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Tagtraum

ALS DU GEGANGEN WARST
am frühen Abend,
zog ich
den Vorhang zur Seite;
da sah mich
eine gelbe Strähne im Haar der Birke.

Poetik des Machens – Poetik des Sich-Ereignens

Las weiter in Horst Mellers Arbeitsbuch „Zum Verstehen englischer Gedichte“ (dazu mein Beitrag vom 21. September). Das Poetische ist das semantisch und auch sonst Komplexe, so Mellers nicht allzu gewagte These, und (da zitiert er die US-Amerikaner W. K. Wimsatt und Cleanth Brooks) Aufgabe der Literaturkritik sei es, das Implizite (also das eingefaltet Vorhandene) vor den Augen des Lesers für diesen zu explizieren (zu entfalten). Wobei einem die von dem 22jährigen Mathematikstudenten William Empson Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts ge- oder erfundenen „Seven Types of Ambiguity“ (zuerst 1930 in London erschienen) heuristisch von Nutzen sein könnten. So weit, so unspektakulär.

Dass die konkrete Explikationsarbeit am Sprachkunstwerk unter der Leitung von Horst Meller (zumal in Verbindung mit eigenen, literarisch ambitionierten Übersetzungsversuchen) eine intellektuell und emotional bereichernde Tätigkeit sein kann, habe ich in seinen Seminaren nach 1984 am eigenen Leib erfahren. Was diese Erfahrung meinem Autorwesen gebracht hat, ist schwer zu sagen. Sie wird wohl kaum keine Spuren hinterlassen haben. Doch hat das (also mein) Schreiben für mich im wesentlichen eine durch Intuition und nicht durch Analyse bestimmte Dynamik, was nicht heißen soll, dass analytisch-konstruktive Momente keine Rolle spielen.

Aus der Perspektive des Schreibenden kann ich zu Mellers Hypothese (oder Axiom), die (das) „von einer grundsätzlichen und konstitutiven Mehrdeutigkeit poetischer Strukturen“ ausgeht (oder diese postuliert), nur sagen: Mag wohl so sein, doch eher im Zuge des Sich-Ereignens denn als Resultat eines Machens wie es von Horst Meller offenbar unterstellt wird, wenn er schreibt, dass Sprache „poetisiert“ werde, solle heißen, dass sie „artikuliert, kontrolliert und mit Bedeutung aufgeladen wird“. Einer Poetik des Machens, die hier anklingt, würde ich gerne eine Poetik des (nur in Maßen kontrollierbaren) Sich-Ereignens gegenüber- oder vielleicht auch zur Seite stellen.

Sich abarbeiten

Goethe in Rom am 22. September 1787: „Nur muß ich [nach der Rückkehr aus Rom, LR] nichts wieder unternehmen, was außer dem Kreise meiner Fähigkeit liegt, wo ich mich nur abarbeite und nichts fruchte.“ D’accord! Es sei denn, das Abarbeiten „außer dem Kreise meiner Fähigkeiten“ wird ausreichend gut bezahlt, aber dann fruchte ich ja auch etwas, nur etwas anders als von Goethe gemeint.

Wieder auf der Universitätsbank

Las in Horst Mellers „Zum Verstehen englischer Gedichte“, erschienen 1985 in der UTB-Reihe. In seiner Vorbemerkung nennt Meller das als Studienbrief für Fernstudien konzipierte Arbeitsbuch ein „Sendschreiben von Person zu Person“. Der „Brief“ (Anführungszeichen von HM) wende sich „allgemein an Literaturliebhaber, die ihr Interesse an englischer Lyrik vertiefen und ausbauen möchten“. Was mich betrifft, so möchte ich mein Interesse an englischer Lyrik und Literatur im allgemeinen zunächst einmal wiederentdecken und alsdann (möglicherweise) reanimieren. Also zurück auf die „Universitätsbank“, sprich: ins Englische Seminar der Ruperto Carola, der Uni Heidelberg, wo ich bei Horst Meller (25.8.1936-2.3.2013) mehrere Semester studiert habe.

Auf der Suche nach den Lebensdaten von Horst Meller fand ich im Netz einen von ihm verfassten Nachruf auf den Anglisten Rudolf Sühnel, darin Sühnels bedenkenswerte Definition von Literatur:

„Sprachläuterung, Manövrieren des Wortes aus dem Klischee, seine Regenerierung im Fluidum eines poetischen Kontextes, in dem es das wird, worauf es angelegt ist: Logos, erhelltes Sein.“

Rudolf Sühnel (1907-2007)

Ohne Titel

„Besessen ist die Welt
Von Eigennutz und Geld,
Und alles zum –
Verzweifeln dumm!“

Friederike Kempner (1828-1904)
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