Schnitzen und Schreiben am Bodensee – der Plan eines Plans

Rund um den Bodensee (wobei zu beachten wäre, dass es den einen Bodensee gar nicht gibt) wurde jahrhundertelang virtuos geschnitzt und wird bis heute auf hohem Niveau gedichtet und gedacht. Warum nicht beides in einem Projekt (es könnte zum Beispiel ein Buch daraus werden) synoptisch zusammenführen: Schnitzen und Schreiben am Bodensee.

Warum gerade diese Kombination? Gewissermaßen offiziell begründen lässt sich beinahe alles. Die inoffizielle Begründung lautet: weil hier drei Aspekte, die mich interessieren, zusammenkommen würden – der See, seine Schnitzer und seine Dichter und Denker.

Am (ja sogar stellenweise im) Bodensee spielt Martin Walsers Ein fliehendes Pferd. Darin der Satz: „Ich habe mich von der Selbstgenügsamkeit der Negativität hinreißen lassen.“ Peter Sloterdijk hat ihn sich am 1.8.2011 in Wien notiert (Neue Zeilen und Tage). So liegt oder lag also auch Wien in gewisser Weise einmal am Bodensee. Losgerissen von der Genügsamkeit der Negativität hat Sloterdijk sich selbst bekanntlich mit seiner zweibändigen Kritik der zynischen Vernunft. Sie erschien 1983, fünf Jahre nach Walsers Fliehendem Pferd.

Und noch ein Satz, den ich heute in Neue Zeilen und Tage fand und zwar nicht notiert, aber unterstrichen habe, könnte bei meinem Plan, das oben erwähnte Projekt zu planen, hilfreich sein: „Was bedeutet motivieren? Menschen dazu bewegen, ihre Leistungszurückhaltung aufzugeben.“ (Sloterdijk 2018, am 30.7.2011)

Holländisch 7

„Doch was war das biblische Motto ‚Macht euch die Erde untertan!‘ anderes gewesen als die adäquate Antwort von selbsthelferisch gesinnten Menschen auf den episodischen chronischen Terror einer unbezwingbar scheinenden Natur? Diese Natur muß überlistet werden – darum gibt es die mechané (den Kunstgriff, die List) und die Maschine (das Gefüge aus Kunstgriffen).“ (S. 86, 29.6.2011)

Adorno bezeichnete „den Rückschlag des technischen Geistes gegen die Natur-Schrecken (heute verborgen im Wort ‚Klima‘) als ‚verwilderte Selbstbehauptung'“. (Ebd.)

„Der Einzelne erbringt keinen größeren Beitrag zur Zivilisation, als wenn er darauf verzichtet, wahnsinnig zu werden. Wie gelingt ihm das? Indem er bei der Flucht aus dem Schmerz in den Wahnsinn, von dem bereits Schopenhauer sprach, auf halbem Weg stehenbleibt.“ (S. 90, 1.7.2011)

„Ein paar Zeilen am 4. Bild von Babylon. 90 km mit dem Fahrrad am Rhein, via Rastatt, Steinmauern, Durmersheim, die Rückfahrt im milden Sprühregen.“ (S. 92, 7.7.2011)

„Das alte Europa: der Kontinent, wo man meinte, mit Hilfe von leidenschaftlichen Denkfehlern Gott näherzukommen.“ (S. 94, 9.7.2011)

„Der gute Rühmkorf trifft meine Stimmung, wenn er sagt, ja, früher, da haben wir brustschwimmend die Ströme geteilt, jetzt reichen drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.“ (S. 96, 13.7.2011)

„Finde bei Karl Vossler (Romanisch Dichter, 1938) aus Vergils Abschied von Dante (Purgatorio, 27. Gesang) die Zeilen: ‚Du sei dein eigener Kaiser und dein Papst.‘ Wer eine Geschichte des erhöhten Selbstbewußtseins bei Europäern im Sinn hat, sollte an dieser Stelle beginnen.“ (S. 97, 16.7.2011)

Es sind „seit lange viel eher die Philologen als die Philosophen (‚vom Fach‘, ein alberner Zusatz) […], denen die originellen Wendungen zu verdanken sind.“ (S. 98, 16.7.2011)

