Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich werden soll. Bei der Abschlussprüfung hatte ich mir meine Zwei in Deutsch mit einem offenbar grandios verunglückten Aufsatz zum Thema Berufswahl (geht es dabei um die Selbstverwirklichung des Individuums oder um den Bedarf des Kollektivs?) versaut. Wie und warum ich schließlich Holzbildhauer (Meister im Holzbildhauerhandwerk) wurde, ist eine längere Geschichte, mit der ich an dieser Stelle niemanden schockieren will. Es werden dabei sowohl individuelle als auch kollektive Gründe eine Rolle gespielt haben.
Nachdem ich dann eines Tages unversehens Rentner geworden war, holten mich im Verein mit den sich einstellenden Resümee-Gedanken die alten Zweifel an der Plausibilität meiner Berufswahl wieder ein. Dass mein Mond im Geburtshoroskop in den Fischen stehe, zeige an, dass ich mich schnell bei einer Sache langweile und das Gefühl von uneingeschränkter Freiheit brauche, um auf kreative Weise kreativ tätig zu sein, was zu einer permanenten Identitätskrise führen könne, las ich kürzlich bei Co-Star, der Astrologie-App meines Vertrauens.
Mit dem Mond in den Fischen und der Jungfrau-Sonne ziemlich hoch oben im zehnten Haus gleich neben der Venus zu ihrer Linken und Mars (keine acht Grad entfernt) zur Rechten hatte ich mich neben der Holzschnitzerei im engeren (und für mich allzu engen) Sinn drei Jahrzehnte lang (also kurz) mit Bildhauerei im Allgemeinen und dem Schreiben von kunstkritischen und anderen Texten im Besonderen befasst. Mein beharrlich auf Struktur und Schwere bestehender Saturn im Skorpion (direkt am Aszendenten) hinderte mich nicht daran, schlecht honorierte Zeitungsartikel zu schreiben, eine Ressourcen fressende Kunstgalerie zu betreiben und ehrenamtlich als Vorsitzender des lokalen Kunstschaffenden-Vereins zu funktionieren. Dass ein kunstfokussierter Multitasker wie ich weder als Holzbildhauer und Künstler noch als selbständiger Unternehmer nennenswerte Resultate erzielen konnte, versteht sich beinahe von selbst. Mir wurde es erst so richtig klar, als ich mich in der Rolle des Rück- und Umschau haltenden Jungrentners fragte, wer ich eigentlich war und bin und zukünftig sein würde. Sähe ich mich heute durch das Aufgeben meiner beruflichen Tätigkeiten in der alten Form schon am Ende der Fahnenstange, würde ich womöglich wie Bertolt Brecht in „Der gute Mensch von Sezuan“ theatralisch konstatieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Offene Fragen gibt es tatsächlich einige, offene Rechnungen (sprich: alte und neue Verbindlichkeiten materieller und immaterieller Art) auch. Von „Vorhang zu“ kann also keine Rede sein. Und was ist der Neustart einer (dem Namen und der Adresse nach) alten Website anderes als der Beginn des nächsten Akts auf den Brettern des Internets, die mehr noch als die des alten Theaters die Welt bedeuten und für nicht Wenige beinahe schon sind.

