Rainer Günther, Gerhard Wolfstieg Karlsruhe 2006

Zur Eröffnung einer Ausstellung mit Werken von Rainer Günther bei Gerhard Wolfstieg am 16.12.2006

Meine Damen und Herren, mit Bach fängt hier alles an, genauer: mit einer Hommage an ihn, an Johann Sebastian den Großen, 1685 bis 1750. Es ist vermutlich kein Zufall, dass man derzeit die Wohnung des Komponisten Gerhard Wolfstieg, in der wir uns hier befinden, nicht mehr betreten noch auf normalem Wege verlassen kann, ohne am Übervater der neueren Musikgeschichte (nicht) vorbei gekommen zu sein.

Obwohl das Holzrelief von Rainer Günther gleich neben der Ein- und Ausgangstür Umrisse eines menschlichen Körpers erkennen lässt, handelt es sich wohl kaum um eine porträtartige Darstellung des berühmten Tonsetzers. Nimmt man den Titel „Hommage an J.S. Bach“ als Hinweis auf etwas Ernstzunehmendes ernst, so wird man ihn als eine Art Handlungsanweisung lesen müssen, eine Handlungsanweisung, die etwa lauten könnte: „Finde heraus, was diese Arbeit mit Johann Sebastian Bach zu tun hat“. Meine Damen und Herren, widerstehen wir gemeinsam der Versuchung, diese Frage an den hier anwesenden Künstler weiterzugeben und erinnern wir uns stattdessen kollektiv daran, dass Marcel Duchamp im letzten Jahrhundert geschrieben hat:

„Es ist nicht der Künstler allein, der den schöpferischen Akt bis zum Ende vollzieht, denn der Betrachter erst stellt den Kontakt des Werkes mit der Außenwelt her, indem er die ihm innewohnenden Werte entziffert und interpretiert und so einen eigenen Beitrag zum schöpferischen Vorgang leistet“. (Eduard Trier, Bildhauertheorien im 20. Jahrhundert, S. 174)

Nicht als bloß passive Betrachter und unmündige Fragesteller werde ich Sie also von nun an ansprechen, sondern als aktive Mitschöpfer, als Künstler-Rezipienten oder als Co-Autoren in einem übergreifenden kreativen Prozess, der, solange es das Werk und immer wieder neue Betrachter gibt, nie an ein Ende kommen kann. Und es ist, nebenbei bemerkt, jeder Betrachter immer wieder ein neuer Betrachter, denn niemand ist zum jeweils jetzigen Zeitpunkt identisch mit der Person, die er oder sie eben noch gewesen ist. Meine eingangs verwendete Anredeformel bedarf also der Korrektur beziehungsweise der Spezifikation, statt „meine Damen und Herren“ hätte es wohl heißen müssen: liebe Kolleginnen und Kollegen.

Folgt man Duchamp, dann braucht das Werk den aktiven Betrachter als Entzifferer und Interpreten, um mit der „Verwandlung der trägen Materie in ein Kunstwerk“, wie es an anderer Stelle heißt, den schöpferischen Akt an ein Ende zu bringen, welches immer nur ein vorläufiges Ende sein kann, was nichts anderes heißt, als dass das Kunstwerk in Zeit und Raum nicht zu vollenden ist.

Apropos Zeit und Raum: es sind hier in insgesamt sechs Räumen (einschließlich Flur und Toilette) an die dreißig Werke aus zwei Jahrzehnten versammelt. Die älteste Arbeit mit dem Titel „Depression“ stammt aus dem Jahr 1985; aus 1986 dann „Skulpturen“, ein Gemälde auf Papier und Sperrholz, beide im hinteren Zimmer zu sehen. Den zeitlichen Abschluss bilden zwei Werke aus dem nun zu Ende gehenden Jahr, nämlich „Roter Akt“, hier in diesem Raum, und „Sitzreihe“, eine Viererfolge von ledernen Stuhlbezügen. Sie ahnen, wo Sie dieses Werk finden, wenn ich Ihnen sage, dass es sich bei seinem Ausstellungsort um ein Ausstellungsörtchen handelt.

Deutlicher als bei anderen Arbeiten kann man am Beispiel des vor acht Jahren gemalten Bildes „Figur und Landschaft“ zeigen, dass für Rainer Günther das Wesen des künstlerischen Schaffens darin besteht, im amorphen Feld wahrgenommener Wirklichkeit Gestalt werden zu lassen. In einer Art Evolutions- oder Differenzierungsprozess gewinnen Figur und Landschaft Form und Farbe, doch ist in Rainer Günthers Bild ein Stadium der Gestaltmanifestation festgehalten, das im jeweils einen noch die Möglichkeit, das jeweils andere zu sein erkennen lässt. Landschaft und Figur sind nur graduell verschieden, im einen ahnt man noch oder schon das andere. Anders gesagt: der Körper ist nur eine andere Art von Hügelkette, die Hügelkette nur eine andere Art von Körper.

