Über das Aufbrauchen der Liebe in der Aktion des Machens

Wie schon gesagt: In den Briefen, die Rainer Maria Rilke seiner Frau Clara im Oktober 1907 aus Paris geschrieben hat, ist viel von den Bildern Cézannes die Rede. Im Cézanne-Saal des Salon d’Automne suchte Rilke sie immer wieder auf und betrachtete sie mitunter stundenlang. Am 13. Oktober 1907 schreibt er:

„Man merkt auch, von Mal zu Mal besser, wie notwendig es war, auch noch über die Liebe hinauszukommen; es ist ja natürlich, daß man jedes dieser Dinge liebt, wenn man es macht: zeigt man das aber, so macht man es weniger gut; man beurteilt es, statt es zu sagen. Man hört auf, unparteiisch zu sein; und das Beste, die Liebe, bleibt außerhalb der Arbeit, geht nicht in sie ein, restiert unumgesetzt neben ihr: so entstand die Stimmungsmalerei (die um nichts besser ist als die stoffliche). Man malte: ich liebe dieses hier; statt zu malen: hier ist es. Wobei denn jeder selbst gut zusehen muß, ob ich es geliebt habe. Das ist durchaus nicht gezeigt, und manche werden sogar behaupten, da wäre von keiner Liebe die Rede. So ohne Rückstand ist sie aufgebraucht in der Aktion des Machens. Dieses Aufbrauchen der Liebe in anonymer Arbeit, woraus so reine Dinge entstehen, ist vielleicht noch keinem so völlig gelungen wie dem Alten“. Cézanne „wußte seine Liebe zu jedem Apfel zu verbeißen und in dem gemalten Apfel unterzubringen für immer.“

Die Liebe, meint Rilke, ist beim Alten, also bei Cézanne,  im dreifachen Hegelschen Sinn aufgehoben (erhöht, verschwunden und bewahrt) im reinen Ding. Seit Jahren kämpfe ich einen aussichtslosen Kampf gegen die Rede und mehr noch gegen das Postulat vom „sich ausdrücken“ im Werk. In Rilke scheine ich einen Verbündeten gefunden zu haben. Wenn die Liebe in die Arbeit eingeht, dann ist sie eben gerade nicht im Werk ausgedrückt im Sinne von gezeigt. Jeder gewollte und sichtbare Ausdruck von Liebe oder einer anderen „inneren“ Befindlichkeit oder eines Dafürhaltens führt unweigerlich zu dem, was Rilke „Stimmungsmalerei“ nennt, und was man darüber hinaus findet in jener Kunst, die, wie man sagt und fordert, „zum Nachdenken anregt“ oder „sich einmischt“ oder „Position bezieht“, kurz: in jeder Art von Gesinnungsmalerei.