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Im Zuge meiner jüngsten Überlegungen, ob ich nicht doch, in Anbetracht meiner handwerklich-künstlerischen Vergangenheit, konsequenterweise ein (um mit Jochen Kirchhoff zu reden) „Matador der Schrift“ werden soll, habe ich damit begonnen, Harald Haarmanns 1990 zuerst erschienene „Universalgeschichte der Schrift“ zu lesen. Schon auf der dritten Seite der Einleitung stieß ich heute dummerweise auf eine Äußerung, die in mir nicht nur Zweifel am Autor dieser Schrift über die Schrift, sondern auch an der Sinnhaftigkeit meines möglichen Vorhabens, ein Matador derselben zu werden, weckten.

Wesentliche Entscheidungsprozesse in allen möglichen Bereichen „werden bereits weitgehend von der elektronischen Datenverarbeitung gelenkt, oder sind doch wesentlich davon abhängig. Die Schrift spielt hinter den Kulissen der Alltagswelt die Rolle eines Aschenputtels, dessen Wichtigkeit sich auf die Übersetzung von Computerdaten in menschliche Sprache beschränkt. Der Mensch nämlich [siehe da!, LR] ist auch weiterhin auf traditionelle Kommunikationsmittel angewiesen.“

Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift, S. 15

Mein Haupteinwand gegen diesen, mit Verlaub gesagt, veritablen Unsinn lautet (ich „übersetze“ im Folgenden meinen Einspruch mit Hilfe der Schrift in Sprache): Um „Computerdaten“ (was immer Haarmann damit meint) „in Sprache“ zu übersetzen, bräuchte man, wenn das überhaupt möglich wäre, nicht allein die Schrift, sondern die Sprache als solche in Laut- oder Schriftform. Aber eigentlich kann man gar nichts (auch keine „Computerdaten“) „in Sprache übersetzen“, sonst wäre jedes schriftliche oder mündliche Sprechen, wovon und worüber auch immer, zugleich ein „Übersetzen in Sprache“. Übersetzen heißt immer schon (mündlich oder schriftlich) sprechen. Die Schrift als Mittel des sprachlichen Ausdrucks „übersetzt“ nicht in Sprache, sondern sie ist Sprache in Schriftform. Was nach Haarmann für die Schrift gilt, müsste in gleicher Weise auch für artikulierte Lautfolgen (denn auch mit ihnen kann man ja etwas, um mit Haarmann zu sprechen, „in Sprache übersetzen“) gelten, nämlich dass sie hinter den Kulissen der Alltagswelt nur eine untergeordnete Rolle spielen, deren „Wichtigkeit sich auf die Übersetzung von Computerdaten in menschliche Sprache beschränkt.“ Falls man die Rede von der Schrift als Mittel der Übersetzung von etwas (hier: von „Computerdaten“) in Sprache für sinnvoll hält, dann muss man es auch für sinnvoll halten zu sagen, dass jeder geschriebene (oder gesprochene) Text das in ihm Gesagte in Sprache erst übersetzt und nicht selbst schon Sprache ist, was einigermaßen seltsam wäre.

Gerne würde ich einmal sehen, was wir mit den „Computerdaten“ machen würden, wenn wir das Aschenputtel Schrift (also eigentlich: die Sprache, siehe oben) nicht hätten. Solange der Mensch kein Computer ist (an seiner Computerisierung wird allerdings mit Hochdruck gearbeitet), spielt die Schrift (Sprache in Schriftform) keineswegs die Rolle eines Aschenputtels „hinter den Kulissen der Alltagswelt“, sondern sie war und ist immer schon die Zauberfee, die die Rätsel der Technik enträtselt, die bei der Enkodierung und Dekodierung der Maschinen-Geheimnisse die entscheidende Rolle spielt. By the way weist Haarmann selbst mit der Aschenputtel-Metapher (wahrscheinlich aus Versehen) darauf hin, dass „hinter den Kulissen“ der Maschinenwelt in Wahrheit keine x-beliebige Dienerin, sondern deren königliche Beherrscherin immer schon am Werk war, ist und, solange es Menschen gibt, die den Namen verdienen, auch sein wird.

Anders gesagt: Wer sich unmittelbar sprachlich äußern will, muss (von den Zeichen der Gebärden- und Fingersprache einmal abgesehen) entweder sprechen oder schreiben. Beim Schreiben bedient man sich der Schrift. Die Schrift ist daher neben der lautlichen Artikulation für die primäre sprachliche Kommunikation unverzichtbar, ihre Bedeutung kann gar nicht überschätzt werden. Wer ihr den Platz eines Aschenputtels hinter den Kulissen des Alltags zuweist, nur weil Computer in diesem eine immer wichtiger werdende Rolle spielen, verkennt, dass Schriftzeichen als gewissermaßen langlebige Mittel der primären Kommunikation zwischen Menschen immer nur durch Schriftzeichen ähnlicher Art, aber nicht durch Computerdaten welcher Art auch immer ersetzt werden können. Von einer Relativierung der Bedeutung der Schrift, wie sie von Haarmann postuliert wird, kann also erst die Rede sein, wenn, meinetwegen als ein Deus ex machina, eine gleichwertige Alternative das Licht der Welt erblickt. Zwar werden die machinae immer mehr und immer komplexer, doch ist fürs erste, zweite und dritte nicht zu erwarten, dass aus ihnen ein Deus emergiert, der die Schrift und das Schreiben obsolet machen könnte.

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