ZEITGLEICH-ZEITZEICHEN, Künstlerhaus Karlsruhe 2004

Kurze Begrüßungsrede zur Eröffnung der Ausstellung Geteilt durch drei (Birgit Brandis, Tinka Stock, Eckart Steinhauser), Künstlerhaus, 24.10.2004

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich willkommen im Karlsruher Künstlerhaus. Die Ausstellung, die wir heute eröffnen, geht ursprünglich zurück auf eine dankenswerte Initiative des BBK-Bundesverbandes, der unter dem Obertitel ZEITGLEICH–ZEITZEICHEN 2004 bundesweit junge Kunst, das heißt in der Regel junge Künstlerinnen und Künstler zum Zuge kommen lassen wollte. In 25 Städten hat man diese Initiative aufgegriffen, es ist ein umfangreicher Gesamtkatalog erschienen, der leider nur in geringer Stückzahl hier vorhanden ist und für 20,- EUR erworben werden kann.

Dem BBK-Karlsruhe [BBK: Bezirksverband Bildender Künstlerinnen und Künstler], meine Damen und Herren, kam dieser Wink von oben durchaus gelegen. Schon seit längerem war vereinsintern davon die Rede gewesen, dass man doch den Kontakt zu den ortsansässigen Einrichtungen, in denen der künstlerische Nachwuchs ausgebildet wird, also zur Kunstakademie und zur Hochschule für Gestaltung nicht intensivieren, sondern zu allererst einmal herstellen müsse. Ein oder gar zwei in der Vergangenheit unternommene entschlossene Versuche der telefonischen Kontaktaufnahme auf der Funktionärsebene hatten leider zu keinerlei Ergebnis geführt.

Vom Ansinnen des Bundesverbandes nun jedoch zusätzlich motiviert, wagte man am Abend des 6. November 2003 im Schutz der Dunkelheit das so nur von Wenigen für möglich Gehaltene. Die Ausstellungskommission versammelte sich in der Reinhold-Frank-Straße 81-83 und betrat unter der Führung von OMI Riesterer das Gebäude der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Ich selbst bin damals als Beobachter mit dabei gewesen und kann Ihnen versichern, so oder so ähnlich hat es sich abgespielt.

Wir freuen uns sehr, Sie heute mit den Folgen dieses beispielhaften Vorstoßes in die toposphärischen und ästhetischen Randzonen der Karlsruher Kunstszene konfrontieren zu dürfen. Unter dem Untertitel Geteilt durch drei zeigt die Künstlerhaus-Galerie bis zum 21. November Arbeiten von Birgit Brandis, Tinka Stock und Eckart Steinhauser – alle drei sind Absolventen der Kunstakademie Karlsruhe und heute hier anwesend.

Wäre es nach Tinka Stock und mir gegangen, dann würden in diesem Moment kräftige junge Männer mit entblößtem Oberkörper die von Eckart Steinhauser geschaffenen Betonelemente im Galerieraum hin und her tragen, um sie an unterschiedlichen Punkten zu immer wieder neuen Arrangements zusammenzuführen. In der Aufbauphase der Ausstellung wurde diese Performance in Ansätzen von den Künstlern selbst unter gelegentlicher Mithilfe meinerseits eingeübt. Alle Beteiligten waren dabei übrigens, wie es den Gepflogenheiten des Hauses entspricht, vollständig bekleidet. Ziel der Aktion ist es gewesen, den unter den gegebenen Bedingungen subjektiv optimalen Standort für Steinhausers Arbeiten zu finden. Zu berücksichtigen waren: die Position der Elemente relativ zu den Wänden, Ecken, Fenstern und Türen und natürlich zu den Arbeiten von Birgit Brandis und Tinka Stock. Indem man eine Raumkomponente direkt bewegt, bewegt man ja indirekt die anderen Raumkomponenten mit. Es wurde dabei anschaulich erlebbar – und deshalb hätte ich diese Übung unter Zugabe der von Tinka Stock gewünschten Textilweglassungen gerne für Sie wiederholt – dass der Begriff vom Kunstwerk als mit sich selbst identischem Objekt, wenn man es genau nimmt, nicht haltbar ist. Das Werk ist immer nur ein Objekt in dieser oder jener – übrigens nicht nur physisch zu verstehenden – Umgebung und das Auftauchen in ihr bleibt für beide, für das Objekt und für seine Umgebung nicht ohne Folgen, obwohl wir uns daran gewöhnt haben, unsensibel genug zu sein, um das eine auch ohne das andere als „dasselbe“ wiederzuerkennen. Es liegt also in der Sache selbst und ist nicht künstlerischer Willkür und Grillenhaftigkeit geschuldet, wenn heute tendenziell immer mehr Umgebung unter die bewusste Kontrolle des Künstlers gebracht wird – bis dahin, wo man sich nicht mehr vor, hinter oder neben, sondern nur noch in einem Kunstwerk aufhalten kann. Birgit Brandis hat mir ihrer Entscheidung, eine ihrer Arbeiten mit ein wenig Abstand von der Wand aufzuhängen, so dass ein Dahinter als möglicher Standort des Betrachters erkennbar wird, auf ihre Weise dafür gesorgt, dass die für das Tafelbild tradierte Verteilung von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem im Raum in Bewegung gerät und neu bestimmt werden muss.