Stefanie Welk, Hauptbahnhof Karlsruhe 2008

Zur Eröffnung der Ausstellung trans_luzent mit Werken von Stefanie Welk im Karlsruher Hauptbahnhof am 20.6.2008

Meine Damen und Herren, als ich darum gebeten wurde, zur Eröffnung dieser Werkschau ein paar einführende Worte zu sprechen, war ich gerade mitten in den Vorbereitungen für einen eigenen Ausstellungsbeitrag an einem anderen Ort dieser Stadt. „Kunstwerke wegtexten“ – so heißt der Untertitel meines Projekts und so lautete zugleich der Arbeitsauftrag, den ich mir dafür selbst erteilt hatte. Der Spagat zwischen Literatur und bildender Kunst gehört seither zu meinem täglichen Übungsprogramm. Wundern Sie sich daher nicht, wenn ich Sie zunächst mit ein wenig Literatur konfrontiere. Ich lese eine Passage aus Thomas Bernhards Roman Alte Meister.

Wir versetzen uns gedanklich in einen Saal des Kunsthistorischen Museums in Wien. Der Erzähler des Romans beobachtet eine russische Besuchergruppe, geführt von einer ukrainischen Dolmetscherin:

„Ich sah nur die Rücken der russischen Gruppe und hörte, was die ukrainische Dolmetscherin zum besten gab, sie redete, wie alle anderen Führer im Kunsthistorischen Museum Unsinn, es war nichts als das übliche üble Kunstgeschwätz, das sie in die Köpfe ihrer russischen Opfer hineinstopfte. Da sehen Sie, sagte sie, sehen Sie den Mund, da, sehen Sie, sagte sie, diese weitausladenden Ohren, da, sehen Sie dieses zarte Rosa auf der Engelswange, da, sehen Sie im Hintergrund den Horizont, als ob nicht jeder auch ohne diese stupiden Bemerkungen alles das auf den Tintorettobildern gesehen hätte. Die Führer in den Museen behandeln die ihnen Anvertrauten doch immer nur als Dummköpfe, während sie doch niemals solche Dummköpfe sind, sie erklären ihnen vornehmlich immer das, was ja naturgemäß ganz und gar deutlich zu sehen ist und das also gar nicht erklärt zu werden braucht, aber sie erklären und erklären und zeigen und zeigen und reden und reden. Die Führer in den Museen sind nichts anderes als eitle Geschwätzmaschinen, die sie selbst so lange angestellt haben, solange sie eine Gruppe durch das Museum führen, diese Geschwätzmaschine redet immer dasselbe jahraus, jahrein. Die Museumsführer sind nichts anderes als eitle Kunstschwätzer, die von der Kunst nicht die geringste Ahnung haben, die die Kunst auf ihre widerwärtige Geschwätzweise skrupellos ausnützen. Die Führer in den Museen schnarren das ganze Jahr über ihr Kunstgeschwätz ab und kassieren dafür einen Haufen Geld.“

Du sollst nicht überflüssigerweise reden von dem, was ohnehin und naturgemäß ganz und gar deutlich zu sehen ist, so lautet nach Thomas Bernhard das erste Gebot für den, der das Wort ergreift, um über Kunst zu sprechen, sei er nun Museumsführer oder eine Art Einführungsredner.

Meine Damen und Herren, mit Respekt vor Ihrer eigenen visuellen und intellektuellen Kompetenz werde ich Ihnen also nicht sagen, dass Stefanie Welk mit Holz und Stein, aber vor allem mit Metalldraht unterschiedlicher Stärke und Beschaffenheit arbeitet, dass sie gelegentlich auch Teile des Innenlebens alter Radioapparate verwendet und dass bei ihr selten, aber nicht nie, Farbe ins Spiel kommt. Auch werde ich darauf verzichten, Ihnen mitzuteilen, dass ihre Gebilde von durchsichtiger, um nicht zu sagen von „trans-luzenter“ Beschaffenheit sind, und dass offenbar der Mensch im Zentrum von Stefanie Welks Schaffen steht, da Sie ja auch dies längst bemerkt haben werden.

