Reprise

||: Man darf es mit der Arbeit an der Sprachform nicht übertreiben. Den perfekten Satz gibt es ebensowenig wie den perfekten Menschen. Damit die Texte menschlich bleiben, muss man ihre Schwächen akzeptieren lernen. „Akzeptieren lernen“? Könnte man das nicht besser sagen? Sehr wahrscheinlich könnte man das. Aber::||

Und immer wieder Goethe

„Auf den Gräbern der Jungfrauen werden Blumen mit großer Sorgfalt erzogen.“

Goethe in einem Bericht im Rahmen der Italienreise über den September 1787 (beschrieben werden die kolorierten Zeichnungen, die ein „französischer Architekt mit Namen Cassas“ von einer Reise in den Orient mit nach Rom zurück gebracht hat)

Und was ist das nicht enden wollende, vermeintlich ach so viel, in Wahrheit jedoch absolut nichts sagende Geschwätz von der Veränderung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten durch dieses oder jenes rezente Kunstwerk verglichen mit dem, was Goethe im selben Bericht, in dem der oben zitierte Satz steht, über die Wirkung (damaliger) künstlerischer Arbeiten auf die Gestimmtheit des Auges sagt: „Und so wird uns durch künstlerische Arbeiten nach und nach das Auge so gestimmt, daß wir für die Gegenwart der Natur immer empfänglicher und für die Schönheiten, die sie darbietet, immer offener werden.“

Parallelwelten

Da mein Läuten im Erdgeschoss, wie ich meinte, nichts bewirkt hatte, war ich schon so gut wie drauf und nahe dran, bei Mörder in der ersten oder von Drygalski in der zweiten Etage zu klingeln, als ein schnarrender Misston alles andere als erklang und die Eingangstür des Nachbarhauses einen Spalt breit aufsprang. Wen hatte sie erwartet? War es die diplomierte Psychologin selbst, die mir vom hinteren Ende des Praxisflurs, offenbar auf größtmöglichen Abstand bedacht, panisch entgegen blickte? Ich hatte mich immer gefragt, was für eine Person das wohl sein mochte, die die großen Fenster ihrer Therapieräume mit dermaßen trüben, alt und verbraucht wirkenden bräunlichen Vorhängen verhängte; nun stand mir diese Person möglicherweise gegenüber und sah womöglich, in dubio pro pulchritudine, gar nicht so übel aus.

Wenn es Charon oder gar Hades himself war, mit dessen Kommen sie gerechnet hatte, wozu dann die Maske? Wollte sie verhindern, dass der Tod sich bei der Begegnung mit ihr den Tod holte? „Bei Ihnen im Hof liegt ein Stuhlkissen, das der Wind von unserem Balkon geweht hat“, sagte ich, worauf sie mich mit einem Kopfnicken vermutlich wissen ließ, sie sei damit einverstanden, dass ich mir das vom Winde verwehte zurückholte, was ich dann auch tat. Als ich kurz darauf beim Verlassen des Hauses an der Praxistür vorbeikam, hatte sie diese schon wieder geschlossen.

Nachdem ich das Sitzkissen in einer Ecke unseres Hausflurs zwischengelagert hatte, ging ich zum Einkaufen in den kleinen Lebensmittelladen, der für gewöhnlich alles in den Regalen bereithält, was ich zum Kochen benötige. Im Eingangsbereich drängten sich die Kunden und eine der Angestellten umeinander herum. Niemand trug eine Mund-Nase-Bedeckung. „Darf ich mal an die Kartoffeln, meine Damen“, fragte ich ebenso aufgeräumt wie rhetorisch die beiden leicht erkennbar gar nicht so übel aussehenden Frauen, die sich vor den Erdäpfeln auf einen kurzen Plausch gewissermaßen niedergelassen hatten. „Aber natürlich, Monsieur“, antworteten sie mir unisono und verlagerten ihre Gesprächsführung auf die andere Seite des schmalen Ganges.

Würde Charon oder gar Hades himself hier jemanden abholen und über den Styx fähren wollen, würde ihm oder gar ihm dieses aus verschiedenen Gründen wohl schwerlich gelingen.

