2019/04/23

Der blinde Fleck in (vermutlich) so gut wie allen Tagebüchern ist die Stelle, an der stehen müsste, wann und wo man Tagebuch geschrieben hat. Wird solches einmal vermerkt, fällt es sofort auf, wie bei Thomas Mann am 23.4.1921: „Schrieb nach dem Thee an Ungar und dies.“

Das Wandern ist des Müllers Lust – meine ist das Mäandern.

Revision

Gezeichnet zu Landsmeer bei Amsterdam am 15. Juni 2017. Von den damals entstandenen Skizzen ist das beinahe die einzige, die dem kritischen Blick nach bald zwei Jahren noch einigermaßen standhält. Was macht den Unterschied und warum habe ich den nicht in der Hand?

Wer war gleich nochmal Zagreus?

Wer, Menschenskinder, war gleich nochmal Zagreus? Richtig, das war der, aus dessen mit Titanen-Asche vermengten Rückständen Prometheus die ersten Menschen, genauer gesagt: die ersten Männer geformt hat. (Die erste Frau wurde später in Gestalt der Pandora nachgeliefert und gleich ihrer Geschlechtsgenossin und Parallelmythos-Kollegin Eva brachte sie der Menschheit nichts Gutes, jedenfalls erzählte mann sich das so.)

Damit ist meine Kurzbiografie des Zagreus aber noch nicht zu Ende. Die ganze Geschichte kann mann und frau hier lesen. Sinn und Zweck dieser Website wird sich womöglich erst im Nachhinein aus epiprometheischer Perspektive voll und ganz erschließen.

Schnitzen und Schreiben am Bodensee – der Plan eines Plans

Rund um den Bodensee (wobei zu beachten wäre, dass es den einen Bodensee gar nicht gibt) wurde jahrhundertelang virtuos geschnitzt und wird bis heute auf hohem Niveau gedichtet und gedacht. Warum nicht beides in einem Projekt (es könnte zum Beispiel ein Buch daraus werden) synoptisch zusammenführen: Schnitzen und Schreiben am Bodensee.

Warum gerade diese Kombination? Gewissermaßen offiziell begründen lässt sich beinahe alles. Die inoffizielle Begründung lautet: weil hier drei Aspekte, die mich interessieren, zusammenkommen würden – der See, seine Schnitzer und seine Dichter und Denker.

Am (ja sogar stellenweise im) Bodensee spielt Martin Walsers Ein fliehendes Pferd. Darin der Satz: „Ich habe mich von der Selbstgenügsamkeit der Negativität hinreißen lassen.“ Peter Sloterdijk hat ihn sich am 1.8.2011 in Wien notiert (Neue Zeilen und Tage). So liegt oder lag also auch Wien in gewisser Weise einmal am Bodensee. Losgerissen von der Genügsamkeit der Negativität hat Sloterdijk sich selbst bekanntlich mit seiner zweibändigen Kritik der zynischen Vernunft. Sie erschien 1983, fünf Jahre nach Walsers Fliehendem Pferd.

Und noch ein Satz, den ich heute in Neue Zeilen und Tage fand und zwar nicht notiert, aber unterstrichen habe, könnte bei meinem Plan, das oben erwähnte Projekt zu planen, hilfreich sein: „Was bedeutet motivieren? Menschen dazu bewegen, ihre Leistungszurückhaltung aufzugeben.“ (Sloterdijk 2018, am 30.7.2011)

Holländisch 7

„Doch was war das biblische Motto ‚Macht euch die Erde untertan!‘ anderes gewesen als die adäquate Antwort von selbsthelferisch gesinnten Menschen auf den episodischen chronischen Terror einer unbezwingbar scheinenden Natur? Diese Natur muß überlistet werden – darum gibt es die mechané (den Kunstgriff, die List) und die Maschine (das Gefüge aus Kunstgriffen).“ (S. 86, 29.6.2011)

Adorno bezeichnete „den Rückschlag des technischen Geistes gegen die Natur-Schrecken (heute verborgen im Wort ‚Klima‘) als ‚verwilderte Selbstbehauptung'“. (Ebd.)

„Der Einzelne erbringt keinen größeren Beitrag zur Zivilisation, als wenn er darauf verzichtet, wahnsinnig zu werden. Wie gelingt ihm das? Indem er bei der Flucht aus dem Schmerz in den Wahnsinn, von dem bereits Schopenhauer sprach, auf halbem Weg stehenbleibt.“ (S. 90, 1.7.2011)

„Ein paar Zeilen am 4. Bild von Babylon. 90 km mit dem Fahrrad am Rhein, via Rastatt, Steinmauern, Durmersheim, die Rückfahrt im milden Sprühregen.“ (S. 92, 7.7.2011)

„Das alte Europa: der Kontinent, wo man meinte, mit Hilfe von leidenschaftlichen Denkfehlern Gott näherzukommen.“ (S. 94, 9.7.2011)

„Der gute Rühmkorf trifft meine Stimmung, wenn er sagt, ja, früher, da haben wir brustschwimmend die Ströme geteilt, jetzt reichen drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.“ (S. 96, 13.7.2011)

