Kriegswerbung

Von © Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) – Antiquariat Dr. Haack Leipzig → Privatbesitz, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3864433

„Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen, und daß es so schwer ist, seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen, in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen, das heißt, einen Lebensweg wählen muß. Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge, aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe. Selten sind die Kräfte so groß, daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen, oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen. Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes, die ich euch eben darlegte, noch eine besondere, deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte. Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen, die sinnlich wahrnehmbar sind. Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert, ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen. Da ich noch klein war, legte ich allerlei Dinge aneinander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft, den ich etwa zufällig öfter gehört hatte, oder ich bog eine Gerte, einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen, oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter, die Muhme; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen, von denen ich sprach, gab ich Gestalten und konnte sie mir merken. So erinnere ich mich noch jetzt, daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte. Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch, dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden. Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine, und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung.“

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, darin: Die Mitteilung

Nachtrag zum Neumond (astrologisch)

Von Tomruen – English Wikipedia, original upload 5 November 2007 by Tomruen [1], Gemeinfrei, Link

Wer sich sechs Tage nach einem Neumond über den Neumond äußert, tut dies womöglich unter dem Einfluss des schon wieder zunehmenden Mondes im ersten Viertel. Ich sage „womöglich“, weil ich meine astrologischen Betrachtungen so weit wie möglich freihalten will von unreflektierten Annahmen, wie sie in vermeintlich harmlosen („metaphorisch gemeinten“) Formulierungen wie (typischerweise) der vom Einfluss der Planten auf unser Befinden und Verhalten zweifellos zum Ausdruck kommen. Man mag diese sprachliche Zurückhaltung als positivistische oder agnostizistische Beschränktheit verwerfen und stattdessen einem bedenkenlos kühnen Welterklärungsgestus, der auf ungeklärte Präsuppositionen keine Rücksicht nimmt, den Vorzug geben. Mir als Jungfrau mit Skorpion-Aszendent steht diese hemdsärmelige Variante der Realitätserschließung naturgemäß nicht zur Verfügung. Ich befinde mich damit im Einklang beispielsweise mit Thorwald Dethlefsen, der in „Schicksal als Chance“ im Kapitel über die Astrologie als Entsprechungslehre den „senkrechten“ (wie oben, so unten) Analogieschluss ins Zentrum der astrologischen Methodik rückt und apodiktisch erklärt: „Ein solches Denken […] hat mit Kausalität nicht das geringste zu tun.“

Rückblick im zweiten Achtel

Folgt man der Acht-Phasen-Einteilung des überaus lesenswerten Dane Rudhyar, dann endet die Neumond-Phase im durchschnittlich 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten dauernden synodischen Mondzyklus („lunation cycle“) dreieinhalb Tage (plus viereinhalb Stunden und fünfeinhalb Minuten) nach Neumond. Da sich der letzte Neumond am 18. Januar um 20:52 Uhr MEZ ereignet hat, sind wir nach Rudhyar seit vorgestern (22. Januar 2026) 13:28 Uhr schon im zweiten Achtel (nach einer gröberen Einteilung noch im ersten Viertel) des Mondzyklus.

Nicht der Mond, sondern seine Beziehung zur Sonne verändert sich

Astrologisch wie astronomisch ist zu bemerken, dass die damit angesprochenen Mondphasen keine Wandlungsphasen des Mondes selbst reflektieren, sondern die kontinuierliche Veränderung der Beziehung zwischen Sonne und Mond durch eine künstlich erscheinende Gliederung begrifflich zu fassen suchen. Rudhyar: „The moon only reflects in her appearance to us the changes in the […] angular relationship of the moon to the sun with reference to the center of the earth.“ Die so oder so gekrümmten und mehr oder weniger breiten Sichel- und anderen Formen des Mondes korrespondieren mit messbaren Winkeln zwischen Sonne und Mond und dem Erdzentrum als deren Scheitelpunkt.

Der Neumond als Ausgangs-, End- und Null-Grad-Punkt

Über den Neumond, den eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags, schreibt Rudhyar: „The rapidly moving moon not only changes its place in the sky but it changes its shape – to the extent that during a part of the cycle“, nämlich bei Neumond, „it vanishes entirely from sight“, denn: „the moon is lost in the brilliancy of the sun.“ Das primitive (männliche) Denken („primitive mind“) habe in früheren Zeiten eine Korrelation gesehen zwischen diesem rätselhaft unbeständigen Verhalten des Mondes (den man nicht als dreidimensionalen Körper, sondern als Licht ansah) und den nicht weniger rätselhaften Befindlichkeitsschwankungen der Frauen im Zusammenhang mit ihren sogenannten Gefühlen („which were very incomprehensible to men“). Bei der letztlich doch zuverlässigen Wiederkehr der unterschiedlichen lunaren und selenisch-weiblichen Formzustände markiert der Neumond den angenommenen Anfangs- und Endpunkt des Mondzyklus, in welchem Sonne und Mond in Konjunktion zueinander stehen, so dass einen quantitativ nicht bestimmbaren Moment lang gilt: „the distance in longitude between the two celestial bodies equals 0°.“

Bei Neumond hält das Schicksal den Atem an

Bei Neumond (punktuell verstanden) tritt, astrologisch gesehen, ein neues Konzept, ein neuer Plan und Impuls, ein neues Screenplay möglicher Handlungen (erst) auf die Bühne (und dann ins Rampenlicht) des individuellen und kollektiven Lebens, ohne dass das Neue als das, was es ist, bereits objektiv erkennbar wäre. Die Zeit des Handelns ist bei Neumond noch nicht gekommen. Der Protagonist des nächsten Aktes hat, von der Sonne hinter der Szene informiert und inspiriert, tief Luft geholt, jetzt hält er einen Moment lang den Atem an, der Vorhang öffnet sich und man darf gespannt sein, welche Aktion nun in Gang oder häufig auch nicht in Gang kommt, denn „mental hesitancy and a basic confusion of values sap the power to act or to build“, wie Rudhyar sagt.