Google-Lens-Lyrik

An denken
(drei Wochen in Nemitz)

Im Kiefernwald, der meinen Blick zur Linken begrenzt, stehen die Bäume kollektiv windschief. Ich sehe beides: die Bäume und den Wald. Wenn die Sonne hervorkommt, brennt sie heiß, aber nie lange, dann kommt schon die nächste Wolke. Die vertrocknete Grasfläche ein einziges Gewirbel. Ich lese was, es zirpt was. Ich schreibe was, ich denke an.

LR, Nemitz/Karlsruhe, 25.8./16.9.2022

An denken oder Auf einer schönen, aber ganz schien habe Приктаа quemen Holzbank

In thieferen wold, der anen Blickfeld be. grenzt stehen de Bänne kollectiv wil – Schief. Ich sehe blides: die Bonne und Wold. Wenn die Some hernerkannt, brent sie heiß, aber me lange, dann kommt schon die nächste Wellke. Dievert torkante Gros fläche en amaigs Cowirbel. Ich lese was, zipst was Lehr schreibe was, ich denke an.

was rain silomach auf Nemitz & Da reicht doch fürs erste

LR/Google-Lens, Nemitz, 25.8.2022

Das moleskine Original dieses prosalyrischen Versuchs habe ich, nachdem ich es samt zugehöriger Skizze fotografiert hatte, von Google-Lens transkribieren lassen. Ganz oben die Neufassung, darunter die Google-Lens-Transkription der handschriftlichen Erstfassung.

Cose grosse – piccoli borghi

„Mir ist aufgefallen,“ schreibt Goethe im September 1787 in Rom, „daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis auch der Ärmste, der Geringste sich empfinden, und an einem kleinen Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen kann.“ Liegt es daran, dass Karlsruhe nicht Rom, 2022 nicht 1787 und ich nicht Goethe ist beziehungsweise bin? Mir nämlich ist aufgefallen, dass ich, als einer, der irgendwo zwischen den von JWG benannten Extremen auf mittlerem, um nicht zu sagen: mediokrem Niveau sein befristetes Dasein fristet, an einem kleinen Ort, also etwa in einem wendländischen Dorf, freier atmen, schlichter denken, ergriffener lieben und mich selbst deutlicher fühlen und empfinden kann als jetzt noch in dieser Dreihunderttausend-Einwohner-Stadt, die um hundert Prozent „größer“ ist als die zukünftige italienische Capitale gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts es war. Aber natürlich käme auch kein Karlsruher und kaum eine Karlsruherin auf die Idee, sich dessen schuldig zu machen, was man nach Goethe den Römern nachgesagt hat, nämlich „daß sie nur von cose grosse wissen und reden mögen.“

Obwohl Goethe überspannt ist, halten seine Prinzipia Stich und er hofft, dass sich die Krankheit des Etwas-hervorbringen-Wollens einmal auflösen wird

Am 15. September 1787 (heute vor 235 Jahren) schreibt Goethe in Rom an die Freunde in Weimar: „Rom ist mir nun ganz familiär, und ich habe fast nichts mehr darin, was mich überspannte. Die Gegenstände haben mich nach und nach zu sich hinaufgezogen. Ich genieße immer reiner, immer mit mehr Kenntnis, das gute Glück wird immer weiter helfen.“ Man meint, dieses Gefühl zu kennen, wenn man von etwas, das noch zu hoch für einen ist, „überspannt“ wird: eine prekäre Mischung aus Heraus- und Überforderung, beunruhigend im vollen, kon- und dissonant resonierenden Wortsinn.

Und unter demselben Datum: „Nun hab‘ ich ein Köpfchen nach Gips gezeichnet, um zu sehen, ob mein Prinzipium Stich hält.“ Dass etwas, etwa ein Beweis, stichhaltig sei, sagt man auch heute noch. Nicht aber dass dieser Beweis Stich halte, also wohl einem Stich stand- oder diesen aushalte.

