Wider den Reduktionismus

Man hört und liest jetzt allenthalben (als ob wir keine echten Probleme hätten), dass es neuerdings vollkommen inakzeptabel sei, wenn Männer Frauen Komplimente machen oder ihnen gar die Tür aufhalten. Man(n) reduziere frau damit  auf ihr Geschlecht und daher sei das Komplimente-Machen und das Türen-Aufhalten oder Ihr-den-Vortritt-Lassen etc. pp. (für die davon betroffene Frau) entwürdigend und sexistisch.

Es steht allerdings zu befürchten, dass die sexistischen männlichen Verhaltensweisen unter dem Deckmantel der sogenannten Höflichkeit oder das angeblich harmlosen Flirts nur die Spitze des Eisbergs sind. Ich habe einmal damit begonnen, eine Liste inakzeptabler oder zumindest bedenklicher, in Zukunft sehr wahrscheinlich als „umstritten“ geltender Verhaltensweisen und Handlungsmuster aufzustellen, also eine Liste dessen, was man künftig alles nicht mehr tun darf, weil es der oder dem Betroffenen die Würde nimmt, indem es sie oder ihn, pardon: ihn oder sie (geht eigentlich auch nicht) in gänze auf etwas reduziert, was s*i*e*r nur zu einem relativ kleinen Teil ist. Die Liste ist natürlich längst nicht vollständig, aber ein Anfang ist immerhin gemacht:

Kleinkinder und hilflose Greis*inn*en füttern – man reduziert sie damit auf ihr Alter und ihre Unselbständigkeit; Verurteilte Straftäter*innen einsperren – man reduziert sie damit auf ihr Fehlverhalten; Autofahrer*inne*n, die von rechts kommen, die Vorfahrt lassen – man reduziert sie damit auf ihr Von-rechts-Kommen; Kaufinteressent*inn*en etwas verkaufen – man reduziert sie damit auf ihr Haben-Wollen; Gläubiger*inne*n das ihnen zustehende Geld bezahlen – man reduziert sie damit auf ihre materiellen Interessen; Schüler*inne*n und Studierenden etwas beibringen – man reduziert sie damit auf ihr Nicht-Wissen; Schutzsuchende ins Land lassen – man reduziert sie damit auf ihre Schutzbedürftigkeit; Abgeordnete wählen – man reduziert sie damit auf ihre erklärten politischen Absichten; Verstorbene beisetzen – man reduziert sie damit auf ihr Totsein.