You deserve a great love, ließ die Astro-App meines schwindenden Vertrauens mich gestern wissen.
     A Great Love – darunter verstand Diotima in Platons „Gastmahl“ (Untertitel: „Von der Liebe“) die Liebe des Ansichschönen. Sie stand am Ende eines ereignis- und erkenntisreichen Weges von der Liebe zu einem einzelnen Knaben (die altgriechische Elite war nahezu homogen homosexuell) über die nach und nach immer unkörperlicher werdende Betrachtung des Schönen hin zur Liebe des Ur- und Göttlichschönen als einem Seienden, das „weder wird noch vergeht und weder zunimmt noch abnimmt, sodann nicht nach einer Seite betrachtet schön, nach der andern unschön, noch auch bald schön und bald nicht, noch in Vergleich mit dem einen schön, mit dem andern aber hässlich, oder teilweise schön und teilweise hässlich, oder nach der Meinung einiger schön, nach der von anderen aber hässlich ist.“
     Was Diotima, „die Fremde aus Mantineia“, im Dialog mit Sokrates entwirft, skizziert die Stationen eines möglichen Bildungs- und Entwicklungsromans, in dem gezeigt werden könnte, wie ein Protagonist (als Künstler in einem universellen Sinn) in der Erkenntnis des Schönen stufenweise voranschreitet: „von einem zu zweien und von zweien zu allen schönen Körpern, und von den schönen Körpern zu den schönen Bestrebungen, und von den schönen Bestrebungen zu den schönen Erkenntnissen, – bis man innerhalb der Erkenntnisse bei jener Erkenntnis endigt, die von nichts anderem als von jenem Urschönen selber die Erkenntnis ist, und so schließlich das allein wesenhaft Schöne erkennt.“
     Auch als Künstler müsste man dann zu guter Letzt (wie Ludwig Wittgenstein in Bezug auf seine Sätze im „Tractatus“ empfiehlt) die Kunst-Leiter wegwerfen, nachdem man mit ihrer Hilfe auf dem Weg zum Schönen über die Kunst hinausgestiegen ist.

Der vorgestern verstorbene Hans-Georg Kern, der sich selbst Georg Baselitz nannte, hat schon vor acht Jahren in einem Interview bekannt, dass er seiner umfangreichen Kunstbibliothek und überhaupt dem Schaffen der Anderen kaum noch Beachtung schenke, und stattdessen anhand von Katalogen und Büchern nur noch das eigene Werk betrachte. Der letzte Schritt hin zum Ur-, Ansich- und Göttlichschönen vor dem Wegwerfen der Leiter wäre dann der von der rezeptiven Erkenntnis des Schönen im eigenen Werk zum mystischen „allein wesenhaft Schönen“ gewesen. Wenn Baselitz dieses noch zu Lebzeiten „gesehen“ hat, wird er wohl kaum darüber gesprochen haben. Denn, so noch einmal Ludwig Wittgenstein: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

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