Ihre

(im doppelten Sinn) unfassbare Präsenz.

A Slumber meinen Geist umfing

A slumber did my spirit seal;
    I had no human fears:
She seemed a thing that could not feel
    The touch of earthly years.

No motion has she now, no force;
    She neither hears nor sees;
Rolled round in earth's diurnal course,
    With rocks, and stones, and trees.

(William Wordsworth, Goslar im Winter 1798/99)
Ein Schlummer meinen Geist umfing;
    Ein Ende fand mein Bangen:
Sie schien als Zeug und eitel Ding
    Der Jahre Harm entgangen.

Bewegungslos und ohne Macht
    Ist sie jetzt, blind und taub;
Fällt mit der Erde durch die Nacht
    Samt Stock und Stein und Staub.

(L. Rumold nach W. Wordsworth, Karlsruhe im Herbst 2022)

Übersetzungen, die, weil sie das Original penibel genau rekonstruieren wollen, in einem völlig verquasten Deutsch daherkommen, sind mir ein Greul. Im Falle des Gedichts von William Wordsworth findet man in den diversen Translationen dieses Klassikers Zeilen wie: „Im Schlaf mein Geist versiegelt hing“ oder: „Sie war ohn Regung und ohn Kraft“ oder: „Kreist in der Erde Wanderschaft“ und last not least: „Nicht fühlt er wie vorüberkreist / Der Erdenjahre Zeit.“

Wie Horst Meller in seiner schon mehrfach (hier, hier und hier) erwähnten Anleitung zur Explikation des implizit Vorhandenen mit seinen gnadenlos sezierenden Analysen zeigt, verfehlen diese sprachlichen Verrenkungen beinahe immer den Zweck des möglichst unverfälschten Transfers, zu dem sie doch veranstaltet wurden. Man meint, eine vierspännige Kutsche übergesetzt zu haben, muss bei genauerem Hinsehen aber feststellen, dass in Wahrheit „A Bear without a Head“ (um ein bekanntes Gedicht von Lewis Caroll zu zitieren) am anderen Ufer angekommen ist.

Bei meiner Übersetzungsvariante habe ich mich deshalb (einmal mehr) dafür entschieden, lieber auf die Hälfte der inhaltlichen Details als auf halbwegs gutes Deutsch zu verzichten. Natürlich auf die Gefahr hin, dass meine Übertragung dann nicht als Übersetzung durchgeht, sondern (falls sich jemand dieser Mühe unterziehen möchte) in die Rubrik „Imitation“, „Variation über ein Thema“ oder „Nachdichtung“ eingetragen wird.

Dialektik des Anfängertums

„Aber ein Mensch, wenn er gleich sein Bestes getan hat, so ist’s noch kaum angefangen; und wenn er meint, er habe es vollendet, so fehlt es noch weit.“

Altes Testament, Die Apokryphen, Das Buch Jesus Sirach 18,6

Man sollte also den sogenannten Anfänger nicht gering schätzen, denn grundsätzlich kommt jeder von uns über den Anfang kaum hinaus. Was aber nicht heißt, dass es keine Niveauunterschiede gibt, die es zu respektieren gilt. Dialektik des Anfängertums.

Das Gedicht zwischen Straßenverkehrsordnung und Vampirismus

Eine der wohl dümmsten, oder sagen wir etwas zurückhaltender: der am wenigsten hilfreichen Aussagen darüber, was ein Gedicht sei, findet sich in René Welleks und R. P. Warrens „Theorie of Literature“ (1942 u. ö.), zitiert in und nach Horst Mellers hier und hier bereits erwähntem „Sendschreiben“ an den (fort)bildungswilligen Literaturliebhaber. Wellek und Warren definieren das Sprachkunstwerk (also eher zuerst als zuletzt auch das Gedicht), nachdem sie ihm neben dem real oder mental oder ideal Existierenden einen besonderen ontologischen Status zugebilligt haben, als „a system of norms of ideal concepts which are intersubjective.“ Das Gedicht als System von Normen und Konzepten ist also so etwas wie das BGB oder die Straßenverkehrsordnung, nur eben kürzer und in Versform.

Man darf wohl vermuten, dass es diese erkennbar von der Begriffssphäre des Systematisch-Normativen faszinierte Fehlleistung gewesen ist, die den (so Horst Meller) „Begründer der modernen angelsächsischen Dichtungskritik“ Ivor Armstrong Richards (1893-1979) in den 1950er Jahren zu einer „Entgegnung“ („Retort“) in Form eines grandiosen, durchaus unmetaphorisch für sich selbst sprechenden Poems selbigen Titels veranlasst hat. Darin wird schon in der ersten von vier Strophen klargestellt, dass das Gedicht zwar ein Gegenstand sui generis (Wellek und Warren) ist, aber eben einer, der sich nur selbst binden und finden (objektivieren und definieren) kann: „For I, a poem, I / Myself alone can find / Myself alone can bind.“

Zusammenfassend könnte man sagen: Nach Richards ist das Gedicht nach eigener Aussage ein zwischen Sein und Nicht-Sein schwebendes („I neither live nor die“) dynamisches Prinzip oder Potential, das dem Leser die Möglichkeit eröffnet, sich mit sich selbst, insbesondere mit den Leerstellen in seinem Leben, also mit dem, was bisher unerfüllt geblieben und (noch) nicht eingelöst worden ist, auseinanderzusetzen. Zugleich scheint etwas Vampirhaftes auf, wenn es heißt: „I take from you / All, all I have to sing,“ und: „Burning up what you bring“, und: „Your life I dissalow“, und (wie schon gesagt): „I neither live nor die.“

Auf die durchaus peinliche Frage, was denn ein Gedicht eigentlich, also seinem Wesen nach sei, werde ich in Anlehnung an I. A. Richards von nun an antworten: Ein Gedicht ist eine Art immateriell lebendige Maschine zur Ermöglichung der Selbsterkenntnis und Selbstfindung oder, metaphorisch kaum konkreter: ein schwer zu fassendes Schwebewesen – halb Vampir, halb Psychotherapeutin (falls man willens und in der Lage ist, zwischen dem einen und der anderen zu unterscheiden).

Transmission impossible

WHEN YOU'LL HAVE LEFT
my place so early
in the evening - I'll draw
the curtains apart; me saw,
I later will rhyme, a yellow wisp
in the birch tree's hair.
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