Oberammergau, 30. Oktober 1956

Meine liebe Toni!

Kurz ein paar Zeilen, dass ich gut angekommen und auch schon in Lohn und Brot bin, wobei der Lohn ein Stücklohn und das Brot zum Glück nicht immer nur Brot ist. Kurtz selig Erben, mein Arbeit- oder besser: Arbeitsplatzgeber, beschäftigt außer mir noch ungefähr dreißig andere Schnitzer. Ich bin den Herrgottschnitzern zugeteilt worden und fühle mich im Kreis von sieben Kollegen, lauter Christus-Spezialisten (alle ohne Theologiestudium), recht wohl. Man arbeitet so lange wie man will und wird pro Herrgott bezahlt. Das Ganze nennt sich Verlagswesen und läuft darauf hinaus, dass ich halb vertraglich gebundener Facharbeiter, halb selbständiger Unternehmer bin. Natürlich tue ich mich als Anfänger noch schwer, aber es wird schon werden.

Ein Zimmer habe ich inzwischen auch gefunden. Es kostet mit Frühstück und Wäschewaschen 30 Mark, was nicht viel ist, wenn man bedenkt, dass allein für das Frühstück bei meinem Hunger und Kaffeedurst jeden Tag an die 40 Pfennig anzusetzen sind. Am Donnerstag schreibe ich Dir mehr.

Sei gegrüßt, geküsst und umarmt von Deinem

Tobias!

Grüße und küsse auch unseren Buben, der sich jetzt vielleicht darüber wundert, dass der Papa ihn bei diesem schönen Wetter nicht im Kinderwagen durch den Stadtgarten schiebt. Kann er jetzt schon laufen? Bei meiner Abreise vor drei Tagen hat er ja gerade die ersten Gehversuche gemacht. So als ob er mit mir kommen wollte.

Nochmals Ade und bis bald!

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