Holländisch 5

„Das Prinzip Pléiade: Nicht allein glänzen. In einem Sternbild mitleuchten.“ (S. 58, 31.5.2011)

Der US-amerikanische Standard: „nothing goes without saying, Explizitheitspflicht, Atmosphärelosigkeit, Ambivalenzverbot“. (S. 58, 31.5.2011)

„Es gehört zu den charakteristischen Denkfehlern der Modernen zu glauben, Utopien seien politisch, nur weil sie von anderen, vorgeblich besseren Welten reden. Politik hat nichts mit anderen Welten zu tun, nur mit anderen Entscheidungen.“ (S. 60, 31.5.2011)

„Noah Webster (1758-1843), der Herr der Wörterbücher […], verfaßte unter wechselnden Pseudonymen rühmende Rezensionen seiner eigenen Werke und machte die Publikationen der Konkurrenten beißend nieder.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Sein [Websters, L. R.] American Dictionary of the English Language, 1828, markierte die sprachliche Unabhängigkeitserklärung der vormaligen Neuengland-Kolonie.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Das britische Englisch klingt inzwischen so, als wollte ein ganzes Volk die Royals parodieren.“ (S. 61, 1.6.2011)

„Alle Politik ist Psychopolitik geworden. Jedes Reden vor der Öffentlichkeit wandelt sich in Postulieren, Anklagen und Zurückverlangen.“ (S. 64, 6.6.2011)

„Die Fiktion, wonach die Einzelnen dem Fiskus als Schuldner a priori gegenüberstehen, ist so alt wie die imperiale Anmaßung.“ (S. 66, 8.6.2011)

„Du bist alt genug, um zu begreifen, die Welt gliedert sich in zwei Gruppen, die Homoneurotiker und die Heteroneurotiker. Mit den letzteren hast du nur peripher zu tun. Sie kommen dir nicht näher als die polnischen Installateure, die dein WC für die Hälfte des Üblichen reparieren. Die ersten bilden deine Familie, die naturwüchsige und die erworbene. Im Umgang mit ihnen gewinnst du das, was das fatale Wort ‚Menschenkenntnis‘ zum Ausdruck bringt.“ (S.67 f., 10.6.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 4

Kultur ist ein Balanceakt über dem Abgrund der Barbarei: Der Absturz zur einen Seite droht dann, wenn das Unausgesprochene überwiegt, der zur anderen Seite dagegen, wenn ein Zuviel an Explizitheit gefordert wird. Wie ich darauf komme? Man lese die folgenden Zitate aus Sloterdijk 2018:

Über Philippe Nassifs Buch La lutte initiale: Quitter l’empire du nihilisme (2011): „Das Unternehmen erinnert von fern an die Verlegenheit junger deutscher Intellektueller in den frühen achtziger Jahren, als sie dem Dunstkreis der Kritischen Theorie entwuchsen. Sie merkten allmählich, daß sie außer der Ablehnung des Bestehenden nichts gelernt hatten. Sie wollten ins Positive umschulen. Doch wie?“ (S. 48, 27.5.2011)

Über die Pariser Intellektuellen: „Von résistance darf weiter geträumt werden. Noch immer bildet die Idee des Widerstands, wogegen auch immer, den nationalen Fetisch par excellence. Am Ende wird man den Krieg gewonnen haben, weil man kapituliert hat, ohne einverstanden gewesen zu sein.“ (S. 49, 27.5.2011) „Der parisianische Kampf-Kitsch“. (S. 49)

„Erwachsenwerden ist letztlich der einzige Einsatz, der zählt. Die unerträgliche Leichtigkeit der Existenz nach der Dekonstruktion der bodengebundenen Systeme fordert den Sinn für die Schwere heraus.“ (S. 51, 27.5.2011)

„Die einfachste Auskunft […] würde lauten, ergreife einen Beruf! Du wirst aufhören, mit allem zu spielen. Selbst wenn du spürst, die Gnade hat dich fallengelassen, leiste den Diensteid!“ (S. 52, 29.5.2011)

