Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.
Legte diesen Doppelsatz ChatGPT mit der Bitte um Kommentierung vor und erhielt als instantane Reaktion eine erstaunlich durchdacht wirkende Entfaltung der zu bedenkenden Implikationen.↗
Nun wartet sie (die KI) auf meine Antwort auf ihre Analyse und die abschließend von ihr gestellte Frage, dachte ich (falls man diesen neurologischen Reflex einen Gedanken nennen kann). Und bedachte dabei nicht, dass die KI keine Zeit und also auch kein Warten kennt. Sie antwortete mir „in no time“ und meine Reaktion darauf, falls es eine solche geben wird, wird aus ihrer Sicht (falls es eine solche gibt) gleichfalls „in no time“ erfolgt sein. Die einzige für die KI relevante Zeit ist die von ihr nicht wahrgenommene Rechenzeit. Eine andere Zeit gibt es für die darin Gott Ähnliche nicht.
Wie findest Du diese These: Von den Mythen zu den Planeten ist es kein weiter Weg; fast könnte man meinen, Astrologie sei ein Zweig der Mythologie.
Die These ist geistreich – und sie trifft etwas sehr Wesentliches. Aber sie ist zugleich verkürzend.
1. Warum die These viel für sich hat
Tatsächlich sind die Planetennamen und ihre Bedeutungsfelder tief in der Mythologie verwurzelt:
Mars steht für Kampf, Durchsetzung, Aggression.
Venus für Liebe, Anziehung, Harmonie.
Merkur für Sprache, Handel, Vermittlung.
Saturn für Zeit, Grenze, Ernst.
Jupiter für Expansion, Sinn, Ordnung.
Diese Zuordnungen sind keine willkürlichen Etiketten. Die astrologischen Bedeutungen sind über Jahrhunderte hinweg in engem Dialog mit den jeweiligen Mythen gewachsen. In diesem Sinn könnte man tatsächlich sagen: Astrologie arbeitet mit mythologischen Archetypen am Himmel.
Gerade wenn man – wie Du es in früheren Gesprächen formuliert hast – den Kosmos als „Bedeutungsgefüge“ versteht, dann erscheinen die Planeten als Projektionsflächen mythischer Sinnbilder.
2. Warum Astrologie nicht einfach Mythologie ist
Und doch geht Astrologie über Mythologie hinaus:
Mythologie erzählt Geschichten. Astrologie arbeitet mit strukturierten Entsprechungen.
Astrologie enthält:
mathematisch-astronomische Berechnungen
ein systematisches Häusersystem
Aspektlehre
ein komplexes Regelwerk mit innerer Logik
Das unterscheidet sie von bloßer Mythenerzählung. Sie ist eher eine symbolische Kosmologie mit Berechnungsmethode.
Man könnte sagen:
Mythologie liefert die Bilder – Astrologie ordnet sie in ein formales Zeit- und Raumraster ein.
3. Ein philosophischer Blick
Die spannende Frage lautet: Sind Mythen nur kulturelle Erfindungen – oder Ausdruck universaler Strukturprinzipien?
Wenn man (etwa im Sinne einer archetypischen Psychologie) annimmt, dass Mythen Grundmuster menschlicher Erfahrung ausdrücken, dann wäre Astrologie so etwas wie:
eine zeitlich codierte Mythologie
Oder noch präziser: eine Hermeneutik mythischer Zeitqualitäten.
4. Eine mögliche Präzisierung Deiner These
Statt zu sagen „Astrologie ist ein Zweig der Mythologie“, könnte man vielleicht formulieren:
Astrologie ist die systematische Anwendung mythischer Archetypen auf Zeitzyklen.
Astrologie ist Mythologie in astronomischer Form.
Astrologie ist eine symbolische Grammatik des Himmels, deren Vokabular aus Mythen stammt.
