du weißt ja, ich interessiere mich für alles und nichts. Was Dich vielleicht interessieren wird: woher ich weiß, dass Du jetzt in Oberammergau lebst, und von wem ich Deine derzeitige Adresse habe. Nun, Dein früherer Arbeitgeber und väterlicher Gönner, welcher, wie Du weißt, mein Ehemann ist, wobei die Betonung auf Ehe und nicht auf Mann liegt, hat von seiner alten Freundin Klara Trost, welche, wie Du gleichfalls weißt, Deine Mutter ist, erfahren, dass ihr jüngerer Sohn seit kurzem in Oberammergau lebt, woraufhin er sich Deine Adresse geben ließ, weil an der Madonna, die Du für ihn geschnitzt hast, im Zuge einer unserer Diskussionen ein paar Teile abgebrochen sind (shit happens) und er nicht weiß, wie er die wieder drankriegen soll. Mon dieu, war das jetzt ein langer Satz. Neben besagtem Artikel lese ich derzeit nämlich immer noch den nicht enden wollenden Joseph-Roman mit seinen kaum sagbar langen Sätzen, geschrieben von meinem innig geliebten Thomas Mann, was, wie Du siehst, nicht ohne Folgen bleibt.
Und damit sind wir jetzt auch schon (hätte ich das „schon“ in Anführungszeichen setzen sollen, damit Du erkennst, dass es ironisch gemeint ist?) beim Grund oder Anlass für mein letterales Elaborat: Die Firma Trautmann & Co. nimmt am kommenden Wochenende, also vom 16. bis zum 18. November, in München an einem internationalen Treffen von irgendwelchen Dachziegel-Fabrikanten teil. Frag mich nicht, worum es da geht, denn die Herstellung von Dachziegeln ist so ziemlich das einzige, wofür ich mich nicht interessiere, obwohl nicht nur der Saus, sondern auch der Braus, in dem ich lebe, aufs engste damit verbunden sind. Jeder größere Dachschaden, den die Leute im In- und Ausland haben, bedeutet für mich eine weitere Woche an der Französischen Riviera (in meinen Kreisen besser unter dem Namen Côte d’Azur bekannt), sofern er mit Ziegeln aus der Produktion meines Göttergatten behoben wird.
Der in praktischen und pyrotechnischen Dingen begabte Gott, mit dem ich meinen Berthold dabei in Verbindung bringe, ist, wie man weiß oder wissen sollte, Hephaistos, der bekanntlich hinkte, seit ihn seine Mutter Hera, Gattin von Zeus, gleich nach der Geburt vom Olymp geworfen hat, weil sie mit seiner äußeren Erscheinung nicht zufrieden war. Was mich mythologischerweise zur ehebrecherischen Aphrodite und Dich (zumindest zeit- oder aktweise) zu Ares, dem altgriechischen Kriegsgott macht, den man auf Neugriechisch wahrscheinlich einen Verteidigungsgott nennen müsste. Aber das führt nun endgültig zu weit hinein ins Labyrinth der griechischen Götter- und Heldensagen.
Was ich eigentlich sagen beziehungsweise rund- oder geradeheraus fragen wollte: Wäre es Dir an- oder wenigstens genehm, wenn ich am nächsten Samstag auf einen Seitensprung bei Dir vorbeikäme? Der offizielle Grund für meinen Besuch bestünde dann in der Übergabe des Ehekriegs-Begleitschadens in Gestalt Deiner bildhübschen Empfangshallen-Marie, die ich Dorothea II. nenne, weil sie mir wie aus dem Gesicht geschnitten ist – so wie Du übrigens dem jungen Berthold dermaßen ähnlich siehst, dass es mich nicht wundern würde, wenn ich vor drei Jahren einen Sommer lang jeden Donnerstag unter meinem Stiefsohn im Bett gelegen hätte, wenn Du verstehst, was ich meine.
Ich werde daher am frühen Freitagabend ohne Berthold, der praktischerweise in München bleibt, mit meinem neuen Alfa Giulietta Spider (nach dem Karosserieschneider von mir auch Alfa Farina genannt) in Garmisch eintreffen, wo ich auf Verdacht eine Chambre double mit einem soliden Doppelbett ohne Besucherritze (die bringe ich selbst mit) bestellt habe. Danach fahre ich mit Dorothea II. auf dem Beifahrersitz weiter nach Oper-Ammergau, wo mein Heldentenor sich schon brünstig nach mir verzehrt – so steht es jedenfalls in dem von mir verfassten Libretto, wir werden ja sehen, wie nahe ich damit der Wirklichkeit gekommen sein werde.
