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Eine der wohl dümmsten, oder sagen wir etwas zurückhaltender: der am wenigsten hilfreichen Aussagen darüber, was ein Gedicht sei, findet sich in René Welleks und R. P. Warrens „Theorie of Literature“ (1942 u. ö.), zitiert in und nach Horst Mellers hier und hier bereits erwähntem „Sendschreiben“ an den (fort)bildungswilligen Literaturliebhaber. Wellek und Warren definieren das Sprachkunstwerk (also eher zuerst als zuletzt auch das Gedicht), nachdem sie ihm neben dem real oder mental oder ideal Existierenden einen besonderen ontologischen Status zugebilligt haben, als „a system of norms of ideal concepts which are intersubjective.“ Das Gedicht als System von Normen und Konzepten ist also so etwas wie das BGB oder die Straßenverkehrsordnung, nur eben kürzer und in Versform.

Man darf wohl vermuten, dass es diese erkennbar von der Begriffssphäre des Systematisch-Normativen faszinierte Fehlleistung gewesen ist, die den (so Horst Meller) „Begründer der modernen angelsächsischen Dichtungskritik“ Ivor Armstrong Richards (1893-1979) in den 1950er Jahren zu einer „Entgegnung“ („Retort“) in Form eines grandiosen, durchaus unmetaphorisch für sich selbst sprechenden Poems selbigen Titels veranlasst hat. Darin wird schon in der ersten von vier Strophen klargestellt, dass das Gedicht zwar ein Gegenstand sui generis (Wellek und Warren) ist, aber eben einer, der sich nur selbst binden und finden (objektivieren und definieren) kann: „For I, a poem, I / Myself alone can find / Myself alone can bind.“

Zusammenfassend könnte man sagen: Nach Richards ist das Gedicht nach eigener Aussage ein zwischen Sein und Nicht-Sein schwebendes („I neither live nor die“) dynamisches Prinzip oder Potential, das dem Leser die Möglichkeit eröffnet, sich mit sich selbst, insbesondere mit den Leerstellen in seinem Leben, also mit dem, was bisher unerfüllt geblieben und (noch) nicht eingelöst worden ist, auseinanderzusetzen. Zugleich scheint etwas Vampirhaftes auf, wenn es heißt: „I take from you / All, all I have to sing,“ und: „Burning up what you bring“, und: „Your life I dissalow“, und (wie schon gesagt): „I neither live nor die.“

Auf die durchaus peinliche Frage, was denn ein Gedicht eigentlich, also seinem Wesen nach sei, werde ich in Anlehnung an I. A. Richards von nun an antworten: Ein Gedicht ist eine Art immateriell lebendige Maschine zur Ermöglichung der Selbsterkenntnis und Selbstfindung oder, metaphorisch kaum konkreter: ein schwer zu fassendes Schwebewesen – halb Vampir, halb Psychotherapeutin (falls man willens und in der Lage ist, zwischen dem einen und der anderen zu unterscheiden).

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