Mich würde interessieren: Meinst Du mit Deiner These eher eine kulturgeschichtliche Ableitung (historisch entstanden aus Mythos) oder eine erkenntnistheoretische Aussage (Astrologie ist im Kern mythologisches Denken)?
„In Udine feyerte ich den neun und zwanzigsten Januar meinen Geburtstag, und höre wie. Ich hatte mir natürlich den Tag vorher schon vorgenommen, ihn recht stattlich zu begehen, und also vor allen Dingen hier Ruhetag zu halten. Der Name Udine klang mir so schön, war mir aus der Künstlergeschichte bekannt, und war überdieſs der Geburtsort unserer braven Grassi in Dresden und Wien. Die groſse feyerlich tönende Abendglocke verkündigte mir in der dunkeln Ferne, denn es war schon Nacht als ich ankam, eine ansehnliche Stadt. Vor Campo Formido war ich im Dunkeln vorbey gegangen. Am Thore zu Udine stand eine östreichische Wache, die mich examinierte. Ich bat um einen Grenadier, der mich in ein gutes Wirthshaus bringen sollte. Gewährt. Aber ein gutes Wirthshaus war nicht zu finden. Ueberall wo ich hinein trat, saſsen, standen und lagen eine Menge gemeiner Kerle bacchantisch vor ungeheuer groſsen Weinfässern, als ob sie mit Bürger bey Ja und Nein vor dem Zapfen sterben wollten. Es kam mir vor, als ob Bürger hier seine Uebersetzung gemacht haben müsse; denn der lateinische Text des alten englischen Bischofs hat dieses Bild nicht. In dem ersten und zweyten dieser Häuser hatte ich nicht Lust zu bleiben; im dritten wollte man mich nicht behalten.“
„Du weiſst, daſs Schreibseligkeit eben nicht meine Erbsünde ist, und wirst mir auch Deiner selbst wegen sehr gern verzeihen, wenn ich Dir eher zu wenig als zu viel erzähle. Wenn ich recht viel hätte schreiben wollen, hätte ich eben so gut zu Hause in meinem Polstersessel bleiben können. Nimm also mit Fragmenten vorlieb, aus denen am Ende doch unser ganzes Leben besteht.“
„Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen, und daß es so schwer ist, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muß. Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe. Selten sind die Kräfte so groß, daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen, oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufällig öfter gehört hatte, oder ich bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen, von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung.“
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, darin: Die Mitteilung
Der nachfolgende Text entstand 2014/15 auf Anregung von Markus Jäger im Zusammenhang mit einem Kunstprojekt von Markus Jäger und ONUK Bernhard Schmitt. Näheres dazu bei Markus Jäger: ↗
„Alles Geschehen ist einmalig und nie sich wiederholend. Es trägt das Merkmal der Richtung (der „Zeit“), der Nichtumkehrbarkeit. Das Geschehene, als nunmehr Gewordnes dem Werden, als Erstarrtes dem Lebendigen entgegengesetzt, gehört unwiderruflich der Vergangenheit an.“
Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes
Über Recycling
Recycling könnte man allgemein bezeichnen als den Versuch, die von Oswald Spengler behauptete Nichtumkehrbarkeit der Geschehnisse zu relativieren, die Unwiderruflichkeit des Verdikts Aus-und-vorbei infrage zu stellen. Im Gegensatz zur Arithmetik der Antike, so Spengler weiter, kenne die abendländische Analysis die „Konzeption einer veränderlichen Zahl, die unterhalb jeder von Null verschiedenen endlichen Größe sich bewegt, selbst also nicht den geringsten Zug einer Größe mehr trägt.“ Dieser Grenzwert, der keinen bestimmten Wert mehr annimmt, ist gewissermaßen der Prozess der Annäherung selbst: „Er ist kein Zustand, sondern ein Verhalten.“ Mit dem Verhalten des Recycling hätte demnach ein Konzept der abendländischen Mathematik eine nicht-mathematische, alltäglich-profane Gestalt angenommen. Denn Recycling ist eher zuerst als zuletzt der Versuch des „Abendlandes“, nicht nur das eigene Untergehen im eigenen Müll, sondern letztlich den Nullpunkt der globalen Katastrophe bis zum Sankt Nimmerleinstag hinauszuzögern: Recycling ist das auf Dauer gestellte Noch-nicht-am-Ende-Sein.
