Stefanie Welk, Klinikum Langensteinbach 2007

Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Stefanie Welk im Klinikum Karlsbad-Langensteinbach am 16.5.2007

Meine Damen und Herren, als ich vorgestern am frühen Abend nach einem vergewissernden Blick auf die hier versammelten Exponate wieder nach Hause fuhr, klang aus dem Autoradio folgende Botschaft an mein Ohr:

„Eins und eins, das macht zwei,
Drum küss und denk nicht dabei,
Denn denken schadet der Illusion.
Alles dreht sich, dreht sich im Kreis
Und kommst du mal aus dem Gleis,
War’s eben Erfahrung anstatt Offenbarung,
Was macht das schon?“

Da beinahe alle Sender mittlerweile die Coverversion dem Original vorziehen, war es leider nicht Hildegard Knef selbst, die mir da im Walzertakt vom Denken abriet, weil es der Illusion schaden könnte. Wenn Denken am Lack der Lebenslügen kratzt, beschädigt es dann auch die Formen und Inhalte der Kunst als jener großen Bühne der imaginierten Wirklichkeiten, der aufwendig inszenierten Täuschungen und unermüdlich gemalten Wunschbilder?

Dass Kunst und Illusion oder, um es schärfer zu formulieren: Kunst und Lüge sehr viel mehr miteinander zu tun haben könnten als uns lieb sein mag, darauf weist auch ein Satz von Friedrich Nietzsche hin: „Wir haben die Kunst,“ sagt Nietzsche, „damit wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen.“ Die rettende Lüge der Kunst bewahrt uns, so übersetzte ich das, vor dem Sturz in den Abgrund letzter Illusionslosigkeit.

Dass Stefanie Welk ins inhaltliche Zentrum ihrer Kunst das sich ständig neu, wenn auch jedes Mal anders über sich selbst täuschende Individuum stellt, macht den Fall in ihrem Fall, um den es heute ja geht, noch ein wenig komplizierter. „Der sich immer wieder neu entwerfende Mensch ist mein zentrales Thema“, notiert die Künstlerin 2006. Die Mechanismen der Selbsttäuschung und Selbstenttäuschung reflektiert in einem Medium, das wir nach Nietzsche haben, damit uns die Wahrheit nicht ereilt. Meine Damen und Herren, ich glaube Sie sehen es mir nach, wenn ich die Entwirrung dieses Gedankenknäuels heute noch nicht in Angriff nehme.

Was mache ich hier eigentlich? Ich greife einen Gedanken auf, füge einen zweiten hinzu, verknote ihn mit dem ersten, ein dritter Strang schafft eine vage Querverbindung und allmählich entsteht ein Gebilde, in dem gedankliche Linien von irgendwoher kommend in die verschiedensten Richtungen weisen, gleichwohl aber der Eindruck, um nicht zu sagen: die Illusion eines gestalteten Ganzen sich herausbildet. Um es in den Worten Stefanie Welks zu sagen: „Gebündelte Linien bilden Sphären, energetische Verwirbelungen deuten Bewegung an.“ Natürlich bezog sich ihre Beschreibung nicht auf meine sprachlichen, sondern auf ihre eigenen, bildnerischen Figuren.

Man könnte den Beginn von Stefanie Welks künstlerischer Laufbahn datieren auf das Jahr 1987. Die Fünfzehnjährige erhielt damals eine Medaille in einem europäischen Plakatwettbewerb. Zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten dieser ersten. Dennoch schlug Stefanie Welk nach dem Abitur in ihrem Geburtsort Heidelberg nicht den Weg in die nächst gelegene Kunstakademie ein, sondern absolvierte von 1992 bis 1999 ein Psychologiestudium, das sie als Diplompsychologin abschloss. Parallel dazu begann ihre gestalterische Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Draht. Zukünftigen Kunsthistorikern wird es vorbehalten sein, sich damit zu befassen, wo genau und wie im einzelnen sich die Psychologie im Frühwerk der Künstlerin niedergeschlagen hat.

„Gebündelte Linien bilden Sphären, energetische Verwirbelungen deuten Bewegung an.“ Ich greife in meine Materialkiste und knüpfe an jenes weiter oben in den Rederaum ragende Drahtstück mit einem Bündel weiterer Gedankenstränge an.

