„Mir ist aufgefallen,“ schreibt Goethe im September 1787 in Rom, „daß in einer großen Stadt, in einem weiten Kreis auch der Ärmste, der Geringste sich empfinden, und an einem kleinen Orte der Beste, der Reichste sich nicht fühlen, nicht Atem schöpfen kann.“ Liegt es daran, dass Karlsruhe nicht Rom, 2022 nicht 1787 und ich nicht Goethe ist beziehungsweise bin? Mir nämlich ist aufgefallen, dass ich, als einer, der irgendwo zwischen den von JWG benannten Extremen auf mittlerem, um nicht zu sagen: mediokrem Niveau sein befristetes Dasein fristet, an einem kleinen Ort, also etwa in einem wendländischen Dorf, freier atmen, schlichter denken, ergriffener lieben und mich selbst deutlicher fühlen und empfinden kann als jetzt noch in dieser Dreihunderttausend-Einwohner-Stadt, die um hundert Prozent „größer“ ist als die zukünftige italienische Capitale gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts es war. Aber natürlich käme auch kein Karlsruher und kaum eine Karlsruherin auf die Idee, sich dessen schuldig zu machen, was man nach Goethe den Römern nachgesagt hat, nämlich „daß sie nur von cose grosse wissen und reden mögen.“

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