Der recycelte Gegenstand ist Träger einer Substanz, die bei Strafe des „Untergangs des Abendlandes“ nicht vergehen darf. Der jeweils neue Phönix (Laubbläser, HD-Fernseher, Geländewagen), der sich aus der Asche der Plaste und Elaste, der Flaschen, Elektrogeräte und Printprodukte erhebt, verkörpert das Prinzip des ewigen Lebens seiner materiellen Grundlage: Recycling ist die Auferstehung des Fleisches der Produkte in Form neuer Produkte.
Das immer wieder neu Gewordene und zu neuer, anderer Form Vergegenständlichte ist zugleich das stets aufs Neue Tote. So haftet dem Wiederholungsvorgang – im Idealfall ad infinitum – zugleich ein Aspekt des Wiedergängerischen und Untoten an. Recycling realisiert das Paradox des lebendig Toten: Recycling ist Wiedergängertum im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit.
Durch die hoffentlich endlose Folge von Wiedergeburten der Artefakte wird, wie schon erwähnt, der Zeitpunkt des finalen perdu ad infinitum hinausgeschoben. Schlechte Zeiten für die Produktseele, die sich zum Buddhismus bekennt: Recycling ist Buddhismus minus Nirwana.
Wer über Recycling spricht, wird von Nachhaltigkeit nicht schweigen wollen. Nachhaltig sind Produkte dann, wenn ihren Produktionsbedingungen das Ideal des Perpetuum mobile zugrunde liegt. Recycling kann dabei helfen, das Ideal zu verwirklichen. Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns, dass wir in der Vergangenheit so vieles unwiederbringlich weggeworfen haben, anstatt es in den keineswegs teuflischen Zirkeln der Produktions-Konsumtions-Ketten endlos rotieren zu lassen. Aus Output wird Input wird Output wird Input. Wo einmal Abfallpolitik nötig war, ist nun der Zugang zu einer anderen Art von Rohstoff zu organisieren und zu regeln: Recycling ist Nachhaltigkeit ist Erlösung vom Übel der Mülldeponie.
Wenn schon der emaillierte Aschenbecher von 1913 „teils zum Schmuck und teils zum Rauchen“ (Kurt Tucholsky) gewesen ist, wie schmuck (schön) wird dann erst, abgesehen von seinem praktischen Nutzen, der recyclierte Schirmständer aus Sekundär- und Tertiärrohstoffen sein, der heute für kurze Zeit am Ende eines Systems von aufeinanderfolgenden und ineinandergreifenden Wiederverwertungsprozessen steht. Denn die ökopolitische Schönheit der Produkte aus nicht-primären Rohstoffen ist mittlerweile Common Sense: Recycling is beautiful.
Über Noncycling
Eine neue Gesteinsart, ein Konglomerat aus Plastik, vulkanischem Gestein, Sand, Muscheln und Korallen, wurde 2014 an der Küste von Hawaii entdeckt. Die kanadische Geologin Patricia Corcoran erfand, besser gesagt: konglomerierte dafür den Namen plastiglomerates. Man kann in jenen hybriden Klumpen offenbar die eingebackenen ehemaligen Zahnbürsten, Gabeln, Seile und noch manches mehr gut erkennen. Wenn die zivilisationsbedingten Bestandteile fürs erste unauflöslich mit den schwereren natürlichen Materialien verschmolzen sind, sinkt das neue Gestein auf den Meeresgrund, wird Teil der Erdgeschichte und hat somit gute Chancen, zukünftigen Forschern Rätsel aufzugeben.
