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Das Schöne zwischen den Gleisen

Vorhin beim Überqueren der Straße die vielen satten Grün- und dazwischen die wenigen Brauntöne des dichten Pflanzenteppichs zwischen den Straßenbahnschienen. Ist das schon Malerei? Karl Philipp Moritz, eine Art „jüngerer Bruder“ Goethes, „vom Schicksal verwahrlost und beschädigt“, wie dieser ihn sah, hat in seiner ästhetischen Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ gefordert, man solle der Natur nachahmen, also wie diese von innen her schaffen, anstatt sie ohne inneren Bezug zum Objekt von Kopierübungen zu machen. Auch wo sich das Schöne zwischen den Gleisen zeigt, dürfte es also von einem Bildner auf den Spuren von Goethes jüngerem Bruder nicht einfach nur mechanisch abgemalt oder gar abfotografiert werden.

Poetik des Machens – Poetik des Sich-Ereignens

Las weiter in Horst Mellers Arbeitsbuch „Zum Verstehen englischer Gedichte“ (dazu mein Beitrag vom 21. September). Das Poetische ist das semantisch und auch sonst Komplexe, so Mellers nicht allzu gewagte These, und (da zitiert er die US-Amerikaner W. K. Wimsatt und Cleanth Brooks) Aufgabe der Literaturkritik sei es, das Implizite (also das eingefaltet Vorhandene) vor den Augen des Lesers für diesen zu explizieren (zu entfalten). Wobei einem die von dem 22jährigen Mathematikstudenten William Empson Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts ge- oder erfundenen „Seven Types of Ambiguity“ (zuerst 1930 in London erschienen) heuristisch von Nutzen sein könnten. So weit, so unspektakulär.

Dass die konkrete Explikationsarbeit am Sprachkunstwerk unter der Leitung von Horst Meller (zumal in Verbindung mit eigenen, literarisch ambitionierten Übersetzungsversuchen) eine intellektuell und emotional bereichernde Tätigkeit sein kann, habe ich in seinen Seminaren nach 1984 am eigenen Leib erfahren. Was diese Erfahrung meinem Autorwesen gebracht hat, ist schwer zu sagen. Sie wird wohl kaum keine Spuren hinterlassen haben. Doch hat das (also mein) Schreiben für mich im wesentlichen eine durch Intuition und nicht durch Analyse bestimmte Dynamik, was nicht heißen soll, dass analytisch-konstruktive Momente keine Rolle spielen.

Aus der Perspektive des Schreibenden kann ich zu Mellers Hypothese (oder Axiom), die (das) „von einer grundsätzlichen und konstitutiven Mehrdeutigkeit poetischer Strukturen“ ausgeht (oder diese postuliert), nur sagen: Mag wohl so sein, doch eher im Zuge des Sich-Ereignens denn als Resultat eines Machens wie es von Horst Meller offenbar unterstellt wird, wenn er schreibt, dass Sprache „poetisiert“ werde, solle heißen, dass sie „artikuliert, kontrolliert und mit Bedeutung aufgeladen wird“. Einer Poetik des Machens, die hier anklingt, würde ich gerne eine Poetik des (nur in Maßen kontrollierbaren) Sich-Ereignens gegenüber- oder vielleicht auch zur Seite stellen.

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