Kunst kann man nicht machen?

Kunst kann man nicht machen! An der Wahrheit dieses Satzes zu zweifeln, hielt auch ich bislang für Häresie. Inzwischen habe ich den Verdacht, dass es sich bei besagtem Glaubenssatz um Kunstfrömmelei handelt. Wer ihn nicht mehr unterschreibt, ist also kein Ketzer, sondern auf dem säkularen Weg der Besserung. Natürlich, besser gesagt: kultürlich kann man, ja muss man Kunst machen. Woher soll sie denn sonst kommen? Kunst kommt nicht in der Natur vor, sie ist von Menschen gemacht, also muss man sie machen, wenn es sie geben soll. Und da es sie angeblich gibt, wird sie wohl jemand gemacht haben. Also kann man Kunst machen, daran besteht kein Zweifel. Wer postuliert, dass das nicht möglich sei, weil man ja gar nicht weiß, wie das gehen soll, das Kunstmachen, sucht nur eine Entschuldigung für seine Verzagtheit und Kleingeisterei, für seinen Mangel an Mut und Entschlossenheit. Wilhelm Worringer sieht hinter der Kunst das Kunstwollen. Und wo einer den Willen zur Kunst hat, findet er auch einen Weg zu ihr. Amen.

Jenseits von Kunst und Nicht-Kunst

Nach Adolf von Hildebrandt („Das Problem der Form in der Bildenden Kunst“, zuerst 1893) kann im Falle der Plastik als Kunst nur gelten, was, obwohl es „kubisch“, also voluminös ist, nicht voluminös, sondern flach und reliefartig wirkt. Hildebrandt schreibt:

„Solange eine plastische Figur sich in erster Linie als ein Kubisches geltend macht, ist sie noch im Anfangsstadium der Gestaltung, erst wenn sie als ein Flaches wirkt, obschon sie kubisch ist, gewinnt sie eine künstlerische Form. Durch die konsequente Durchführung dieser Reliefauffassung unserer kubischen Eindrücke erhält die Darstellung erst ihre Weihe, und die geheimnisvolle Wohltat, die wir vom Kunstwerk empfangen, beruht nur auf ihr.“ (Zitiert nach Wilhelm Worringer: „Abstraktion und Einfühlung“, zuerst 1908, Neuausgabe 1959, S. 130)

Meine beiden Pastior-Würfel von 1998, meine Schriftkugeln und ‑halbkugeln der darauffolgenden Jahre wären demnach über das Anfangsstadium der Gestaltung nicht hinausgekommen, denn von einer Reliefauffassung kann bei ihnen kaum die Rede sein. Der Würfel sieht aus wie ein vollplastischer Würfel, die Kugeln wirken nicht flach, sondern kugelig rund. Und auch an den Halbkugeln kann ich, von ihrem „Innenleben“ einmal abgesehen, nichts Reliefartiges entdecken. Bedenklich? Nun, es ist, wie es ist. Ich wollte damals keine Würfel- und Kugel-Ansichten reliefartig gestalten, sondern ich wollte Würfel und Kugeln machen. Und wichtiger als das künstlerisch formvollendete Verfehlen der stereometrischen Formvollendung war mir damals der externe Textbezug. Der mir heute allerdings unwichtig vorkommt, d. h. mich nicht mehr besonders interessiert. Was jenseits von Kunst und Nicht-Kunst bleibt, sind also Dokumente des In-die-Irre-Gehens der einen wie der anderen Art. Das gefällt mir gut. Fast möchte ich sagen, ich empfange davon eine „geheimnisvolle Wohltat“.

