Da mein Läuten im Erdgeschoss, wie ich meinte, nichts bewirkt hatte, war ich schon so gut wie drauf und nahe dran, bei Mörder in der ersten oder von Drygalski in der zweiten Etage zu klingeln, als ein schnarrender Misston alles andere als erklang und die Eingangstür des Nachbarhauses einen Spalt breit aufsprang. Wen hatte sie erwartet? War es die diplomierte Psychologin selbst, die mir vom hinteren Ende des Praxisflurs, offenbar auf größtmöglichen Abstand bedacht, panisch entgegen blickte? Ich hatte mich immer gefragt, was für eine Person das wohl sein mochte, die die großen Fenster ihrer Therapieräume mit dermaßen trüben, alt und verbraucht wirkenden bräunlichen Vorhängen verhängte; nun stand mir diese Person möglicherweise gegenüber und sah womöglich, in dubio pro pulchritudine, gar nicht so übel aus.

Wenn es Charon oder gar Hades himself war, mit dessen Kommen sie gerechnet hatte, wozu dann die Maske? Wollte sie verhindern, dass der Tod sich bei der Begegnung mit ihr den Tod holte? „Bei Ihnen im Hof liegt ein Stuhlkissen, das der Wind von unserem Balkon geweht hat“, sagte ich, worauf sie mich mit einem Kopfnicken vermutlich wissen ließ, sie sei damit einverstanden, dass ich mir das vom Winde verwehte zurückholte, was ich dann auch tat. Als ich kurz darauf beim Verlassen des Hauses an der Praxistür vorbeikam, hatte sie diese schon wieder geschlossen.

Nachdem ich das Sitzkissen in einer Ecke unseres Hausflurs zwischengelagert hatte, ging ich zum Einkaufen in den kleinen Lebensmittelladen, der für gewöhnlich alles in den Regalen bereithält, was ich zum Kochen benötige. Im Eingangsbereich drängten sich die Kunden und eine der Angestellten umeinander herum. Niemand trug eine Mund-Nase-Bedeckung. „Darf ich mal an die Kartoffeln, meine Damen“, fragte ich ebenso aufgeräumt wie rhetorisch die beiden leicht erkennbar gar nicht so übel aussehenden Frauen, die sich vor den Erdäpfeln auf einen kurzen Plausch gewissermaßen niedergelassen hatten. „Aber natürlich, Monsieur“, antworteten sie mir unisono und verlagerten ihre Gesprächsführung auf die andere Seite des schmalen Ganges.

Würde Charon oder gar Hades himself hier jemanden abholen und über den Styx fähren wollen, würde ihm oder gar ihm dieses aus verschiedenen Gründen wohl schwerlich gelingen.

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