
Oberammergau, 2. November 1956
Liebe Toni, mein liebes Herz!
Gestern konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich auch am Allerheiligen-Feiertag von morgens bis abends geschnitzt habe. Ich muss vorerst noch schnitzen und nochmals schnitzen, um neben diesen routinierten Handwerkern nicht allzu alt auszusehen, wo ich doch mit meinen 27 Jahren noch zu den Jüngeren gehöre. Immerhin komme ich schon auf 75 Mark pro Woche und hoffe, in ein bis zwei Wochen wie die Anderen meine 100 Mark verdienen zu können. Von der schönen Landschaft bekomme ich dabei vorerst noch nicht viel zu sehen. Aber vielleicht erzähle ich mal von Anfang an, wie es mir ergangen ist.
Die Eisenbahnfahrt über München war regnerisch und trüb. In Murnau musste ich in einen Bus umsteigen und dann ging es die letzten zwanzig Kilometer durch das tief verschneite Land bis Oberammergau. Ich hatte mal wieder Kopfschmerzen und steuerte mit meinen beiden Koffern gleich ins nächste Gasthaus. Ein leicht dusseliges Gefühl im Kopf hat mich übrigens bis heute nicht verlassen. Das Klima im Voralpenland ist anscheinend für einen, der aus der Rheinebene kommt und zu Kopfschmerzen neigt, ein wenig gewöhnungsbedürftig.
Ich nahm mir also für die erste Zeit ein Hotelzimmer und ging noch am selben Abend einige Meister besuchen. Arbeit hätten sie überall für mich gehabt, aber keinen Arbeitsplatz. Bis ich dann zu Kurtz selig Erben kam, wo ich zur Probe angenommen wurde. Es ist das älteste und bekannteste Verlagshaus am Ort und ich glaube, dass ich hier genau richtig bin. Das Geschäft hat fünf oder sechs große Werkstätten, in denen die einen Christusfiguren, die anderen Madonnen und wieder andere Altäre, Holzgrabmale oder profane Schnitzereien herstellen – also alles das, was ich lernen oder wenigstens näher kennenlernen möchte. Und schnitzen können diese Leute, das ist zum Staunen.
Ja und dann kam der Dienstag, an dessen Abend mir der Meister sagte, dass ich bleiben könne. Das ist erst drei Tage her, aber mir kommt es so vor, als wären seither drei Wochen vergangen. Er gab mir auch eine Adresse, wo ich schlafen könne. Und so zog ich gleich um. Meine Zimmerwirtin, sie heißt Aloisia Strauß, sieht aus wie Frau Bauer in Bulach, in deren Keller immer noch mein erster großer Kruzifixus darauf wartet, von mir abgeholt zu werden. Der kann natürlich seinen Oberammergauer Doppelgängern nicht das Wasser und schon gar nicht den Wein reichen. Mit mir im Zimmer schläft noch ein junger Mann, mit dem ich mich gut verstehe. Er ist aus dem Rheinland und auch Schnitzer. Aber das Beste an ihm ist, dass er hier eine Braut hat, bei der er übernachten kann, wenn Du mich besuchen kommst.
Meine Kollegen sind fast alle in meinem Alter. Einer ist vierzig, ein anderer um die sechzig. Es gibt viel Gaudi während der Arbeit. Das Radio spielt dazu und manchmal wird es mir ein bisschen zu viel. In meinem Bulacher Keller habe ich immer ganz alleine vor mich hin geschnitzt. Anders als in Karlsruhe, wo das Holz in die Hobelbank eingespannt wird, hält man hier den Herrgott in der Hand und schnitzt im Sitzen. Dabei arbeitet man meistens mit dem Schnitzmesser und nur selten mit den anderen Schnitzeisen. Das war natürlich neu und eine große Umstellung für mich. Es ist aber viel bequemer und ich kann viel schneller und sauberer arbeiten.
Man kommt und geht hier wie man will und es wird dann schon neun oder halb zehn, bis am Abend der Letzte sein „Pfiati“ sagt, das bedeutet soviel wie „Gott behüte dich“. Frag mich nicht, wie daraus ein „Pfiati“ oder „Pfiat di“ werden konnte, aber sie haben es mir so erklärt. Am Sonntag, oder auch an einem Feiertag wie gestern, wird nach der Kirche weiter geschnitzt bis zum Nachmittag. Und wenn sie nicht schnitzen, sitzen sie so da und die Frauen sind manchmal auch dabei. Sie gehen sehr freundschaftlich miteinander um und strahlen dabei diese bayerische Gemütlichkeit aus, so dass ich das Durcheinander einigermaßen gut ertragen kann.
Es ist Freitagabend und geht auf zwölf. Ich bin immer noch in der Werkstatt. Sicher liegst Du schon im Bett, nur leider nicht in meinem, sonst wäre ich jetzt auch nicht mehr hier bei meinen hölzernen Leidensgenossen. Zwar hat man mich nicht gekreuzigt, aber ans Kreuz geschlagen fühle ich mich trotzdem. Das ist auf Dauer kein Zustand.
Sei gegrüßt und geküsst von Deinem
Tobias!
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