Cioran über die Hand

Smartphone-Zeichnung, 20.9.2018, Format 16:9

„Alle haben wir Hände, doch keinem fällt es ein, sie zu verfeinern und absolute Ausdruckskraft vermittels ihrer zierlichen Nuancen und anmutigen Stellungen zu erlangen. Es gefällt uns, sie in Gemälden zu bewundern, über ihre Bedeutung zu schwätzen, aber wir sind außerstande, unsere eigene Persönlichkeit durch sie zum Ausdruck zu bringen und alle unsere innerlichen Erregungen durch sie zu offenbaren. Eine gespenstische Hand haben, eine Hand wie ein immaterieller Abglanz, eine nervöse, zur letzten Verkrampfung gespannte Hand. Seien die Gegenwart und das Vorzeigen der Hände mehr als ein Diskurs, mehr als Weinen, mehr als Lächeln oder Gebet. Denn die Hände können Augen haben, wo die Augen ins Leere blicken. Die absolute Ausdrucksfülle, als Frucht einer beständigen Verklärung, einer unablässigen innerlichen Erregung mit unauslöschlichen Feuersbrünsten und sich türmenden Wogen, mit unendlichen Bebungen und unwiderstehlichen Zuckungen, wird unsere Anwesenheit in einen die Sonne übersteigenden strahlenden Quell verwandeln. Nicht allein die Hände, sondern auch das Angesicht und alles, was unsere Einzigartigkeit ausmacht, mögen diese Ausdrucksform erreichen, in der sich unser Wesensinnerstes jenseits aller Grenzen vertieft.“

E. M. Cioran: Banalität und Verklärung, in: Auf den Gipfeln der Verzweiflung (1934, deutsch 1989), S. 137 f.

Von einer „unablässigen innerlichen Erregung mit unauslöschlichen Feuersbrünsten und sich türmenden Wogen“ zeugt diese Hand nicht wirklich. Aber vielleicht trügt der Schein?