Es gibt bei dieser Zeichnung eine formästhetische Ebene und eine intellektuelle, die man zur Not auch eine philosophische nennen könnte. Erstere erschließt sich durch die reflektierte unmittelbare Anschauung, letztere erst dann, wenn man den handwerklichen Entstehungsprozess mit in Betracht zieht.
     Denn die Linienführung ist nicht frei erfunden oder rein intuitiv erspürt, sondern folgt den von mir aufgrund meines Erkennen-Wollens erkannten Linien innerhalb einer zugrunde gelegten Fotografie, wobei der aufsteigende Linienverlauf mit der abgebildeten Realität immer nur ein Stück weit kongruent ist. Die Linie springt also vom Wegrand über auf den scheinbaren (da nur optisch vorhandenen) Rand des Baumstamms, um zuletzt Ästen und Blatträndern zu folgen (in diesem YouTube-Short sieht man, was gemeint ist).
     Nähert man sich der pseudo-philosophischen Interpretations-Satire, wenn man sagt: Diese Linien stehen symbolisch für die Einheit der Natur, die durch unseren mit Hilfe der Sprache (des Worts) analytisch gewordenen Blick („ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist“) verloren gegangen ist?
     Aber warum zwei Linien, wenn eine als Trägerin der Symbolik ohne weiteres genügt hätte? Aus formästhetischen Gründen, denn schließlich reden wir hier über eine Zeichnung, also möglicherweise über ein Gebilde der bildenden Kunst. Kurz und analogisch gesagt: Erst wo eine zweite Tonfolge ins Spiel kommt, wird das Stück ästhetisch interessant, kommt es, um nur das Naheliegendste zu sagen, zur Möglichkeit von Harmonie und Disharmonie, Konsonanz und Dissonanz.
     Eine Linie ist Gymnastik, zwei Linien sind Tanz im Sinne von Tango und Pas de deux.

2026-05-24, UT 18:19, Tango
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