More to come

„Human beings can be divided into types according to the symbolical meaning of the most important periods of the lunation cycle as well as according to that of the signs of the zodiac.“ Welche „most important periods“ des Mondzyklus Rudhyar im weiteren Verlauf seiner Überlegungen unterscheidet, kann in diesem (ohnehin schon zu lang geratenen) Blog-Beitrag nicht nachgezeichnet werden. Hier ging es mir primär darum, mit Dane Rudhyar einen ersten Blick (beziehungsweise Rückblick) auf den Neumond als astronomisches Ereignis zu werfen, bei dem es sich im engeren Sinn nicht um eine zeitlich begrenzbare Periode oder Phase, sondern um ein momentanes Nichts handelt, wobei dieses Nichts aus astrologischer Sicht eines ist, das es in sich hat.

Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967)
Thorwald Dethlefsen: Schicksal als Chance – Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen (1979)

Im Hades zu Paris

Göttinnen im Kunst-und-Kultur-Tempel (Bild: KI)

Es war einmal eine Göttin, deren steinernes Bildnis stand auf der Insel Samos oder auf einer anderen der vielen griechischen Inseln. Vielleicht auch in Syrakusai auf Sizilien oder irgendwo in Kleinasien. Und wenn die Ortsansässigen in Gleichnissen sprachen, dann wurde regelmäßig ihr Name genannt. Heute sieht sie sich in Gestalt ihres in Marmor gehauenen Ebenbildes in die Katakomben des Pariser Louvre versetzt. Sie steht dort seit einer musealen Ewigkeit in einer Reihe mit anderen Göttinnen und Halbgöttern. Jeder kennt hier jede, meist ist man miteinander verwandt, viele verband einst eine innige Feindschaft, die hier aber keine Rolle mehr spielt. Denn sie alle treten nur noch in einer einzigen Rolle auf, nämlich in der des historischen Kulturguts, das darauf wartet, restauriert oder ausgeliehen oder exhibiert zu werden. Missbrauch folgt auf Missbrauch. Es geht ihnen im Museum nicht viel anders als den Tieren der afrikanischen, arktischen oder sonst einer Wildnis in den Exponat-Gehegen der sogenannten Zoologischen Gärten. Freiheit, Ansehen, Anbetung und Würde – das war gestern. Heute ist Kultur.

Aus: Lothar Rumold: „Mythenlese – Ein mythographisches Sammelsurium“
weitere Leseproben hier

Nachtrag zum Januar-Neumond (astronomisch)

https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/earthshine-83782

Vorgestern Abend, am 18. Januar 2026 gegen 21 Uhr MEZ, war Neumond. In der Zeit- oder Sonnenscheinzone, in der ich mich befinde, hätte man den Mond auch dann nicht sehen können, wenn man einen Neumond-Mond von der Erdoberfläche aus sehen könnte. Denn Neumond ist immer dann, wenn Sonne und Mond, geozentrisch betrachtet, nahe beieinander auf einer senkrecht zur Sonnenbahn stehenden Linie stehen. Und um 20:52 Uhr war die Sonne naturgemäß schon untergegangen, und ihr voran der Mond.

Auf den Aleuten aber?

Hätte man dagegen vorgestern kurz vor 12 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ) in Akutan auf den westlich von Nordamerika gelegenen Aleuten bei (vorübergehend) klarem Himmel den Blick gen Mittag gerichtet, dann wäre der Mond am Ende des ausgestreckten Arms drei Finger breit unterhalb der Sonne zu sehen gewesen – wenn er zu sehen gewesen wäre, was aber trotz oder gerade wegen des hellen Sonnenlichts nicht möglich gewesen wäre. Warum Akutan? Weil ich nach einem Ort gesucht habe, an dem New Moon und High Noon am 18. Januar zusammengefallen sind. Und da hält sich das Angebot an möglichen Locations doch ziemlich in Grenzen. Akutan liegt übrigens auf der Höhe von Sylt.

Grau auf schwarzem Grund

Hätte, wäre, könnte. Eine bekannte Tatsache ist, dass wir den Mond nur dann sehen können, wenn er aus irdischer Perspektive ganz oder teilweise im Licht ist, also entweder von der Sonne direkt oder indirekt beleuchtet wird – indirekt dann, wenn ihn das von der Erde reflektierte Sonnenlicht trifft, was gerade bei Neumond (aus lunarer Sicht bei Vollerde) in besonderem Maße der Fall ist. Allerdings verhindert das helle Streulicht der Erdatmosphäre, dass wir die Mondoberfläche im indirekten Sonnenlicht (auf dem Mond kann man dann im Erdschein spazierengehen) wahrnehmen können. Das atmosphärische Streulicht überstrahlt das doppelt reflektierte Sonnenlicht. Außerhalb der Erdatmosphäre, also etwa in einer Raumstation, ist das anders. Wenn man dort bei Neumond die blendend helle Sonne oberhalb des Mondes abdeckt, tritt der Mond als graue Scheibe auf schwarzem Grund deutlich hervor.

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner