Seltsame Begegnung der dritten Art (Adventskalender XXIV)

Der Überlinger Hochaltar in St. Nikolaus (1613-1616) von Jörg Zürn und anderen Mitgliedern der Bildhauer-Familie Zürn ist sozusagen um eine Weihnachtskrippe herumgebaut. Foto (Ausschnitt): Ramessos (Wikimedia)

Wenn in diesem „Hirten mit Hund“ die Überlinger Zeitgenossen damals einen der Bildhauer Zürn wiedererkannt hätten, würde mich das nicht wundern. Die Art wie er mit gezogenem Hut grüßend (und zugleich mit prüfendem Blick) am Kind in der Krippe vorbeischreitet mag man als Gestus der Freiheit und kontextuellen Unabhängigkeit vom Geschehen im Stall deuten: eine seltsame Begegnung der dritten Art, ein Fremder aus der Zeit der Nachgeborenen und noch dazu einer der Schöpfer der Szene, in der er selbst als Teil des Ganzen in Erscheinung tritt. Auch ein Sinnbild der überzeitlichen Ewigkeit des Wunders von Bethlehem.

Foto aus Manteuffel 1969.

Oberammergau (Adventskalender XXIII)

In der Hoffnung, mir damit nicht den Zorn der Bildhauer Zürn zuzuziehen, setze ich heute nur diesen Link. Das Link-Ziel ist ein schöner Online-Artikel in der FAZ von Freddy Langner am 21.12.2018. Es geht u. a. um Krippen, hauptsächlich aber um die Schnitzer in Oberammergau. Um 1960 herum war mein Vater einer von ihnen.

Ein Weihnachtsengel von Johann Joseph Christian (Adventskalender XXII)

Johann Joseph Christian ist mit den Bildhauern Zürn weder verwandt noch verschwägert und lebte zudem mehr als 100 Jahre nach diesen, wenngleich in derselben Gegend, nämlich am Bodensee, genauer gesagt in Riedlingen, wo er 1706 geboren wurde und etwas mehr als 71 Jahre später gestorben ist.

Ich schicke dies als „Zwar“ voraus, weil mein Adventskalender die Bildhauerfamilie Zürn im Titel hat. Aber immerhin hat Christian, wie ich im letzten Beitrag gezeigt habe, möglicherweise eine Immaculata kreiert, die einer Katharina von David Zürn nicht ganz unähnlich sieht. Und er hat zudem einen Engel geschnitzt, der sich nicht nur sehen lassen kann, sondern als solcher hervorragend in die Weihnachtszeit passt. Außerdem braucht man es mit den Grundsätzen, wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt, nicht mehr so genau zu nehmen. Man hat trotz bester Vorsätze während der letzten 12 Monate oft genug gegen diesen und jenen verstoßen, da kommt es jetzt auf eine Inkonsequenz mehr oder weniger nicht an.

Johann Joseph Christian: Engel, um 1760, Linde (vergoldet), Foto: Wikimedia

Wie sich die Holz-Bilder gleichen (Adventskalender XXI)


Obere Bildhälfte: David Zürn zugeschriebene Hl. Katharina, um 1625/30, Foto aus Manteuffel 1969, Bd. 2; untere Bildhälfte: Maria Immaculata, vielleicht von Johann Joseph Christian (1706-1777), um 1750, Foto aus Eckener 1987

Zwischen Zürns Katharina (mit dem exohrbitanten Hör-Gerät) und Christians Immaculata liegen wahrscheinlich mehr als hundert Jahre. Ihre Ähnlichkeit finde ich ebenso augenfällig wie verblüffend. Dass beide Schnitzer dasselbe Modell hatten bzw. in dieselbe Maria Katharina verschossen waren, kann ausgeschlossen werden. Vielleicht hat der Jüngere den Älteren ein bisschen kopiert? Oder Johann Joseph hatte was mit der Ururenkelin von Katharinas lebendem Vorbild? Von Überlingen (Zürn) bis ins weiter nördlich gelegene Riedlingen (Christian) sind es etwa 60 Kilometer.

Nach den Zürn schnitzten die Schenk (Adventskalender XX)

„Im Bodenseegebiet scheint eine direkte Spur von Jörg Zürn über die Schenk zu Joseph Anton Feuchtmayer zu führen“, hat Claus Zoege von Manteuffel festgestellt (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 137) und auch Birgit Lohse sieht Zürn, Christoph Daniel Schenk und J. A. Feuchtmayer in einem genealogischen Zusammenhang (Lohse 1960, S. 5). Nur noch wenige Adventskalender-Türchen sind zu öffnen und es wird Zeit, einen weiteren Blick hinaus über den Zürnschen Lebkuchen-Tellerrand meiner freiwilligen Selbstbeschränkung zu werfen.

