Jörg Zürns Parallelaktion in Überlingen (Adventskalender VI)

Als Jörg Zürn in Virgilius Molls Werkstatt in Überlingen als Geselle tätig war (möglicherweise ab 1601, dazu Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 22), lernte er dort nicht nur in der zukünftigen Witwe Moll seine später Ehefrau Ursula kennen, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch den noch in Arbeit befindlichen Hochaltar für die Schloss- und Pfarrkirche St. Trinitatis in Haigerloch, südwestlich von Tübingen (heute verkehrsgünstig an der A81 gelegen). Denn die insgesamt 60 voll-, halb- und dreiviertelplastischen Figuren samt Ornamentik waren bei Virgil Moll in Auftrag gegeben worden. „Die Darstellungen sind den zentralen christlichen Themen Kreuzigung, Dreifaltigkeit, Geburt Christi mit Anbetung durch die Hirten und Marienkrönung gewidmet“, so Sabine Grimmig. Mehr zu dem 2015 restaurierten Altar hier. Die Vermutung liegt nahe, dass Jörg Zürn als begabter Geselle von Virgil Moll an der Ausführung dieses Auftrag beteiligt gewesen ist. Das Gegenteil anzunehmen, wäre verwunderlich und in hohem Maß erklärungsbedürftig.

Sechs Jahre nachdem Moll gestorben und seine Werkstatt einschließlich Ehefrau (oder umgekehrt) an Jörg Zürn übergegangen war, erhielt dieser (1613) selbst den Auftrag, einen Hochaltar in vergleichbarer Größe zu schnitzen. Man kann zwar nicht sagen, dass der Altar für St. Nikolaus in Überlingen eine Kopie des Moll-Altars in Haigerloch sei, aber Parallelen im Figurenprogramm, in den Proportionen und im architektonischen Aufbau sind unverkennbar vorhanden:

 

Virgilius Molls Hochaltar der Schloss- und Pfarrkirche St. Trinitatis in Haigerloch, um 1600
Jörg Zürns (et al.) Marienaltar in St. Nikolaus, Überlingen, 1613-1616, Foto: Ramessos

Eine Weihnachtskrippe in Form eines Hochaltars

In der Überlinger St.-Nikolaus-Kirche ist, wenn man so will, das ganze Jahr über Weihnachten. Denn die zentrale Szene des in ihr befindlichen Hochaltars vom Beginn des 17. Jahrhunderts zeigt die Heilige Familie im Stall von Bethlehem in Gesellschaft eines Ochsen und mehrerer Engel und Hirten mit und ohne Dudelsack bzw. Hirtenhund. Wer auf der Abbildung unten den Josef vermisst: er hält sich (hinter Maria stehend), wie es die ihm zugedachte Rolle verlangt, dezent im Hintergrund.

Als der Altar-Auftrag am 5.9.1613 an den Bildhauermeister Jörg Zürn vergeben wurde, setzte man für die Fertigstellung eine Frist von nur zweieinhalb Jahren fest. Und tatsächlich wurde das Altar-Gebäude mit seinen 23 lebensgroßen oder beinahe lebensgroßen und den mehr als 50 kleinen Figuren nebst Engelsköpfen und üppiger Ornamentik im Sommer 1616 errichtet und am Nikolaustag geweiht.

In seinem zweibändigen Werk über Die Bildhauerfamilie Zürn macht Claus Zoege von Manteuffel den Überlinger Krippen-Altar zum Ausgangspunkt seiner detaillierten Untersuchung: „Die Beschäftigung mit der Bildhauerfamilie Zürn muß vom Überlinger Hochaltar ausgehen. Er ist ihr erstes Hauptwerk. Seine Entstehung ist urkundlich belegt, und er ist die äußerlich umfangreichste und künstlerisch bedeutendste Arbeit der Zürn.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 17)

Wenn ich meine quasi einleitende Bemerkung über Vater Zürn und seine insgesamt sechs Söhne vom 28. November mitzählen darf, dann ist dieses hier das zweite Türchen in meinem selbst gebastelten Online-Advents-Kalender 2018, der von heute an Tag für Tag naturgemäß ausschnitthafte Einblicke gewähren wird ins Leben und Streben der Gebrüder Zürn und ihres Erzeugers.

 

Hochaltar in St. Nikolaus in Überlingen, Foto: Ramessos