
Wer sich sechs Tage nach einem Neumond über den Neumond äußert, tut dies womöglich unter dem Einfluss des schon wieder zunehmenden Mondes im ersten Viertel. Ich sage „womöglich“, weil ich meine astrologischen Betrachtungen so weit wie möglich freihalten will von unreflektierten Annahmen, wie sie in vermeintlich harmlosen („metaphorisch gemeinten“) Formulierungen wie (typischerweise) der vom Einfluss der Planten auf unser Befinden und Verhalten zweifellos zum Ausdruck kommen. Man mag diese sprachliche Zurückhaltung als positivistische oder agnostizistische Beschränktheit verwerfen und stattdessen einem bedenkenlos kühnen Welterklärungsgestus, der auf ungeklärte Präsuppositionen keine Rücksicht nimmt, den Vorzug geben. Mir als Jungfrau mit Skorpion-Aszendent steht diese hemdsärmelige Variante der Realitätserschließung naturgemäß nicht zur Verfügung. Ich befinde mich damit im Einklang beispielsweise mit Thorwald Dethlefsen, der in „Schicksal als Chance“ im Kapitel über die Astrologie als Entsprechungslehre den „senkrechten“ (wie oben, so unten) Analogieschluss ins Zentrum der astrologischen Methodik rückt und apodiktisch erklärt: „Ein solches Denken […] hat mit Kausalität nicht das geringste zu tun.“
Rückblick im zweiten Achtel
Folgt man der Acht-Phasen-Einteilung des überaus lesenswerten Dane Rudhyar, dann endet die Neumond-Phase im durchschnittlich 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten dauernden synodischen Mondzyklus („lunation cycle“) dreieinhalb Tage (plus viereinhalb Stunden und fünfeinhalb Minuten) nach Neumond. Da sich der letzte Neumond am 18. Januar um 20:52 Uhr MEZ ereignet hat, sind wir nach Rudhyar seit vorgestern (22. Januar 2026) 13:28 Uhr schon im zweiten Achtel (nach einer gröberen Einteilung noch im ersten Viertel) des Mondzyklus.
Nicht der Mond, sondern seine Beziehung zur Sonne verändert sich
Astrologisch wie astronomisch ist zu bemerken, dass die damit angesprochenen Mondphasen keine Wandlungsphasen des Mondes selbst reflektieren, sondern die kontinuierliche Veränderung der Beziehung zwischen Sonne und Mond durch eine künstlich erscheinende Gliederung begrifflich zu fassen suchen. Rudhyar: „The moon only reflects in her appearance to us the changes in the […] angular relationship of the moon to the sun with reference to the center of the earth.“ Die so oder so gekrümmten und mehr oder weniger breiten Sichel- und anderen Formen des Mondes korrespondieren mit messbaren Winkeln zwischen Sonne und Mond und dem Erdzentrum als deren Scheitelpunkt.
Der Neumond als Ausgangs-, End- und Null-Grad-Punkt
Über den Neumond, den eigentlichen Gegenstand dieses Beitrags, schreibt Rudhyar: „The rapidly moving moon not only changes its place in the sky but it changes its shape – to the extent that during a part of the cycle“, nämlich bei Neumond, „it vanishes entirely from sight“, denn: „the moon is lost in the brilliancy of the sun.“ Das primitive (männliche) Denken („primitive mind“) habe in früheren Zeiten eine Korrelation gesehen zwischen diesem rätselhaft unbeständigen Verhalten des Mondes (den man nicht als dreidimensionalen Körper, sondern als Licht ansah) und den nicht weniger rätselhaften Befindlichkeitsschwankungen der Frauen im Zusammenhang mit ihren sogenannten Gefühlen („which were very incomprehensible to men“). Bei der letztlich doch zuverlässigen Wiederkehr der unterschiedlichen lunaren und selenisch-weiblichen Formzustände markiert der Neumond den angenommenen Anfangs- und Endpunkt des Mondzyklus, in welchem Sonne und Mond in Konjunktion zueinander stehen, so dass einen quantitativ nicht bestimmbaren Moment lang gilt: „the distance in longitude between the two celestial bodies equals 0°.“
Bei Neumond hält das Schicksal den Atem an
Bei Neumond (punktuell verstanden) tritt, astrologisch gesehen, ein neues Konzept, ein neuer Plan und Impuls, ein neues Screenplay möglicher Handlungen (erst) auf die Bühne (und dann ins Rampenlicht) des individuellen und kollektiven Lebens, ohne dass das Neue als das, was es ist, bereits objektiv erkennbar wäre. Die Zeit des Handelns ist bei Neumond noch nicht gekommen. Der Protagonist des nächsten Aktes hat, von der Sonne hinter der Szene informiert und inspiriert, tief Luft geholt, jetzt hält er einen Moment lang den Atem an, der Vorhang öffnet sich und man darf gespannt sein, welche Aktion nun in Gang oder häufig auch nicht in Gang kommt, denn „mental hesitancy and a basic confusion of values sap the power to act or to build“, wie Rudhyar sagt.
More to come
„Human beings can be divided into types according to the symbolical meaning of the most important periods of the lunation cycle as well as according to that of the signs of the zodiac.“ Welche „most important periods“ des Mondzyklus Rudhyar im weiteren Verlauf seiner Überlegungen unterscheidet, kann in diesem (ohnehin schon zu lang geratenen) Blog-Beitrag nicht nachgezeichnet werden. Hier ging es mir primär darum, mit Dane Rudhyar einen ersten Blick (beziehungsweise Rückblick) auf den Neumond als astronomisches Ereignis zu werfen, bei dem es sich im engeren Sinn nicht um eine zeitlich begrenzbare Periode oder Phase, sondern um ein momentanes Nichts handelt, wobei dieses Nichts aus astrologischer Sicht eines ist, das es in sich hat.
Dane Rudhyar: The Lunation Cycle – A Key to the Understanding of Personality (1967)
Thorwald Dethlefsen: Schicksal als Chance – Das Urwissen zur Vollkommenheit des Menschen (1979)