Über die Schenks (bzw. die Schenk, wie von Manteuffel schreiben und sagen würde), habe ich hier schon einmal etwas veröffentlicht. Statt weiterer Worte für heute nur die Abbildung einer Pietà (die finale Variante der Krippen-Szene), die man der Werkstatt Schenk zuschreibt. Den wenig gebrauchten Begriff des Werkstatt-Oeuvres habe ich durch den Kunsthistoriker Klaus Schwager (1925-2016) kennengelernt, hier ein Beitrag dazu.

Vermutlich Werkstatt Schenk: Pietà, um 1680, Linde, H 77 cm, St. Peter und Paul, Reichenau-Niederzell, Foto: Wolfgang Sauber

Maria Magdalena von Jörg Zürn (Adventskalender XIX)

Jörg Zürn: Maria Magdalena (aus einer Kreuzigungsgruppe), Entstehungsjahr nicht bekannt, Linde, Foto: Lotte Eckener, in: Eckener 1987, S. 52

Man kann sie eigentlich nicht eine Madonna nennen, aber wahrscheinlich weil sie auch Maria heißt und auch sie zu den Frauen um Jesus Christus gehört, hat sie Eingang in eine 1987 erschienene Madonnen-Bild-Sammlung gefunden (Eckener 1987, S. 52). Gott sei Dank, muss man sagen.

Von den Zürn über die Schenk zu Feuchtmayer (Adventskalender XVIII)

Jörg und Martin Zürns Sich-Sträuben vor der Renaissance, das von Manteuffel im letzten Beitrag beklagte, hatte aber auch sein Gutes. Denn dadurch hatten sie wesentlichen Anteil an einer „bodenständige[n] Strömung“, die in Deutschland ein Hauptstrom wird, der im süddeutschen Rokoko des 18. Jahrhunderts gipfelt, „das den gleichzeitigen europäischen Kunstleistungen nicht nur ebenbürtig, sondern in vielem überlegen ist“. (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 135) Und schließlich: „Im Bodenseegebiet scheint eine direkte Spur von Jörg Zürn über die Schenk zu Joseph Anton Feuchtmayer zu führen.“ (S. 137)

Joseph Anton Feuchtmayer: Anna Selbdritt (Ausschnitt), 1750, Foto: Andreas Praefcke (Wikimedia)

Bildliche Darstellung versus existenziell-statuarische Wiedergabe oder: gehalten und nicht gelassen (Adventskalender XVII)

Wer von der Bildhauerfamilie Zürn (insbesondere von Jörg, Martin und Michael Zürn) spricht, wird von dem, der die Zürn ebenso intensiv wie extensiv analysiert, reflektiert und in einem zweibändigen Werk gewürdigt hat, wird also von Claus Zoege von Manteuffel (1926-2009) nicht schweigen können noch wollen.

Von Manteuffels differenzierte (und damit wiederum zu Unterscheidungen befähigende) Beobachtungen am Werk der Zürn sind Beiträge zu einer Allgemeinen Ästhetik der Bildhauerei, deren Wert nicht überschätzt werden kann. Ob von Manteuffel seine Unterscheidungen selbst entwickelt oder „nur“ von einer schon vorhandenen deskriptiven Begrifflichkeit gekonnt Gebrauch gemacht hat, geht aus dem Text (gemeint ist Manteuffel 1969) nicht hervor.

So unterscheidet er beispielsweise zwischen der bildhauerischen Darstellung im Bild und der Wiedergabe der leiblichen Existenz – eine „theoretische“ Differenz, die mir zwar so nicht geläufig war, deren Plausibilität und Brauchbarkeit (auch für die bildhauerische Praxis) mir aber evident zu sein scheint:

Im Anschluss an einige Bemerkungen zur Freifigur eines Donatello im Italien des 15. Jahrhunderts, bei der es sich nach von Manteuffel nicht allein um eine realistische Wiedergabe des menschlichen Körpers, sondern quasi um die „Nachschöpfung des organischen Lebewesens in seiner Statik und seiner Beweglichkeit von ‚innen‘ her“ handele, heißt es: „Was die deutschen und französischen Bildhauer in erster Linie zu sagen hatten, lag in einem anderen Bereich. Sie machten Bilder Gottes und der Heiligen und exemplarische Bilder von Menschen. Sie stellten sie dar in ihrer Bedeutung; sie gaben sie nicht wieder in ihrer leiblichen Existenz, beziehungsweise als leibliche Erscheinung. Die körperliche Existenz war nur interessant, insofern auch sie zum Bilde des Dargestellten in seiner Bedeutung gehörte.“ (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 134) Etliche deutsche Bildhauer „schufen zwar nun auch realistische Figuren nach italienischem Vorbild, die physisches Gewicht haben, nicht mehr gotisch ’schweben‘. Doch sie stellten sie noch immer dar, gaben sie nicht wieder. Die Figuren sind gehalten, nicht gelassen; es sind keine Freifiguren.“