Und endlich: „Es wird recht fleißig nach der Natur gezeichnet werden. Ich mag nun von gar nichts mehr wissen, als etwas hervorzubringen und meinen Sinn recht zu üben. Ich liege an dieser Krankheit von Jugend auf krank, und gebe Gott, daß sie sich einmal auflöse.“

Als ein anderer Theseus in einem anderen Labyrinth

Mit der Absicht, etwas literarisch Verwertbares für einen längst schon fahrig skizzierten Roman zu finden, blickte ich heute suchend um mich und entdeckte einen Stapel mit Exzerpt-Notizen, darunter auch Zitatfragmente aus Bruno Latours „Jubilieren: Über religiöse Rede“. „Gott“, schreibt Latour, hätte von den sich an die alten Vokabeln klammernden Geistlichen übersetzt werden sollen mit „unbestreitbarer Rahmen des gewöhnlichen Lebens.“ Durch dessen Bewusstmachung, fügte ich jetzt in Gedanken hinzu, das Gewöhnliche als das Ungewöhnliche erkannt, im Profanen das Sakrale geortet werden kann. Also noch einmal Latour lesen? Solange ein unbestreitbar vorhandener Erzähl-Rahmen fehlt, führt das von Lektüre zu Lektüre, aber zu nichts, womit ich als Autor etwas anfangen oder etwas Angefangenes fortspinnen könnte. Wogegen ich dann einwandte, dass dieses scheinbar ziellose Suchen und Finden womöglich der Ariadne-Faden ist, der mich durch das von Daidalos erbaute Labyrinth des Minotauros (todbringende Frucht der gleichfalls durch Daidalos ebenso kunstfertig wie trickreich ermöglichten Vereinigung von Minos‘ Frau Pasiphaë mit einem sträflicherweise nicht dem Poseidon geopferten Stier) unweigerlich sicher hindurch und letztlich aus diesem (wieder) hin- oder heraus ins Freie und Offene führt. Welches dort beginnt, wo das belesene Schreiben und das aufs Schreiben zielende Lesen ein Ende hat. Aber erst muss ich da durch. Warum? Weil ich offenbar irgendein anderer Theseus bin, der anscheinend einen anderen Minotauros erschlagen hat. Noch erinnere ich mich an nichts, aber es fällt mir dann vielleicht nach und nach wieder ein.

Arbeitshypothese

Am Ende dieser drei Wochen im Wendland stehe ich wieder am Anfang, stelle ich mir wieder die Frage: Was will ich eigentlich wirklich? Und nach ein paar Teileingeständnissen (dieses Buch interessiert mich nicht die Bohne, jene Grübelei langweilt mich) gebe ich einmal mehr zu, dass es mir im Grunde nur um meinen Spaß an meiner Freude geht. Bis ans Ende meiner Tage Lebensfreude kultivieren und also gute Laune haben oder wenigstens, was beinahe dasselbe ist, comme il faut so tun können, als ob ich sie hätte. „Und was deines Amts nicht ist, da laß deinen Vorwitz; denn dir ist schon mehr befohlen, als du kannst ausrichten“, heißt es im Buch Jesus Sirach (3,25). Die Welt oder auch „nur“ Deutschland retten ist ebenso wenig meines Amts wie den Stein der Weisen finden oder ein kluges Buch über die Suche danach schreiben. Jedesmal, wenn ich gedanklich nach einer lohnenden Aufgabe von überindividueller Relevanz suche, endet diese Suche in Resignation und einem Anflug von Depression. Denn das ist offenbar nicht meines Amts. Was aber ist mir dann befohlen, ohne dass ich es vollständig ausrichten könnte? Arbeitshypothese: Es mir und denen in meinem Einflussbereich möglichst gut gehen lassen, wozu, darauf kommt der Siracide immer wieder zurück, eher zuerst als last not least das Geben, auch das von Almosen, gehört. Froh zu sein bedarf es angeblich wenig. Vielleicht ist es wirklich einfacher als es einem Menschen, „der von der Mühe lebt“ und daher vor lauter Arbeit (und sei es „nur“ an einem Begriff von sich selbst) nicht zum Genießen kommt (Goethe in einem Brief aus Rom am 12.9.1787), vorkommt. (Die Satzklammer schließen, bevor der Satz zu Ende ist, kommt nicht oder nur in seltenen Ausnahmefällen infrage.)