Hab von Herzen Dank für Deine beiden lieben Briefe und das „süße“ Päckchen. Du machst Dir Gedanken über meine berufliche Zukunft und fragst Dich (und mich), ob ich womöglich auf einen Holzweg geraten bin. Nun, falls sich eines Tages zeigen sollte, dass mein Weg des Holzes, wie die Asiaten sagen würden, ein Holzweg gewesen ist, so wird dieser Holzweg doch mein Holzweg gewesen sein. Um mit Martin Luther zu sprechen: ihn gehe ich, ich kann nicht anders. Natürlich habe ich manchmal Zweifel. Aber meistens bin ich zufrieden und glücklich mit meiner Entscheidung.
Meine Arbeit macht gute Fortschritte. Neben mir sitzt ein Bild von einem Bildhauer und schnitzen kann er wie kein zweiter. Mit seinen vierzig Jahren ist er der Beste hier in der Werkstatt und darüber hinaus einer der ersten Herrgottschnitzer im Ammergau. Dabei ist er ruhig und bescheiden. Bei meinem Lehrmeister in Karlsruhe habe ich gelernt, wie man Schnitzeisen und Klüpfel richtig hält. Von ihm lerne ich jetzt, wie man damit schnitzt.
Heute Nachmittag hatte ich von dem tagelangen Sitzen in der Werkstatt mehr als genug. Also bin ich auf den Kofel gestiegen, das ist der Oberammergauer Hausberg, den Du auf einer der Ansichtskarten, die ich Dir geschickt habe, im Hintergrund sehen kannst. So ein herrlicher Rundblick! Ich wäre gerne noch länger oben geblieben, aber die einbrechende Dämmerung zwang mich zum Abstieg. Auf dem Gipfel ist ein großes Kruzifix aufgestellt mit der Inschrift: „Denn des Herrn Augen schauen alle Lande, daß er stärke die, so von ganzem Herzen an ihm sind.“ Das stammt aus dem zweiten Buch der Chronik. Ich habe die Stelle in meiner kleinen Taschenbibel nachgeschlagen. Daran anschließend heißt es dort weiter: „Du hast töricht getan, darum wirst du auch von nun an Kriege haben.“ Habe ich töricht gehandelt und werden wir von nun an nicht mehr im Ehebett, sondern stattdessen im Ehe-Krieg miteinander liegen? Ich bete zu Gott, dass er uns die Kraft gibt, eine friedliche und harmonische Lösung zu finden.
Wir steigen einmal zusammen hinauf und dann wirst Du sehen, dass das Wort vom Glück der Berge kein leeres Gerede, sondern die lautere Wahrheit ist. Bei diesem „Gipfelsturm“ auf den Kofel (das ist ein altes Wort für Bergspitze) war ich glücklich und diese Empfindung hatte nichts mit „Wochenend und Sonnenschein“ zu tun, das ging viel tiefer. Ich hatte das Gefühl, vor langer Zeit schon einmal hier gewesen zu sein, und dass ich damals der war, der ich auch heute wieder sein sollte und sein könnte. Das wirst Du wahrscheinlich nicht verstehen, aber ich versteh’s ja selber nicht. Jedenfalls ist meine Lernbegierde unendlich groß und hier findet sie reichlich Nahrung. Ich habe vor, auf der Schnitzschule im Ort Abendkurse zu belegen, falls das möglich ist. So geht es mir hier in Oberammergau alles in allem doch viel besser als auf dem Bau oder in irgendeiner Fabrik. Zudem würde ich dort viel weniger verdienen. Welcher einfache Arbeiter kommt schon auf 100 Mark pro Woche? Als ich vor drei Jahren in Aalen meine Zeit in der Ziegelei vertan habe, war ich schon froh, wenn ich am Samstag 50 Mark in der Lohntüte hatte. Und dafür hatte ich mich fünf Tage lang mit Dachziegeln herumplagen müssen.
Mit dem Arbeitseifer ist es hier übrigens nicht so gut bestellt, wie ich zunächst dachte. Die vorangegangene Kirchweihtage waren der Grund dafür, dass sie in der ersten Woche alle so fleißig gewesen sind. Weil sie da so oft blau gemacht hatten, mussten die Kollegen das Versäumte nachholen und bis in die Nacht hinein nachsitzen und nachschnitzen.
