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Prolog nach vierzig Jahren

Hallo Tobias!

„Dass Du mich vergessen hast, halte ich für ausgeschlossen!“ – Das war der erste Satz eines Briefs, den ich Dir am 10. November 1956, also vor ziemlich genau 43 Jahren, aus Aalen geschrieben habe. Du bist vor zweieinhalb Monaten 70 geworden, ich wurde schon am 3. März noch ein paar Jahre älter. Du hast mich nie gefragt, wie alt ich bin. Der Tag, an dem ich in den Fischen in Eltern bei Haselünne geboren worden bin, war der 3. März 1918. Meinen Geburtsort und -tag, mein Sternzeichen und sogar die Uhrzeit meiner Geburt (es war 3:30 Uhr) habe ich in meinen Briefen an Dich einmal erwähnt, nicht aber mein Geburtsjahr. Wenn Du die Reihenfolge der beiden letzten Ziffern umkehrst, weißt Du, wie alt ich jetzt bin, ohne dass Du rechnen musst. Hinschreiben mag ich es nicht, mir graut vor der Zahl und der unheimlichen Realität, die sich dahinter ziemlich unverborgen verbirgt. Wie konnte mir das nur passieren, frage ich mich jeden Tag.

Deine E-Mail-Adresse fand ich auf Deiner Homepage. Und die in wenigen Stunden anstehende Jahrtausendwende (wobei man sich darüber streiten kann, ob sie wirklich schon 1999 oder womöglich erst ein Jahr später stattfindet) nehme ich zum Anlass, nach vier Jahrzehnten wieder von mir lesen zu lassen.

Den letzten Brief, der Dich in Oberammergau möglicherweise noch erreicht hat, schrieb ich am 31. Dezember 1962. Jetzt also eine E-Mail, obwohl wir „Senioren“ (ich hasse das Wort) bestätigten Gerüchten zufolge mit dem PC nicht besonders gut zurechtkommen können sollen. Noch so ein Pauschalurteil, mit dem uns die Jüngeren klein und in Abhängigkeit halten wollen.

Kennst Du den Film „Harold and Maud“? Er war Mitte der 70er Jahre in Deutschland einer der ersten „Kultfilme“. Harold, ein nekrophiler Zwanzigjähriger, pflegt eine amouröse Beziehung zu der gerade mal 79 Lenze zählenden Maude, wobei es in dem Film, anders als damals bei Dir und mir, so gut wie gar nicht um Sex geht. Der Kino-Renner hat angeblich Vorurteile über das, was im sogenannten Alter geht oder nicht geht, „aufgebrochen“. Ich habe das diesbezügliche Kulturseiten-Geschwätz ja schon vor fünfundzwanzig Jahren nicht geglaubt. Gott sei Dank ist mein Sohn Alexander, den Du als Sechzehnjährigen bei uns in Aalen kennengelernt hast, nicht auch so ein Pseudo-Fürsorglicher, der Vater und Mutter ehrt, indem er sie beizeiten aufräumt, sprich: so lange auf sie einredet, bis sie sich von ihm „freiwillig“ in ein „Seniorenheim“ oder (sofern genügend Geld vorhanden ist) eine „Seniorenresidenz“ einweisen lassen. Einigen meiner beiden Freundinnen ist es so ergangen. Aber lassen wir das, bevor ich noch anfange, Dir von meinen Knie-, Kreuz- und Zahnschmerzen zu berichten.

Ständig Probleme mit den Zähnen hattest Du ja schon mit siebenundzwanzig. Ich weiß noch, wie eines unserer intimen Rendezvous beinahe einer noch nicht abgeschlossenen Wurzelbehandlung zum Opfer gefallen wäre. „Mein Stecher hat stechende Zahnschmerzen“, habe ich zum Hotelportier gesagt. „Dann wünsche ich eine gute Besserung“, hat er geantwortet, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Wahrscheinlich dachte er schon an die zehn Mark Trinkgeld (damals nicht gerade wenig), die er bei meiner Abreise wieder bekommen würde. „Unanständige“ Formulierungen wie diese fand ich witzig und kann ihnen auch heute noch etwas abgewinnen. Mit einem Dutzend Spalttabletten ging die Sache mit dem Stechen und Gestochenwerden dann aber doch besser als erwartet.

Natürlich hatte mir auch schon vor meiner unbedachten Bemerkung gegenüber dem Portier niemand in diesem Hotel in Garmisch-Partenkirchen abgenommen, dass Du tatsächlich der in Oberammergau lebende Sohn meiner älteren Schwester bist, den ich alle paar Wochen besuche, um mir von ihm die kunsthistorisch interessanten Orte der Umgebung zeigen zu lassen. „Ich schreibe nämlich ein Buch über den Hochbarock im Ammergau“, habe ich behauptet, „und es ist besser, wenn man uns dort, wo er lebt und arbeitet, nicht regelmäßig zusammen sieht. Sie wissen ja, wie die Leute auf dem Land sind. Dass ich nur seine Tante und nicht seine heimliche Geliebte bin, glaubt uns in Oberammergau kein Mensch.“ Im zweiten Jahr unserer regelmäßigen Hotelaufenthalte hat mich der Empfangschef perfiderweise einmal gefragt, wann mein Buch denn nun erscheinen werde, er würde sich gerne ein Exemplar kaufen und von mir signieren lassen.