Happy? Jedenfalls birthday

Heute ist schon wieder mal mein sogenannter Geburtstag. Ein (angenehm) unangenehmes Ereignis, gebe ich doch (immer damit) an, ein Geburtstagsmuffel zu sein. Am 8. September vor siebzehn Jahren fuhr ich vor Tagesanbruch mit dem Auto los, um außerhalb der Stadt den Sonnenaufgang zu erleben. Damals wurde ich fünfzig. Das hielt ich für etwas Besonderes, das besondere Maßnahmen, verbunden mit gewissen Umständlichkeiten, nicht nur rechtfertigte, sondern zwingend erforderlich machte. Als ich nun heute mehr oder weniger aus Versehen um halb sechs (offiziell ist die Sonne um 6:50 Uhr aufgegangen) auf- und erwachte, gingen mir ein, zwei Sätze in Bezug auf den heutigen Untag (das Wort Tag verhält sich zu Untag wie Fall zu Unfall) durch den Kopf. Ich überlegte, ob ich sie notieren sollte, aber da ich (noch) kein zweiter oder dritter Peter Handke bin, lag neben meinem Bett (noch) kein Schreibzeug parat. Wegen der zwei Sätze den langen Gang der Ferienwohnung (wir sind noch bis Samstag im Wendland) hinunter und durch die Küche hindurch bis ins Wohnzimmer zu „Papier und Bleistift“ (Moleskine-Buch und Tintenschreiber) gehen? Zu solchen Umständlichkeiten konnte ich mich am frühen Morgen meines fünfzig-plus-siebzehnten Geburtstags nicht aufraffen. Zwar machte ich mich dann doch noch auf den Weg Richtung Wohnzimmer, aber nur um auf halber Strecke, wo es links zur Toilette geht, links abzubiegen – eine Maßnahme, die ich zu Beginn dieses Tages nicht nur für gerechtfertigt, sondern für zwingend erforderlich hielt.

Ägypten ist, wenn …

„Als ich nun nach Ägypten kam […] und dort blieb, gewann ich Raum, viel Gutes zu lesen und zu schreiben.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach, aus der Vorrede des Übersetzers

Bin gerade auf der Suche nach meinem Ägypten.

NACH MYTHEN – Ausstellung mit Markus Jäger in der Badischen Landesbibliothek (5.7. – 9. 10.2021)

„Auch die fantasievoll ausschweifenden Texte, die Lothar Rumold dieser Bilderflut beisteuert, treiben ein lustvolles Spiel mit den Geschichten, auf die sie sich lose beziehen. Es sind pointierte „Mythogramme“, deren Lektüre in der Ausstellung zu den Bildern und ihren Kontexten hinführen wollen. Wer tiefer einsteigen möchte in diese literarischen, aktuell eingebundenen Mythen-Mutationen, kann diese Texte in der Ausstellung in erweiterter Buchform erwerben. Zusammen ergeben die Bilder und Texte „Nach Mythen“ eine animierende Tour d’horizon durch die Wunder einer versunkenen Götterwelt, die als unsterbliches geistiges Kulturgut eine so eigenwillige Besichtigung lohnt.“

Rüdiger Krohn (Germanist, Prof. em.) am 7.7.2021 in den Badischen Neuesten Nachrichten

„Mit ironischen Schlenkern erzählt der Künstler Lothar Rumold von den Mythen um die griechische Götter- und Heldenwelt. Er erzählt sie nicht nach, er spielt mit ihnen, bringt sie manchmal sacht, manchmal mit einem Ruck in die Moderne.“

Georg Patzer am 3.8.2021 im Badischen Tagblatt

Das Possenspiel muss fortgespielt werden

„Ich kenne das Possenspiel des deutschen Autorwesens schon zwanzig Jahre in- und auswendig; es muß nur fortgespielt werden, weiter ist dabei nichts zu sagen.“


Goethe an Schiller, Weimar den 16. Mai 1795
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