Schönheit und Weltgefühl bei Worringer – eine erste Skizze

„Der Wert eines Kunstwerkes, was wir seine Schönheit nennen, liegt allgemein gesprochen in seinen Beglückungswerten“, sagt der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer, aus dessen 1908 in Buchform erschienener Dissertation ich hier schon einmal zitiert habe. Schönheit hat also nach Worringer etwas mit Beglückungswerten oder mit Beglücktwerden zu tun. Die Frage nach dem Schönen wäre demnach die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des Glücklichseins. Der eine ist glücklich, wenn er den Tag noch vor sich, die andere, wenn sie ihn endlich hinter sich hat. Worringer spricht im Hinblick auf das Schöne, das uns glücklich macht, von psychischen Bedürfnissen, die man habe, und konstatiert eine Kausalbeziehung: „Diese Beglückungswerte stehen natürlich in einem kausalen Verhältnis zu jenen psychischen Bedürfnissen, die sie befriedigen.“ Das heißt, aus der durch ein Glückserlebnis indizierten Wertschätzung für ein Kunstwerk lässt sich rückschließen auf „die Qualität jener psychischen Bedürfnisse“, die dem Glücklichsein zugrunde liegen, wobei Qualität zunächst (aber vielleicht nicht ausschließlich) im wertneutralen Sinn verstanden werden muss. In der indirekt erkennbaren Qualität des psychischen Bedürfnisses zeigt sich nach Worringer zugleich ein psychischer Gesamtzustand, den er Weltgefühl nennt. Sage mir, welche Kunst dich beglückt und ich sage dir, welches Weltgefühl von dir Besitz ergriffen hat. Im Weltgefühl manifestiert sich das jeweilige Verhältnis der (man müsste an dieser Stelle wohl sagen: einer) Menschheit zu den Erscheinungen der Außenwelt. Zirkelschlussendlich findet das Weltgefühl „seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“

Worringers Kunsttheorie oder Theorie des Schönen bietet zunächst eine weitere Möglichkeit, das Theoretisieren als Kunst des hoffentlich gelingenden Zirkelschließens zu studieren. Wen das alleine noch nicht glücklich macht, dem gefällt es vielleicht, ebenso wie es mir gefallen hat, dass Worringer eine enge, geradezu identifikatorische Verbindung herstellt zwischen der Kunst, dem Schönen (gerne auch: der Schönen) und dem Glück. Wer käme 100 Jahre später noch auf diese waghalsige Idee!? Heute muss Kunst „zum Nachdenken anregen“ und dem Rezipienten eine politische oder sonstige Pose in Gestalt einer „Position“ zur Nachahmung empfehlen. Und noch etwas fand ich beim Lesen der oben zitierten Passage bemerkenswert, nämlich den eigenartigen Gebrauch des Wörtchens Menschheit, den Worringers Text als Möglichkeit zu eröffnen scheint, wenn es darin heißt: „Unter Weltgefühl verstehe ich den psychischen Zustand, in dem die Menschheit jeweils sich dem Kosmos gegenüber, den Erscheinungen der Außenwelt gegenüber befindet. Dieser Zustand verrät sich in der Qualität der psychischen Bedürfnisse […] und findet seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“ Nicht nur historisch, sondern auch gleichzeitig ungleichzeitig scheint es gemäß diesem Wortgebrauch mehr als nur die eine Menschheit zu geben, für die alle Wohlmeinenden immer nur das Beste wollen. So viele Weltgefühle einschließlich der ihnen entsprechenden Kunstwerke es gibt, so viele „Menschheiten“ könnten unterschieden werden. Das hielte ich für realistisch. Ob man daneben oder darüber oder jenseits davon die alles inkludierende und transzendierende Einheits-Menschheit samt Einheits-Weltgefühl und Einheits-Kunst postulieren sollte? Unter dem Decknamen der Vielfalt wird ja paradoxerweise eben dies angestrebt.

Worringer und Lipps versus Picasso

Mein Dialogpartner Michael Schneider wies mich auf Wilhelm Worringers 1908 in Buchform erschienene Dissertation Abstraktion und Einfühlung hin. Worringer kommt im Anschluss an den Psychologen und Philosophen Theodor Lipps (1851-1914) zu seiner Kern- und Ausgangsthese: Ästhetischer Genuss ist objektivierter Selbstgenuss. Lipps erklärt, bei positiver Einfühlung (ein, wenn nicht der Grundbegriff bei Lipps) empfinde man Formen als schön: „Ihre Schönheit ist dies mein ideelles freies Sichausleben in ihnen. Dagegen ist die Form häßlich, wenn ich dies nicht vermag, wenn ich mich in der Form oder in ihrer Betrachtung innerlich unfrei, gehemmt, einem Zwange unterliegend fühle“, so Lipps .  Man halte daneben Picassos Maxime: „immer dagegen arbeiten, auch gegen sich selbst“. Entweder wollte Picasso das Hässliche (von den meisten wurden seine Demoiselles d’Avignon ja so wahrgenommen) oder seine Schönheit war eine andere als die von Lipps und Worringer. Das Kriterium der Reibungslosigkeit beim Wahrnehmen galt für das von Picasso Angestrebte jedenfalls nicht. Im Gegenteil.