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Das Schöne zwischen den Gleisen

Vorhin beim Überqueren der Straße die vielen satten Grün- und dazwischen die wenigen Brauntöne des dichten Pflanzenteppichs zwischen den Straßenbahnschienen. Ist das schon Malerei? Karl Philipp Moritz, eine Art „jüngerer Bruder“ Goethes, „vom Schicksal verwahrlost und beschädigt“, wie dieser ihn sah, hat in seiner ästhetischen Schrift „Über die bildende Nachahmung des Schönen“ gefordert, man solle der Natur nachahmen, also wie diese von innen her schaffen, anstatt sie ohne inneren Bezug zum Objekt von Kopierübungen zu machen. Auch wo sich das Schöne zwischen den Gleisen zeigt, dürfte es also von einem Bildner auf den Spuren von Goethes jüngerem Bruder nicht einfach nur mechanisch abgemalt oder gar abfotografiert werden.

Welcome to the Machine

(Dieser Beitrag wurde am 23. Oktober 2022 veröffentlicht, ist aber nicht der zuletzt in den virtuellen Zettelkasten einsortierte; gleichwohl sorgt die Maschine dafür, dass er beim Aufrufen der Website an prominenter Stelle präsentiert wird.)

Welche Maschine in dem möglicherweise oben zitierten, von der britischen Band Pink Floyd 1975 (in ihrem Album „Wish You Were Here“) veröffentlichten Song „Welcome to the Machine“ gemeint war beziehungsweise ist, kann man nur ahnen oder im Zuge einer Textinterpretation herauszufinden versuchen. Wenn ich ad hoc einen Verdacht äußern sollte, so würde ich sagen, es handelt sich um die damals noch relativ neue Rock-und-Pop-Business-Maschine, die am Laufen gehalten wurde nicht zuletzt von ehemaligen Schulschwänzern, die mit ihrer Gitarre die Mutter genervt und davon geträumt hatten, einmal ein big star zu werden, dessen mean guitar dem Gefeierten dazu verhelfen würde, sich in einer Steak Bar fortan nur noch von Steaks zu ernähren und natürlich einen Jaguar zu fahren. Um diese Maschine geht es in meinem Willkommensgruß nicht.

Bei der von mir gemeinten Maschine handelt es sich, kurz gesagt, um diese Website, deren Maschinencharakter offenbar wird, sobald man damit beginnt, jene Knöpfe zu drücken, mit denen ihr Zustand verändert werden kann. Damit sind vor allem die unter RUBRIKEN versammelten Wörter am rechten Seitenrand gemeint.

Sie sind, um nicht im Bild zu bleiben, so etwas wie die Stich- oder Schlagwörter, mit denen man die verschiedenen Bereiche eines Zettelkastens voneinander abgrenzt. Der maschinelle Charakter meines virtuellen Kastens führt aber dazu, dass derselbe Zettel oder Einzelbeitrag in verschiedenen (im Extremfall in allen) Abteilungen anzutreffen ist, was bei einem physisch realen Zettelkasten (unter erheblichem Aufwand) nur dadurch erreicht werden könnte, dass man mit Kopien arbeitet.

Der langen Rede kurzer Sinn: Leserinnen und Leser dieser, wenn nicht von Tag zu Tag, so doch (hoffentlich) von Woche zu Woche sich mehrenden Beiträge sollten sich darüber im klaren sein, dass sie es hier nicht mit einem Blog, Tagebuch oder Journal im üblichen Sinn, sondern mit einer Art Zettelkasten zu tun haben, dessen inhaltliche Ordnung sich quasi maschinell durch das Drücken der RUBRIK-Knöpfe erschließt, was aber niemanden davon abhalten soll, die Beiträge in der Reihenfolge ihres Zustandekommens beziehungsweise ihrer Veröffentlichung (was nicht notwendig dasselbe ist) zur Kenntnis zu nehmen.

So ist es! Ist es so?

„Wer die Schrift lernen soll, der kann keiner andern Arbeit warten; und wen man lehren soll, der muß sonst nichts zu tun haben. Wie kann der der Lehre warten, der pflügen muß und gern die Ochsen mit der Geisel treibt und mit dergleichen Werken umgeht und weiß nichts, denn von Ochsen zu reden? Er muß denken, wie er ackern soll, und muß spät und früh den Kühen Futter geben. Also auch die Tischler und Zimmerleute, die Tag und Nacht arbeiten und Bildwerke schnitzen und Fleiß haben, mancherlei Arbeit zu machen, die müssen denken, daß es recht werde, und früh und spät daran sein, daß sie es vollenden.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 38,25-28

Beinahe homerisch

„Wie ein Rubin in feinem Golde leuchtet, also ziert ein Gesang das Mahl. Wie ein Smaragd in schönem Golde steht, also zieren die Lieder beim guten Wein.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 32,7-8

Die Werke der Heroen freudig studieren

In seinem programmatischen Vorwort zu „The Spirit of Romance“ (1910) hat der fünfundzwanzigjährig Ezra Pound unter anderem postuliert: „The study of literature is heroworship“, aber auch: „Art is a joyous thing“. Ich ermahne mich, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf, regelmäßig dazu, Letzteres zu beherzigen und aus Pounds Selbstermunterungsformel auch für mich einen freudig unbefangenen Umgang mit sprachlichen Werken folgen zu lassen. Während ich gleichzeitig meinen Hang zur Heldenverehrung heroisch in die Schranken zu weisen bestrebt bin.

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