Aalen, 10. November 1956

Lieber Tobias!

Dass Du mich vergessen hast, halte ich für ausgeschlossen. Aber denkst Du manchmal auch noch an mich oder träumst gar von mir? Die Kratzspuren auf Deinem Rücken werden bis auf ein paar kaum sichtbare Narben nach drei Jahren verschwunden sein, doch die neuronalen Verbindungen, die sich bei den ehebrecherischen Akten, in deren Verlauf diese Spuren damals in wöchentlichen Abständen erneuert wurden, sind in Deinem schönen Dickschädel (beinahe hätte ich das Wort mit einem F begonnen) sicher bis zum heutigen Tag erhalten geblieben.

Yes, darling, ich lese gerade (in English) einen Artikel über die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung. Du weißt ja, ich interessiere mich für alles und nichts. Was Dich vielleicht interessieren wird: woher ich weiß, dass Du jetzt in Oberammergau lebst, und von wem ich Deine derzeitige Adresse habe. Nun, Dein früherer Arbeitgeber und väterlicher Gönner, welcher, wie Du weißt, mein Ehemann ist, wobei die Betonung auf Ehe und nicht auf Mann liegt, hat von seiner alten Freundin Klara Trost, welche, wie Du gleichfalls weißt, Deine Mutter ist, erfahren, dass ihr jüngerer Sohn seit kurzem in Oberammergau lebt, woraufhin er sich Deine Adresse geben ließ, weil an der Madonna, die Du für ihn geschnitzt hast, im Zuge einer unserer Diskussionen ein paar Teile abgebrochen sind (shit happens) und er nicht weiß, wie er die wieder drankriegen soll. Mon dieu, war das jetzt ein langer Satz. Neben besagtem Artikel lese ich derzeit nämlich immer noch den nicht enden wollenden Joseph-Roman mit seinen kaum sagbar langen Sätzen, geschrieben von meinem innig geliebten Thomas Mann, was, wie Du siehst, nicht ohne Folgen bleibt.

Und damit sind wir jetzt auch schon (hätte ich das „schon“ in Anführungszeichen setzen sollen, damit Du erkennst, dass es ironisch gemeint ist?) beim Grund oder Anlass für mein letterales Elaborat: Die Firma Trautmann & Co. nimmt am kommenden Wochenende, also vom 16. bis zum 18. November, in München an einem internationalen Treffen von irgendwelchen Dachziegel-Fabrikanten teil. Frag mich nicht, worum es da geht, denn die Herstellung von Dachziegeln ist so ziemlich das einzige, wofür ich mich nicht interessiere, obwohl nicht nur der Saus, sondern auch der Braus, in dem ich lebe, aufs engste damit verbunden sind. Jeder größere Dachschaden, den die Leute im In- und Ausland haben, bedeutet für mich eine weitere Woche an der Französischen Riviera (in meinen Kreisen besser unter dem Namen Côte d’Azur bekannt), sofern er mit Ziegeln aus der Produktion meines Göttergatten behoben wird.

Der in praktischen und pyrotechnischen Dingen begabte Gott, mit dem ich meinen Berthold dabei in Verbindung bringe, ist, wie man weiß oder wissen sollte, Hephaistos, der bekanntlich hinkte, seit ihn seine Mutter Hera, Gattin von Zeus, gleich nach der Geburt vom Olymp geworfen hat, weil sie mit seiner äußeren Erscheinung nicht zufrieden war. Was mich mythologischerweise zur ehebrecherischen Aphrodite und Dich (zumindest zeit- oder aktweise) zu Ares, dem altgriechischen Kriegsgott macht, den man auf Neugriechisch wahrscheinlich einen Verteidigungsgott nennen müsste. Aber das führt nun endgültig zu weit hinein ins Labyrinth der griechischen Götter- und Heldensagen.

Was ich eigentlich sagen beziehungsweise rund- oder geradeheraus fragen wollte: Wäre es Dir an- oder wenigstens genehm, wenn ich am nächsten Samstag auf einen Seitensprung bei Dir vorbeikäme? Der offizielle Grund für meinen Besuch bestünde dann in der Übergabe des Ehekriegs-Begleitschadens in Gestalt Deiner bildhübschen Empfangshallen-Marie, die ich Dorothea II. nenne, weil sie mir wie aus dem Gesicht geschnitten ist – so wie Du übrigens dem jungen Berthold dermaßen ähnlich siehst, dass es mich nicht wundern würde, wenn ich vor drei Jahren einen Sommer lang jeden Donnerstag unter meinem Stiefsohn im Bett gelegen hätte, wenn Du verstehst, was ich meine.

Ich werde daher am frühen Freitagabend ohne Berthold, der praktischerweise in München bleibt, mit meinem neuen Alfa Giulietta Spider (nach dem Karosserieschneider von mir auch Alfa Farina genannt) in Garmisch eintreffen, wo ich auf Verdacht eine Chambre double mit einem soliden Doppelbett ohne Besucherritze (die bringe ich selbst mit) bestellt habe. Danach fahre ich mit Dorothea II. auf dem Beifahrersitz weiter nach Oper-Ammergau, wo mein Heldentenor sich schon brünstig nach mir verzehrt – so steht es jedenfalls in dem von mir verfassten Libretto, wir werden ja sehen, wie nahe ich damit der Wirklichkeit gekommen sein werde.

Immer noch und hoffentlich bald wieder die

Deine, Dorothea.

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