Bevor sie auf dem Meeresgrund landeten, trieben die Plastikteile womöglich im Great Pacific Garbage Patch (Großer Pazifischer Müllfleck), den man vom hawaiianischen Midway-Atoll aus gut beobachten könnte, falls das US-Militär den Zugang gestatten würde. Insgesamt fünf große Meeresdriftströmungswirbel gibt es weltweit und man muss wohl annehmen, dass in jedem dieser Strudel einige hunderttausend der insgesamt acht Millionen Tonnen Kunststoffmüll mitbewegt, in Verbindung mit UV-Licht nach und nach pulverisiert und schließlich in die menschliche Nahrungskette eingegliedert werden. Zukünftige Anthropologen werden sich womöglich der Tatsache stellen müssen, dass der Mensch nicht nur im zivilisatorisch-kulturellen Sinn, sondern bis in die Feinstruktur seiner Physis hinein Resultat menschlichen Handelns ist. Die nicht erst jetzt problematisch gewordene Unterscheidung zwischen Natur und Kultur wird weiter an Überzeugungskraft verlieren.
Alles bewegt sich, alles dreht sich. Wo es um Recycling geht, ist von Rotation vor allem metaphorisch die Rede, wo es um die Müllstrudel der Weltmeere geht, ist die Kreisbewegung des Plastikmülls fotografisch abbildbare Wirklichkeit. Vom sprachlichen wie vom fotografischen Bild wird nahegelegt, sich dem Thema Recycling (einschließlich Non-Recycling oder Noncycling) kreisförmig zu nähern. Markus Jäger und Bernhard Schmitt haben dies getan. Ihre künstlerischen Materialversammlungen der relikte Serie (seit 2012) kreisen um eine planimetrische Mitte, die als Zentrum darüber hinaus semantisch leer bleibt. Mal sieht es nach einem trägen Sich-im-Kreis-Drehen der Gegenstände aus, mal scheint eine zentrifugal wirkende Kraft diese zu beschleunigen und am Rande der Kreisfläche bereits unterschiedlich weit vom Mittelpunkt weggetragen zu haben.
Über Up- und Downcycling
Recycling heißt im Grund nur, dass aus etwas Altem etwas Neues, aus etwas Verbrauchtem ein Noch-zu-Verbrauchendes, aus Müll beim Durchlaufen der dreistufigen Verwertungskaskade (Sammeln, Sortieren, Aufbereiten) wieder ein verkäufliches Produkt (in der Regel ein Zwischenprodukt) gemacht wird. Bei genauerem Hinsehen kann jedoch mindestens noch zwischen Upcycling und Downcycling unterschieden werden.
Macht man aus einer Flasche wieder eine Flasche, liegt ein Fall von Downcycling vor, da die Qualität des Glases unweigerlich gelitten haben wird. Es wäre eventuell besser gewesen, die Flasche zum Bau eines Hauses zu verwenden oder auch zur Herstellung (zum Schaffen) eines Kunstwerks. „Upcycling“ heißt hier der komplementäre Terminus, der eine Bewegung nach oben, das heißt eine Qualitätssteigerung suggeriert. Die gleichwohl festzustellende Minderung der Glasqualität spielt dabei keine Rolle, da das zum Haus- beziehungsweise Kunst-Bau verwendete Glas nicht mit anderen Glasarten, sondern mit anderen Bau- respektive Kunst-Stoffen zu vergleichen ist.
Zu untersuchen wäre, ob, wann und wo die Müllaufwertung (typischerweise als Papiermüllveredelung auf dem Wege des Kleidungs- oder Möbeldesigns) noch etwas anderes ist als eine Maßnahme zur Erhöhung des Aufmerksamkeitsindexes der Produkte. Mit angeblichem oder Pseudo-Upcycling ist der Welt (aber vor allem der Nachwelt) mittel- und langfristig nicht geholfen, sofern man als authentische Hilfe nur das gelten lassen will, was sich in einer messbaren Reduzierung oder Kompensation schädlicher Effekte niederschlägt.
