Der Knabenchor als Gerechtigkeitslücke

Der Gerechtigkeits-Furor war schon immer auch, wenn nicht sogar vor allem, ein Furor des Abschaffens und Liquidierens, was sich schon sprachlich, nämlich daran zeigt, dass es meistens darum geht, etwas zu beseitigen, und sei es auch nur eine „Gerechtigkeitslücke“. In der Französischen und russischen Revolution nicht anders als in der aktuellen Debatte über die einer absurden Logik folgende Forderung nach Aufnahme von Mädchen in Knabenchöre.

Dabei kann ein Mädchen schon deshalb nicht in einem Knabenchor mitsingen, weil der Knabenchor nach der Aufnahme eines Mädchens kein Knabenchor mehr wäre. Aber wegen ein paar typisch männlicher logischer Spitzfindigkeiten auf die Durchsetzung der Idee der universellen Gleichheit und ewigen Gerechtigkeit verzichten? Niemals.

Wer verlangt, dass Mädchen in Knabenchöre aufgenommen werden, fordert im Resultat die Abschaffung der Regensburger Domspatzen und anderer „Männerdomänen“ als letzte oder vorletzte Bastionen der Ungerechtigkeit. Nur ein guillotinierter Adliger ist ein guter Adliger, nur ein abgeschaffter Knaben- oder Männerchor ist ein guter Knaben- oder Männerchor. Der zivilisatorische Fortschritt besteht immerhin – und dafür muss mann wohl dankbar sein – darin, dass heute im Namen der Gerechtigkeit primär den Gepflogenheiten und nur noch in Ausnahmefällen denen, die sie pflegen, der Garaus gemacht werden soll.

Als Mittel gegen den gleichmacherischen Gerechtigkeit-Irrsinn hilft vielleicht eines Tages nur noch das Antidot der Aufnahme des Knabenchors in die Liste der zu schützenden Kulturgüter. Aber was da landet, ist schon nicht mehr Teil der im Alltag lebendigen, sondern einer auf der Palliativ-Station ihrem Ende entgegendämmernden Kultur.

Michael Schneider (1956-2019)

Letzte Woche starb in der Nähe von Karlsruhe der 1956 in Wangen im Allgäu geborene Maler Michael Schneider. Ich dachte immer, er sei ein Jahr älter als ich, nun stelle ich fest, dass ich im Jahr vor seinem Geburtsjahr geboren worden bin.

Michael und ich lernten uns vor mehr als zwanzig Jahren in einem Verein mit dem amtlichen Namen Bezirksverband bildender Künstlerinnen und Künstler Karlsruhe e. V. kennen. Wir waren uns von Anfang an sympathisch und während der letzten Jahre waren wir auch ohne den BBK als gemeinsames Drittes (ich bin 2012 ausgetreten) wahrscheinlich befreundet – „wahrscheinlich“ deshalb, weil ich nicht so genau weiß, wann für mich aus einem guten Bekannten ein Freund (im emphatischen Sinn) wird.

Wie die meisten der so genannten oder tatsächlichen Künstler (Michael gehörte zur zweiten Kategorie) konnte er von seinen Bildverkäufen nicht leben und arbeitete deshalb als Kulissenmaler am Badischen Staatstheater. Dennoch war Michael Schneider vor allem und überhaupt Kunstmaler und ließ daran bei sich und bei anderen, soweit ich das beurteilen kann, nie einen Zweifel aufkommen. Was nicht heißen soll, dass er sich als Künstler in Szene gesetzt hat, ganz im Gegenteil: „Erfreut, vereinzelt auch mal enttäuscht, stelle ich fest, dass mich niemand ohne weiteres für einen Künstler hält. Vielleicht gab es Jahre, da ich den Klischees mehr entsprach“, schrieb Michael im Februar 2018. Beinahe ein Jahr lang führten wir per E-Mail ein auf meiner Website simultan veröffentlichtes Gespräch über künstlerische und andere Belange, hier der gesamte Dialog als PDF-Datei.

Michael war ein gläubiger Mensch, wobei er die katholische Variante des Christlichen (und innerhalb dieser deren konservative Ausprägung) der evangelischen vorzog, und das wohl mindestens ebensosehr aus ästhetisch-ideellen wie aus biographischen Gründen. Die Gretchen-Frage, wie ich selbst es mit der Religion halte, beantworte ich gerne ausweichend oder mit einem entschiedenen „zwar, aber“. Gleichwohl habe ich Michael bei unserer letzten Begegnung (er lag vom Tode gezeichnet im Krankenhaus, sprach aber wie immer mit klarer, fester Stimme) gewissermaßen rhetorisch gefragt, ob er den vom alten Johnny Cash gesungenen Song von Hughie Charles und Ross Parker kenne, in dem es heißt: „We’ll meet again / Don’t know where, don’t know when / But I know we’ll meet again some sunny day / Keep smiling through / Just like you always do / Til the blue skies drive the dark clouds far away“.

www.michaelschneider.bplaced.net

Der Urknall als aitiologischer Weltentstehungs-Mythos

Der sogenannte Urknall kann kein Ereignis gewesen sein, weil es „vor“ ihm weder Zeit noch Raum gab, in denen er sich hätte ereignen können. Da ereignete sich also etwas, das, indem es sich ereignete, die Voraussetzungen dafür schuf, dass es sich (und fortan alles Ereignishafte) ereignen konnte. Im Anfang war der Widerspruch, der dann angeblich doch keiner war, die jeglicher Logik und allen Galaxien vorausgegangene Aporie.

