Überall Wind und heiße Luft

Draußen der 34 Grad warme Westwind, drinnen (im schattigen Zimmer und in Sloterdijks Neue Zeilen und Tage) der Satz, der Mensch sei „ein Hohlgefäß, durch das der Wind pfeift.“

Und noch einmal Sloterdijk. Was inzwischen jeder bei Wikipedia sehen kann, ohne nach Rom reisen und die Kirche Santa Maria della Vittoria aufsuchen zu müssen, hat Peter Sloterdijk am 7. Dezember 2012 anlässliche eines „Achtungsbesuchs“ bei Gian Lorenzo Berninis Heiligen Theresa „autoptisch“ festgestellt: Die Behauptung Lacans, „der Pfeil des komplizenhaft lächelnden Engels müsse statt des Herzens die Genitalien der Heiligen treffen“, ist falsch, denn: „Der Lokaltermin ergibt, daß der Pfeil, verlängert man seine Bahn, weder cordial noch genital auftreffen wird, da er knapp rechts am Körper der Verklärten vorbeifliegt.“

Wenn es sich nicht aus Respekt vor den bedeutenden Männern verbieten würde, müsste man allerdings konstatieren, dass Lacan und Sloterdijk übereilte Schlüsse gezogen haben. Denn wir sehen keinen fliegenden, sondern einen von einem Engel mit den Fingerspitzen gehaltenen Pfeil. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass bei oder nach einem eventuell nachfolgend vollendeten Wurf der Pfeil dort auftreffen würde, wo er in Berninis „Momentaufnahme“ hinzielt.

„Schließlich vereinigen sich Erotik, Algolagnie und Sehnsucht nach dem Übernatürlichen zu jener bizarren Mischung, deren überwältigendster Ausdruck Berninis Heilige Therese ist, ein Werk, das zugleich ewig denkwürdig bleiben wird durch die sublime Kunst der raffiniertesten Illusionswirkungen, wie sie sonst nur die Bühne erreicht. Es ist ganz ohne Zweifel eine tief religiöse Konzeption; und doch spürt man überall, in der Gesamtkomposition wie im Arrangement jeder Einzelheit, geheime Schminke und Rampe.“ (Egon Friedell, 1931)