Wie sich die Holz-Bilder gleichen (Adventskalender XXI)


Obere Bildhälfte: David Zürn zugeschriebene Hl. Katharina, um 1625/30, Foto aus Manteuffel 1969, Bd. 2; untere Bildhälfte: Maria Immaculata, vielleicht von Johann Joseph Christian (1706-1777), um 1750, Foto aus Eckener 1987

Zwischen Zürns Katharina (mit dem exohrbitanten Hör-Gerät) und Christians Immaculata liegen wahrscheinlich mehr als hundert Jahre. Ihre Ähnlichkeit finde ich ebenso augenfällig wie verblüffend. Dass beide Schnitzer dasselbe Modell hatten bzw. in dieselbe Maria Katharina verschossen waren, kann ausgeschlossen werden. Vielleicht hat der Jüngere den Älteren ein bisschen kopiert? Oder Johann Joseph hatte was mit der Ururenkelin von Katharinas lebendem Vorbild? Von Überlingen (Zürn) bis ins weiter nördlich gelegene Riedlingen (Christian) sind es etwa 60 Kilometer.

Noch einmal David Zürn (Adventskalender XVI)

Eine frühe Arbeit von David Zürn könnte nach Claus Zoege von Manteuffel dieser Christuskopf sein, von Manteuffel nennt es eine versuchsweise Zuschreibung allein aufgrund eines ihm vorliegenden Fotos (Manteuffel 1969, Bd. 2, S. 427): „Für unsere Zuschreibung an ihn sind maßgebend die Kopfform und die Proportion der Flächen des Gesichts zueinander und zu den Haarpartien.“

David Zürn zugeschriebener Christuskopf in Privatbesitz (um 1615/20), Foto des Fotos in Manteuffel 1969, Bd. 2

David Zürn (Adventskalender XV)

In seinem zweibändigen Werk über die Bildhauer Zürn schrieb Claus Zoege von Manteuffel in den 1960er Jahren (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 128):

„Wenn es nicht eine signierte Arbeit von David Zürn gäbe – die Christusstatue von Riedetsweiler bei Meersburg – hätten wir uns wohl kaum daran gemacht, die stilistisch um diese zu gruppierenden Werke zu einem Künstleroeuvre zusammenzustellen, sondern hätten sie als Werkstattarbeiten, wie andere auch, lediglich katalogisiert. Das wäre insofern schade gewesen, als dadurch einmal die beachtliche Katharinenfigur im Germanischen National-Museum in Nürnberg [siehe hier, L. R.] nicht die ihr gebührende Würdigung und Einordnung in das Gesamtwerk der Zürn gefunden hätte, und zum anderen das Problem des Überlinger Rosenkranz-Altars nicht hätte wenigstens hypothetisch geklärt werden können. Nichtsdestoweniger kann kein Zweifel daran bestehen, daß David der Geringste unter den hier behandelten Künstlern ist, und das hat zur Folge, daß sich sein Stil nicht mit der gleichen Deutlichkeit wie der der bedeutenden Brüder [Jörg, Martin und Michael, L. R.] über größere Zeitstrecken ausprägt. Das heißt: es ist möglich, daß sich in einigen besseren Werkstattarbeiten noch eigenhändige Werke David Zürns verbergen, die dazuzuordnen eine gewissenhafte Stilkritik nicht erlaubt. Die Tatsache, daß eine Figur von einem Zürn abhängig und nicht ganz schlecht ist, ist noch kein Grund, sie David Zürn zuzuschreiben, weil auch dessen Werke von jeweils einem Bruder abhängig und nicht ganz schlecht sind. So beschränken wir uns also auf das, was sich an den Riedetsweiler Christus anschließen läßt.“

