Durchsicht bei der Durchsicht

Ich unterziehe mein Werklein anlässlich meiner Ausstellung im InfoCenter am Hauptfriedhof gerade einer kritischen Durchsicht. Dabei ist mir heute diese Skizze vor Augen gekommen, eigentlich sind es zwei Skizzen, genauer gesagt: zwei Ausschnitte aus zwei größeren Skizzen auf ein und demselben Blatt eines Zeichenblocks (33 x 24 cm). Wenn man das Blatt gegen’s Licht hält, sieht man auf der einen Seite dies, auf der anderen Seite das. Glück gehabt.

Bleistift auf Papier, 7.10.2000
Bleistift auf Papier, 7.10.2000

Creatio quasi ex nihilo

Womöglich eine Möglichkeit, an ein so gut wie nicht vorhandenes Werk anzuknüpfen und ein vorhandenes daraus entstehen zu lassen.

Skizze nach einer Skizze vom 7.10.2000, 2018, Tablet-Zeichnung, 10:17

Von einem Extrem ins andere

Es heißt nicht selten, angesichts der unermesslichen Größe des Universums sei doch unser Dasein auf diesem putzigen Planeten vollkommen unbedeutend, eine zu vernachlässigende Winzigkeit, um nicht zu sagen: ein Eintagsfliegenschiss. Man könnte aber auch umgekehrt mutmaßen, dass unserer Existenz eine nicht überschätzbare Bedeutung zukommen muss in Anbetracht des immensen Aufwands (um noch das Mindeste zu sagen), der getrieben werden musste, um sie zu ermöglichen. Alles eine Frage der Perspektive und des sogenannten Selbstbewusstseins. Die Beantwortung der Frage, ob es außer unserer eigenen Unvernunft noch die Unvernunft von anderen protointelligenten Lebewesen im All gibt, spielt bei der Entscheidung für die eine oder andere Variante der Selbstbewertung übrigens keine Rolle. Falls es da und dort oder gar überall noch andere Zivilisations- und Kulturträger gibt oder gegeben hat, kann man deren Existenz aus dem oben genannten Grund und nach derselben Logik zum Anlass nehmen, sich klein oder groß, extrem unbedeutend oder über die Maßen bedeutend vorzukommen. Denn in einem kohärenten System kann jedes Element als Bedingung des Da- und So-Seins jedes anderen Elements gelten.

Tablet-Zeichnung am 6.6.2018

Apotheose der Abstraktion – das Leben als Störung

„Wir stellen also den Satz auf: die einfache Linie und ihre Weiterentwicklung in rein geometrischer Gesetzmäßigkeit mußte für den durch die Unklarheit und Verworrenheit der Erscheinungen beunruhigten Menschen die größte Beglückungsmöglichkeit darbieten. Denn hier ist der letzte Rest von Lenbenszusammenhang und Lebensabhängigkeit getilgt [meine Hervorhebung, L. R.], hier ist die höchste absolute Form, die reinste Abstraktion erreicht; hier ist Gesetz, ist Notwendigkeit, wo sonst überall die Willkür des Organischen herrscht.“

Der Abstraktionsdrang charakterisiert sich „als ein Drang, in der Betrachtung eines Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen des Menschseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allgemeinen organischen Existenz. Das Leben als solches wird als Störung des ästhetischen Genusses empfunden.“

Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie. München 1959 (zuerst: 1908), S. 54 f. und S. 59

Das Reich der Abstraktion war, als Wilhelm Worringer seine 1907 verfasste Dissertation veröffentlichte, gerade im Kommen, ihr Wille sollte bis zum Ende des Jahrhunderts immer ausschließlicher geschehen. Und erlösen sollte sie uns von dem Übel des Lebenszusammenhangs und des Menschseins. (Piet Mondrian ging ein paar Jahrzehnte später nicht ganz so weit, als er die abstrakte Kunst als wichtigen Schritt auf dem Weg zum Großen Kollektiv, zur bald vollendeten Entindividualisierung feierte.)

Im Atelier

2004 sind sie von Karlsruhe nach Kehl (zur Landesgartenschau) und wieder zurück gerollt, da waren sie noch unbunt und gerollt sind genau genommen nur die Räder des Omega-Kombis. Jetzt liegen sie im Atelier und warten auf ihren kleinen großen Auftritt im InfoCenter am Karlsruher Hauptfriedhof im Rahmen der Ausstellung HolzBilder (Tablet-Skizze am 19.5.2018).