
Vollmond ist, wenn sich – selenozentrisch gesehen – die Erde zwischen Sonne und Mond schiebt und geometrisch gesprochen ein Zustand erreicht ist, bei dem das vom Erdmittelpunkt auf die Verbindungslinie zwischen Mond- und Sonnenmittelpunkt gefällte Lot seine minimale Länge annimmt (bei einer Mondfinsternis gleich Null). Ich gebe zu, dass mir bei der Formulierung dieses seltsamen Satzes ChatGPT ein wenig beim Glätten geholfen hat – meine ursprüngliche Fassung war zwar inhaltlich korrekt, aber even more strange and incomprehensible. Der nächste Vollmond (im Sinne von „minimale Lot-Länge“) ist übrigens in zwei Tagen, nämlich am 1. Februar 2026 um 23:10 Uhr.
Sonne und Mond stehen bei Vollmond in Opposition
Die seit jeher astronomisch informierten Astrologen sprechen als genuine Ptolemäer und Geozentriker in formaler Hinsicht davon, dass bei Vollmond Mond und Sonne in Opposition, das heißt in einem 180-Grad-Winkel zueinander stehen, während ansonsten der messbare Winkel zwischen den Geraden durch Mond- und Sonnenmittelpunkt (mit dem Erdzentrum als Scheitelpunkt) irgendwo zwischen 0 und 360 Grad liegt.
Der Vollmond als Höhe-, End- und Wendepunkt
Inhaltlich sieht die Astrologie den Vollmond als Höhe- und Endpunkt einer Entwicklungs- und Reifephase, wobei eine Sache auch reif im Sinne von reif für die Tonne oder den Abbruch (wovon auch immer) sein kann. Man erntet das, was man (bewusst oder unbewusst) gesät hat. Schon für die Annäherungsphase, in der wir uns jetzt (zwei Tage vor der Vollmond-Wende) befinden, gilt nach Dane Rudhyar: „As we come closer to the full moon the indications of personal maturity and enlightenment become stronger. With such a lunation birthday an individual should reach some kind of fulfillment, objective understanding or illumination“, was, wie schon gesagt, anlässlich eines konkreten Vollmond-Ereignisses auch heißen kann: mir ist jetzt klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann. So gesehen kulminiert Rainer Maria Rilkes Gedicht über den steinernen Torso Apollos in einem existenziellen Vollmond-Moment, wenn es zuletzt heißt: „denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“
Dane Rudhyar über den Vollmond
Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, hat sich Dane Rudhyar in seinem Buch über den Mondzyklus ausführlich und tiefgreifend über die Mondphasen geäußert. Zum Vollmond schreibt er unter anderem:
Die Periode nach dem Vollmond „offenbart entweder den Höhepunkt einer Beziehung oder deren Unmöglichkeit, sie fortzuführen. Im ersten Fall setzt dies den Prozess der Entfaltung der Früchte der Beziehung in Gang. Die dynamische ‚Stimmung‘ des Neumonds wird bei Vollmond zu einem konkreten ‚Bild‘, einer symbolischen Vision im Licht. Der Kontrast zwischen lunaren und solaren Faktoren wird als ‚Chiaroscuro‚ wahrgenommen, welches die Form verstärkt – denn die Wahrnehmung von Form impliziert einen Gegensatz von Licht und Schatten, von Schwarz und Weiß. Die Form, die sich in einem Moment klarer Wahrnehmung in der Vollmondphase eines jeden Beziehungszyklus offenbart, gibt ihre Bedeutung (oder Symbolik) allmählich preis, während das Mondlicht abnimmt.“
Wie man sieht, ist der Vollmond als solcher inhaltlich nicht zu fassen ohne Bezugnahme auf die Phasen davor und danach. Für die Astrologie ist der Mond kein qualitativ und quantitativ bestimmbares Objekt im Raum, sondern ein in Zyklen verlaufender Prozess ad infinitum, wobei die Phasen der einzelnen Zyklen weder deutlich gegeneinander abgegrenzt, noch ohne Berücksichtigung des Phasen-Kontexts beschrieben werden können (um vom möglichen Kontext der Planetenstellungen und Hauspositionen nicht zu reden). Folglich ist ein Abbruch des Gedankengangs an dieser Stelle aus zeitökonomischen und anderen Gründen ebenso unvermeidlich wie inhaltlich unbefriedigend.
Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967)