„Finde bei Karl Vossler (Romanisch Dichter, 1938) aus Vergils Abschied von Dante (Purgatorio, 27. Gesang) die Zeilen: ‚Du sei dein eigener Kaiser und dein Papst.‘ Wer eine Geschichte des erhöhten Selbstbewußtseins bei Europäern im Sinn hat, sollte an dieser Stelle beginnen.“ (S. 97, 16.7.2011)

Es sind „seit lange viel eher die Philologen als die Philosophen (‚vom Fach‘, ein alberner Zusatz) […], denen die originellen Wendungen zu verdanken sind.“ (S. 98, 16.7.2011)

„Das Elend der alternden Intellektuellen: Sie können nicht anders, als an den angefangenen Strümpfen weiterzustricken. Irgendwann ist so ein unfertiger Strumpf das ganze Leben. Nur durch ein Wunder käme in ihn ein unvorhergesehenes Muster.
Ob uns das nicht allen bevorsteht? der in die Jahre gekommene Intellektuelle feiert früher oder später die eiserne Hochzeit mit seinem ersten Irrtum.“ (S. 102, 17.7.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Hommage an den Meister von Eriskirch?

Das zweite Falten-Stück heute, Maße nach wie vor 93 x 66 x 8 cm. Und noch immer ist es aus Eiche. Der Meister von Eriskirch würde sich wundern, was ich aus seinem sein Kreuz tragenden Christus im blauen Gewand gemacht habe (und noch machen werde).

Holländisch 6

„Zu alt für törichte Feindschaften, zu jung für Gleichgültigkeit.“ (S. 71, 11.6.2011)

Die Theologie „wird modern in dem Maß, wie sie sich von der Idee abkehrt, der Himmel könne Strenge zeigen. Sie sendet den zornigen Gott in den Ruhestand und behält einen Restgott zurück, der Aufsicht führt über die Telefonseelsorge.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Im Vorwort zum Joseph-Roman macht Thomas Mann eine Bemerkung, die mir jetzt mehr einleuchtet als bei früherer Lektüre […]: Für die mythische Rede sei das ‚Gesetz der Zusammenziehung‘ gültig. Das besagt, aus dem ähnlichen wird im Mythos das gleiche, ja dasselbe. Während die historische Rede in jedem Detail das immer wieder andere hervorhebt, als wolle sie die Möglichkeit der identischen Wiederholung bestreiten, betont der Mythos das Immergleiche. Er hat die Mission, die Differenzen so lange zu schwächen, bis es unter der Sonne tatsächlich nichts Neues gibt. Der effektive Mythos macht die Einzelheiten vernachlässigbar, gute Geschichtsschreibung dagegen läßt den Widerstreit zwischen dem Einmaligen und dem Typischen hervortreten.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Wenn Italien als ganzes träumt, kann nur Berlusconi entstehen. Was kommt zustande, wenn Rußland träumt, wenn Amerika träumt, wenn Deutschland träumt?“ (S. 76, 17.6.2011)

„Die Idee der Konsolidierung ist nicht nur konservativ, sie ist apokalyptisch geworden. Käme sie an die Macht, sie würde den babylonischen Turm der kreditbasierten Künstlichkeiten binnen kürzester Zeit zum Einsturz bringen.“ (S. 79, 18.6.2011)

„Wir verlieren mit unvorhergesehener Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten, die bisher eine Kultur ausgemacht haben.“ (S. 80, 19.6.2011) Eine Anmerkung von mir (L. R.) dazu: Wen wundert es da noch, dass eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung 2017 (also weitere sechs Jahre nach Sloterdijks Notiz) eine spezifisch deutsche Kultur „jenseits der Sprache“ (als dem letzten Residuum geprägter Gewohnheiten) nicht (mehr) identifizieren konnte.

Gran Torino, 2008, sehenswerter Film mit dem alten Clint Eastwood [geb. 1930, L. R.], der auch Regie führt. So ein Mann kann einem den Glauben an den Sinn des Älterwerdens einflößen.“ (S. 83, 26.6.2011)

„Religiöse Überlieferung. Sie lebt davon, daß die Kühlkette der Illusionen nie unterbrochen wird. Ist das Produkt einmal aufgetaut, zersetzt sich sein Inhalt. Ne jamais recongéler un produit décongelé.“ (S. 84, 28.6.2011)

„Das ‚Prinzip der Zusammenziehung‘ [s. o., L. R.] macht es möglich, den neptunischen Flutschrecken mit dem meteorischen Sternenschrecken in eins zu setzen.“ (S. 84, 29.6.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Falten- und andere Studien

Am Vormittag: Atelier (heute mal wieder „Atelier“, was ja auch nichts anderes als „Werkstatt“ heißt), zweites Falten-Stück. Dazu im Radio der Flötist (Block-, Travers- und jetzt Quer-) Martin Sandhoff als Studio-Gast.
Am Abend: Skizze im roten Büchlein.