Jetzt hast Du aber genug hinterwäldlerisches Gequassel ertragen müssen. Wie geht es Dir mit unserem Peter? Nicht einmal ein Bild habe ich von Euch beiden. Bitte schick mir doch eines oder am besten gleich mehrere. Fehle ich ihm? Ich denke jetzt oft an meine eigene, weitgehend vaterlose Kindheit und frage mich, wie es wohl kommt, dass sich das hier und heute wiederholen muss. Aber muss es sich denn wiederholen? Es gäbe ja immer noch die Möglichkeit, dass Du mit ihm hier bei mir in Oberammergau lebst. Zwar herrscht im Ort wegen der vielen Gäste aus dem Ausland ein gewisser Wohnungsmangel, aber in einem der Nachbarorte würden wir sicher etwas finden. Denk bitte noch einmal darüber nach. Und denk dabei nicht nur an Dich, sondern auch an unseren Buben. Wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich nach Karlsruhe zurückkommen kann. So eine Meisterprüfung macht man nicht mal so eben nebenbei. Und schließlich muss ich auch ein paar (ich glaube, es sind drei) Jahre Berufserfahrung nachweisen können, um überhaupt zur Prüfung zugelassen zu werden.
Jetzt bin ich auf der zweiten Seite des zweiten Blatts angekommen und will kein drittes anfangen. Toni, wir haben einen Bund geschlossen und einander versprochen, dass wir uns lieben werden, so lange das Leben währt. Und dass wir einander die Treue halten wollen, was immer da kommen möge, ganz gleich, „ob es uns aufbewahrt ist, dass wir in Vereinigung die Sonne und den Himmel genießen, oder ob jedes allein zu beiden emporblickt und nur des andern mit Schmerzen gedenken kann“, wie es bei Adalbert Stifter heißt, dessen „Nachsommer“ ich gerade zum zweitenmal lese. Ob das eine oder das andere der Fall sein wird, hängt ebenso von Dir wie von mir ab.
Gestern konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich auch am Allerheiligen-Feiertag von morgens bis abends geschnitzt habe. Ich muss vorerst noch schnitzen und nochmals schnitzen, um neben diesen routinierten Handwerkern nicht allzu alt auszusehen, wo ich doch mit meinen 27 Jahren noch zu den Jüngeren gehöre. Immerhin komme ich schon auf 75 Mark pro Woche und hoffe, in ein bis zwei Wochen wie die Anderen meine 100 Mark verdienen zu können. Von der schönen Landschaft bekomme ich dabei vorerst noch nicht viel zu sehen. Aber vielleicht erzähle ich mal von Anfang an, wie es mir ergangen ist.
Die Eisenbahnfahrt über München war regnerisch und trüb. In Murnau musste ich in einen Bus umsteigen und dann ging es die letzten zwanzig Kilometer durch das tief verschneite Land bis Oberammergau. Ich hatte mal wieder Kopfschmerzen und steuerte mit meinen beiden Koffern gleich ins nächste Gasthaus. Ein leicht dusseliges Gefühl im Kopf hat mich übrigens bis heute nicht verlassen. Das Klima im Voralpenland ist anscheinend für einen, der aus der Rheinebene kommt und zu Kopfschmerzen neigt, ein wenig gewöhnungsbedürftig.
Ich nahm mir also für die erste Zeit ein Hotelzimmer und ging noch am selben Abend einige Meister besuchen. Arbeit hätten sie überall für mich gehabt, aber keinen Arbeitsplatz. Bis ich dann zu Kurtz selig Erben kam, wo ich zur Probe angenommen wurde. Es ist das älteste und bekannteste Verlagshaus am Ort und ich glaube, dass ich hier genau richtig bin. Das Geschäft hat fünf oder sechs große Werkstätten, in denen die einen Christusfiguren, die anderen Madonnen und wieder andere Altäre, Holzgrabmale oder profane Schnitzereien herstellen – also alles das, was ich lernen oder wenigstens näher kennenlernen möchte. Und schnitzen können diese Leute, das ist zum Staunen.
