Wallgau, 22.10.1956

Meine liebe Toni!

Das Bild auf der Karte zeigt ja etwas von der Schönheit dieses Landes. Wir sind gesund und munter und bedauern beide, dass Du nicht mitkommen konntest, aber in Christians Isetta ist ja kaum genug Platz für zwei. Heute geht es weiter nach Mittenwald und dann nach Oberammergau. Das Wetter soll ja schön bleiben.

Tausend Grüße und Küsse von Deinem Tobias.

Liebe Grüße auch von Christian.

Garmisch-Partenkirchen, 22.10.1956

Mein Herz!

Man kann sich drehen und wenden wie man will, es ist immer schön, schöner, am schönsten. Nochmals Gruß und Kuss von Deinem Tobias. Christian kauft uns gerade zwei Paar Weißwürste mit süßem Senf, wir können gar nicht genug davon kriegen.

Oberammergau, 28. Oktober 1956

Lieber Bruder!

Dass Du mich dazu überredet hast, mit Dir ins Bayerische zu fahren, und zwar in jene Gegend, aus der unsere Großmutter Kreszentia stammt, um einmal zu sehen, ob ein Holzbildhauer-Geselle wie ich hier Arbeit finden könnte, werde ich Dir nicht vergessen. Du warst schon immer der Klügere und Weitsichtigere von uns beiden. Was Du auf der beigefügten Karte siehst, ist das Geschäft, für das ich jetzt schnitze. Vorläufig noch auf Probe, aber ich habe ein gutes Gefühl. Und wenn der Kurtz mich nicht nimmt, dann irgendein anderer. Nachdem Du mich nach Karlsruhe zurückgebracht hattest, habe ich noch am selben Tag einen Großteil meiner Habseligkeiten in zwei Koffer gepackt und Antonia klar zu machen versucht, dass ein Holzschnitzer, wie Du richtig gesagt hast, dorthin gehen muss, wo die Leute das kaufen wollen, was Holzschnitzer anzubieten haben. Natürlich war sie von meinem überstürzten Entschluss, wie sie es nannte, alles andere als begeistert. Sie wolle nicht nach Oberammergau ziehen, könne ihre Mutter nicht alleine zurücklassen, werde das Leben in der Stadt schmerzlich vermissen, könne kein Bayerisch und wolle es auch gar nicht lernen. Und außerdem würde sie es niemals dulden, dass ihr Sohn Lederhosen trägt – Du weißt ja, wie heikel sie als gelernte Schneiderin und Kennerin der Haute Couture in Kleidungs- und Modefragen ist. Wer seinem Kind oder gar sich selbst erlaube, in Lederhosen herumzulaufen, habe die Kontrolle über sein Leben verloren, hat sie einmal bemerkt.

Erst als ich sagte, dass Du der gleichen Meinung bist wie ich, und dass der Vorschlag, einen Ortswechsel in Erwägung zu ziehen, ursprünglich von Dir gekommen sei, lenkte sie ein und gab zu, dass ich als barock empfindender Holzschnitzer im hinterwäldlerischen Oberammergau wohl bessere Aussichten auf eine berufliche Karriere haben würde als im technisch nüchtern und modern denkenden, wie auf dem Reißbrett angelegten Karlsruhe. Also solle ich eben tun, was ich nicht lassen könne, und mit dem nächsten Zug wieder dorthin fahren, wo sich Fuchs und Has gute Nacht sagen. Vielleicht werde ja tatsächlich ein berühmter Herrgottschnitzer aus mir und alle zehn Jahre außerdem noch ein begnadeter Judas-Darsteller auf den katholisch geweihten Brettern des Oberammergauer Passionsspielhauses. Wie das mit ihr und mir und unserem Sohn dann weitergehen werde, sei ihr momentan ein Rätsel, aber man werde ja sehen.

In der darauffolgenden Nacht vor meiner Abreise haben wir dann wieder zueinander gefunden, aber was unsere familiäre Zukunft angeht, bleibt vorläufig alles in der Schwebe. Vielleicht kannst Du einmal mit ihr reden und ihr die Vorteile einer ländlich-provinziellen Lebensweise plausibel machen. In Eurem Niefern bei Pforzheim seid Ihr ja auch nie fern von Fuchs und Has, wenn die sich nach einem in arbeitsamer Ruhe verbrachten Tag eine gute Nacht wünschen. Hab nochmals Dank und sei gegrüßt von Deinem „kleinen Bruder“

Tobias.

Grüße bitte auch Erika und den kleinen Wolfram von mir!

Folge 4 demnächst in diesem Theater


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