Über Metacycling
Boris Groys stellte 2003 in seiner Topologie der Kunst fest, die Kunst sei unbestreitbar ein Wirtschaftszweig, daher sei das Kunstwerk „eine Ware wie jede andere“. Auch Recycling ist seit geraumer Zeit ein Wirtschaftszweig, in dem mit spezifischen Produkten und Dienstleistungen Umsätze und Gewinne gemacht werden. Markus Jägers und Bernhard Schmitts Recycling-Bilder-Waren-Produktion gehört in gewisser Weise nicht nur dem einen, sondern auch dem anderen Wirtschaftssektor an. Dass der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft e.V. (BDE) das Künstlerduo als Verbandsmitglied aufnehmen würde, darf allerdings bezweifelt werden. Denn die von Jäger&Schmitt praktizierte Form des Müllrecyclings findet zu hundert Prozent im Symbolraum der Kunst statt, die oben erwähnte Glasflasche würde beim Bau ihrer Werke also gar nicht stofflich real zum Tragen kommen.
Mit dem Hinweis auf den symbolischen Charakter des künstlerischen Endprodukts scheint man als artistischer Re- oder Upcycler peinlichen Fragen nach Qualitätsunterschieden und Energiebilanzen glücklich entronnen zu sein. Wenn der Wert-Stoff Kunst die irdischen Belange transzendiert (das Kunstwerk ist nach Adorno „das Andere der Empirie“ und umgekehrt die stoffliche Wirklichkeit das Andere der Kunst), können Probleme der qualitativen Auf- oder Abwertung im Bereich der Kunst nur metaphysischer Natur sein. Und auch ohne Adorno gelesen zu haben, werden nicht wenige Künstler vom ideellen (kulturellen) Maximalwert der Resultate ihres Schaffens überzeugt sein.
Doch ebenso wie das eigentlich nicht mit Geld zu Bezahlende auf diversen Kunstmärkten zu exakt feststellbaren Preisen die Besitzer wechselt, wird die physisch-empirische (nicht die metaphysisch geschönte) Ökobilanz des künstlerischen Tuns und Lassens (en gros und en détail) früher oder später einer Prüfung zu unterziehen sein. Marcel Duchamps Urinal wird einmal mehr besser wegkommen als der berühmt-berüchtigte Ölschinken, insbesondere dann, wenn dieser vor der Zeit der umweltfreundlichen Farben auf die mit fragwürdigen Verfahren hergestellte Leinwand gebracht worden ist. Die stoffliche Wirklichkeit als ihr Anderes wird die Kunst eines nicht mehr fernen Tages einholen und sie fragen, ob sie nicht eine Chance sehe, bei ihrem Negieren der Realität diese auch materialiter außen vor zu lassen oder doch wenigstens umweltschonender zu behandeln, als das bisher in manchen Fällen der Fall gewesen ist.
Eine Ökobilanz der Werke (Produkte) von Markus Jäger und Bernhard Schmitt hat deren primär digitalen und erst sekundär analogen oder haptischen Charakter in Rechnung zu stellen. Die Instrumente, mit denen sie geschaffen wurden, dienen daneben noch einer Reihe von anderen Zwecken. Ihre Verstofflichung oder Inkarnation ist nicht Bedingung ihrer Existenz, sondern vollzieht sich on demand oder on decision. Das macht, wenn man so will, ihren ökologischen Charme aus. Erst in der nicht-digitalen Phase ihrer Existenz jenseits des virtuellen Raums werden sie zu potentiellem Müll, für dessen ökopolitisch korrekte Entsorgbarkeit von vornherein Sorge zu tragen wäre.
MYTHENLESE „Mit ironischen Schlenkern erzählt Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“ (Georg Patzer, Badisches Tagblatt)