Und in diesem Zusammenhang über die Werke von Jörg und Martin Zürn (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 135): „Auch die fast monumentalen, nahezu statuarischen Figuren von Jörg und Martin Zürn sind im Kern gotisch, sind ‚Bilder‘. Es dünkt einen fast, als hätten sich die Meister vor der Renaissance gesträubt, denn in Augsburg und München und durch die vielen Stiche, mit denen sie nachweislich arbeiteten, muß sie ihnen allenthalben begegnet sein. Zünftlerische Enge und Unbeweglichkeit, instinktive Abwehr des Fremden und Unerreichbaren und sicher auch der Anspruch der Auftraggeber, sakrale Bildwerke zu schaffen, hielten sie davon ab, sich dem Neuen zu öffnen und ihm nachzustreben.“

Fortsetzung folgt.

Noch einmal David Zürn (Adventskalender XVI)

Eine frühe Arbeit von David Zürn könnte nach Claus Zoege von Manteuffel dieser Christuskopf sein, von Manteuffel nennt es eine versuchsweise Zuschreibung allein aufgrund eines ihm vorliegenden Fotos (Manteuffel 1969, Bd. 2, S. 427): „Für unsere Zuschreibung an ihn sind maßgebend die Kopfform und die Proportion der Flächen des Gesichts zueinander und zu den Haarpartien.“

David Zürn zugeschriebener Christuskopf in Privatbesitz (um 1615/20), Foto des Fotos in Manteuffel 1969, Bd. 2

David Zürn (Adventskalender XV)

In seinem zweibändigen Werk über die Bildhauer Zürn schrieb Claus Zoege von Manteuffel in den 1960er Jahren (Manteuffel 1969, Bd. 1, S. 128):

„Wenn es nicht eine signierte Arbeit von David Zürn gäbe – die Christusstatue von Riedetsweiler bei Meersburg – hätten wir uns wohl kaum daran gemacht, die stilistisch um diese zu gruppierenden Werke zu einem Künstleroeuvre zusammenzustellen, sondern hätten sie als Werkstattarbeiten, wie andere auch, lediglich katalogisiert. Das wäre insofern schade gewesen, als dadurch einmal die beachtliche Katharinenfigur im Germanischen National-Museum in Nürnberg [siehe hier, L. R.] nicht die ihr gebührende Würdigung und Einordnung in das Gesamtwerk der Zürn gefunden hätte, und zum anderen das Problem des Überlinger Rosenkranz-Altars nicht hätte wenigstens hypothetisch geklärt werden können. Nichtsdestoweniger kann kein Zweifel daran bestehen, daß David der Geringste unter den hier behandelten Künstlern ist, und das hat zur Folge, daß sich sein Stil nicht mit der gleichen Deutlichkeit wie der der bedeutenden Brüder [Jörg, Martin und Michael, L. R.] über größere Zeitstrecken ausprägt. Das heißt: es ist möglich, daß sich in einigen besseren Werkstattarbeiten noch eigenhändige Werke David Zürns verbergen, die dazuzuordnen eine gewissenhafte Stilkritik nicht erlaubt. Die Tatsache, daß eine Figur von einem Zürn abhängig und nicht ganz schlecht ist, ist noch kein Grund, sie David Zürn zuzuschreiben, weil auch dessen Werke von jeweils einem Bruder abhängig und nicht ganz schlecht sind. So beschränken wir uns also auf das, was sich an den Riedetsweiler Christus anschließen läßt.“

Der Riedetsweiler Christus als Salvator von David Zürn (signiert), um 1625, Foto in Manteuffel 1969, Bd. 2, dort heißt es: „[…] die linke Hand, der Daumen und die Finger der rechten Hand, die fehlten oder früher schlecht ergänzt waren, wurden 1967/68 von Victor H. Mezger, Überlingen, erneuert. Dabei wurde die Position der Weltkugel verbessert. Ob diese Original ist oder in früherer Zeit einmal ergänzt wurde, läßt sich nicht feststellen.“ (S. 428) Und auf der nächsten Seite: „Von eigentlicher Körperlichkeit und Plastizität kann keine Rede sein.“