Wie ich drauf komme? Ich las einmal mehr, dass das Universum 14 Milliarden Jahre alt sein soll. Aber wie kann etwas 14 Milliarden Jahre alt sein, wenn es seinen Anfang mit einem Ereignis genommen hat, das sich in Ermangelung eines Ereignisraums und einer Ereigniszeit nicht ereignen konnte.

Maxime

Kultiviere also deine Zerrissenheit. (Zerrissen sein kann jeder, auf kultivierte Weise zerrissen zu sein, das ist die Kunst und darauf kommt es an.)

(Passt auf wundersame Weise über die sprach- und bildlosen Wochen hinweg zum GEDULD-Beitrag.)

Zwei Nymphen nach Dannecker

Nach Johann Heinrich Dannecker: Wasser- und Brunnennymphe, 1810-15, Sandstein, überlebensgroß (Skizze 9 x 14 cm)

Johann Heinrich Dannecker wurde (auf den Tag genau 171 Jahre vor meinem Vater) am 16. Oktober 1758 in Stuttgart geboren (Berthold Friedrich R. dagegen in Ludwigshafen, das damals erst embrional, nämlich als Brückenkopf der Festung Mannheim existierte). Danneckers Vater war Stallknecht und Kutscher im Dienst des württembergischen Herzogs Carl Eugen. Erst sollte er Balletttänzer werden, dann doch lieber Bildhauer. Nach Studien-Aufenthalten in Paris und Rom etablierte sich Dannecker im Stuttgarter Bürgertum mit eigener Kunstschule. Seine letzten sechs Lebensjahre, er wurde 83, verbrachte er „in geistiger Umnachtung“.

Ohne Anschluss

Im Werküberblick 1989-2018 habe ich heute die schönen, am Strand von Samos entstandenen Zeichnungen (mit Tintenstift und Kaffee) von 2006 ergänzt. Sie sind die einzigen ihrer Art geblieben. Meine Versuche, Ähnliches in ähnlich gelungener Weise zustande zu bringen, haben mich nicht überzeugt. Im Umfeld der damaligen Arbeiten fallen sie (mir jedenfalls) aufgrund ihrer formalen Andersartigkeit ins Auge.

Überall Wind und heiße Luft

Draußen der 34 Grad warme Westwind, drinnen (im schattigen Zimmer und in Sloterdijks Neue Zeilen und Tage) der Satz, der Mensch sei „ein Hohlgefäß, durch das der Wind pfeift.“

Und noch einmal Sloterdijk. Was inzwischen jeder bei Wikipedia sehen kann, ohne nach Rom reisen und die Kirche Santa Maria della Vittoria aufsuchen zu müssen, hat Peter Sloterdijk am 7. Dezember 2012 anlässliche eines „Achtungsbesuchs“ bei Gian Lorenzo Berninis Heiligen Theresa „autoptisch“ festgestellt: Die Behauptung Lacans, „der Pfeil des komplizenhaft lächelnden Engels müsse statt des Herzens die Genitalien der Heiligen treffen“, ist falsch, denn: „Der Lokaltermin ergibt, daß der Pfeil, verlängert man seine Bahn, weder cordial noch genital auftreffen wird, da er knapp rechts am Körper der Verklärten vorbeifliegt.“

Wenn es sich nicht aus Respekt vor den bedeutenden Männern verbieten würde, müsste man allerdings konstatieren, dass Lacan und Sloterdijk übereilte Schlüsse gezogen haben. Denn wir sehen keinen fliegenden, sondern einen von einem Engel mit den Fingerspitzen gehaltenen Pfeil. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass bei oder nach einem eventuell nachfolgend vollendeten Wurf der Pfeil dort auftreffen würde, wo er in Berninis „Momentaufnahme“ hinzielt.

„Schließlich vereinigen sich Erotik, Algolagnie und Sehnsucht nach dem Übernatürlichen zu jener bizarren Mischung, deren überwältigendster Ausdruck Berninis Heilige Therese ist, ein Werk, das zugleich ewig denkwürdig bleiben wird durch die sublime Kunst der raffiniertesten Illusionswirkungen, wie sie sonst nur die Bühne erreicht. Es ist ganz ohne Zweifel eine tief religiöse Konzeption; und doch spürt man überall, in der Gesamtkomposition wie im Arrangement jeder Einzelheit, geheime Schminke und Rampe.“ (Egon Friedell, 1931)