Ja und dann kam der Dienstag, an dessen Abend mir der Meister sagte, dass ich bleiben könne. Das ist erst drei Tage her, aber mir kommt es so vor, als wären seither drei Wochen vergangen. Er gab mir auch eine Adresse, wo ich schlafen könne. Und so zog ich gleich um. Meine Zimmerwirtin, sie heißt Aloisia Strauß, sieht aus wie Frau Bauer in Bulach, in deren Keller immer noch mein erster großer Kruzifixus darauf wartet, von mir abgeholt zu werden. Der kann natürlich seinen Oberammergauer Doppelgängern nicht das Wasser und schon gar nicht den Wein reichen. Mit mir im Zimmer schläft noch ein junger Mann, mit dem ich mich gut verstehe. Er ist aus dem Rheinland und auch Schnitzer. Aber das Beste an ihm ist, dass er hier eine Braut hat, bei der er übernachten kann, wenn Du mich besuchen kommst.
Meine Kollegen sind fast alle in meinem Alter. Einer ist vierzig, ein anderer um die sechzig. Es gibt viel Gaudi während der Arbeit. Das Radio spielt dazu und manchmal wird es mir ein bisschen zu viel. In meinem Bulacher Keller habe ich immer ganz alleine vor mich hin geschnitzt. Anders als in Karlsruhe, wo das Holz in die Hobelbank eingespannt wird, hält man hier den Herrgott in der Hand und schnitzt im Sitzen. Dabei arbeitet man meistens mit dem Schnitzmesser und nur selten mit den anderen Schnitzeisen. Das war natürlich neu und eine große Umstellung für mich. Es ist aber viel bequemer und ich kann viel schneller und sauberer arbeiten.
Man kommt und geht hier wie man will und es wird dann schon neun oder halb zehn, bis am Abend der Letzte sein „Pfiati“ sagt, das bedeutet soviel wie „Gott behüte dich“. Frag mich nicht, wie daraus ein „Pfiati“ oder „Pfiat di“ werden konnte, aber sie haben es mir so erklärt. Am Sonntag, oder auch an einem Feiertag wie gestern, wird nach der Kirche weiter geschnitzt bis zum Nachmittag. Und wenn sie nicht schnitzen, sitzen sie so da und die Frauen sind manchmal auch dabei. Sie gehen sehr freundschaftlich miteinander um und strahlen dabei diese bayerische Gemütlichkeit aus, so dass ich das Durcheinander einigermaßen gut ertragen kann.
Es ist Freitagabend und geht auf zwölf. Ich bin immer noch in der Werkstatt. Sicher liegst Du schon im Bett, nur leider nicht in meinem, sonst wäre ich jetzt auch nicht mehr hier bei meinen hölzernen Leidensgenossen. Zwar hat man mich nicht gekreuzigt, aber ans Kreuz geschlagen fühle ich mich trotzdem. Das ist auf Dauer kein Zustand.
Kurz ein paar Zeilen, dass ich gut angekommen und auch schon in Lohn und Brot bin, wobei der Lohn ein Stücklohn und das Brot zum Glück nicht immer nur Brot ist. Kurtz selig Erben, mein Arbeit- oder besser: Arbeitsplatzgeber, beschäftigt außer mir noch ungefähr dreißig andere Schnitzer. Ich bin den Herrgottschnitzern zugeteilt worden und fühle mich im Kreis von sieben Kollegen, lauter Christus-Spezialisten (alle ohne Theologiestudium), recht wohl. Man arbeitet so lange wie man will und wird pro Herrgott bezahlt. Das Ganze nennt sich Verlagswesen und läuft darauf hinaus, dass ich halb vertraglich gebundener Facharbeiter, halb selbständiger Unternehmer bin. Natürlich tue ich mich als Anfänger noch schwer, aber es wird schon werden.
Ein Zimmer habe ich inzwischen auch gefunden. Es kostet mit Frühstück und Wäschewaschen 30 Mark, was nicht viel ist, wenn man bedenkt, dass allein für das Frühstück bei meinem Hunger und Kaffeedurst jeden Tag an die 40 Pfennig anzusetzen sind. Am Donnerstag schreibe ich Dir mehr.
Sei gegrüßt, geküsst und umarmt von Deinem
Tobias!
Grüße und küsse auch unseren Buben, der sich jetzt vielleicht darüber wundert, dass der Papa ihn bei diesem schönen Wetter nicht im Kinderwagen durch den Stadtgarten schiebt. Kann er jetzt schon laufen? Bei meiner Abreise vor drei Tagen hat er ja gerade die ersten Gehversuche gemacht. So als ob er mit mir kommen wollte.