Über den 2011 hundert Jahre alten Schriftsteller Maurice Nadeau (er starb 2013): „Auch Einzelne stellen gelegentlich ihr Dasein unter Müdigkeitsverbot.“ (S. 54, 29.5.2011)

„Man kann sich in der Neuen Welt den Luxus alter Kulturen nicht mehr leisten: das Ruhen in geteilten stillen Voraussetzungen. Der amerikanische Kultur-Modus beruht deswegen auf zunehmender Armut an Latenz, Ungesagtheit und Implizitheit, umgekehrt produziert er immer größere Überschüsse an Explizitheit, Ausgesprochenheit, Manifestation – mitsamt den Reibungen, die sich aus der Überproduktion von manifesten Aussagen ergeben.“ (S. 55, 30.5.2011)

Der „täglich erlebte[…] freie Fall in die Verschlechterung“ (S. 56, 30.5.2011)

„Seit auch in den Einzelkulturen Europas die Ressourcen an Latenz, Implizitheit, Unausgesprochenheit in Auflösung begriffen sind, ist die These von der ‚Amerikanisierung‘ der Alten und der übrigen Welt berechtigt. […] Wir erleben, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht und was wir dazu beitragen, einen zivilisatorischen Klimawandel, den man ablehnen, aber nicht aufhalten kann. Die Gletscher des kulturellen Unbewußten ziehen sich in die hohen Lagen zurück. […] Die Armut an gemeinsamen Prämissen macht unmöglich, was man bisher Bildung nannte. Komplimente unterliegen künftig der Zensur, die Freude an herzhaften Beleidigungen ist verdorben. Die guten Menschen legen ihre Duldsamkeit ab. Sie verwandeln sich in Nagelbretter und lassen nichts mehr auf sich sitzen. Eine kranke Wörtlichkeit löst die vormals kulturbegründende Ökonomie von Diskretem und Indirektem auf, indem sie soviel wie möglich auf die Seite des Expliziten zieht. Die Konsequenz hiervon ist eine Epidemie von aggressiven Überempfindlichkeiten. Auf der Gegenseite erlebt man das Anschwellen trotziger Kommunitarismen.“ (S. 56 f., 30.5.2011)

„Es gehört zu den großen Intuitionen Gumbrechts, daß er ‚Latenz‘ zu einem Schlüsselbegriff der humanities gemacht hat. Man muß von ihr reden, seit ihr Gegenteil, das Explizite, überall nach der Macht greift.“ (S. 57, 30.5.2011)

„War aber nicht jede vor-amerikanische Kultur, sofern sie ein lokales Ökosystem von Manifestem und Latentem bildete, ein von stillen Annahmen und inkarnierten Ausnahmen komponiertes Kunstwerk? Und werden nicht alle avancierten ‚Gesellschaften‘ endogen ‚amerikanisch‘?“ (S. 58, 30.5.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 3

Die „zweite Ethik“ im Sinne von Georg Lukács (und Brechts Die Maßnahme) postuliert: „Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein.“ (S. 22)

„Eigentlich sind die Niederlande schon eine westchinesische Provinz. Während die Einheimischen sich ihren europatypischen Bequemlichkeiten hingeben, sorgen hochmotivierte Leute aus dem Osten, lächelnd und mit schnellen Schritten, für die unauffällige Übernahme der Geschäfte.“ (S. 28)

„Es sind nicht allein die sexuellen Merkmale, seien sie nun primär oder sekundär, die uns zu Handlungen geneigt machen, um den Weg von der Sympathie zur Fortpflanzung zu ebnen. Mir scheint, es gibt tertiäre Größen, in denen sich der tiefere Grund des Hingerissenseins verbirgt. Daß diese Wesen [gemeint sind holländische junge Frauen, L. R.] leuchten können, beweist mir, es sind noch andere Motive im Spiel.“ (S. 32)

„Einen immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse gibt es nicht […]. […] Der erwachsene Geist kennt den Einsatz für eine unvollkommene Sache.“ (S. 41)