Stefanie Welk stellt uns den menschlichen Körper, denn ihm gilt ihr hauptsächliches Interesse, nicht als fest umrissenen Gegenstand vor, sondern sie inszeniert ihn als dynamisches Ereignis. Mir gegenüber sprach die Künstlerin von ihrer Liebe zum Körper, die sie auch zum Tanz und zur Massage geführt habe. Zu beobachten ist eine deutliche Vagheit bei der Bestimmung der räumlichen Grenze jener Ereignisse, die wir Körper zu nennen uns angewöhnt haben. Ereignisse haben einen zeitlichen Aspekt, von dem wir, wenn wir von Gegenständen sprechen, in der Regel absehen. Bei einer Reihe von Arbeiten hat Stefanie Welk zeitliche Abläufe gestalterisch transformiert ohne sie als solche abzubilden, also auf die Leinwand oder den Bildschirm zu bringen.

In Sezierübungen ganz neuer und ganz eigener Art, legt die Künstlerin anatomische Strukturen frei, die nur noch entfernt an die Körperwelten eines Leonardo da Vinci oder Gunther von Hagens erinnern. „Noospheric bird“ („Noosphärenvogel“) heißt eine Arbeit aus dem Jahr 2004, die hier zu sehen ist. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan bezeichnet die Noosphäre als die „kosmische Membran, die sich durch die elektrische Erweiterung unserer verschiedenen Sinne rund um den Globus gelegt hat“ und damit „ein technisches Gehirn für die Welt“ bildet.

Der Begriff der „elektrischen Erweiterung“ kommt mir in Bezug auf Stefanie Welks Schöpfungen plausibel vor – ob Vogel oder nicht, Noosphärenbewohner scheinen sie irgendwie alle zu sein. Wir finden in ihnen nicht allein den Gegensatz zwischen Mann und Frau oder Mensch und Tier im Bilde aufgehoben, sondern auch den zwischen Nervenbahn und Kabelstrang, zwischen organisch oder technisch oder einfach nur ätherisch vermittelten Energieflüssen. Die Grenzen des Körpers werden ebenso erweitert und damit unbestimmt und unbestimmbar wie die der Geschlechter und der Gattungen. Der physikalische Raum, in dem stofflich manifeste Körper lokalisiert werden können, geht über in eine geistige Sphäre – gemäß einer älteren Definition handelt es sich bei der Noosphäre im Gegensatz zur Biosphäre um den Bereich der menschlichen Vernunft (Wernadski, 1926). Einige Werktitel mögen das eben Gesagte unterstreichen: „Vogelmann“, „turning into light“ („Verwandlung in Licht“), „Psychonaut“, „electron spirit“.

Was mit Hildegard Knef begann, darf mit Peter Sloterdijk enden. Mit ihm lässt sich präzise angeben, worin Stefanie Welks künstlerische Modernität besteht. Die Frage, ob Modernität durch neuere Entwicklungen im Begriff ist, zum historischen Phänomen zu werden, muss an dieser Stelle unerörtert bleiben. Modern sein heißt nach Sloterdijk verstanden haben (ich zitiere), „daß wir die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern daß wir ihre ‚Wirklichkeit‘ gegen den Eindruck der Sinne denkend vorstellen müssen, um zu ‚begreifen‘, was in ihr der Fall ist.“ (Kopernikanischer Mobilmachung, S. 57) So hat die moderne Physik beispielsweise herausgefunden, dass die scheinbar festen Körper im Prinzip genauso durchlässig sind wie die gasförmigen und sie hat errechnet, dass unser Kosmos zum größeren Teil aus einer Substanz besteht, von der wir nicht die geringste Ahnung haben, worum es sich bei ihr handelt. Dass man auch in Bildern denkend etwas vorstellen kann, also mit den Sinnen gegen die Sinne etwas begreiflich machen kann, bräuchte ich eigentlich nicht hinzuzufügen.

Meine Damen und Herren, ich entlasse Sie nun aus den, wie Stefanie Welk sagt, „energetischen Verwirbelungen“ meiner Satzknoten in einen Kosmos, in dem Drähte und Metallplatten nur in einem sehr vordergründigen, gewissermaßen geistlosen Sinn die Hauptrolle spielen. In Wirklichkeit geht es darin nicht nur, aber auch um Schönheit, Anmut, Zuversicht, Aufbruch. Aber dies wäre dann das Thema einer anderen Rede.