„Das Elend der alternden Intellektuellen: Sie können nicht anders, als an den angefangenen Strümpfen weiterzustricken. Irgendwann ist so ein unfertiger Strumpf das ganze Leben. Nur durch ein Wunder käme in ihn ein unvorhergesehenes Muster.
Ob uns das nicht allen bevorsteht? der in die Jahre gekommene Intellektuelle feiert früher oder später die eiserne Hochzeit mit seinem ersten Irrtum.“ (S. 102, 17.7.2011)

Alle Zitate aus Sloterdijk 2018. Die Zitate-Sammlung kann über das Schlagwort „Sloterdijk 2018“ en bloc aufgerufen werden. (Die unter dem Titel Holländische Fundsachen oder Holländisch versammelten Sloterdijk-Zitate beginnen mit dieser einleitenden Bemerkung.)

Holländisch 6

„Zu alt für törichte Feindschaften, zu jung für Gleichgültigkeit.“ (S. 71, 11.6.2011)

Die Theologie „wird modern in dem Maß, wie sie sich von der Idee abkehrt, der Himmel könne Strenge zeigen. Sie sendet den zornigen Gott in den Ruhestand und behält einen Restgott zurück, der Aufsicht führt über die Telefonseelsorge.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Im Vorwort zum Joseph-Roman macht Thomas Mann eine Bemerkung, die mir jetzt mehr einleuchtet als bei früherer Lektüre […]: Für die mythische Rede sei das ‚Gesetz der Zusammenziehung‘ gültig. Das besagt, aus dem ähnlichen wird im Mythos das gleiche, ja dasselbe. Während die historische Rede in jedem Detail das immer wieder andere hervorhebt, als wolle sie die Möglichkeit der identischen Wiederholung bestreiten, betont der Mythos das Immergleiche. Er hat die Mission, die Differenzen so lange zu schwächen, bis es unter der Sonne tatsächlich nichts Neues gibt. Der effektive Mythos macht die Einzelheiten vernachlässigbar, gute Geschichtsschreibung dagegen läßt den Widerstreit zwischen dem Einmaligen und dem Typischen hervortreten.“ (S. 72, 13.6.2011)

„Wenn Italien als ganzes träumt, kann nur Berlusconi entstehen. Was kommt zustande, wenn Rußland träumt, wenn Amerika träumt, wenn Deutschland träumt?“ (S. 76, 17.6.2011)

„Die Idee der Konsolidierung ist nicht nur konservativ, sie ist apokalyptisch geworden. Käme sie an die Macht, sie würde den babylonischen Turm der kreditbasierten Künstlichkeiten binnen kürzester Zeit zum Einsturz bringen.“ (S. 79, 18.6.2011)

„Wir verlieren mit unvorhergesehener Geschwindigkeit das Patrimonium an geprägten Gewohnheiten, die bisher eine Kultur ausgemacht haben.“ (S. 80, 19.6.2011) Eine Anmerkung von mir (L. R.) dazu: Wen wundert es da noch, dass eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung 2017 (also weitere sechs Jahre nach Sloterdijks Notiz) eine spezifisch deutsche Kultur „jenseits der Sprache“ (als dem letzten Residuum geprägter Gewohnheiten) nicht (mehr) identifizieren konnte.

Gran Torino, 2008, sehenswerter Film mit dem alten Clint Eastwood [geb. 1930, L. R.], der auch Regie führt. So ein Mann kann einem den Glauben an den Sinn des Älterwerdens einflößen.“ (S. 83, 26.6.2011)

„Religiöse Überlieferung. Sie lebt davon, daß die Kühlkette der Illusionen nie unterbrochen wird. Ist das Produkt einmal aufgetaut, zersetzt sich sein Inhalt. Ne jamais recongéler un produit décongelé.“ (S. 84, 28.6.2011)

„Das ‚Prinzip der Zusammenziehung‘ [s. o., L. R.] macht es möglich, den neptunischen Flutschrecken mit dem meteorischen Sternenschrecken in eins zu setzen.“ (S. 84, 29.6.2011)

