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Anstelle des Worts „Freiinnen“ in meinem gestern hier publizierten Poem stand zunächst „Freierinnen“, was ich dann aber zu unschön und allzu eindeutig abwertend fand. So hatte ich es nicht gemeint. Also nahm ich das „er“ heraus und übrig blieb „Freiinnen“, was einen mehr als deutlichen Beigeschmack von Adel hat, obwohl einige (aber längst nicht alle) Quellen im Netz in Übereinstimmung mit meiner automatischen Rechtschreibprüfung behaupten, die Freiin komme nur in der Einzahl vor (was durch die Vielzahl der noch lebenden oder schon verstorbenen Freiinnen, die Google einem anbietet, sofort dementiert wird). Der sprachlich eröffnete Kontext der „käuflichen Liebe“ bleib dessen ungeachtet bestehen.

Das heißt, entweder ist „Freiinnen“ der missglückte Versuch, die weibliche Form von „Freier“ zu bilden oder es sind in der Tat die in der nichtsprachlichen Wirklichkeit durchaus vielfach anzutreffenden Freifräuleins gemeint, die sich dann in eine nicht standesgemäße Umgebung verirrt hätten.

Statt sich eindeutig für das eine oder das andere zu entscheiden, wär es besser, man ginge davon aus, dass beides, die Sphäre der Freier und die der Freifräuleins, anklingt und daher semantisch mitschwingt. Man hätte es dann wohl mit einem weiteren Type of Ambiguity, von denen William Empson sieben beschrieben hat, zu tun, nämlich mit einer Ambiguität, die dadurch entsteht, dass ein in einem bestimmten sprachlichen Zusammenhang verwendetes Wort einem anderen ähnelt, welches in diesem Kotext eher zu erwarten gewesen wäre.

Was diese Zweideutigkeit dann für die Interpretation des Gedichts (falls man meine Zeilen überhaupt als Poem ernst nehmen und ihnen die Ehre einer Interpretation zuteil werden lassen will) zu bedeuten hat, lasse ich dahingestellt. Es ging mir hier nicht um eine Interpretations-, sondern um eine partielle Verstehensmöglichkeit, die bei einer weiter ausgreifenden Explikation des inhaltlich Gegebenen zu berücksichtigen wäre.

P. S.: Im Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm findet man unter FREIIN zunächst „freifrau, baronin“; dann aber heißt es: „man setzte es aber auch für libera“, und als Beispielsatz: „Die versehrte aber gerochene keuschheit (der Lucretia) hat Rom aus einer magd zu einer freiin gemacht.“ Dies bitte bei einem Interpretationsversuch unbedingt beachten!

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