Keineswegs unnötig und daher auch nicht gebotswidrig scheint mir in diesem Zusammenhang aber die Feststellung zu sein, dass das offensichtliche Interesse der Künstlerin an der menschlichen Gestalt nicht zu trennen ist von ihrem Interesse am Gesamtkunstwerk Mensch, so jedenfalls verstehe ich Stefanie Welks Äußerung: „Der sich immer wieder neu entwerfende Mensch ist mein zentrales Thema.“

Der Ausdruck „Gesamtkunstwerk“ ist hier kein metaphorischer Schnörkel, sondern er verweist auf einen wesentlichen Aspekt des Menschseins. Der sich entwerfende Mensch, von dem Stefanie Welk spricht, ist immer „zugleich Gewächs und Geschöpf […], Träger eines biologischen Erbes und Skulptur aus zivilisatorischen Werkstätten“, wie ein bekannter Karlsruher Philosoph es kürzlich formuliert hat. Wenn Stefanie Welk in ihrem Atelier anthropomorphe Gebilde aus Draht formt, um damit dem sich immer wieder neu entwerfenden Menschen (und vielleicht auch sich selbst) auf die Spur zu kommen, so ist das der Versuch, der „Skulptur aus zivilisatorischen Werkstätten“, also dem Kunstwerk Mensch, skulptierend beizukommen. Skulptieren meint hier nicht die Technik des Wegnehmens von Material etwa mit Hammer und Meisel, sondern allgemeiner das Herstellen eines räumlich-plastischen Kunstwerks.

Es kann bei der skulptierenden Annäherung an die Skulptur Mensch nicht mehr um die anatomisch korrekte Wiedergabe seiner biologischen Gestalt gehen, falls man von einer rein biologischen Gestalt im Falle des Menschen überhaupt noch sprechen darf. Ein wahres Bild vom Menschen entsteht weniger durch die naturgetreue Abbildung physiologischer Tatsachen als durch die kulturgetreue Berücksichtigung psychologischer Befunde. Im Bild wird dann sichtbar werden, dass es ein Bild vom Gebilde ist, die gefundene Form wird erkennen lassen, dass sie die Form eines immer schon Geformten ist.

Das Werk von Stefanie Welk nährt nicht die Illusion von der Naturunmittelbarkeit des Menschen. Wie immer man das In-Form-Sein ihrer Gebilde im einzelnen auch deuten mag, stets bleiben sie in einem nicht trivialen Sinn transparent – oder noch einmal: „trans-luzent“ – hinsichtlich ihrer artifiziellen Konstitution.

Vom Allzu-Offensichtlichen, das keiner Erklärung bedarf, von dem zu sprechen sich, wie wir gelernt haben, aus Gründen des Respekts vor dem Publikum eigentlich verbietet, habe ich den Bogen gespannt hin zu einigem, was im Werk von Stefanie Welk nur implizit enthalten ist und daher, wenn es denn nicht im Verborgenen bleiben soll, explizit zur Sprache gebracht werden muss.

Der von mir bereits zitierte Peter Sloterdijk, hat in seiner am 4. Mai dieses Jahres gehaltenen Lessingpreis-Rede über die Explizitheit gesagt, sie tendiere zur Befremdlichkeit. „Es gibt eine Dämonie der Explizitheit, von der die Weltkinder, im Forschungsbetrieb wie im Lebensalltag, nichts wissen und nichts wissen wollen. Aber vor dem Befremden durch neues positives Wissen gibt es keinen Schutz.“

Ich hoffe, dass Ihr Befremden über das von mir Gesagte sich heute Abend in Grenzen hält und Sie nicht sagen müssen, Sie hätten nur Bahnhof verstanden. In jedem Fall sollte klar sein, dass gehaltvolle Kunstwerke wie die von Stefanie Welk jedem Versuch, sie weg- oder durch womöglich abwegige Interpretationen umzutexten mühelos standhalten werden.