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Holländisch 5

„Das Prinzip Pléiade: Nicht allein glänzen. In einem Sternbild mitleuchten.“ (S. 58, 31.5.2011)

Der US-amerikanische Standard: „nothing goes without saying, Explizitheitspflicht, Atmosphärelosigkeit, Ambivalenzverbot“. (S. 58, 31.5.2011)

„Es gehört zu den charakteristischen Denkfehlern der Modernen zu glauben, Utopien seien politisch, nur weil sie von anderen, vorgeblich besseren Welten reden. Politik hat nichts mit anderen Welten zu tun, nur mit anderen Entscheidungen.“ (S. 60, 31.5.2011)

„Noah Webster (1758-1843), der Herr der Wörterbücher […], verfaßte unter wechselnden Pseudonymen rühmende Rezensionen seiner eigenen Werke und machte die Publikationen der Konkurrenten beißend nieder.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Sein [Websters, L. R.] American Dictionary of the English Language, 1828, markierte die sprachliche Unabhängigkeitserklärung der vormaligen Neuengland-Kolonie.“ (S. 60, 1.6.2011)

„Das britische Englisch klingt inzwischen so, als wollte ein ganzes Volk die Royals parodieren.“ (S. 61, 1.6.2011)

„Alle Politik ist Psychopolitik geworden. Jedes Reden vor der Öffentlichkeit wandelt sich in Postulieren, Anklagen und Zurückverlangen.“ (S. 64, 6.6.2011)

„Die Fiktion, wonach die Einzelnen dem Fiskus als Schuldner a priori gegenüberstehen, ist so alt wie die imperiale Anmaßung.“ (S. 66, 8.6.2011)

„Du bist alt genug, um zu begreifen, die Welt gliedert sich in zwei Gruppen, die Homoneurotiker und die Heteroneurotiker. Mit den letzteren hast du nur peripher zu tun. Sie kommen dir nicht näher als die polnischen Installateure, die dein WC für die Hälfte des Üblichen reparieren. Die ersten bilden deine Familie, die naturwüchsige und die erworbene. Im Umgang mit ihnen gewinnst du das, was das fatale Wort ‚Menschenkenntnis‘ zum Ausdruck bringt.“ (S.67 f., 10.6.2011)

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Holländisch 4

Kultur ist ein Balanceakt über dem Abgrund der Barbarei: Der Absturz zur einen Seite droht dann, wenn das Unausgesprochene überwiegt, der zur anderen Seite dagegen, wenn ein Zuviel an Explizitheit gefordert wird. Wie ich darauf komme? Man lese die folgenden Zitate aus Sloterdijk 2018:

Über Philippe Nassifs Buch La lutte initiale: Quitter l’empire du nihilisme (2011): „Das Unternehmen erinnert von fern an die Verlegenheit junger deutscher Intellektueller in den frühen achtziger Jahren, als sie dem Dunstkreis der Kritischen Theorie entwuchsen. Sie merkten allmählich, daß sie außer der Ablehnung des Bestehenden nichts gelernt hatten. Sie wollten ins Positive umschulen. Doch wie?“ (S. 48, 27.5.2011)

Über die Pariser Intellektuellen: „Von résistance darf weiter geträumt werden. Noch immer bildet die Idee des Widerstands, wogegen auch immer, den nationalen Fetisch par excellence. Am Ende wird man den Krieg gewonnen haben, weil man kapituliert hat, ohne einverstanden gewesen zu sein.“ (S. 49, 27.5.2011) „Der parisianische Kampf-Kitsch“. (S. 49)

„Erwachsenwerden ist letztlich der einzige Einsatz, der zählt. Die unerträgliche Leichtigkeit der Existenz nach der Dekonstruktion der bodengebundenen Systeme fordert den Sinn für die Schwere heraus.“ (S. 51, 27.5.2011)

„Die einfachste Auskunft […] würde lauten, ergreife einen Beruf! Du wirst aufhören, mit allem zu spielen. Selbst wenn du spürst, die Gnade hat dich fallengelassen, leiste den Diensteid!“ (S. 52, 29.5.2011)

