Traugott Fuchs im Prinz-Max-Palais (2004)

Der innerlich und äußerlich Ungesichertste bin ich
Der Philologe, Maler und Dichter Traugott Fuchs im Prinz-Max-Palais

Als auf dem Karlsruher Festplatz am 22. Juni 1916 der Zirkus Hagenbeck bombardiert wurde und dabei 71 Kinder zu Tode kamen, wohnte in der Stadt auch ein neunjähriger Junge, der mit seinen Eltern – der Vater war Pfarrer – aus dem elsässischen Lohr gekommen war, um wenige Jahre später ins lothringische Metz weiterzuziehen. Der junge Traugott Fuchs konnte damals nicht ahnen, dass er als erwachsener Mann mit zwei einfachen Koffern Deutschland verlassen und am 21. Juni 1997 hochbetagt in Istanbul sterben sollte.

Zunächst hatte alles auf eine geradlinige geisteswissenschaftliche Karriere hingedeutet: Studium der Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte in Berlin, Heidelberg und Marburg, wo Fuchs bald zum engeren Kreis um den Romanisten Leo Spitzer gehörte, dem er erst nach Köln und schließlich 1934 nach Istanbul folgte – „aus Gründen moralisch-politischer Solidarität“, wie Martin Vialon, Professor für Literaturwissenschaft in Istanbul, in seinem einführenden Vortrag im Museum für Literatur am Oberrhein hervorhob. Mit der Vertreibung des jüdischen Romanistikprofessors waren die Nazis auch dessen damaligen „arischen“ Assistenten losgeworden: „Hier war ein Tor der Zukunft, daheim ein Tor zum Tode, das war sicher“, schreibt der unfreiwillig freiwillig ins Exil Gegangene im Rückblick auf jene folgenreiche Entscheidung.

Während Spitzer schon bald einem Ruf in die USA folgte, blieb Fuchs in Istanbul. Und als „letzter Mohikaner vom Bosporus“, wie er sich selbst einmal melancholisch-spöttisch nannte, blieb er auch dann noch, als das verhasste Naziregime von seinen äußeren Gegnern längst niedergerungen war. Seinen Lebensunterhalt verdiente der zu Depressionen neigende Wahl-Istanbuler mit Sprach- und Literaturunterricht an verschiedenen universitären Einrichtungen – seit den siebziger Jahren bis zu seiner Pensionierung 1983 im Range eines Germanistikprofessors, obwohl einem Wohnungsbrand in den dreißiger Jahren auch die noch nicht abgeschlossene Doktorarbeit zum Opfer gefallen war, was Fuchs‘ reguläre Promotion nachhaltig verhindert hatte.

Weist sein akademischer Werdegang als Philologe gewisse Irregularitäten auf, so verläuft die Karriere des Malers Traugott Fuchs von vornherein in gänzlich außeruniversitären Bahnen. Während seiner dreizehnmonatigen Internierung im anatolischen Çorum – die Türkei war im August 1944 gegen Deutschland in den Krieg eingetreten – hatte Fuchs seine Mal- und Zeichentätigkeit intensiviert. Dennoch sollte es noch etwa zehn Jahre dauern bis 1955, kurz vor seinem neunundvierzigsten Geburtstag, eine erste Ausstellung in einer Istanbuler Galerie zustande kam: „Hübsch gekleidete Menschen, nette und auch kritische Leute waren bei der Eröffnung anwesend“, berichtet Fuchs in einem Brief an Leo Spitzer. Aber es ist wohl nicht nur, wie Martin Vialon meint, einem Hang zum Understatement zuzuschreiben, wenn Fuchs die eigenen Werke im selben Brief auf der „Grenze zwischen Amateur- und wirklicher Kunst“ ansiedelt. Vialons Annahme, es handele sich hier um eine „Malerei der hohen bürgerlichen und reflektiert–durchdachten Kunst“ ist mit der Karlsruher Ausstellung jedenfalls kaum zu belegen, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass aus dem stattlichen, 200 Ölbilder und 5000 Zeichnungen, Aquarelle und Pastelle umfassenden Œvre nur etwa 70 kleinere Formate ausgewählt werden konnten, darunter Selbstporträts, Skizzen nach der Natur, Landschaften und Stadtansichten, ergänzt durch Tagebuchseiten, Fotografien und Briefe.

Das Lebenswerk von Traugott Fuchs, einschließlich der rund 500 Gedichte, ist bisher weitgehend unveröffentlicht geblieben. Bei dem, was zum Auftakt des literarischen Teils der 17. Europäischen Kulturtage im Prinz-Max-Palais sichtbar wurde, handelt es sich also allenfalls um die Spitze der Spitze des Eisbergs. Mithin bleibt abzuwarten, ob am Ende mehr zum Vorschein kommt als ein gewiss respektables und mit großer Sympathie zu verfolgendes Anschreiben und Anmalen gegen die Gefahr des Sich-Verlierens im Formlosen, gegen eine melancholische Grundtönung des Gemüts, die sich ausdrückt in Briefzeilen wie diesen: „Traurig ist unser Leben, und wir wissen nicht, wo die durchgreifende Sonne hernehmen, so kurz wirken die Behelfe, wir sind eine zersplitterte Generation. Der innerlich und äußerlich Ungesichertste bin ich.“

Bis zum 31. Mai im Museum für Literatur am Oberrhein, Prinz-Max-Palais, Karlstr. 10, geöffnet: Di, Mi, Fr, So 10–18 Uhr, Do 10–19 Uhr, Sa 14–18 Uhr (Begleitheft 10,- EUR)

[Badische Neueste Nachrichten]