Es scheint mir bezeichnend zu sein, dass der Künstler im Werktitel das Wörtchen „und“ verwendet hat, legt dies doch die Gleichgewichtigkeit, vielleicht sogar die Gleichartigkeit von Figur und Landschaft nahe. „Figur und Landschaft“ sagt: die Landschaft ist in diesem Bild nicht bloße Umgebung, nicht bloßer Hintergrund und Szenarium für den Auftritt der Figur des Protagonisten, sondern Hauptsächliches neben (oder bei) Hauptsächlichem. Bereits in dem schon erwähnten Bild „Depression“ von 1985, es entstand 13 Jahre vor „Figur und Landschaft“, ist ein Übergehen von Figur in Landschaft und von Landschaft in Figur wahrnehmbar. Doch erst das spätere Gemälde weist auf die Gleichrangigkeit der figürlichen und der landschaftlichen Sphäre hin, zeigt sie im Gleichgewicht, bildet sie ab als unterschiedliche Seinsweisen desselben gestaltlosen Potentials.

Nun zeigen nicht alle Arbeiten von Rainer Günther die eben angedeutete Ambivalenz hinsichtlich der phänomenologischen Einordnung des Dargestellten, wobei an dieser Stelle ungeklärt bleiben muss, ob das Bild einer Landschaft mit anthropomorphen Zügen überhaupt noch als „Darstellung“ anzusprechen ist, setzt doch das Wort „Darstellung“ voraus, dass in einem Jenseits der Malfläche auf ein Darstellbares als Teil einer beschreibbaren Welt referiert werden kann.

So gesehen kann man auch sagen: Rainer Günther misst in seiner Kunst die Grenzen des Darstellbaren aus. Seine Tätigkeit als Künstler-Geometer in diesem Sinne besteht im Schaffen von Beispielen. Am einen Ende der Skala finden wir ein beinahe klassizistisches Werk wie den „Stehenden Torso“ von 1988 (er ist auf der Einladungskarte abgebildet), aber auch den erst in diesem Jahr entstandenen „Roten Akt“. Am anderen Ende sind die Grenzen des Feldes bildhafter Darstellung erreicht in Arbeiten wie „Rote Plastik“ (sie hängt in der Küche über der Tür) oder den vier knitterig-zerkratzten Lederbezügen von 2006. Mit ihnen ist jener protomorphe Zustand gegeben, in dem Gestalt und Darstellung nur als Ahnung unseres gestalthungrigen Auges, nur als noch undifferenziertes Potential gegenwärtig sind. Der Stoff aus dem die Bilder sein könnten, das Rohmaterial des Gestalthaften – hier zeigt sich als „träge Materie“ im Sinne Duchamps, was ansonsten als schöpferische Unruhe der sinnlichen Wahrnehmung entzogen bleibt.

Erfreut stellt man fest, dass Rainer Günther sein Lebenswerk nicht entlang der gängigen kunsthistorischen Klischees organisiert hat. Wer eine sogenannte Entwicklung vom Figürlich-Konkreten zum Ungegenständlich-Abstrakten erwartet, wird doppelt enttäuscht. Denn zum einen sind der unschwer als roter Akt erkennbare „Rote Akt“ und die zuletzt erwähnte lederne Sitzreihe im selben Jahr 2006 entstanden, zum anderen kann von Abstraktion bei Rainer Günther kaum die Rede sein.

Abstrahieren heißt sich entscheiden für die Regel und gegen die Ausnahme, für das Ganze und gegen das Detail (für die sogenannte Gesellschaft und gegen das sogenannte Individuum), für die Klärung und gegen die Trübung, für die Kontrolle und gegen die Hingabe, für das Wissen und gegen die Naivität; wer abstrahiert setzt sich durch, um sich nicht aussetzen zu müssen, der Abstraktor will von nichts etwas wissen, was ihm nicht in den Kram passt, er idealisiert die Verhältnisse so lange, bis man sie kaum noch wiedererkennt. Was bucklig war wird von ihm eingeebnet, das natürlich sich Windende begradigt er wie einst Johann Gottfried Tulla den Rhein.

Man muss nur einen Blick auf Rainer Günthers Farbpalette werfen, um zu erkennen, dass er dem Trüben und nuancenreich Unreinen durchaus den Vorzug gibt vor den aseptischen Läuterungen einer abstrahierenden Chromatik. Ganz zu schweigen von seinen Formen, die niemals analytisch-doktrinär daherkommen und gänzlich frei sind von jener apodiktischen Rechthaberei mancher selbstgefällig-langweiliger Abstraktion. Form ist bei Rainer Günther immer Resultat eines offenen Gestaltfindungsprozesses. Niemals hat man den Eindruck, hier gibt einer Proben seines Wissens von der kunstpolitisch korrekten Gestalt der Gestalt, es findet also keine Belehrung statt, immer geht es um Individualität, niemals um Typisierung.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, jetzt schon auf die mit Duchamps Hilfe gewonnene Interpretenverantwortung zu pfeifen und auf die sich abzeichnenden Mühen des Mitschöpfertums mit Mattigkeit oder ersten Anzeichen von Ponophobie, also von Müheangst, zu reagieren, kommt überhaupt nicht in Frage. Unsere mitschöpferische Arbeit hat gerade erst begonnen. Machen Sie sich alleine oder in Gruppen auf den hermeneutischen Gedankengang durch Gerhard Wolfstiegs Räume. Loben Sie die Werke und ihren Schöpfer, indem Sie sie betrachtend vollenden. Und falls Sie damit heute Abend nicht ganz fertig werden sollten: kaufen Sie (mindestens) eines und arbeiten Sie daran in aller Ruhe zuhause weiter.