Über den 2011 hundert Jahre alten Schriftsteller Maurice Nadeau (er starb 2013): „Auch Einzelne stellen gelegentlich ihr Dasein unter Müdigkeitsverbot.“ (S. 54, 29.5.2011)

„Man kann sich in der Neuen Welt den Luxus alter Kulturen nicht mehr leisten: das Ruhen in geteilten stillen Voraussetzungen. Der amerikanische Kultur-Modus beruht deswegen auf zunehmender Armut an Latenz, Ungesagtheit und Implizitheit, umgekehrt produziert er immer größere Überschüsse an Explizitheit, Ausgesprochenheit, Manifestation – mitsamt den Reibungen, die sich aus der Überproduktion von manifesten Aussagen ergeben.“ (S. 55, 30.5.2011)

Der „täglich erlebte[…] freie Fall in die Verschlechterung“ (S. 56, 30.5.2011)

„Seit auch in den Einzelkulturen Europas die Ressourcen an Latenz, Implizitheit, Unausgesprochenheit in Auflösung begriffen sind, ist die These von der ‚Amerikanisierung‘ der Alten und der übrigen Welt berechtigt. […] Wir erleben, meist ohne zu wissen, wie uns geschieht und was wir dazu beitragen, einen zivilisatorischen Klimawandel, den man ablehnen, aber nicht aufhalten kann. Die Gletscher des kulturellen Unbewußten ziehen sich in die hohen Lagen zurück. […] Die Armut an gemeinsamen Prämissen macht unmöglich, was man bisher Bildung nannte. Komplimente unterliegen künftig der Zensur, die Freude an herzhaften Beleidigungen ist verdorben. Die guten Menschen legen ihre Duldsamkeit ab. Sie verwandeln sich in Nagelbretter und lassen nichts mehr auf sich sitzen. Eine kranke Wörtlichkeit löst die vormals kulturbegründende Ökonomie von Diskretem und Indirektem auf, indem sie soviel wie möglich auf die Seite des Expliziten zieht. Die Konsequenz hiervon ist eine Epidemie von aggressiven Überempfindlichkeiten. Auf der Gegenseite erlebt man das Anschwellen trotziger Kommunitarismen.“ (S. 56 f., 30.5.2011)

„Es gehört zu den großen Intuitionen Gumbrechts, daß er ‚Latenz‘ zu einem Schlüsselbegriff der humanities gemacht hat. Man muß von ihr reden, seit ihr Gegenteil, das Explizite, überall nach der Macht greift.“ (S. 57, 30.5.2011)

„War aber nicht jede vor-amerikanische Kultur, sofern sie ein lokales Ökosystem von Manifestem und Latentem bildete, ein von stillen Annahmen und inkarnierten Ausnahmen komponiertes Kunstwerk? Und werden nicht alle avancierten ‚Gesellschaften‘ endogen ‚amerikanisch‘?“ (S. 58, 30.5.2011)

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Holländisch 3

Die „zweite Ethik“ im Sinne von Georg Lukács (und Brechts Die Maßnahme) postuliert: „Dem Guten, das den Lauf der Geschichte ändern möchte, muß schlechthin alles erlaubt sein.“ (S. 22)

„Eigentlich sind die Niederlande schon eine westchinesische Provinz. Während die Einheimischen sich ihren europatypischen Bequemlichkeiten hingeben, sorgen hochmotivierte Leute aus dem Osten, lächelnd und mit schnellen Schritten, für die unauffällige Übernahme der Geschäfte.“ (S. 28)

„Es sind nicht allein die sexuellen Merkmale, seien sie nun primär oder sekundär, die uns zu Handlungen geneigt machen, um den Weg von der Sympathie zur Fortpflanzung zu ebnen. Mir scheint, es gibt tertiäre Größen, in denen sich der tiefere Grund des Hingerissenseins verbirgt. Daß diese Wesen [gemeint sind holländische junge Frauen, L. R.] leuchten können, beweist mir, es sind noch andere Motive im Spiel.“ (S. 32)

