Schönheit und Weltgefühl bei Worringer – eine erste Skizze

„Der Wert eines Kunstwerkes, was wir seine Schönheit nennen, liegt allgemein gesprochen in seinen Beglückungswerten“, sagt der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer, aus dessen 1908 in Buchform erschienener Dissertation ich hier schon einmal zitiert habe. Schönheit hat also nach Worringer etwas mit Beglückungswerten oder mit Beglücktwerden zu tun. Die Frage nach dem Schönen wäre demnach die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des Glücklichseins. Der eine ist glücklich, wenn er den Tag noch vor sich, die andere, wenn sie ihn endlich hinter sich hat. Worringer spricht im Hinblick auf das Schöne, das uns glücklich macht, von psychischen Bedürfnissen, die man habe, und konstatiert eine Kausalbeziehung: „Diese Beglückungswerte stehen natürlich in einem kausalen Verhältnis zu jenen psychischen Bedürfnissen, die sie befriedigen.“ Das heißt, aus der durch ein Glückserlebnis indizierten Wertschätzung für ein Kunstwerk lässt sich rückschließen auf „die Qualität jener psychischen Bedürfnisse“, die dem Glücklichsein zugrunde liegen, wobei Qualität zunächst (aber vielleicht nicht ausschließlich) im wertneutralen Sinn verstanden werden muss. In der indirekt erkennbaren Qualität des psychischen Bedürfnisses zeigt sich nach Worringer zugleich ein psychischer Gesamtzustand, den er Weltgefühl nennt. Sage mir, welche Kunst dich beglückt und ich sage dir, welches Weltgefühl von dir Besitz ergriffen hat. Im Weltgefühl manifestiert sich das jeweilige Verhältnis der (man müsste an dieser Stelle wohl sagen: einer) Menschheit zu den Erscheinungen der Außenwelt. Zirkelschlussendlich findet das Weltgefühl „seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“

Worringers Kunsttheorie oder Theorie des Schönen bietet zunächst eine weitere Möglichkeit, das Theoretisieren als Kunst des hoffentlich gelingenden Zirkelschließens zu studieren. Wen das alleine noch nicht glücklich macht, dem gefällt es vielleicht, ebenso wie es mir gefallen hat, dass Worringer eine enge, geradezu identifikatorische Verbindung herstellt zwischen der Kunst, dem Schönen (gerne auch: der Schönen) und dem Glück. Wer käme 100 Jahre später noch auf diese waghalsige Idee!? Heute muss Kunst „zum Nachdenken anregen“ und dem Rezipienten eine politische oder sonstige Pose in Gestalt einer „Position“ zur Nachahmung empfehlen. Und noch etwas fand ich beim Lesen der oben zitierten Passage bemerkenswert, nämlich den eigenartigen Gebrauch des Wörtchens Menschheit, den Worringers Text als Möglichkeit zu eröffnen scheint, wenn es darin heißt: „Unter Weltgefühl verstehe ich den psychischen Zustand, in dem die Menschheit jeweils sich dem Kosmos gegenüber, den Erscheinungen der Außenwelt gegenüber befindet. Dieser Zustand verrät sich in der Qualität der psychischen Bedürfnisse […] und findet seinen äußerlichen Niederschlag im Kunstwerk, nämlich im Stil desselben, dessen Eigenart eben die Eigenart der psychischen Bedürfnisse ist.“ Nicht nur historisch, sondern auch gleichzeitig ungleichzeitig scheint es gemäß diesem Wortgebrauch mehr als nur die eine Menschheit zu geben, für die alle Wohlmeinenden immer nur das Beste wollen. So viele Weltgefühle einschließlich der ihnen entsprechenden Kunstwerke es gibt, so viele „Menschheiten“ könnten unterschieden werden. Das hielte ich für realistisch. Ob man daneben oder darüber oder jenseits davon die alles inkludierende und transzendierende Einheits-Menschheit samt Einheits-Weltgefühl und Einheits-Kunst postulieren sollte? Unter dem Decknamen der Vielfalt wird ja paradoxerweise eben dies angestrebt.