„Wolf Wondratschek gestern zum Aperitiv getroffen. Wie unter Freunden üblich, die sich länger nicht gesehen haben, tastet sich das Gespräch über ein Durcheinander von Themen“. (S. 42)

„Sicher, du hast sieben Jahre im Venusberg des Wissens verbracht, um Sphären zu verfassen, die vielleicht den letzten Versuch darstellen, das absolute Buch zu liefern, oder fast. Daß niemand es so verstanden hat, ist wahrscheinlich ein weiterer Beweis seiner Unmöglichkeit.“ (S. 43)

„Mit Dylan wurde das Singen, ohne es zu können, zur Klanggestalt einer Ära. Das intensive Nicht-Können erwies sich mehr und mehr als ein Können eigener Art.“ (S. 44)

„Es ist leicht, ein wenig genial zu sein, wenn man zwanzig ist oder dreiundzwanzig. Es käme darauf an, es mit siebzig zu sein, in einem Alter, in dem Dylan einige Mühe hat, nicht als Kopist seiner selbst zu erscheinen.“ (S. 44)

Sacha Goldman hat im großen und ganzen recht, „wenn er gegen die UNO poltert, sie sei eine Mühle, die das Nichts mit Milliardenaufwand zu noch mehr Nichts zermahlt.“ (S. 45 f.)

„Lieben und dichten sind Ausdrücke für ein und dieselbe Bewegung. Shall I compare thee to a summer’s day? Nur zu, vergleiche mich, womit du willst, solange du der Antigravitation folgst.“ (S. 47)

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Holländische Fundsachen 2

„Wer Notizen macht, wird irgendwann entdecken, daß alles, was er vorbringt, vom Moment der Niederschrift an gegen ihn verwendet werden kann.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

„Es ist nicht zu verkennen, der Autor [i. e. Sloterdijk selbst, L. R.] ergreift im Streit zwischen Bewahrung und Verflüchtigung für die Bewahrung Partei.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

„Zur Ironie des Älterwerdens gehört, daß man sich fragt, wieviel Vergangenheit einem noch bleibt.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

Der Autor stellt fest, dass seine „Notizen in natürlicher Unordnung chronologisch aufeinanderfolgen“. (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Unterm Weihnachtsbaum hervorgezogen und aufgeschlagen: Peter Sloterdijks „Neue Zeilen und Tage“

Unterm Weihnachtsbaum, um metaphorisch zu sprechen, lag für mich in diesem Jahr auch Peter Sloterdijks unlängst erschienenes Buch Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013. Weil ich es seit Mitte der 1990er Jahre nicht lassen kann, die Bücher des Karlsruher Philosophen, der sich selbst als Schriftsteller bezeichnet, zu lesen, werde ich mir auch dieses zu Gemüte führen (also meinem Geist einverleiben, falls das möglich ist) und an dieser Stelle daraus zitieren, und zwar nicht selten nicht kommentarlos.

„Motivation ist eine knappe Ressource, daher bringt es Gewinn, wenn man, wo Motive fehlen, auf Gewohnheiten zurückgreifen kann. Das Schreiben von Notizen, hat man es jahrelang praktiziert, wird zu einem Habitus, der sein Warum absorbiert. Man tut es, weil man es getan hat. Es ist eines von tausend Gesichtern des übenden Lebens.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

Die scheinbar unscheinbare Wendung „daher bringt es Gewinn“ verweist auf eine politische Ökonomie des Lebens, in der strukturelle Stabilität relativ hoch im Kurs steht. (Auch der habituelle Gebrauch solcher Wendungen hat bei Sloterdijk „sein Warum absorbiert“, er verwendet die Floskeln, weil er sie verwendet hat, und zwar gewinnbringend im Sinne des Autors.)

P. S.: Wer meine Zitate-Sammlung als solche (also en bloc) lesen möchte, kann dies tun, indem er bei den Schlagwörtern „Sloterdijk 2018“ anklickt.