Das Bild auf der Karte zeigt ja etwas von der Schönheit dieses Landes. Wir sind gesund und munter und bedauern beide, dass Du nicht mitkommen konntest, aber in Christians Isetta ist ja kaum genug Platz für zwei. Heute geht es weiter nach Mittenwald und dann nach Oberammergau. Das Wetter soll ja schön bleiben.
Tausend Grüße und Küsse von Deinem Tobias.
Liebe Grüße auch von Christian.
Garmisch-Partenkirchen, 22.10.1956
Mein Herz!
Man kann sich drehen und wenden wie man will, es ist immer schön, schöner, am schönsten. Nochmals Gruß und Kuss von Deinem Tobias. Christian kauft uns gerade zwei Paar Weißwürste mit süßem Senf, wir können gar nicht genug davon kriegen.
Oberammergau, 28. Oktober 1956
Lieber Bruder!
Dass Du mich dazu überredet hast, mit Dir ins Bayerische zu fahren, und zwar in jene Gegend, aus der unsere Großmutter Kreszentia stammt, um einmal zu sehen, ob ein Holzbildhauer-Geselle wie ich hier Arbeit finden könnte, werde ich Dir nicht vergessen. Du warst schon immer der Klügere und Weitsichtigere von uns beiden. Was Du auf der beigefügten Karte siehst, ist das Geschäft, für das ich jetzt schnitze. Vorläufig noch auf Probe, aber ich habe ein gutes Gefühl. Und wenn der Kurtz mich nicht nimmt, dann irgendein anderer. Nachdem Du mich nach Karlsruhe zurückgebracht hattest, habe ich noch am selben Tag einen Großteil meiner Habseligkeiten in zwei Koffer gepackt und Antonia klar zu machen versucht, dass ein Holzschnitzer, wie Du richtig gesagt hast, dorthin gehen muss, wo die Leute das kaufen wollen, was Holzschnitzer anzubieten haben. Natürlich war sie von meinem überstürzten Entschluss, wie sie es nannte, alles andere als begeistert. Sie wolle nicht nach Oberammergau ziehen, könne ihre Mutter nicht alleine zurücklassen, werde das Leben in der Stadt schmerzlich vermissen, könne kein Bayerisch und wolle es auch gar nicht lernen. Und außerdem würde sie es niemals dulden, dass ihr Sohn Lederhosen trägt – Du weißt ja, wie heikel sie als gelernte Schneiderin und Kennerin der Haute Couture in Kleidungs- und Modefragen ist. Wer seinem Kind oder gar sich selbst erlaube, in Lederhosen herumzulaufen, habe die Kontrolle über sein Leben verloren, hat sie einmal bemerkt.
Erst als ich sagte, dass Du der gleichen Meinung bist wie ich, und dass der Vorschlag, einen Ortswechsel in Erwägung zu ziehen, ursprünglich von Dir gekommen sei, lenkte sie ein und gab zu, dass ich als barock empfindender Holzschnitzer im hinterwäldlerischen Oberammergau wohl bessere Aussichten auf eine berufliche Karriere haben würde als im technisch nüchtern und modern denkenden, wie auf dem Reißbrett angelegten Karlsruhe. Also solle ich eben tun, was ich nicht lassen könne, und mit dem nächsten Zug wieder dorthin fahren, wo sich Fuchs und Has gute Nacht sagen. Vielleicht werde ja tatsächlich ein berühmter Herrgottschnitzer aus mir und alle zehn Jahre außerdem noch ein begnadeter Judas-Darsteller auf den katholisch geweihten Brettern des Oberammergauer Passionsspielhauses. Wie das mit ihr und mir und unserem Sohn dann weitergehen werde, sei ihr momentan ein Rätsel, aber man werde ja sehen.
In der darauffolgenden Nacht vor meiner Abreise haben wir dann wieder zueinander gefunden, aber was unsere familiäre Zukunft angeht, bleibt vorläufig alles in der Schwebe. Vielleicht kannst Du einmal mit ihr reden und ihr die Vorteile einer ländlich-provinziellen Lebensweise plausibel machen. In Eurem Niefern bei Pforzheim seid Ihr ja auch nie fern von Fuchs und Has, wenn die sich nach einem in arbeitsamer Ruhe verbrachten Tag eine gute Nacht wünschen. Hab nochmals Dank und sei gegrüßt von Deinem „kleinen Bruder“
Tobias.
Grüße bitte auch Erika und den kleinen Wolfram von mir!
MYTHENLESE „Mit ironischen Schlenkern erzählt Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“ (Georg Patzer, Badisches Tagblatt)