Jörg Zürns Überlinger Verkündigung an Maria (Adventskalender III)

Im Überlinger Münster spielt sich in Augenhöhe des Priester die Verkündigungsszene als Teil des zehn Meter hohen Marienaltars, geschnitzt aus Lindenholz, ab. Auch Tannenholz wurde verarbeitet. Von wem geschnitzt? Darüber lässt sich streiten. Denn Beweise für die Richtigkeit der einen oder anderen Behauptung sind nicht vorhanden. Doch gibt es offenbar Indizien, die darauf hindeuten, dass neben dem Auftragnehmer Jörg Zürn auch sein mutmaßlicher Vater Hans Zürn (d. Ä., in einer Urkunde bezeichnet als „Meister der freien Kunst des Bildhauens in Stein und Holz“) und drei seiner fünf Brüder, nämlich Martin, Michael und David, beteiligt gewesen sind. Und natürlich etwelche Schreiner, denn ohne deren Unterstützung geht bis heute in der Holzbildhauerei nur wenig.

Was ich Indizien genannt habe, wurde in den 1960er Jahren, als man an deutschen Universitäten eher dem aufbegehrenden Chaotisieren als dem beharrlichen Ordnen zugetan war, in vorbildlicher Akribie zusammengetragen von Claus Zoege von Manteuffel. Ziel und Zweck von von Manteuffels unzeitgemäßer akademischen Gewissenhaftigkeit (bis hin zur löblichen Pedanterie) war seine Habilitation an der Technischen Universität Berlin, damals natürlich noch „Westberlin“ oder „Berlin-West“ und weit davon entfernt, als neue alte deutsche Hauptstadt und Sitz des Parlaments in Erwägung gezogen zu werden. Nachdem von Manteuffel die Brüder Hans d. J. und Hans Jacob aufgrund ihrer damaligen Lebensumstände für die Mitarbeit am Altar ausgeschlossen hat, kommt er zu dem Ergebnis: „So bleiben übrig Martin, Michael und David Zürn. Alle drei waren ledig, also leicht verfügbar.“ Und: „Es darf vorweggenommen werden, daß die beiden ersteren die begabtesten der Brüder neben Jörg Zürn waren, so daß es naheliegt, daß Jörg und Hans d. Ä. [also der Vater der sechs Brüder, L. R.] wenn jemanden, dann gerade sie als Gesellen bei diesem wichtigen Werk beschäftigten.“ Der Rest ist Stilkritik: „Welche Anteile diese drei und der Vater eventuell am Hochaltar zu Überlingen haben, kann nur die Stilkritik ermitteln.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 25)

 

Die Verkündigung an Maria im Überlinger Marien-Hochaltar der Bildhauerfamilie Zürn, Foto: Ramessos (Ausschnitt)
Claus Zoege von Manteuffels Buch über „Die Bildhauerfamilie Zürn“ enthält Einzelaufnahmen der offenbar aus dem Altar herausgenommenen Figuren. Hier die Jörg Zürn zugeschriebene Verkündigungsgruppe (Manteuffel 1969, Bd. 2, Abb. 2, 3).
Der Hochaltar sollte ursprünglich gefasst werden. „Die Fassung wurde verdingt, aber wieder abbestellt“, wobei das Überlinger Ratsprotokoll am 21.7.1614 die Abbestellung mit „allerhand beweglichen ursachen“ begründet  (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 17, S. 221). Jörg Zürn, dem die „Verkündigung“ zugeschrieben wird, hat aus dieser Not offenbar eine (nach moderner Auffassung verbrecherische) Tugend gemacht. Farbe wäre da nicht nur überflüssig, sondern tatsächlich fehl am Platz gewesen.

 

Und endlich die Bildhauer Zürn

Seit einem halben Jahr, wenn nicht schon länger, finde und finde (und finde) ich Holzbildwerke und -hauer in Oberschwaben oder, sagen wir, in der Region nördlich und östlich des Bodensees. Es fing, glaube ich, an mit dem Pfullendorfer Konrad Hegenauer (zweite Hälfte 18. Jahrhundert) und dessen Vater Felizian. Durch Hegenauer kam ich auf den Tübinger Kunsthistoriker Klaus Schwager, der nicht nur ein Buch über die Werkstätten der Hegenauers (es gab noch mehr Schnitzer in der Familie) veröffentlicht hat, sondern auch eines (schmalrückig, aber gehaltvoll)  über Johann Ruez, Johann Georg Reusch, Franz Anton Kälin und Jakob Ruez (alle 18. Jahrhundert). Hinzu kamen der großartige Anton Sturm in Füssen (auch er ein Zeitgenosse von Konrad Hegenauer) und zuletzt der Konstanzer Bildhauer Christoph Daniel Schenck (ziemlich genau hundert Jahre vor Hegenauer geboren) und mit ihm die ganze Sippe der Schenck-Bildhauer.

Ein ums andere Mal begegnete mir bei meinen virtuellen Streifzügen durch Kirchen, Klöster und Museen der Name Zürn und ich ahnte schon, dass ich über Hans, Martin und Jörg Zürn eher früher als später den einen und anderen Beitrag ins Netz würde stellen wollen.

Das zweibändige Mammut-Werk (insgesamt 830 Seiten) über Die Bildhauerfamilie Zürn liegt für mich in der Badischen Landesbibliothek zur Abholung bereit und mit einer oxymerotischen Mischung aus Vorfreude und Grauen stelle ich mir vor, wie ich in Bälde Claus Zoege von Manteuffels Beitrag zur Kunstgeschichtsschreibung in Händen halten und mehr oder weniger schwer atmend nach Hause tragen werde. Es ist immer gut, wenn ich um Weihnachten herum eine Beschäftigung habe, der ich mich vor und nach den familiären Verpflichtungen widmen kann.

Der „Stammvater der berühmten oberschwäbischen Bildhauerfamilie Zürn“, wie es bei Wikipedia heißt, war Hans Zürn, mit dem Zusatz „der Ältere“, wobei es sich beim jüngeren Hans Zürn um seinen zirka 1585 geborener Sohn handelt. Zum Auftakt der Beitrags-Serie (denn eine solche wird es, mit Unterbrechungen, wohl werden) über die Zürns hier ein Heiliger Jakobus von Hans Zürn (ca. 1560-1631), leicht erkennbar an den beiden Muschel-Broschen:

Hans Zürn: Hl. Jakobus, um 1613, Lindenholz, Foto: Mattes
(Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)