Unsere heimlichen Treffen waren damals für mich unheimlich wichtig. Ich habe mit Dir nie darüber gesprochen und will auch jetzt nicht ins Detail gehen. Ich sage nur: Wod- und Psychopharmaka. Die Affäre mit Dir, die für mich keine Affäre, sondern (heute kann ich es Dir ja gestehen) eine Liebesbeziehung gewesen ist, bewahrte mich fünf Jahre lang vor dem Absturz ins Bodenlose. Berthold wusste im Grunde Bescheid, aber offen darüber gesprochen haben wir nie. Er hatte seine Geheimnisse und ich hatte meine. Das Arrangement funktionierte gut, solange wir nicht darüber sprachen. Heute müssen immer „Vereinbarungen“ getroffen werden. Wir hatten auch eine Vereinbarung, aber eine unausgesprochene.

Ich erfand teilweise abenteuerliche Geschichten, die erklären sollten, warum ich am kommenden Wochenende mal wieder für zwei Nächte nicht da sein würde. Berthold hörte mir aufmerksam zu und tat so, als würde er mir glauben, dass ich mit einer Freundin nach Bad Tölz fahre, um deren Tochter aus erster Ehe nach einem Reitunfall im Krankenhaus zu besuchen. Nach und nach wurden die Plots meiner Drehbücher immer komplizierter und Bertholds Zwischenfragen immer spitzfindiger. Wir hatten wohl beide unseren Spaß an den Lügenmärchen, die ich ihm spätestens am Mittwochabend auftischte, wenn ich am Freitag zu Dir in den Ammergau fahren wollte. Er hatte dann noch ein oder zwei Tage Zeit, um eigene Wochenendtermine zu vereinbaren.

Auf Deiner Homepage habe ich gelesen, dass Du im Herbst 1962 die Meisterprüfung abgelegt und im darauffolgenden April in Karlsruhe ein eigenes Geschäft eröffnet hast. Unser letztes Tête-à-tête hatten wir im September davor. Beim Abschied hast Du mich dann mit der Mitteilung überrascht, dass wir unsere ehebrecherische Affäre, wie Du es nanntest, beenden müssten. Antonia habe nun doch noch Verdacht geschöpft und außerdem müsstest Du Dich auf die Arbeit an Deinem Meisterstück, einem Christopherus mit Christuskind, konzentrieren. Mit einem „Mach’s gut, Dorothea“ bist Du in Oberammergau aus dem Auto ausgestiegen und hast mich einfach so darin sitzen lassen. Ein paar Minuten lang war ich sprach- und fassungslos. Dann habe ich „mach’s besser, Tobias“ gemurmelt, habe den Motor gestartet und bin davongefahren. Dass ich heil nach Aalen zurückgekommen bin, grenzt an ein Wunder. Mit Berthold habe ich danach eine Woche lang kein Wort gesprochen. Er machte sich ernstlich Sorgen um mich.

Wie Du weißt, habe ich Dir, nachdem Du unsere Garmisch-Partenkirchener Passionsspiele für beendet erklärt hattest, nicht mehr geschrieben. Erst am 31. Dezember desselben Jahres habe ich noch einmal einen Brief an Dich abgeschickt. Da ich wie immer keinen Absender angab, weiß ich nicht, ob er Dich noch erreicht hat. Von Berthold erfuhr ich im Januar 1963, dass er von Deiner Mutter, seiner „alten Freundin Klara Trost“, erfahren habe, dass Du wieder in Karlsruhe bei Deiner Familie bist.

Wenn Du Lust hast, schreib mir mal. Schreiblust meine ich. Ob es Dich mit Deinen 70 Jahren noch nach Sex gelüstet, weiß ich nicht. Aber wenn, dann bestimmt nur mit einer, die mindestens elf Jahre jünger ist als Du und nicht, wie ich, elf Jahre und viereinhalb Monate älter.

Eingangs habe ich geschrieben, dass es die angeblich oder tatsächlich herannahende Jahrtausendwende gewesen sei, die mich veranlasst hat, Dir diese E-Mail zu schreiben. Der wahre Auslöser war aber, dass ich vorhin bei der Durchsicht meiner Plattensammlung auf einen alten Song von Leo Sayer gestoßen bin, vielleicht kennst Du ihn: „I Can’t Stop Loving You (Though I Try)“!

Dorothea!

P. S.: Der Titel auf der B-Seite der Single heißt „No Looking Back“.

Folge 3 (demnächst in diesem Theater)

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