Der Riedetsweiler Christus als Salvator von David Zürn (signiert), um 1625, Foto in Manteuffel 1969, Bd. 2, dort heißt es: „[…] die linke Hand, der Daumen und die Finger der rechten Hand, die fehlten oder früher schlecht ergänzt waren, wurden 1967/68 von Victor H. Mezger, Überlingen, erneuert. Dabei wurde die Position der Weltkugel verbessert. Ob diese Original ist oder in früherer Zeit einmal ergänzt wurde, läßt sich nicht feststellen.“ (S. 428) Und auf der nächsten Seite: „Von eigentlicher Körperlichkeit und Plastizität kann keine Rede sein.“

Jörg Zürns Überlinger Verkündigung an Maria (Adventskalender III)

Im Überlinger Münster spielt sich in Augenhöhe des Priester die Verkündigungsszene als Teil des zehn Meter hohen Marienaltars, geschnitzt aus Lindenholz, ab. Auch Tannenholz wurde verarbeitet. Von wem geschnitzt? Darüber lässt sich streiten. Denn Beweise für die Richtigkeit der einen oder anderen Behauptung sind nicht vorhanden. Doch gibt es offenbar Indizien, die darauf hindeuten, dass neben dem Auftragnehmer Jörg Zürn auch sein mutmaßlicher Vater Hans Zürn (d. Ä., in einer Urkunde bezeichnet als „Meister der freien Kunst des Bildhauens in Stein und Holz“) und drei seiner fünf Brüder, nämlich Martin, Michael und David, beteiligt gewesen sind. Und natürlich etwelche Schreiner, denn ohne deren Unterstützung geht bis heute in der Holzbildhauerei nur wenig.

Was ich Indizien genannt habe, wurde in den 1960er Jahren, als man an deutschen Universitäten eher dem aufbegehrenden Chaotisieren als dem beharrlichen Ordnen zugetan war, in vorbildlicher Akribie zusammengetragen von Claus Zoege von Manteuffel. Ziel und Zweck von von Manteuffels unzeitgemäßer akademischen Gewissenhaftigkeit (bis hin zur löblichen Pedanterie) war seine Habilitation an der Technischen Universität Berlin, damals natürlich noch „Westberlin“ oder „Berlin-West“ und weit davon entfernt, als neue alte deutsche Hauptstadt und Sitz des Parlaments in Erwägung gezogen zu werden. Nachdem von Manteuffel die Brüder Hans d. J. und Hans Jacob aufgrund ihrer damaligen Lebensumstände für die Mitarbeit am Altar ausgeschlossen hat, kommt er zu dem Ergebnis: „So bleiben übrig Martin, Michael und David Zürn. Alle drei waren ledig, also leicht verfügbar.“ Und: „Es darf vorweggenommen werden, daß die beiden ersteren die begabtesten der Brüder neben Jörg Zürn waren, so daß es naheliegt, daß Jörg und Hans d. Ä. [also der Vater der sechs Brüder, L. R.] wenn jemanden, dann gerade sie als Gesellen bei diesem wichtigen Werk beschäftigten.“ Der Rest ist Stilkritik: „Welche Anteile diese drei und der Vater eventuell am Hochaltar zu Überlingen haben, kann nur die Stilkritik ermitteln.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 25)

 

Die Verkündigung an Maria im Überlinger Marien-Hochaltar der Bildhauerfamilie Zürn, Foto: Ramessos (Ausschnitt)

Claus Zoege von Manteuffels Buch über „Die Bildhauerfamilie Zürn“ enthält Einzelaufnahmen der offenbar aus dem Altar herausgenommenen Figuren. Hier die Jörg Zürn zugeschriebene Verkündigungsgruppe (Manteuffel 1969, Bd. 2, Abb. 2, 3).

Der Hochaltar sollte ursprünglich gefasst werden. „Die Fassung wurde verdingt, aber wieder abbestellt“, wobei das Überlinger Ratsprotokoll am 21.7.1614 die Abbestellung mit „allerhand beweglichen ursachen“ begründet  (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 17, S. 221). Jörg Zürn, dem die „Verkündigung“ zugeschrieben wird, hat aus dieser Not offenbar eine (nach moderner Auffassung verbrecherische) Tugend gemacht. Farbe wäre da nicht nur überflüssig, sondern tatsächlich fehl am Platz gewesen.