„Einen immerwährenden Kampf zwischen Gut und Böse gibt es nicht […]. […] Der erwachsene Geist kennt den Einsatz für eine unvollkommene Sache.“ (S. 41)

„Wolf Wondratschek gestern zum Aperitiv getroffen. Wie unter Freunden üblich, die sich länger nicht gesehen haben, tastet sich das Gespräch über ein Durcheinander von Themen“. (S. 42)

„Sicher, du hast sieben Jahre im Venusberg des Wissens verbracht, um Sphären zu verfassen, die vielleicht den letzten Versuch darstellen, das absolute Buch zu liefern, oder fast. Daß niemand es so verstanden hat, ist wahrscheinlich ein weiterer Beweis seiner Unmöglichkeit.“ (S. 43)

„Mit Dylan wurde das Singen, ohne es zu können, zur Klanggestalt einer Ära. Das intensive Nicht-Können erwies sich mehr und mehr als ein Können eigener Art.“ (S. 44)

„Es ist leicht, ein wenig genial zu sein, wenn man zwanzig ist oder dreiundzwanzig. Es käme darauf an, es mit siebzig zu sein, in einem Alter, in dem Dylan einige Mühe hat, nicht als Kopist seiner selbst zu erscheinen.“ (S. 44)

Sacha Goldman hat im großen und ganzen recht, „wenn er gegen die UNO poltert, sie sei eine Mühle, die das Nichts mit Milliardenaufwand zu noch mehr Nichts zermahlt.“ (S. 45 f.)

„Lieben und dichten sind Ausdrücke für ein und dieselbe Bewegung. Shall I compare thee to a summer’s day? Nur zu, vergleiche mich, womit du willst, solange du der Antigravitation folgst.“ (S. 47)

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Holländische Fundsachen 2

„Wer Notizen macht, wird irgendwann entdecken, daß alles, was er vorbringt, vom Moment der Niederschrift an gegen ihn verwendet werden kann.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

„Es ist nicht zu verkennen, der Autor [i. e. Sloterdijk selbst, L. R.] ergreift im Streit zwischen Bewahrung und Verflüchtigung für die Bewahrung Partei.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

„Zur Ironie des Älterwerdens gehört, daß man sich fragt, wieviel Vergangenheit einem noch bleibt.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

Der Autor stellt fest, dass seine „Notizen in natürlicher Unordnung chronologisch aufeinanderfolgen“. (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 10)

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Unterm Weihnachtsbaum hervorgezogen und aufgeschlagen: Peter Sloterdijks „Neue Zeilen und Tage“

Unterm Weihnachtsbaum, um metaphorisch zu sprechen, lag für mich in diesem Jahr auch Peter Sloterdijks unlängst erschienenes Buch Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013. Weil ich es seit Mitte der 1990er Jahre nicht lassen kann, die Bücher des Karlsruher Philosophen, der sich selbst als Schriftsteller bezeichnet, zu lesen, werde ich mir auch dieses zu Gemüte führen (also meinem Geist einverleiben, falls das möglich ist) und an dieser Stelle daraus zitieren, und zwar nicht selten nicht kommentarlos.

„Motivation ist eine knappe Ressource, daher bringt es Gewinn, wenn man, wo Motive fehlen, auf Gewohnheiten zurückgreifen kann. Das Schreiben von Notizen, hat man es jahrelang praktiziert, wird zu einem Habitus, der sein Warum absorbiert. Man tut es, weil man es getan hat. Es ist eines von tausend Gesichtern des übenden Lebens.“ (Sloterdijk 2018, Vorbemerkung, S. 9)

Die scheinbar unscheinbare Wendung „daher bringt es Gewinn“ verweist auf eine politische Ökonomie des Lebens, in der strukturelle Stabilität relativ hoch im Kurs steht. (Auch der habituelle Gebrauch solcher Wendungen hat bei Sloterdijk „sein Warum absorbiert“, er verwendet die Floskeln, weil er sie verwendet hat, und zwar gewinnbringend im Sinne des Autors.)

P. S.: Wer meine Zitate-Sammlung als solche (also en bloc) lesen möchte, kann dies tun, indem er bei den Schlagwörtern „Sloterdijk 2018“ anklickt.